Sommeruniversität 2022 – B ZWISCHEN NATUR UND TECHNIK

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Seminare:

Es werden die folgenden Seminare angeboten:

B1 / SpaceForce – Machtkampf ums All

Das All fasziniert die Menschheit schon jahrhundertelang, doch nie zuvor hat es einen derart starken Einfluss auf unser Leben genommen. Von GPS-Navigation über Onlinebanking zu Wettervorhersagen und vielem mehr, der Weltraum ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Das moderne Leben ist inzwischen von Satelliten im All abhängig.

Die juristische Debatte um den Weltraum dreht sich um etliche Fragen wie etwa: »Wem gehört der Mond?« Genauso beschäftigt sie sich mit Unsicherheiten und Ängsten, wie sie beispielsweise durch mögliche Spionage im Bereich der Nutzung von Satelliten zur Erd­fernerfoschung entstehen. Mit neuer Technologie, die der Menschheit noch weitere Wege und Perspektiven eröffnet, beginnt jetzt ein ganz neues Wettrennen um die Nutzung des Weltraums. Da neue Möglichkeiten für die kommerzielle Nutzung von Weltraumressourcen näherrücken, wird der Machtkampf immer deutlicher. Die NATO hat das All als die fünfte und neueste militärische Domäne neben Luft, Land, See und Cyberspace anerkannt. Mehrere Nationen – sowie auch einige private Unternehmer – haben bereits Pläne für die Besiedlung und Nutzbarmachung von Mond und Mars angekündigt. Und mittendrin wird (zu) leise von Weltraumverschmutzung, die unser ganzes Leben auf den Kopf stellen könnte, oder den Satelliten, die für unser ­tägliches Leben verantwortlich sind, geredet.

Das Weltraumrecht versucht schon seit den 1960er-Jahren, Konflikte zu verhindern, Staaten in Zusammenarbeit zu bringen und ungeklärte Fragen zu beantworten. Dazu greifen Welt­raumrechtler*innen auch auf das allgemeine Völkerrecht zurück, hinterfragen altbekannte Gesetze und schlagen neue Regelungen vor.

Dieses Seminar beginnt mit einer Einführung in das allgemeine Völkerrecht und in das Weltraumrecht. Es wird sodann versucht, die wesentlichen Fragen des Weltraumrechts durch interaktive, fallorientierte Diskussionen, Rollenspiele und Kurzpräsentationen zu erklären und den Teilnehmenden darüber hinaus einen Ausblick auf eine mögliche Zukunft des Weltraums zu geben.

Leitung: Katja Grünfeld
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 15. August bis 19. August 2022
Dauer: 5 Tage

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B2 / Was macht mein Hirn satt?

Die einfachste Antwort auf diese Frage lautet: Das macht satt, was für uns eine Belohnung ist. Gemäß den Neurowissenschaften verlangt eine der ältesten Gehirnregionen, das limbische System, quasi bedingungslos Belohnung. Die wichtigste Form der Belohnung ist das Aufrechterhalten von Gewohnheiten. In der gesamten Menschheitsgeschichte ist das Essen der Ort der sozialen Begegnung. Das Essen schafft kulturelle und soziale Zugehörigkeit. Ich werde dann satt, wenn ich das esse, was die anderen auch zu sich nehmen.

Meine Psyche kann darüber satt werden, dass ich mich gesellschaftlich verantwortungsvoll ernähre, beim Einkaufen und Essen etwa auf Nachhaltigkeit achte. Ich schließe damit die Intentions-Handlungs-Lücke, steigere mein Selbstwertgefühl und werde so psychisch satt. Ich werde dann satt, wenn ich das esse, was für mich bekömmlich ist. Die richtige Ernährung für alle – diese Überzeugung gehört der ­Vergangenheit an. Menschen verstoffwechseln sehr unterschiedlich. Meine Psyche könnte nicht satter, aber potenziell heiler werden, wenn ich in der Lage bin, mich nicht dem radikalen Schlankheitsideal heutiger Tage zu unterwerfen, also für mich diesbezüglich Spielräume entwickle und mein Selbstwertgefühl nicht von meiner Schlankheit abhängig mache. Essstörungen werden kulturell mit geformt.

In dieser Lehrveranstaltung soll erarbeitet werden, wie die unterschiedlichen psychologischen Schulen (Lerntheorien, Psychoanalyse, humanistische Ansätze, systemische Theorie) das Essverhalten erklären. Kulturwissenschaftlich soll geschaut werden, welche Bedeutung Schlankheit in Europa seit 2500 Jahren hat und wie Schlankheit Auslöser für Essstörungen werden kann. Ein individuell spezifisches Essen, das das individuelle Wohlbefinden steigert, kann auch als Lebenskunst begriffen werden. Daher soll das Spätwerk von Michel Foucault (»Technologien des Selbst«) mit einbezogen werden. Gemeinsam werden psychotherapeutische Fälle und dazugehörige Stundenprotokolle angesehen. Die gesamte Lehrveranstaltung ist nicht so konzipiert, dass alleine der Lehrende vorträgt, sondern als gemeinsame Diskussion und Reflexion.

Leitung: Prof. Dr. habil. Christoph Klotter
Veranstaltungsort: online

Zeitraum: 14. März bis 18. März 2022
Dauer: 5 Tage

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B3 / Geoengineering – planetare Macht

Angesichts der schleppenden Umsetzung von Maßnahmen zur Emissionsreduktion und des immer bedrohlicheren Ausmaßes der Klimawandelfolgen werden zunehmend Zweifel laut, ob eine Begrenzung des Klimawandels mit herkömmlichen Mitteln noch zu bewerkstelligen ist. Bereits 2006 befand Paul Crutzen, Nobelpreisträger und Miterfinder des Anthropozän-Konzepts, dass das Reduzieren von Treibhausgasemissionen ihm wie ein »frommer Wunsch« erscheint. Er forderte daher die Erforschung eines radikalen Eingriffs in das globale Klimasystem als Ganzes: das Einbringen von reflektierenden Partikeln in die Stratosphäre, die wie ein planetarer Sonnenschirm wirken und so die scheinbar unaufhaltsam ansteigenden globalen Durchschnittstemperaturen unter menschliche Kontrolle bringen sollen.

Dieses Seminar fragt nach den politischen Dimensionen, ethischen Aspekten und konzeptuellen Möglichkeitsbedingungen des so-genannten Geoengineering. Es blickt dabei einerseits auf die jüngeren Entwicklungen seit Crutzens Intervention, um die aktuell diskutierten Technologien und die sie begleitenden Fragen – z. B. nach Feldexperimenten, öffent­licher Akzeptanz, der Rolle von Modellen, ­Kosten-Nutzen-Abwägungen und rechtlichen Rahmenbedingungen – zu beleuchten. Andererseits taucht das Seminar in die Geschichte der Kybernetik, der Erdsystemwissenschaft und des Kalten Krieges ein, um gegenwärtige Entwicklungen historisch einzuordnen und damit neue Sichtweisen auf das Geoengineering, sowie auf verwandte Diskussionen, z. B. zum Thema Anthropozän, zu ermöglichen.

Anhand von Texten aus den Science and Technology Studies, der Sozial- und Kulturanthropologie, der politischen Theorie und verwandten Disziplinen werden wir aus interdisziplinärer Perspektive die Möglichkeiten und Grenzen einer Welt erkunden, die maßgeblich als Planet gedacht wird – als Planet, dessen Systeme »der Mensch« aus dem Gleichgewicht gebracht hat und die von nun an durch »ihn« gemanagt werden müssen.

Leitung: Dr. Stefan Schäfer
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 1. August bis 6. August 2022
Dauer: 6 Tage

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