Fastenimpulse

Siebte Woche


Impulse zur Fastenzeit
(nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“

  1. Zeig dich Gott (Jona 2,1-11)

Gott zeig dich doch bloß! Ich brauche ein Zeichen von dir, sonst schaffe ich das nicht! In vielen schmerzhaften Situationen habe ich Menschen schon so zu Gott schreien hören. Der geliebte Ehemann war an Krebs erkrankt. Die Ehefrau machte sich große Sorgen. „Gott, warum ist mein Mann so krank geworden? Zeig dich und hilf uns!“
Ein geliebter Mensch ist viel zu früh gestorben. Die Angehörigen sind verzweifelt. „Gott, warum lässt du das zu? Zeige dich und mach was! Warum solltest du denn sonst da sein?“
Immer wieder enttäuscht es Menschen, dass Gott sich in ihren schwersten Stunden von Trennung, Verlust, Trauer oder Tod nicht zeigt. Sie haben dein Eindruck, dass er nichts für sie tut. Sie fühlen sich allein gelassen. „Gott wie konntest du so etwas Grausames zulassen? Zeige dich doch und beweise uns, dass du da bist, dass es dich gibt. Wofür solltest du denn sonst gut sein?“

So muss es auch Jona ergangen sein, als er vor Gottes Auftrag floh. Denn der Auftrag, gegen die damalige Megacity Ninive zu predigen, war für ihn zu groß und zu schwierig. Er wollte ihn nicht annehmen, fühlte sich dafür nicht gerüstet. Deshalb haute er ab. Aber das Schiff, das er nahm um zu fliehen, kam in einen Sturm. Er sprang über Bord und landete im Bauch eines Wals. Dort saß er drei Tage und drei Nächte fest. Er lebte. Aber er war allein, verängstigt und hatte Angst um sein Leben. Wie sollte das denn nun weiter gehen? Er bat Gott sich zu zeigen, ihm zu helfen. Drei Tage und drei Nächte hörte er nichts und haderte mit Gott. Doch dann ließ sich Gott erweichen. So hat es Jona erlebt. Jona wurde aus dem Bauch des Wals ausgespuckt und gerettet. Bei Jona gab es so ein Zeichen von Gott, das sich so viele Menschen heute wünschen und scheinbar nicht bekommen.

Vielleicht geht es aber gar nicht um so ein spektakuläres Zeichen, wie es Jona erlebt hatte. Jonas Geschichte ist eine Wundergeschichte, die wunderbar bleibt. Sie steht symbolisch für Gottes Handeln. Was ich daraus lerne: Gott zeigt sich eher nicht in dramatischen Ereignissen. Gott zeigt sich in anderen Menschen, die da sind, wenn jemand trauert oder verzweifelt ist. Gott wird spürbar durch liebevolle Unterstützung, durch ein tröstendes Wort, eine helfende Hand, durch gemeinsames Schweigen, wo Worte nicht mehr hinreichen. In solchen Situationen wird etwas sprürbar zwischen Menschen. In der Begegnung von Ich und Du wird das „Ewige Du“ spürbar und erlebbar. So hat es der Religionsphilosoph Martin Buber in seiner Schrift „Ich und Du“ einmal formuliert.

Mir hilft dieses Bild, um zu verstehen, dass ich Gott nur im Angesicht eines anderen Menschen gewahr werden kann. Jemand, der bei mir bleibt, wenn ich verzweifelt bin. Jemand, die mich liebevoll anschaut, wenn ich Unterstützung brauche. Jemand, der mich so akzeptiert, wie ich bin und nicht wie er oder sie mich gerne hätte. Wenn ich so angeschaut werde, dann fühle ich mich gesehen, tief im Innersten berührt und von Gott gesegnet. Dann spüre ich: Im Angesicht eines Anderen zeigt sich Gott. Ein Grund mehr achtsam und respektvoll mit meinem Gegenüber umzugehen.

Ich wünsche Euch und Ihnen allen eine gesegnete Zeit in der letzten Fastenwoche und fröhliche Ostertage voller Lebensfreude und guten Begegnungen. Kerstin Söderblom


Sechste Woche


Impulse zur Fastenzeit
(nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“

6. Zeig, wofür du stehst (Matthäus 26,69-75)

 „‘Macht Eure Gottesdienste und überlasst uns die Politik‘ – solche Stimmen sind kein Einzelfall. Doch gerade weil der Gott, an den die Christenmenschen glauben, sich von der Welt nicht ab-, sondern ihr zuwendet, hat das Evangelium stets auch politische Bedeutung.“ 
(Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Altvilligster)

Jeden Morgen um 8:00 Uhr gab es nach der Morgenandacht eine Tasse Tee im Bishops´s Court in Kapstadt. Während meines Gemeindepraktikums in Kapstadt 1996 durfte ich das sechs Wochen lang erleben. Der damalige Erzbischof Desmond Tutu nahm sich Zeit für diese Tasse Tee mit allen Mitarbeitenden auf dem Gelände, obwohl er unendlich viel zu tun hatte. Er erzählte von Erlebnissen und Begegnungen. Er teilte mit den Anwesenden seine Gedanken zum Bibeltext des Morgens. Er hörte zu, wenn jemand ein Anliegen hatte. Es war eine heilige Zeit am frühen Morgen. Niemand verpasste sie. Es war geschenkte Zeit mit einem außergewöhnlichen Menschen. Desmond Tutu ist nur etwa 1,60 m groß. Aber seine Energie, sein Humor und seine Leidenschaft für Gerechtigkeit und sein Mitgefühl für Opfer von Unterdrückung und Gewalt sind riesengroß.

Desmond Tutu ist ein schwarzer Theologe der Anglikanischen Kirche in Südafrika. Er kämpfte gegen Hass, Gewalt und Unrechstrukturen des Apartheidregimes, seit er Student war. Er lief auf Demonstrationen mit, predigte gegen Unrecht und Gewalt, wurde verhaftet, verleumdet und mundtot gemacht. Aber sein tiefer Glaube, seine Zivilcourage und die Liebe zu seiner Frau und Familie, gaben ihm Rückhalt. Er gab nicht auf zu kämpfen. Dennoch blieb er ein sensibler und mitfühlender Theologe, der die Menschen im Alltag ernst nahm und sie aufrichtete.

1994 konnte er in Südafrika gemeinsam mit seinem Freund und Wegbegleiter Nelson Mandela die erste demokratisch gewählte Regierung nach über 50 Jahren feiern. Die tief traumatisierte Gesellschaft Südafrikas begleitete er in die Demokratie, indem er zwischen 1995 – 1998 den Vorsitz der Wahrheits- und Versöhnungskomission innehatte. Dort kamen die Angehörigen und Opfer von Gewalt, Mord, Folter und Verfolgung zu Wort. Und die Täter konnten Amnestie erhoffen, wenn sie sich zu ihren Taten bekannten, dafür Verantwortung übernahmen und sich bei den Opfern entschuldigten. Das Verfahren war umstritten und hoch emotional besetzt. Gleichzeitig ermöglichte es, über verdrängte Verbrechen und Greueltaten zu sprechen. Opfer und Täter konnten ihre Erlebnisse erzählen und bekennen. Durch das Aussprechen und Gehörtwerden konnte bei vielen ein Heilungsprozess einsetzen. Desmond Tut war überzeugt, dass diese Form der Aufarbeitung der Apartheidsjahre notwendig für die junge Demokratie in Südafrika war. Dafür wurde er von vielen Seiten angefeindet. Viele Schwarze warfen ihm vor, dass mit den weißen Verantwortlichen des Apartheidregimes zu milde umgegangen wurde.

Noch viel stärker wurde er in späteren Jahren dafür kritisiert, dass er sich für faire medizinische Betreuung und gegen die Stigmatisierung von HIV-Positiven und AIDS-Kranken einsetzte und dass er die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen forderte. Bis heute steht er unbeugsam für seine Überzeugungen gegen jede Form von Unrecht ein. Er ist für mich ein Vorbild im Glauben und im Handeln. Er ist ein Mann, der stets gezeigt hat, wofür er steht.

Ich wünsche euch und Ihnen eine gesegnete sechste Fastenwoche und hoffe, dass es immer wieder Augenblicke gibt, in denen Ihr für Eure Überzeugungen einstehen könnt. Kerstin Söderblom


Fünfte Woche


Impulse zur Fastenzeit
(nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“

5. Zeig deine Hoffnung (Markus 10,46-52)

 „Hoffe nie auf ein Wunder – sei es!“ (Liz Hirn, Philosophin und Künstlerin)

Baby Suggs war eine vom Geist erfüllte Predigerin. So porträtierte sie Toni Morrison, die afroamerikanische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin in ihrem Buch „Menschenkind“.

In Morrisons Roman ist Baby Suggs eine Alltagsheldin, eine Predigerin und Prophetin, die mitten ins Leben hineinspricht. Während des amerikanischen Bürgerkriegs kommentiert sie das Leben ihrer schwarzen Brüder und Schwestern; Männer und Frauen, Junge und Alte. Ohne formale Ausbildung, ohne Diplome sprach sie mit den Menschen. Sie predigt nicht von einer Kanzel, sondern auf einer Waldlichtung.


Vierte Woche


Impulse zur Fastenzeit
(nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen"

4.Zeig deine Fehlbarkeit (1. Mose 3,7-11)

Zeig mir eine leere Stelle / Doch in deinem Sein, / Sonst kann meines Herzens Welle / Nicht in dich hinein.“ (Elisabeth Josephson-Mercoator, Autorin)

„Zeig deine Fehlbarkeit!“ Bei dem Thema muss ich an die lutherische Pfarrerin Nadia Bolz-Weber aus Denver in Colorado denken. Sie ist stark tätowiert, trägt schwarze Lederklamotten und hat eine schnoddrige, mit vielen Schimpfworten durchsetzte Sprache. Nein, sie ist keine Pfarrerin, wie man sie sich so landläufig vorstellt. Nadia Bolz-Weber kommt aus einer christlich fundamentalistischen Familie, war lange drogenabhängig, suchtkrank und schwer depressiv. Und trotz aller Krisen und Katastrophen hat sie sich selbst aus dem Dreck herausgezogen. Heute ist sie lutherische Pfarrerin. Sie hat noch in der Ausbildung eine Gemeinde mitten in Denver gegründet. Die Gemeinde heißt „Haus aller Sünder und Heiligen“. Über ihr Leben und ihre Gemeinde hat sie zwei Bücher veröffentlicht, die sie weit über die USA hinaus bekannt gemacht haben.


Dritte Woche


Impulse zur Fastenzeit
(nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“

3. Zeig deine Liebe (Markus 14, 3-9)

Ich bin verliebt in eine Gruppe von 22 Leuten aus zehn verschiedenen Ländern in Europa: Sie kommen aus Russland, Polen, Ungarn, Kroatien, Armenien, Aserbaidschan, der Schweiz, den Niederlanden, England und Deutschland. Anfang Februar 2018 haben wir uns in Tiflis in Georgien für ein verlängertes Wochenende getroffen. Ziel: Die Einführungsveranstaltung für ein Mentoringprogramm für christliche  Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, die in Osteuropa leben. Sie haben einerseits mit homo- und transfeindlichen Regierungen und Gesellschaften zu tun, werden teilweise kriminalisiert, verfolgt, angefeindet, angespuckt. Sie haben andererseits aber auch mit aggressiv gegen sie predigenden Kirchen zu tun. Nicht nur die Römisch Katholische und die Russisch Orthodoxe Kirche sprechen sich in Osteuropa offen gegen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle aus. Sondern auch die Protestantischen Kirchen und die Freikirchen. Was für eine Herausforderung so zu leben: Schwul , lesbisch, bi, trans und gleichzeitig gläubig zu sein.