Sommeruniversität 2022 – E UMGANG MIT GESCHICHTE – ZUGANG ZU KULTUREN

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Seminare

Es werden die folgenden Seminare angeboten:

E1 / Krieg – Macht – Wissenschaft

Moderne Kriege sind ohne die Nutzung wissenschaftlicher Forschung und wissenschaftlichen Wissens als Ressource nicht vorstellbar. Die Entwicklung verschiedener Wissenschaften oder Wissenschaftsbereiche lässt sich ohne ihren Beitrag zur Durchführung und Planung von Kriegen nicht verstehen. Ziel dieses Seminars soll es sein, die vielfältigen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Wissenschaft und Krieg anhand von historischen Beispielen herauszuarbeiten und die Folgen für die kulturelle Wahrnehmung, soziale Verortung und das Selbstbild von Wissenschaftler*innen zu ­verdeutlichen. Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts werden im Mittelpunkt stehen. Aspekte früherer und späterer kriegerischer Auseinandersetzungen werden uns aber ebenso als Beispiel dienen.

Das Seminar wird drei Schwerpunkte haben: Erstens soll anhand von Beispielen gezeigt werden, wie einzelne Wissenschaften die Praktiken der Kriegsführung beeinflusst haben bzw. durch diese beeinflusst wurden. Des Weiteren werden wir uns den Wandel der Wissenschaftssysteme ansehen, ihre Organisation und institutionelle Fassung. Hier soll es auch um die internationale Vernetzung von Forschenden und den Aufbau internationaler Organisationen gehen. Drittens werden wir uns die Entstehung und Wirkung von Gegenkulturen ansehen: Versuche, der Vereinnahmung der Wissenschaften durch Politik und Kriegsökonomie Alternativen entgegenzusetzen (etwa in der feministischen Wissenschaftskritik). Diskutiert werden einführende Texte zur Geschichte und zum Wandel der Kriegsführung sowie wissenschaftliche und literarische Texte, die diesen Wandel und das Verhältnis von Wissenschaft und Krieg reflektieren.

Leitung: PD Dr. Falk Müller
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 15. August bis 19. August 2022
Dauer: 5 Tage

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E2 / Macht – die Genossenschaftsidee F. W. Raiffeisens

August Comte, der Begründer der modernen Soziologie, stellte fest, dass das Genossenschaftswesen so alt wie die Menschheit selbst ist. Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich dann das moderne Genossenschaftswesen zu etablieren. Damit gelang es, vielen Menschen eine Möglichkeit zu bieten, sich finanziell eine gesicherte Existenz aufzubauen. Auch nach der »Stunde null« spielten die Genossenschaften eine wichtige Rolle, denn die Siegermächte befürworteten ausdrücklich die Einrichtung von Genossenschaften, um die zentralen Strukturen des 3. Reichs zu zerschlagen. Die bayerische Verfassung z. B. hat die Förderung des Genossenschaftswesens ausdrücklich in einem der Artikel erwähnt.

Politisch waren die Genossenschaften nicht immer gut angesehen. Fürst Bismarck be­zeichnete sie als »Kriegskassen der Demokratie«. Trotzdem habe sich die Genossenschaften nicht nur in Deutschland, sondern auch europa- und weltweit verbreitet.

Einer der führenden Männer der Genossenschaftsbewegung war F. W. Raiffeisen. Allerdings sollte hierbei der Anteil von Hermann Schulze-Delitzsch nicht vergessen werden, da er mit dem ersten Genossenschaftsgesetz die rechtlichen Grundlagen für diese Bewegung geschaffen hat. Beide Männer stammten aus dem Bürgertum.

Otto von Giercke stellte fest, dass Genossenschaften immer dann entstehen, wenn wirtschaftliche oder gesellschaftliche Gebilde Machtmonopole erreichen. Genossenschaften sind dann das geeignete Mittel, diese Machtmonopole zu brechen.

Es wird ein wichtiger Gesichtspunkt sein, die demokratischen Strukturen der von Raiffeisen gegründeten Genossenschaften zu untersuchen, wobei hier auch Raiffeisens christliche Gesinnung durchaus mit einbezogen werden muss.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Stellung der Genossenschaften in unserer heutigen Gesellschaft – Halbtagsreferent Dr. Ralf Kölbach.

Ziel der gesamten Veranstaltung soll es sein, die Teilnehmer*innen in ergebnisoffenen ­Diskussionen anzuleiten, sich zu überlegen, welche Möglichkeiten die Genossenschaften gerade in einer Welt der Globalisierung und Machtkonzentration bieten, um ein Gegen­gewicht zu dieser als negativ empfundenen »Macht« zu bilden.

Leitung: Dr. Walter Koch
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 15. August bis 19. August 2022
Dauer: 5 Tage

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E3 / Ostdeutsche Macht(losigkeit)?

Historische und aktuelle Perspektiven auf eine Region im Wandel:

Ostdeutschland ist in den letzten Jahren politisch, medial und wissenschaftlich vermehrt in den Fokus gerückt. Ein erstarkender Rechts­populismus, die Polarisierung von wachsenden Städten und sterbenden Dörfern und eine ­diffuse Identitätssuche, die die sozialistische Vergangenheit weder verleugnet noch verklärt, provozierten Statements wie »Gehört Sachsen noch zu Deutschland?« (Richter, 2019) und »Integriert doch erstmal uns« (Köpping, 2018).

In diesem Seminar wollen wir ein umfassendes Verständnis dieser Region erarbeiten, das über einfache Erklärungen hinausreicht und enge Bezüge zwischen der Nachwendezeit und aktuellen Prozessen knüpft. Im Fokus steht dabei der 2020 begonnene Strukturwandel, den die ostdeutschen Kohleregionen anlässlich des bis 2038 geplanten Kohle­ausstiegs bewältigen müssen und der viele Bewohner*innen schmerzhaft an die Umbrüche der 90er-Jahre erinnert.

Wir beginnen mit einer Bestandsaufnahme: Was bewegt die Region 30 Jahre nach der Wende? Anhand von Material aus Politik­wissenschaften, Anthropologie und Kulturgeografie skizzieren wir den Status quo Ostdeutschlands und werfen Fragen über die kollektive(n) Identität(en) der Region auf, die uns durch die Woche geleiten sollen. Anschließend betrachten wir die Nachwendezeit durch die Lupe verschiedener Narrative (»Kolonisierung« durch den Westen, »Ausverkauf« des Ostens, »Schocktherapie«, »einmaliger« Transformationsprozess), bevor wir nachvollziehen, wie sich dieses Vermächtnis bis in die heutige Zeit verfolgen lässt und regionale Haltungen u. a. zum Kohleausstieg prägt. Abschließend diskutieren wir die Frage: Wer spricht für, wer übernimmt heute Verantwortung für Ostdeutschland? Wohin bewegt sich die Region?

Während eines Exkursionstages in die Lausitz reisen wir entlang von Kohletagebauen, ­Dörfern und Entwicklungsprojekten durch die Facetten Ostdeutschlands und sprechen mit Bewohner*innen, um deren Perspektiven auf ihre Region kennenzulernen und zu diskutieren.

Interdisziplinäre Literatur wird seminarvorbereitend als Reader zur Verfügung gestellt.

Seminarleitung: Friederike Pank, Prof. Dr. Rainer Danielzyk
Veranstaltungsort: Klosterhof St. Afra Meißen

Zeitraum: 19. September bis 23. September 2022
Dauer: 5 Tage

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E4 / Feldzug des Kaffees – Illustration eines Machtgefüges

Kaffee ist ein globales Getränk. Die Pflanze mit dem botanischen Namen Coffea wird im globalen Süden angebaut, wird in viel größerem Umfange aber im reichen Norden konsumiert. Weltweit operierende Konzerne besitzen Macht über die Pflanzenzucht, den Anbau, die erzeugten Qualitäten und die Entwicklung der Preise. Auf der einen Seite stehen auch heute noch die Ohnmacht der Produzent*innen, Hungerlöhne, teils Kinderarbeit oder der übermäßige Einsatz von Pestiziden, auf der anderen feinster Kaffeegenuss und Lebensqualität. Für manche ist er karger Lebensunterhalt, für andere Genuss und Luxus. Nur selten denken wir über das sich hier offenbarende ­Spannungsverhältnis und die uns in dieser Hinsicht zukommende Verantwortung nach.

Dass der Kaffee heute das Leben vieler Millionen Menschen prägt, ist keine Entwicklung der Gegenwart, sondern zeichnete sich in seinen Grundzügen bereits vor vier Jahrhunderten ab. Aber erst die Massenproduktion des 19. Jahrhunderts vor allem in Südamerika verlieh dem Getränk politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht, die es heute besitzt.

In dem Seminar wollen wir uns dem Kaffee als historischem und gegenwärtigem Genuss­mittel in multiperspektivischer und interdisziplinärer Weise nähern und fragen:

Worum handelt es sich bei der Kaffeepflanze eigentlich und was hat es mit dem belebenden Koffein auf sich?

Wie entwickelten sich Anbau und Konsum in historischer Perspektive?

Welche Herausforderungen, Probleme, aber auch Chancen sind mit dem Kaffee heute verbunden?

Welche Verantwortung kommt uns als Konsu­ment*innen heute zu?

Inwieweit lässt sich das globale Machtgefüge »Kaffee« in ethisch verantwortlicher Weise lenken und zum Gewinn aller transformieren?

Das Seminar verbindet unterschiedliche, auf die Fragestellungen abgestimmte Arbeits­formate (Wissensvermittlung im medienbasierten Vortrag, Diskussion, Arbeitsgruppe und Exkursion). Als Ziel steht die Entwicklung eines ergebnisoffenen Konzepts in Textform, das Handlungsmöglichkeiten für einen fairen globalen Umgang in Sachen Kaffee aufzeigt.

Leitung: Prof. Dr. Martin Krieger
Veranstaltungsort: Klosterhof St. Afra Meißen

Zeitraum: 19. September bis 23. September 2022
Dauer: 5 Tage

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E5 / Die politische Macht afrikanischer Frauen

In den letzten Jahrzehnten sind afrikanische weibliche Eliten (Parlamentarierinnen, Präsidentinnen, Politikerinnen …) regelmäßig in die Schlagzeilen geraten. Sind wir Zeugen einer neuen politischen Ära, in der Frauen eine größere politische Rolle spielen werden? Dennoch gibt es nach wie vor politische, wirtschaftliche, finanzielle, kulturelle und soziale Hindernisse, die der politischen Vertretung von Frauen in den Parlamenten im Wege stehen, und Frauen sind in den nationalen Geschichtsdarstellungen stark unterrepräsentiert. Wie können wir also die Macht der  afrikanischen Frauen kritisch beurteilen? Von welcher Macht und sogar von wem sprechen wir? Sind afrikanische Frauen neu in der ­Politik oder verdient ihre komplexere politische Geschichte mehr Aufmerksamkeit?

Die politische Geschichte Afrikas wurde aus einer im Wesentlichen männlichen Perspektive erzählt, was dazu führte, dass die politische Rolle und die politische Macht der Frauen übersehen wurden. Die Sichtbarkeit von Frauen in der afrikanischen Geschichte wird seit den 1960er-Jahren und der ersten Welle der Unabhängigkeit in den afrikanischen Ländern ständig diskutiert. Wissen­schaftler*innen haben die verschiedenen ­Formen des Widerstands, der politischen Organisation und der Machtausübung von Frauen in unterschiedlichen historischen Momenten dokumentiert.

Das Seminar gibt nicht nur einen Überblick über die politische Rolle der Frauen von der vorkolonialen Zeit bis heute, sondern bietet auch eine kritische Reflexion darüber, wie eine Geschichte geschrieben werden kann. Zusammen werden wir diskutieren, wie Frauen sich mit der patriarchalischen Macht auseinandersetzten, sie konfrontierten und verhandelten, aber auch komplexere Aspekte des Verhältnisses zwischen Geschlecht und Macht erforschen und hinterfragen, ob Frauen immer im Interesse der Frauen handeln.

Das Seminar ist interdisziplinär und stützt sich auf die Geschichts-, Gender-, Sozial- und Politikwissenschaften. Die ausgewählte Lektüre (akademische Publikationen, Filme, ­Primärquellen und Zeitungsartikel) wird den historischen und konzeptionellen Hintergrund für das Verständnis von Schlüsselthemen der Frauen in der afrikanischen Politik liefern und gleichzeitig eine Grundlage für eine kritische und kreative Diskussion bieten. Zwei Gastredner*innen werden ihre Erfahrungen als Historiker*innen und politische Analytiker*innen weitergeben

Leitung: Dr. Anaïs Angelo
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 1. August bis 6. August 2022
Dauer: 6 Tage

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