Sommeruniversität 2022

Unter dem Jahresthema 2022 »Macht!« vereint die Sommeruniversität 25 Seminare aus unterschiedlichen Disziplinen. Sie finden im März im Rahmen der Frühjahrsakademie in Nordwalde, im August in Haus Villigst sowie im September in Meißen statt. Hier wird gemeinsam gelesen, diskutiert und gefeiert.

Macht! lautet das Jahresthema, das über allen Seminaren der Frühjahrsakademie und Sommeruniversität steht. Wir planen erstmalig wieder alle Veranstaltungen in Präsenz durchzuführen.

Die Seminare nehmen interdisziplinäre Fragestellungen in den Blick und sind nach sechs fächerübergreifenden Themenblöcken gruppiert. Die Sommeruniversität lebt von einem breit gefächerten Austausch und deshalb freut sich das Studienwerk über die Teilnahme von Villigster­*innen aller Fachrichtungen und aller Semester – aktuell Studierende, Promovierende und Ehemalige – sowie besonders auch über Gäste, die Lust haben, ein Thema neu kennenzulernen oder vertiefend einzusteigen. Die Anmeldung für die Sommertermine erfolgt ab dem 10. Januar über das Intranet; aufgrund der begrenzten Anzahl an Plätzen wird eine schnelle Anmeldung empfohlen. Für die Frühjahrsakademie läuft die Anmeldung bereits.

Kurzfristige Änderungen aufgrund der Coronapandemie sind möglich!

Übersicht der Seminare 2022 nach Rubriken

Jahresthema 2022: Macht!

Ein einzelnes kraftvolles Wort mit unzähligen Möglichkeiten! Macht ist Stärke und Einfluss. »Macht!« ist ein Appell zu handeln, aktiv zu werden und sich für etwas einzusetzen. Mit dieser Idee hat in Villigst alles begonnen. Wir als Villigster*innen sind gefordert – uns aktiv ins Geschehen einzumischen, Hierarchien zu hinterfragen und zu reflektieren: Wann ist Macht wichtig und notwendig und wann geht sie zu weit? »Macht endlich was!«, rufen Menschen auf einer Demonstration als Aufruf an die Politik. Einige wollen die Straße nutzen, um die vorherrschenden Machtverhältnisse auf den Kopf zu stellen. Können so große Veränderungen erreicht werden oder braucht es dazu die Unterstützung von Führungspositionen? Die »Macht der Eliten« taucht oft in Verschwörungstheorien auf, doch in welcher Weise haben einflussreiche Personen in Politik, Wirtschaft, Kultur oder ­Wissenschaft tatsächlich eine besondere Macht? »Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.« So steht es im Artikel 20 des deutschen Grundgesetzes. Demokratie ruft damit auf: »Macht mit!«

Im deutschen Recht ist die Gewaltenteilung systemisch verankert. Doch was ist mit der vierten Gewalt, den Medien, und wer kontrolliert sie? Nicht nur, wenn Journalist*innen verhaftet und Medienbeiträge zensiert werden, wird die Macht der Medien missbraucht; auch durch Bots und die Verbreitung von Fake News in den sozialen Medien besteht die Gefahr der Beeinflussung. Ein geschickter Umgang mit Sprache hat die Kraft, Menschenmassen zu bewegen, was die Diktatoren des 20. Jahrhunderts mit ihrer Demagogie am deutlichsten zeigten. Deshalb ist es wichtig, die Macht der Worte zu kennen, sich aber auch gegen ihren Missbrauch zu wehren.

Doch Macht muss nicht immer Ungerechtigkeit bedeuten. In zwischenmenschlichen Beziehungen ist ein ungleiches Verhältnis von Macht durch Wissen und Erfahrung eine Voraussetzung, um voneinander zu lernen. So werden Erziehungs- und Bildungsprozesse ermöglicht. Wissen eröffnet Wege in neue ­Welten, ermöglicht die Meinungsbildung und schafft Unabhängigkeit: »Wissen ist Macht!« Doch ist diese Macht auch gerecht verteilt? Der Begriff »Bildungsaufsteiger*in« impliziert, dass es unterschiedliche Bildungsschichten gibt, die durch die soziale Herkunft und Situation der Eltern bestimmt sind. Insbesondere durch den Lockdown wurde die Ungleichheit noch verstärkt. Deswegen ist es wichtig, Wissen für alle zugänglich zu machen. Wie kann ­moderne Wissenschaftskommunikation gelingen? Wo Macht ist, ist auch Ohnmacht. Viele Menschen erfahren aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Sexualität oder ihrem Geschlecht Marginalisierung. Dies lässt sich nicht nur auf den Machtmissbrauch Einzelner zurückführen, sondern ist vor allem ein systemisches Problem. Deswegen ist es wichtig, die diskriminierenden Strukturen in unserer Gesellschaft, Kultur und unseren Institutionen zu erkennen. Neben ­äußeren Strukturen bestimmt auch das Unterbewusstsein unser Denken und Handeln. ­Daraus ergibt sich die Frage, inwiefern wir Macht über unseren eigenen Geist besitzen oder ob wir nur die Summe aus unseren Erfahrungen und Veranlagungen sind.

Global gesehen geht es oft darum, welches Land als »Weltmacht« anerkannt und respektiert wird. Aber wie demonstrieren diese Staaten ihre wirtschaftliche und militärische Stärke? So findet sich in der europäischen Geschichte die Unterdrückung anderer Nationen wieder. Durch die Kolonialisierung und Ausbeutung anderer Völker hat Europa eine Vormachtstellung in der Welt aufgebaut. Der Einfluss auf heutige globale Machtverhältnisse, aber auch auf Gesellschaft und Kultur, ist unabweisbar.

Fortlaufend verändert der Mensch die Erde. Ob durch Grenzen, Städte oder Mauern – wir haben begonnen, unsere Umwelt neu zu formen. Arzneistoffe, Düngemittel, Pestizide oder Gentechnik verleihen der Menschheit Kontrolle und Unabhängigkeit über die Natur. Es stellt sich hierbei die Frage, wer die Macht über wen innehält. Können Naturgewalten durch menschliche Kraft aufgehalten werden? Zerstört die Natur uns, wenn wir sie zerstören? Einige rufen in diesem Kontext auf: »Listen to the science!« Andere verweisen auf die ­Grenzen von Technokratie und Rationalität. Wissenschaft gibt uns eine Macht, die gesellschaftlich reflektiert werden muss. Gleichzeitig kostet Forschung Geld, das oft von politischen oder wirtschaftlichen Instanzen vergeben wird. Damit entscheidet sich, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse uns in Zukunft voranbringen werden. Wer macht Wissen?

Je tiefer wir forschen, desto komplexer wird die Welt und wir suchen weiter nach Antworten. Die Naturwissenschaften sind nicht die einzige Form, die Welt zu erklären. Dem Wortstamm nach ist das Wort Macht verwandt mit Magie. Menschen schreiben dunklen Mächten, Schutzengeln oder Glücksbringern eine besondere Kraft zu. Sprechen wir von Religionen, meinen wir in der Regel den Glauben an höhere, übersinnliche Mächte, die das Leben von Menschen beeinflussen oder gar bestimmen.

Im Glaubensbekenntnis bekennen Christ*innen ihren Glauben an Gott als den Allmächtigen. Dem gegenüber steht theologisch die völlige Ohnmacht Jesu am Kreuz als Inbegriff der Machtlosen und Geopferten. Mit der Schöpfung erschafft Gott mit der Macht des Wortes die Welt. Er macht den Menschen als Geschöpf nach seinem Bild, das außerhalb des Macht­bereiches von Gott freie Entscheidungen treffen kann. Gibt Gott an dieser Stelle etwas von seiner (All-)Macht ab und tauscht diese gegen Beziehung? Biblisch steht fest: Gott macht. Die Agape, die Liebe Gottes, sowie die menschliche Nächstenliebe bestimmen sich nicht als sinnliche Gefühlsliebe oder emotionale Sympathie, sondern auf der Handlungsebene. Die Bibel fordert: »Macht!«, statt nur zu denken und zu reden. Aus dem christlichen Menschenbild ergeben sich politische und ­gesellschaftliche Handlungsaufforderungen. Die Kirche setzt hier an. Aber welche Macht hat sie heute noch?

Kirchen als Bauwerke haben an Imposanz nicht verloren. In der Architektur treffen Kunst und Macht auf eine besondere Art zusammen. Die Möglichkeit der Raumgestaltung wird genutzt, um Machtverhältnisse auszubauen und für alle deutlich sichtbar zu machen. Auch in der Musik sind Machtstrukturen allgegenwärtig. Ist das Sprichwort »Chorleiten ist Diktatur« nur eine provokante Aussage oder vielleicht doch etwas Realität? Wer schwingt den Taktstock in der Musikbranche: Musiker*innen oder Produzent*innen? Als K-Pop-Star ist man zum Beispiel dem unmenschlichen Druck ausgesetzt, perfekt zu performen. Jedes Musikstück muss erfolgreich unterhalten. Was nicht anspricht, wird weggeklickt.

Doch Kunst ist viel mehr als nur Unterhaltung – sie kann ein Mittel sein, wichtige Impulse zu setzen. In der Geschichte gibt es viele bedeutende Beispiele wie die Fotos von Lewis W. Hine, die im frühen 20. Jahrhundert zum Symbol für den Kampf gegen Kinderarbeit wurden. Kunst ruft die Gesellschaft auf: Macht etwas gegen die Missstände!

Mit einem Wort: Macht! Gestaltet die Welt! Wir wollen diesen umfassenden Themenbereich aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Und vielleicht sollten wir uns dabei auch fragen, welche Macht wir als Villigster*innen haben. Nun ist es an Euch, einfach mal zu machen.

Sommeruni – made in Villigst!