Sommeruniversität 2023 – D DIMENSIONEN VON WISSEN UND DENKEN: KONSTRUKTION UND KRITIK

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Seminare

Es werden die folgenden Seminare angeboten:

D 1 / »Links sind Bäume, rechts sind Bäume, und dazwischen Zwischenräume!« Die Kunst des Zwischen_Raums beim Lesen und Sprechen

Kurt Tucholsky spricht in dem Text des Kinderlieds von großen Elefanten, die spazieren ­gehen. In Zwischenräumen zwischen den ­Bäumen, die groß genug für sie sind. In der geschriebenen Sprache gibt es die Zwischen_Räume zwischen den Wörtern als typografisches Leerzeichen, in der gesprochenen die Pausen im Phonationsstrom. Fehlen sie, wird das Gelesene oder Gehörte unverständlich. Pausen haben in der Sprache eine gliedernde Sinnbildungsfunktion. Erst die Pause stiftet den Zusammenhang, durch sie entfaltet sich Sinn als Denkprozess. Zwischen_Räume lassen Spielräume entstehen, damit Gedanken lebendig werden können. Durch Zwischen_Räume gliedern wir denkend unser Leben und begegnen uns im Sprechen.

Wenn wir Menschen verstehen wollen, müssen wir ihnen zuhören können: Wir müssen hören, was sie sagen und wie sie es sagen und was das Ungesagte im Gesagten bedeutet. Auch im vorgelesenen oder vorgetragenen geschriebenen Text gilt es, die Sprechbewegung im ­Geschriebenen zu entdecken: die Betonungen, Phrasierungen, Stockungen und Pausen, die Zäsuren und Sprechbögen mitzulesen, die im Text – auf den ersten Blick – nicht enthalten sind. Wer liest – und das gilt auch für das stille Lesen –, muss auch die Zwischen_Räume lesen können, die Emotionen zwischen den Wörtern, die Stimmlichkeit und den Gestus des Sprechens zwischen den Zeilen, das, was der ­französische Sprachdenker Henri Meschonnic die »Theatralität der Sprache« nannte.

Die Schule hat vielen von uns die Freude am ­literarischen Lesen, am Lautlesen und Vortragen genommen. Wer hörend lesen kann – so die Grundidee des Seminars –, kann eine andere Aufmerksamkeit für Sprache und zum Sprechen entwickeln und neue Zugänge zum wirkungsvollen Vorlesen und Vortragen entdecken. Wir werden praktische Leseübungen zum literarischen und theatralen Lesen sowie zum Sprechen für Theater und Rundfunk durch­führen, verbunden mit Exkursionen zu Orten des Sprechens und einer Einführung in die sprachtheoretischen Grundlagen. Darüber ­hinaus ­lernen wir Sprech-Berufe und unsere ­Stimme beim Reden in und mit Zwischen_­Räumen besser kennen.

Seminarleitung: Prof. Dr. Hans Lösener und Dr. Marcus Nicolini
Veranstaltungsort: Münster

Zeitraum: 13. März bis 17. März 2023
Dauer: 5 Tage

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D 2 / Zwischen Leben und Tod – wie gestalten wir das Sterben als Übergang?

Jeder Sterbeprozess ist individuell, und zugleich ist eine gewünschte Individualität auch am Lebensende nur in Abhängigkeit von sozialen Netzwerken möglich. Das muss kein Paradox sein, denn privates Engagement entwickelt die individuelle Versorgung Sterbender sozial weiter. Vor dem Hintergrund der Zunahme chronischer Krankheits- und damit auch langer Sterbeverläufe entstanden Problemstellungen, die gleichzeitig zu einer Neukonzeption der Sterbebegleitung führten. Innerhalb des Seminars erwerben die Studierenden Expert*innen­wissen zum sozialen Wandel des Sterbens. ­Neben der Darstellung sozialer Prozesse während des Sterbens werden ebenso die im Geschichts­verlauf veränderten Umgangsformen mit dem Sterben betrachtet und sozialtheoretisch ­analysiert. Fragen nach einer Individualisierung, Pluralisierung, Institutionalisierung, Medikalisierung oder Verdrängung des Sterbens sind Gemeinplätze innerhalb von Forschung sowie Medien und werden kritisch diskutiert.

Im Rahmen der Begrüßung wird klar, was alle zum Seminar beitragen und davon erwarten können. In der Einführung in die Soziologie differenzieren die Kursteilnehmenden zwischen verschiedenen Perspektiven: Welche Perspektive haben einzelnen Fächer auf das Sterben und welche die Soziologie? Sie identifizieren die physiologischen, psychologischen und sozialen Aspekte des Sterbe­prozesses. Die Soziologie des Sterbens fokussiert auf das Sterben in ­unserer Gesellschaft und auf für den wissenschaftlichen Diskurs zentrale Begriffsbestimmungen, wozu die Befassung mit den Klassikern der Thanato­soziologie dient. Daran schließen Tony Walters drei Typen des Todes und die ­Hospizbewegung an. Der sich darin für soziale Bewegungen im 20. Jahrhundert beispielhaft darstellende soziale Wandel steht im ­Zentrum des Seminars. Daraufhin werden die Zeit­diagnosen zu ­Sterbeorten behandelt, aktuelle Forschungs­projekte vorgestellt, und zum Abschluss ­sammeln wir Aktuelles zur Praxis der Sterbe­begleitung und lassen darin einfließend die Woche mit einer Diskussion ausklingen.

Seminarleitung: Dr. Michaela Thönnes
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 17. Juli bis 21. Juli 2023
Dauer: 5 Tage

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D 3 / Aufklärung und Aufklärungskritik

Die Aufklärung galt lange relativ unangefochten als das normative Fundament westlicher Gesellschaften. Freiheit, Gleichheit und Rationalität wurden von vielen als Errungenschaften angepriesen, die der Aufklärung zu verdanken sind. Kürzlich wurden diese Einschätzungen – nicht zum ersten Mal, dafür mit ausgesprochenem Nachdruck – angezweifelt. Besonders im Zuge der #Metoo-Bewegung und der an die Ermordung George Floyds anschließenden BLM-Proteste wurde die Frage laut, ob durch die Aufklärung wirklich Freiheit, Gleichheit und Rationalität in die Welt gekommen sind oder ob diese Werte vielmehr (auch) als Recht­fertigungen für koloniale Expansion und die Unterdrückung der Frauen dienten.

Im Seminar soll zunächst das Programm der Aufklärung thematisiert und diskutiert werden, bevor wir uns mit unterschiedlichen Arten der Aufklärungskritik auseinandersetzen. Dabei werden wir uns zunächst mit der marxistischen Aufklärungskritik der Frankfurter Schule be­fassen, die ein Umschlagen der Aufklärung in Herrschaft (der äußeren Natur, aber auch der eigenen Triebnatur) bereits in den philosophischen Entwürfen der Aufklärung angelegt sieht. Danach werden wir uns zum einen mit postkolonialen Aufklärungskritiken beschäftigen, die dem Zusammenhang zwischen der Freiheit der Aufklärung und der (kolonialen) Unfreiheit des globalen Südens nach­gehen, zum anderen mit feministischen Aufklärungskritiken, die im aufklärerischen Wert der Rationalität ein abstraktes, männliches Denken ­verkörpert sehen, in dem Affekt, Gefühl und Leib zu kurz kommen.

Nachdem wir uns mit den Positionen inhaltlich vertraut gemacht haben, sollen sie im Lichte einiger Fragen diskutiert werden: Handelt es sich um Kritiken, die mit dem Ziel auftreten, Freiheit, Gleichheit oder Rationalität nachträglich zu verwirklichen? Oder verstehen sie sich als fundamentale Entgegensetzungen, die ­einen Neuanfang jenseits der aufklärerischen Traditionen und Werte fordern? Ist die Fundamentalkritik überhaupt möglich und wünschenswert – oder bezieht sie sich implizit auf die Werte der Aufklärung, wenn sie deren verfehlte Umsetzung anprangert?

Im Mittelpunkt des Seminars werden die gemeinsame Lektüre der Texte, Gruppenarbeiten, Kurzpräsentationen und vor allem die Dis­kussion der genannten Themen stehen. Die zweite Hälfte des Seminars wird Prof. Dr. Marina Martinez Mateo als Co-Leiterin begleiten.

Seminarleitung: Heiko Stubenrauch und Prof. Dr. Marina Martinez Mateo
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 31. Juli bis 5. August 2023
Dauer: 6 Tage

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D 4 / Zwischen_Räume der Kartografie: Mittels Kart(ier)en Räume produzieren, ­anfechten, erkunden, kollaborativ reflektieren

Geografische Karten zeigen nicht was ist, sondern verweisen auf individuelle, institutionelle, kulturelle Perspektiven von Raum als ­Lebens- und Handlungsraum. Karten verweisen auf Raumbilder, bieten Orientierung in diesen. Sie lenken Aufmerksamkeit auf gewählte ­Aspekte (zum Beispiel Geländeeigenschaften, Grenzen, Bewohner*innen), deuten diese spezifisch (zum Beispiel durch Karten-/ Legendentitel, Klassen-/ Typenbildungen, grafische Gestaltung), machen anderes unsichtbar.

Karten sind mächtige Mittel der Weltbildproduktion und werden im Alltag oft unkritisch als objektive, neutrale Abbilder der Wirklichkeit verstanden. Diese Bedeutung erlangten Karten durch europäische Entdeckungs- und Eroberungsfahrten sowie durch die Etablierung von Karto- und Geografie als akademische Disziplinen. Das Verhältnis der Instanzen Karte, Raum, Mensch wird gemäß dem damals ­vorherrschenden objektivistischen Wissenschaftsverständnis als Verhältnis von Wirklichkeitsabbild, Wirklichkeit und Wirklichkeits­abbildner*in verstanden.

Dieses Verständnis öffnet jedoch Zwischen_Räume, in welchen das Verhältnis von Karte, Raum, Mensch immer auch anders erfahren, gedacht, praktiziert wurde, zum Beispiel in künstlerisch-geografischen Interventionen der 1960er oder in Counter-Mapping-Projekten. Mit kritischem Blick auf die eigene Fach­geschichte in den 1980ern wenden sich Geo- und Kartografie einem reflexiven Umgang
mit Karten und ihren sozialen Effekten zu, ­(karto-)grafische Praxen sind zunehmend transdisziplinär, experimentell, transformativ aus­gerichtet.

Im Seminar werden wir nach historischer Kontextualisierung der Kartografie und Erarbeitung zentraler Argumente der Kritischen Kartografie die kritische Betrachtung von Karten unterschiedlicher Herkünfte üben. Anschließend ­lernen die Teilnehmenden Ansätze des Kartierens als Erhebungsmethode für kollaborative Reflexion und für visuelle Erkenntnisgewinnung kennen. Schließlich erstellen wir gemeinsam ­eigene Kartenskizzen und diskutieren sie entlang der kennengelernten Zwischen_Räume.

Seminarleitung: Lea Bauer
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 31. Juli bis 5. August 2023
Dauer: 6 Tage

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D 5 / »… und ihr werdet sein wie Gott« – im Zwischen_Raum von Tierischem und ­Göttlichem: Die Stellung des Menschen in der abendländischen Anthropologie

»[…]
Hier sitz’ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sey,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!«
aus: J. W. Goethe: »Prometheus« (1789)

Die Stellung des Menschen in der kosmischen (Un-)Ordnung gehört zu den Grundfragen des abendländischen Denkens. Zugleich tierischer Natur, sich jedoch dem Tier übergeordnet ­fühlend, nicht Schöpfer des Seins, aber zugleich willens, selbst gottgleich zu werden – in diesem Spannungsverhältnis menschlicher Existenz möchte das Seminar einen denkerischen Gang durch die abendländische Ideengeschichte unternehmen.

Dem Thema wollen wir uns anhand philosophischer, mythologischer, religiöser und wissenschaftlicher Texte nähern, diese in Kontrast setzen und systematisieren. Ausgehend von Darstellungen der Einordnung des Menschen in die Schöpfung, wollen wir, begleitet vom Prometheus-Motiv, das über die Jahrhunderte immer wiedergekehrt ist, verschiedenen ­Vorstellungen von Ziel und Sinn menschlichen Lebens nachgehen: der Verfolgung des »guten Lebens« oder der Sicherung des »Über-Lebens«. Was unterscheidet Mensch und Tier, was den Menschen und das Göttliche? Ist der Mensch ein Zwischen_Raum, mittels dessen Vernunftanlage sich das Göttliche in der Welt zu verwirklichen vermag (Platon), oder ist Gott tot und der Mensch nur eine Brücke – hin zum Übermenschen (Nietzsche)? Einen weiten Bogen ­zwischen Antike und Gegenwart spannend, ­wollen wir nicht zuletzt transhumanistische Ansätze der Gegenwart in den Blick nehmen und uns die Frage stellen, inwiefern in der ­Allgegenwart von Superheld*innen in der ­Populärkultur ein geistesgeschichtlicher Mangelzustand seinen Ausdruck findet.

Den Teilnehmenden wird ein Reader im Intranet zur Verfügung gestellt, dessen Lektüre vor Seminarbeginn vorausgesetzt wird. Einige der bereitgestellten Texte werden im Seminar gemeinschaftlich detailliert am Text erarbeitet, während andere diese ergänzen, aber nicht ­intensiv behandelt werden. Philosophische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, ein­geladen sind alle Menschen, die bereit sind, sich auf unterschiedliche Text- und Denkarten einzulassen.

Seminarleitung: Dr. Viktoria Bachmann und Dr. Peter Kainz
Veranstaltungsort: Meißen

Zeitraum: 18. September bis 22. September 2023
Dauer: 5 Tage

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