Sommeruniversität 2022 – A THEOLOGIE – RELIGION – KIRCHE

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Seminare

Es werden die folgenden Seminare angeboten:

A1 / Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt – Ökumene als Gegenmacht

»In der ökumenischen Bewegung ging es schon immer darum, dass die Kirchen ein­ander zu sichtbarer Einheit aufrufen. […] Die Kirchen müssen jetzt gemeinsam, in einer erneuerten ökumenischen Bewegung zum Wohle der Welt eine öffentliche Stimme finden, um Hoffnung machen zu können, […] die vielleicht eine bessere Welt bauen kann [und] in der die zur Verfügung stehenden ­Ressourcen geteilt und Ungerechtigkeiten überwunden werden und wir alle uns allen eine neue Würde verleihen«, so heißt es in einem Einladungstext des Ökumenischen Rats der Kirchen zu seiner 11. Vollversammlung.

Die Vision von einem neuen Himmel und einer neuen Erde (Offb. 21) hat Christ*innen zu ­allen Zeiten dazu angespornt, gegen zerstörerische Kräfte dieser Welt Widerstand zu ­organisieren und Gegenmacht aufzubauen. Ein genuiner Teil dieser Bemühungen war und ist die ökumenische Bewegung. In ihr hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) seit seinem Entstehen immer wieder versucht, diese Vision nicht aus dem Blick zu verlieren. Gezielte Aktionen und Programme wie der konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, die Beteiligung an UN-Missionen sowie das Programm zur Bekämpfung des Rassismus versuchen, Missstände auf der ganzen Welt aufzudecken und zu beheben.

In diesem Seminar wollen wir ausgewählte Formen kirchlicher Gegenmacht genauer untersuchen. Ausgehend von einem Blick auf die Geschichte des ÖRK, beleuchten wir die unterschiedlichen Konzeptionen von Einheit und Ökumene. Am Beispiel der Frage nach Klimagerechtigkeit untersuchen wir, welchen Einfluss ›Kirche‹ hier wahrnehmen kann und ob dazu ihre sichtbare Einheit eine notwendige Voraussetzung ist.

Methodisch stützt sich das Seminar auf vor­zubereitende, einschlägige Texte sowie Diskussionen miteinander und mit Expert*innen. Im Gespräch werden die oben genannten ­Themenkomplexe immer wieder auf die kommende Vollversammlung des ÖRK bezogen, die in diesem Jahr erstmals in Deutschland in Karlsruhe stattfinden wird.

Leitung: Wolfram Gauhl, Dr. Franziska Schade
Veranstaltungsort: online

Zeitraum: 14. März bis 18. März 2022
Dauer: 5 Tage

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A2 / Macht Kirche Staat?

Im globalen und ökumenischen Vergleich sind die großen christlichen Kirchen in Deutschland ausgesprochen eng mit dem Staat verbunden. Das Grundgesetz räumt den Religionsgemeinschaften als »Körperschaften des öffentlichen Rechts« eine starke Stellung ein; die Kirchen sind daher im Bildungsbereich, im Sozial­wesen, im Arbeitsrecht und in den öffentlich-rechtlichen Medien höchst einflussreiche Akteure. In den letzten Jahrzehnten, angesichts zunehmender Entkirchlichung, religiöser Pluralisierung und des Erstarkens anderer Religionsgemeinschaften, wird der kirchliche Einfluss auf staatliche Gesetzgebung und staatliche Förderung jedoch immer umstrittener.

Das Seminar will die fluiden Machtverhältnisse zwischen Kirchen, Religion und Staat anhand dreier Konfliktfelder untersuchen: der Gesetzgebung zu Ehe, Familie und Partnerschaften, der Kooperationen im Wohlfahrtsbereich (etwa bzgl. Menschen mit Behinderung oder bzgl. Geflüchtete*r) und des religiösen Lebens in der Schule. Dabei soll jeweils eine historische Perspektive aus der frühen Bundesrepublik mit den gegenwärtigen Verhältnissen ­verglichen werden: In welcher Weise beein­fluss(t)en die Kirchen die jeweiligen staatlichen Ordnungen, und wie wirk(t)en die staatlichen Vorgaben auf das kirchliche Handeln im jeweiligen Feld zurück?

Nach einer Einführung in die staatskirchenrechtlichen Grundbestimmungen und ihren historischen Wandel (Dienstag) sollen die drei genannten Konfliktfelder betrachtet werden (Mittwoch bis Freitag), und zwar mit ein oder zwei Tagesreferent*innen, sowie auf der Basis von einführenden Kurzreferaten der Teilnehmer*innen jeweils zu einem konkreten Beispiel. Diese Referate können je nach Interesse und Absprache eher historisch, rechtlich, gesellschaftswissenschaftlich oder theologisch ausgerichtet sein; ihre Vorbereitung wird nicht mehr als zwei, drei Tage in Anspruch nehmen. Auf diese Weise sollen die Erfahrungen, die die Teilnehmenden ggfs. in einem der Felder haben, ihre wissenschaftlichen Kompetenzen und ihre thematischen Interessen die Seminarplanung von vorneherein prägen.

An einem oder zwei Beispielen, etwa aus dem Schul- oder dem Wohlfahrtsbereich, soll auch der wachsende (?) Einfluss nichtchristlicher Religionsgemeinschaften, etwa der jüdischen Gemeinden oder ausgewählter muslimischer Verbände auf die staatlichen Entscheidungen betrachtet werden.

Leitung: Prof. Dr. Jan Hermelink, Catharina Jacob
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 1. August bis 6. August 2022
Dauer: 5 Tage

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A3 / Die Macht der Ohnmächtigen. Kirche in der DDR

Die Kirchen in der DDR galten als einzige nicht staatlich kontrollierte Institutionen. Welche Gestaltungsspielräume sie dadurch hatten, wem sie Frei- und Schutzraum sein konnten, war zugleich immer Verhandlungsgegenstand. Kirche war kein machtfreier Raum, das zeigen die offenen und verdeckten Konfrontationen mit staatlichen Organen, aber auch innerkirchliche Debatten und Praxis. Gerade an den vermeintlichen Rändern des kirchlichen Wirkungsfeldes, wo umstrittenes Terrain bearbeitet, Neues gewagt, Grenzen ausgelotet ­wurden, wurde die Frage nach Macht und Ohnmacht der Kirche in der DDR virulent. Während die einen Kirche als Ort der Eman­zipation und Freiheit erlebten, bekamen ­andere die (nicht selten staatlich gewünschte) kirchliche Disziplinarmacht zu spüren.

Auf dem Jugendfestival JUNE fanden 1978/79 tausende Jugendliche aus der ganzen DDR in Rudolstadt einen Ort zur freien Begegnung, was nicht nur dem Staat ein Dorn im Auge war, sondern auch kirchenleitenden Funktionären. Ein drittes Mal durfte das Festival nicht stattfinden. Pfarrer*innen, die oft infolge von Repressionen und Auseinandersetzungen ­keinen anderen Ausweg wussten, als die DDR gegen den Willen ihrer Kirchenleitung zu ­verlassen, verloren ihre Ordinationsrechte und damit die Möglichkeit im Westen ihrem Beruf nachzugehen. Die Konflikte um die offene ­(Jugend-)Arbeit sowie der Umgang mit Flucht und Ausreise von Pfarrer*innen sind Beispiele abseits der dominierenden Erzählungen, anhand derer wir der Frage nach Macht und Ohnmacht in den evangelischen Kirchen in der DDR gemeinsam nachgehen wollen. Auch die Friedliche Revolution wird Thema sein. War Kirche 1989 wirkmächtig an einer »protestantischen Revolution« beteiligt?

Es wird Zeit sein für Impulsreferate, Textarbeit und spannende Diskussionen – auch über ­unsere eigenen Narrative und Bilder von DDR und Kirche. Geplant sind außerdem eine ­Exkursion nach Leipzig und Gespräche mit Zeitzeug*innen.

Leitung: Christina Steiner, Deborah Haferland
Veranstaltungsort: Klosterhof St. Afra Meißen

Zeitraum: 19. September bis 23. September 2022
Dauer: 5 Tage

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A4 / »Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker« – christliche Mission im 21. Jahrhundert?

Das Fragezeichen suggeriert erste Anfragen: Ist christliche Mission im 21. Jahrhundert zeitgemäß? Wird ihre Relevanz nicht demontiert durch Aufdeckungen der Verstrickung zwischen historischer Missionsarbeit und kolonialen Expansionsansprüchen (s. literat. Neu­erscheinung von K. Döbler, »Dein ist das Reich«)? Was ist mit der aktuellen Postkolonialismus- und Antirassismusdebatte?

Zunächst geht es um biblisch-theologische Grundlagen. Was steht tatsächlich im sog. »Missionsbefehl« in Matthäus 28? Die Lutherbibel 2017 übersetzt die Worte anders als das Zitat im Seminartitel. Dort heißt es: »Darum gehet hin und lehret alle Völker.« Wie kann dieser Auftrag heute verstanden werden?

Eine Exkursion ist geplant zur »Vereinigten Evangelischen Mission« in Wuppertal (VEM). Diese sagt von sich: Die VEM »ist eine inter­nationale Missionsgemeinschaft von 38 Mitgliedskirchen unterschiedlicher Traditionen in Afrika, Asien und Deutschland. Die Zusammenarbeit der Mitglieder basiert auf Gleich­berechtigung, sodass die Partnerschaft alle Richtungen umfasst: Nord – Süd, Süd – Nord und auch Süd – Süd.« Im Gespräch mit Mitarbeitenden wird Missionsarbeit lebendig. Am Beispiel von Namibia, ehemals deutsche Kolonie und Einsatzgebiet der VEM bzw. der früheren rheinischen Missionsgesellschaft, lassen sich historische Aufarbeitung und aktuelle Herausforderungen darstellen.

Die Lektüre von Texten zum Missionsverständnis ist von Bedeutung. Dazu zählen Dokumente der Weltmissionskonferenz in Arusha 2018, des Ökumenischen Rates der Kirchen und des Lutherischen Weltbundes.

Unerlässlich sind Stimmen aus dem globalen Süden. Eingeladen für Gastvorträge sind Wissenschaftler*innen und kirchliche Verant­wortungsträger*innen, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Sie sollen befragt werden, ob Mission heute noch zeitgemäß ist.

Gemeinsam treten wir in einen kritisch-kon­struktiven Diskurs (Kleingruppen, Textlektüre, Kurzpräsentationen, Gastvorträge, Exkursion, Diskussion), um zu erfahren, wie christliche Mission im 21. Jahrhundert aus einer evangelischen Perspektive verstanden werden kann.

Leitung: Dr. Christine Keim
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 15. August bis 19. August 2022
Dauer: 5 Tage

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