Im CO2-Tunnelblick: Die unsichtbaren Kosten des Rohstoffbedarfs der EU-Klimapolitik
Bis 2050 will Europa klimaneutral werden – doch zu welchem Preis? Mit dem Grünen Deal verfolgt die EU einen öko-modernen Transformationsansatz, der technologische Innovationen und wirtschaftliches Wachstum in den Mittelpunkt der europäischen Dekarbonisierungsstrategie stellt. Während unteranderem mit dem Umstieg auf Elektromobilität im Rahmen einer Antriebswende die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie erhalten werden soll, verstärkt die erhöhte Nachfrage nach metallischen Rohstoffen für die ›grünen‹ Technologien geopolitische Spannungen und neue Abhängigkeitsverhältnisse. Die ökologischen und sozialen Folgen des Rohstoffabbaus – vorrangig ausgelagert auf den Globalen Süden oder in die europäische Peripherie – bleiben in der klimapolitischen Debatte jedoch meist nebensächlich.
Aus Sicht der feministischen Umweltforschung und Ökonomiekritik trägt der öko-moderne Transformationsansatz der EU zur Reproduktion patriarchaler und (neo)kolonialer Strukturen bei. Theoretikerinnen wie Mary Mellor, Astrid Ulloa oder Maristella Svampa stellen heraus, wie Natur und reproduktive Prozesse im Kapitalismus externalisiert und angeeignet werden und somit das Fortbestehen gesellschaftlicher Machtasymmetrien begünstigen. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang im sogenannten grünen Extraktivismus: Wirtschaftsstrategien, die auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruhen, werden im öko-modernen Diskurs als notwendige Voraussetzung zur Bewältigung der Klimakrise legitimiert, während die Abbaugebiete von ›strategischen Rohstoffen‹ wie Lithium oder Kupfer zu sogenannten »sacrificezones« für den ›grünen‹ Wandel degradiert werden.
In diesem Seminar beleuchten wir die blinden Flecken der europäischen Dekarbonisierungsstrategie, diskutieren die vermeintliche Alternativlosigkeit des öko-modernen Ansatzes und erarbeiten gemeinsam Analysekonzepte und kritische Ansätze aus der lateinamerikanischen und Feministischen Politischen Ökologie. Theoretische Grundlagen zu gesellschaftlichen Naturverhältnissen und Ressourcenpolitik werden dabei mit konkreten Fallbeispielen von Bergbauprojekten, Möglichkeiten der politischen Einflussnahme und lokalen Widerstandsbewegungen ergänzt. Ausgehend vom Konzept der globalen Umweltgerechtigkeit erschließen die Teilnehmenden schließlich alternative Perspektiven auf eine sozial-ökologische Transformation.
Im Mittelpunkt des Seminars steht die kritische Auseinandersetzung mit der europäischen Klimapolitik, dem globalen Ressourcenverbrauch und der Bedeutung unserer natürlichen Lebensgrundlagen für die Bekämpfung der planetaren Dreifachkrise. Anhand von Impulsvorträgen, Gruppenaktivitäten (unter anderem Stationenarbeit, Gestaltung und Präsentation von Plakaten, Open Space) sowie der gemeinsamen Diskussion zentraler Texte und (Kurz-)Dokumentationen sollen die Teilnehmenden befähigt werden, die europäische Klimapolitik und deren globale Implikationen im Kontext der Rohstoffgerechtigkeit aus einer machtkritischen Perspektive zu analysieren und reflektieren.
Seminarleitung: Elisa Thomaset
Anmeldestart und Anmeldeschluss werden im Intranet bekannt gegeben. Weitere Informationen sind im Intranet zu finden.