Sommeruniversität 2022 – C GESELLSCHAFTSANALYSE UND HANDLUNGSPERSPEKTIVEN

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Seminare

Es werden die folgenden Seminare angeboten:

C1 / MACHT doch mal: Pflicht zum zivilen Ungehorsam?

Was bedeutet »ziviler Ungehorsam«? Kann er im demokratischen Rechtsstaat legitim sein? Wenn ja, in welchen Fällen? Gibt es ein Recht auf bzw. eine Pflicht zum zivilen Ungehorsam? Diese Fragen stehen heute im Zentrum der politischen Debatte über neue soziale Bewegungen. Wenngleich ziviler Ungehorsam in den letzten Jahrhunderten zu einem politischen Grundbegriff geworden ist, war die Bedeutung davon zu vielen Gelegenheiten umstritten – von Debatten über die Radikalität der politischen Ziele von Occupy Wall Street und Extinction Rebellion über Kontroversen zur Legitimität von Edward Snowdens Whistle­blowing bis hin zu Diskussionen über Pegidas Aufrufe zum zivilen Ungehorsam.

Dieses Seminar ist als eine Einführung in die Geschichte, Theorie und Praxis des zivilen Ungehorsams mit Blick auf diese aktuellen Debatten konzipiert. Diskutiert werden die moralischen, politischen, juristischen sowie theologischen Aspekte zivilen Ungehorsams. Besondere Berücksichtigung findet der deutschen Meinungsstreit (1960er- bis 2020er-Jahre) zur Legitimität des Ungehorsams und des Widerstands im Rechtsstaat.

Die Seminaraktivitäten umfassen Kurzpräsentationen über klassische Texte zum zivilen Ungehorsam und Widerstandsrecht, die Vorführung eines Films (Selma, 2014) mit anschließender Diskussion, gemeinsame Analysen von Fotos, Gedichte und Liedern, Gespräche mit zwei Aktivist*innen sowie ein Rollenspiel.

Thematisch lässt sich das Seminar so gliedern:

Geschichte: Henry David Thoreaus, Mohandas Gandhis and Martin Luther Kings Theorien des zivilen Ungehorsams. Konservative, liberale und radikale Positionen. Der deutsche Meinungsstreit.

Theorie: Politische, moralische, juristische und theologische Rechtfertigungen. Die Frage nach der Gewalt und der Gewaltlosigkeit. Unterschiede gegenüber Extremismus, Terrorismus, Widerstand und Revolution.

Leitung: Eraldo Souza dos Santos
Veranstaltungsort: online

Zeitraum: 14. März bis 18. März 2022
Dauer: 5 Tage

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C2 / Zivilgesellschaft in autoritären bzw. demokratisch defizitären Staaten

Die Idee der Zivilgesellschaft ist eng mit der Aufklärung und der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft verbunden. Folgende Konzepte haben bei der Entfaltung der Zivil­­-gesell­schaft beigetragen: eine unabhängige gesellschaftliche Sphäre von Staat (John Locke), Gewaltenteilung zwischen Staat und einem gesellschaftlichen Netzwerk (Montesquieu), der Minimalstaat (Thomas Paine), Zivilgesellschaft als historisches Produkt der von Staat geleiteten Zivilisierungsprozesse (Hegel) und die Assoziationen als »Schulen der Demokratie« (Tocqueville). Das Konzept von Zivilgesellschaft wurde in Ungarn und auch in Ostmitteleuropa während der demokratischen Transformationsprozesse neu ­entdeckt und wurde eine quasi Ideologie der demokratischen Wende. Besonders in Polen haben Dissidenten parallele gesellschaftliche Organisationen wie z. B. die Solidarność-­Gewerkschaft aufgebaut. Seit den späten ­Nullerjahren wurden poli­tische Diskussionen über die Rolle der ­Zivil­gesellschaft erneut wegen des demo­kratischen Rückschritts in Russland, in der Türkei und in Ostmittel­europa und seit der Mitte der 2010er-Jahre auch in den USA ausgelöst.

Ziele des Seminars ist, dass die Teilnehmer*innen mit dem Kernkonzept und der Praxis der ­Zivilgesellschaft vertraut werden. Es wird auch diskutiert, ob und wie die Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung die Stärkung der Demokratie gewährleisten können. Überdies befasst sich das Seminar mit den Rahmenbedingungen von Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung. Das Seminar benötigt kein vorheriges sozialwissenschaftliches Studium.

Während der Seminarwoche werden nicht-frontale Vorträge über die Kernkonzepte von Zivilgesellschaft und soziale Bewegungen gehalten. Wir werden uns auch mit der sog. Neuentdeckung von Zivilgesellschaft während der Wende in mittelosteuropäischen Ländern, nämlich Polen und Ungarn, beschäftigen. Mit der Hilfe von interaktiven Bildungsmethoden bzw. Rollenspielen können die Teil­nehmer*innen die Methoden und Praxis zivilgesellschaftlicher Organisationen und autoritärer bzw. illiberaler Regime kennen­lernen. Während einer Exkursion werden die Teilnehmer*innen Einblick in die aktuelle Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen bekommen.

Dániel Mikecz ist ein promovierter Politik­wissenschaftler am Institut für Politikwissenschaften der Ungarischen Akademie der ­Wissenschaften und leitender Forscher der Denkfabrik Republikon in Budapest. Seit dem Jahr 2010 hält er verschiedene Kurse an der Eötvös-Loránd-Universität zu Protestbewegungen und politischer Partizipation. Er veröffentlicht Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften und wöchentlichen Tageszeitungen über soziale Bewegungen, Proteste und politische Beteiligung.

Leitung: Eszter Farkas
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 1. August bis 6. August 2022
Dauer: 6 Tage

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C3 / Chinas Machtexpansion

China, das bevölkerungsreichste Land der Erde, galt lange als verlängerte Werkbank der Welt. Mittlerweile hat sich das »Reich der Mitte« längst zum Hochtechnologierivalen des »Westens« entwickelt: von der 5. Mobilfunkgeneration über die künstliche Intelligenz bis zu Grüntechnologien wie Hochgeschwindigkeitszügen, Solar- und Windkraftanlagen. Zugleich geht von China ein rasanter Prozess der eurasischen Integration aus. Die »One Belt, One Road«-Initiative schließt den europäischen und afrikanischen Kontinent ökonomisch und finanziell stärker an das rohstoffarme China an, das sich durch diese Expansion seinen wirtschaftlichen Entwicklungsweg absichern will. In vielen Regionen entstehen so Interessenkonflikte mit den USA und der EU.

Der Aufstieg Chinas einerseits und der relative Abstieg der USA sind eine große Herausforderung für die Machtverhältnisse in der Welt­ordnung heute. Der Aufstieg neuer und der Abstieg alter Mächte in der Weltgeschichte vollzog sich selten ohne Stellvertreterkriege bis hin zu »Welt«-Kriegen.

Die USA haben schon unter Obama einen »Schwenk nach Asien« vollzogen und das 21. Jahrhundert zu »Amerikas pazifischem Jahrhundert« erklärt; unter Trump wurde der militärpolitische Bilateralismus Obamas zum offenen Wirtschaftskrieg ausgeweitet. Die EU hat China 2019 zum »systemischen Rivalen« erklärt. Die Welt befindet sich in einem globalen Rüstungswettlauf, denn auch China hat seine Rüstungsausgaben deutlich gesteigert. Ein neuer Kalter Krieg und Bipolarismus mit US- und chinesisch dominierten Lieferketten und Abhängigkeiten scheint möglich.

Das Seminar ergründet die politökonomischen Hintergründe des Aufstiegs Chinas in der Weltordnung und fragt nach friedlichen Lösungen des USA-China-Konflikts und der Rolle Europas dabei. Am Ende soll es auch darum gehen, zu verstehen, dass der USA-China-Konflikt dem 21. Jahrhundert längst seine Gepräge aufdrückt und seine Auswirkungen bis in die Kapillaren der Finanz-, Wirtschafts-, Industrie-, Arbeitsmarkt-, Sozial- und vor allem Klimapolitik in Deutschland zu spüren sind und sein werden.

Leitung: Ingar Solty
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 1. August bis 6. August 2022
Dauer: 6 Tage

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C4 / Sexualisierte Gewalt und Macht

Gewalt und Macht sind eng miteinander verflochten, aber auch Sexualität ist kein machtfreier Raum. Sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend – meist sexueller Missbrauch ge­nannt – stellt einen gravierenden Missbrauch von Macht dar. Den Rahmen bilden zwei gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse: das Geschlechterverhältnis und das Generationenverhältnis.

Als 2010 ehemalige Schüler*innen des Canisius­kollegs in Berlin und der Odenwaldschule in Hessen öffentlich machten, dass sie während ihrer Schulzeit von Priestern, Ordensangehörigen und Lehrkräften sexuell Gewalt erlebt hatten, wurde vom »Missbrauchsskandal« gesprochen. Allerdings war das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder in Familien bereits seit Mitte der 1980er-Jahre in Medien und Fachöffentlichkeit diskutiert worden. Die Politik wurde erst 2010 tätig, als Betroffene sich organisierten. Es begann ein Prozess der Selbst­ermächtigung. Diesen wollen wir im Seminar genauer betrachten. Wie gestaltet sich in den Aufdeckungs- und Aufarbeitungsprozessen das Verhältnis von Betroffenen und staatlich Verantwortlichen in der Politik? Wir verhalten sich »Täterorganisationen«, vor allem die ­beiden großen Kirchen, die Träger der Heim­erziehung? Wie gelingt es, Betroffenen die Opferposition hinter sich zu lassen? Was bedeutet gesellschaftliche Aufarbeitung vergangenen Unrechts? Was bedeutet diese ­Diskussion für die gesellschaftliche Position und Kinderrechte heute?

Das Seminar will diskutieren, wie gesellschaftlich der Macht der Täter*innen und macht­vollen Organisationen entgegengetreten ­werden kann und Betroffene in ihrer Selbstermächtigung unterstützt werden können. Dabei ­sollen weniger Theorien von Macht im Fokus stehen als vielmehr konkrete Beschreibungen erlebten persönlichen und individuellen Machtmissbrauchs und Fragen von persönlicher Ohnmacht und Verantwortungsübernahme.

Themen sind: Geschichte der Auseinander­setzung mit sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend und die Entwicklung seit 2010 – ­Subjektive Wege der Befreiung aus Gewaltverhältnissen – Beispiele von Aufarbeitung: Machtverlust, Machtpolitik und Machtgewinn.

Diskutiert wird anhand von empirischen Forschungsergebnissen. Gearbeitet wird – auch in Kleingruppen – mit Originalmaterial aus Interviews mit und Berichten von Betroffenen. Willkommen sind Interessierte aus allen Dis­ziplinen, es werden keine psychologischen oder soziologischen Kenntnisse vorausgesetzt, jedoch die Bereitschaft zur Diskussion und zu einem respektvollen Umgang miteinander.

Bestandteil des Seminars wird der Besuch in einer spezialisierten Beratungsstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend und die Mitwirkung einer/eines Betroffenen als Co-Referent*in sein.

Leitung: Prof. Dr. Barbara Kavemann
Veranstaltungsort: Klosterhof St. Afra Meißen

Zeitraum: 19. September bis 23. September 2022
Dauer: 5 Tage

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C5 / Janusz Korczak. Pädagogik der Achtung

Janusz Korczak, 1878 – 1942, war polnischer Arzt, Schriftsteller und Pädagoge jüdischen Glaubens. In seinem wichtigsten pädagogischen Werk »Wie man ein Kind lieben soll« (1919) beschäftigt sich Janusz Korczak bereits mit den aus seiner Sicht grundsätzlichen Rechten des Kindes und bildet somit die Grundlage für die UN-Kinderrechtskonventionen, die erst 70 Jahre später, 1989, verabschiedet werden konnten. Demokratie und Mit­bestimmung waren für Korczak Bereiche, die nicht nur für Erwachsene reserviert waren, sondern die er mit Kindern einübte und praktizierte, beispielsweise bei der Umsetzung eines Kinderrepublikmodells.

Korczaks in der Praxis seiner Waisenhäuser erprobte demokratische Mitbestimmung in Form der Kinderparlamente und -gerichte setzten sich nicht durch, vielmehr blieb die Erziehungswissenschaft wie die Gesellschaft bei einem starken Unterschied zwischen Erwachsenem und Kind. Korczaks Pädagogik lässt sich nicht ganz einfach als pädagogische Theorie begreifen und doch soll im Seminar eine Untersuchung seiner Methoden erfolgen, damit eine Auseinandersetzung mit dem ­theoretischen Gerüst seiner Pädagogik möglich wird. Es soll der Frage nachgegangen werden, in welchem Verhältnis Theorie und Praxis zueinander stehen (sollten) und warum Korczaks Ideen kaum bekannt wurden, wohin­gegen eine ähnliche Pädagogik wie die der Maria Montessori weltweit aufgegriffen wurde.

Ein Schwerpunkt des Seminars soll aber beim Thema Demokratiebildung liegen. Auch wenn immer mehr Kommunen Kinderparlamente einführen und den Kindern und Jugendlichen Mitsprachemöglichkeiten einräumen, so scheint doch ein weiter Abstand zur »Erwachsenenpolitik« zu bestehen. Die heutigen Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen sowie deren gesetzliche Regelungen (z. B. SGB VII) sollen mit Vertreter*innen der Wohlfahrtsverbände und Kommunen diskutiert und mit Korczaks Idealen verglichen werden. In welchen ­Bereichen der Gesellschaft dürfen Kinder wirklich mitentscheiden und wie werden Kinder heute zur Demokratie erzogen? Ein Referent der Korczakgesellschaft sowie eine ­Beteiligung von Vertreter*innen aus der Landespolitik sind angefragt.

Leitung: Friederike Faß
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 15. August bis 19. August 2022
Dauer: 5 Tage

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