Sommeruniversität 2022 – D DIMENSIONEN VON WISSEN UND DENKEN: KONSTRUKTION UND KRITIK

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Seminare

Es werden die folgenden Seminare angeboten:

D1 / Victim of … Opferdenken in Theologie, Philosophie und Kunstwelten

Viktimologie. Bauernopfer. Unfallopfer. Opferstock. Sacrificium intellectus. Sündenböcke. Unschuldslämmer. Schillernde Begriffe bezeugen Präsenz und Relevanz des Opferdenkens. ­Politisch hat sich als Strategie der ›NS-Vergangenheitsbewältigung‹ die Identifizierung mit ›gefühlten Opfern‹ (U. Jureit) etabliert. Theologisch mehrdeutig bedeutet der Kreuzestod Christi das definitive Ende des Opfers und lässt zugleich eine Deutung als Sühnopfer zu – ein Motiv für die geistesgeschichtlich wirkmächtige Verherrlichung der (Selbst-) Aufopferung des Menschen. Welche Implikationen hat theologische Opferkritik in einer Zeit, in der im Namen der Ohnmächtigen Forderungen erhoben werden, die sich mit deren eigenen Interessen keineswegs decken müssen, und es im privaten und öffentlichen Leben en vogue ist, sich selbst als imaginäres Opfer zu stilisieren? »Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit, verspricht und fördert Anerkennung, erzeugt machtvoll Identität, Anrecht, Selbstachtung. Es immunisiert gegen jegliche Kritik« (D. Giglioli, Die Opferfalle). Konträr dazu bleiben, wie C. Heinrich betont, die tatsächlich nicht Erretteten der Geschichte eine Provokation. Ihr singuläres Erleiden sperrt sich gegen Subsumption unter Kategorien vom Wesen, Sinn und Zweck des Opfers sowie strafrechtliche, moralische und politische Instrumen­talisierungen.

Im Seminar wird die schillernde Figur des Opfers anhand theologisch-philosophischer Texte (z. B. Dalferth, Derrida) und speziell mit Blick auf die Kunst(welt) beleuchtet. Denn signifikant ist das Verhältnis von Kapital und Kunst von Machtdispositiven geprägt: einerseits durch Ausschlussmechanismen (Museum, Kunsthandel), die Künstler*innen in eine Opferrolle drängen können. Andererseits können diese – auch aufgrund privaten Förderns im Bereich Philanthropie / Sponsoring – in ihrer Arbeit Stellung zu diesen Machtverhältnissen beziehen und damit die Institution / das Kapital in eine – zumindest moralische – Opferrolle bringen.

In einem Workshop, ausgehend von Ballett-, Tanz- und Performanceinterpretationen von Igor Strawinskys »Sacre du Printemps« ­(»Frühlingsopfer«), werden körperliche Bewegungsideen zum Thema »Opfer« erarbeitet. Begleitet wird dies durch den Tänzer und Choreografen Damián Cortés Alberti.

Leitung: Prof. Dr. Knut Berner, Dr. Andreas Backoefer
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 1. August bis 6. August 2022
Dauer: 6 Tage

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D2 / Algorithmic Power – how computer codes rule our lives

In this seminar, we will discuss new power structures have emerged with the digitalization. By focusing on the definitions of what is called algorithmic power, we will try deal with the question of how as an invisible and highly expertised field computer coding algorithms produce new type of power structures that impact our social, political and economic lives. Algorithms’ origin dates back to the Arabic-Islamic Renaissance (800 – 1200) as it was invented by the mathematician Muhammad ibn Musa al-Khwarizm. Later, in the 19th century, algorithmic calculations were adapted for an automatic machine, known as Analytic Machine, by a British mathematician Lady Ada Lovelace which marked her as the very first computer programmer. Algorithms are today in computing refers basically to the mathe­matical procedure that generates automated calculations for computers by following ordered coding chains to solve certain problems and until recently they were considered to be neutral and objective. However, the scholars of critical computing and humanities claimed that algorithms are not as neutral and objective as it is believed. Instead, they argued, this mathematical procedure can also present very insidious forms of bias and discrimination, which directly impacts our everyday lives as such coding process also result in gender, race and class based automated categorizations and filterings. In this respect, in this seminar we will deal with the concept of »algorithmic power« from a critical perspective by asking: How do computing algorithms control and influence our lives.

From an intersectional perspective, we will discuss the social impacts of the technological practices such as algorithmic coding and machine learning. Furthermore, we will try to understand how computing particularly with regard to these technological practices create anew and reproduce pre-digital social disparities in the global context by thinking through the terms such as algorithmic bias, algorithmic othering, as well as cybercolonialism.

Please note that this seminar will be bilingual. The instruction and the most of the seminar readings will be in English language. However, if they prefer, the students are welcome to speak German / ask their questions in German during the in-class discussions.

Leitung: Pinar Tuzcu
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 15. August bis 19. August 2022
Dauer: 5 Tage

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D3 / Psychologie der Macht

»Macht« hat einen negativen Beiklang, anders als »power«, das besser mit Energie zu übersetzen ist. Definitorisch ist Macht aber nur ein Potenzial, eine Chance, bei anderen eine verhaltensändernde Wirkung zu erzielen. Eine Chance besagt nicht, ob und wie sie eingesetzt wird, ob fair oder unfair, gegen die Interessen anderer oder im Einklang mit ihnen, ­die Autonomie wahrend oder verletzend. Daher trennen wir die Anwendung von Macht in einschränkende und förderliche Wirkungen, so wie alle es schon als Kinder durch die Eltern erlebt haben, hoffentlich meist förderlich. Macht wird von Personen gegenüber anderen eingesetzt, wobei das im privaten Umfeld, in Gruppen, Organisationen oder Staaten geschehen kann, daher ist eine psychologische Analyse besonders wichtig. Dabei müssen Akteur*innen und Betroffene betrachtet werden, ihre Persönlichkeit, Motive, Interessen, Umstände und Handlungsmöglichkeiten sowie die soziale Einheit insgesamt. Das Hauptergebnis der Forschungen besagt, dass autonomiewahrende Machtanwendungen positive ­Folgen für alle haben, autonomieverletzende dagegen nicht nur die Betroffenen schädigt, sondern auch die Akteure selbst und die soziale Gemeinschaft.

Im Seminar setzen wir beim persönlichen Macht­erleben als Akteure und Betroffene an und verbinden es mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Machttaktiken und Machtgrundlagen werden analysiert, Konsequenzen für alle Beteiligten aufgezeigt. Konkrete Fall­beispiele werden in Kleingruppen vorgestellt, analysiert und auf alternative Vorgehensweisen abgeklopft, u. a. per Rollenspiel. Unterschiedliche thematische Schwerpunkte können von den Teilnehmer*innen benannt und abgestimmt werden; in Kleingruppen werden sie dann ausgearbeitet und im Plenum vorgestellt. Ein Ziel des Seminars ist die Förderung von Machtsensibilität.

Vor Beginn des Seminars treffen sich die Teil­nehmenden mit der Seminarleitung ­online, um die Wünsche der Teilnehmer*innen mit dem Angebot der Seminarleitung abzustimmen und um das Seminar vorzubereiten.

Leitung: Prof. i. R. Dr. Wolfgang Scholl
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 1. August bis 6. August 2022
Dauer: 6 Tage

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D4 / Positive Psychologie: the power of positivity

Glück ist nicht nur Glückssache: Empirische Forschung aus der Positiven Psychologie zeigt, dass wir psychisches Wohlbefinden ebenso systematisch wissenschaftlich untersuchen können wie psychisches Leiden. Auf der Grundlage dieser empirischen Fundierung können wir psychologische Prozesse und Zusammenhänge besser verstehen und daraus Handlungsmöglichkeiten schaffen, um mit uns selbst und anderen gut umzugehen.

Das Seminar gibt den Teilnehmenden Einblick in zentrale Konzepte und Erkenntnisse des relativ neuen Forschungsfeldes der Positiven Psychologie und verwandter Gebiete der Psychologie. Sie haben, aufbauend auf einem fundierten Verständnis der theoretischen und empirisch basierten Inhalte, die Möglichkeit, Erfahrungen mit wirksamen Interventionen zu machen und sich gegenseitig in der Anwendung zu unterstützen. Inhalte sind neurologische und psychologische Grundlagen der kognitiven Verarbeitung; der Zusammenhang von Emotionen, Wahrnehmung und Verhalten; Selbstwirksamkeit, Optimismus und Resilienz; positive Persönlichkeitseigenschaften und Charakterstärken; Flow, Motivation und Sinn­erleben.

Wir betrachten Forschungsergebnisse und Methoden der Positiven Psychologie in Verbindung mit sozialpsychologischen und philosophischen Perspektiven. So ermöglichen wir ein empirisch und ethisch fundiertes Verständnis der Themen, das Teilnehmende für sich und andere nutzen können.

Leitung: Sasha Blickhan
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 15. August bis 19. August 2022
Dauer: 5 Tage

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