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Geistliche Impulse

Fastenimpulse

Ein lächelnder Mann mit Brille und Bart vor grauem Hintergrund.

»Mit Villigst verbinde ich vor allem einen wohlwollenden Umgang miteinander und das Interesse aneinander.«

Fastenimpulse

Während der Fastenzeit veröffentlichen Villigster*innen an dieser Stelle wöchentlich Impulse.

7. Fastenimpuls: Furcht und große Freude

Wo ist noch Freude in dieser Welt? Eine Frage, die vielleicht hochkommt, schaut man sich das aktuelle Geschehen auf der Welt an. Kriege werden geführt, Menschen sterben an Gewalt, Hunger, Kälte oder auf der Flucht; der Klimawandel scheint die große Politik nicht zu interessieren und die Gewalt gegenüber Frauen und allen, die von patriarchaler Gewalt betroffen sind, nimmt an Vielfältigkeit und Härte zu. Nach dem Nachrichtenlesen bleibt man zurück mit einem Gefühl der Machtlosigkeit, Ohnmacht und vielleicht auch der Angst.

Schauen wir uns den Rahmen von Mt28,8 an, sehen wir Frauen, die um Jesus trauern; dessen Tod sie schmerzt. Die sich durch Jesu Tod vielleicht genauso ohnmächtig fühlen wie wir heute, wenn wir uns in einer Krise oder dunklen Zeit im Leben befinden.
Die Frauen kannten Jesus und seine Botschaft; dass er der Messias ist, der Liebe und Frieden bringt. Und eine positive, hoffnungsvolle Zukunft. Und der dann stirbt. Und all dies scheint verloren zu sein. Und diese Frauen gehen in Trauer zum Grab und was geschieht dort? Das Grab ist leer, Jesus nicht mehr da, ein Engel spricht zu ihnen, sie sollen loslaufen und die Botschaft des leeren Grabes den Jünger*innen Jesu erzählen. Den Jünger*innen, die ebenfalls voll Trauer sind.

Und die Frauen? Sie machen, was der Engel ihnen befohlen hat. Voll neuer Hoffnung? Neuen Mutes? Neuer Zuversicht? Und auf ihrem Weg, da begegnet ihnen Jesus.

Mit großer Sicherheit hat ihnen dies – vom leeren Grab bis zur Begegnung Jesu – die Angst genommen und in ihnen wieder Mut und Hoffnung für die Zukunft aufflammen lassen.

Blicken wir auf dieses Wochenende, sehen wir Ostern. Ostern kann unser Mut- und Hoffnungsbringer sein; uns Licht in dunklen Momenten geben. Es ist das Fest der Liebe, Gnade und Hoffnung. Was verloren schien, ist es nicht.

Vielleicht schaffen wir es an Ostern, unsere Ängste und belastenden Gedanken abzulegen und Jesus zu geben. Und aus seiner Auferstehung Kraft und all das zu schöpfen, was wir brauchen. Damit wir nicht mehr ängstlich durch die Welt gehen, sondern gestärkt durch seine Liebe und sein Opfer am Kreuz, das uns so viel gibt. Das uns all dies und seine Liebe weitermachen und nicht aufgeben lässt. Vielleicht können wir zulassen, dass Ostern uns positiv prägt in dieser Zeit; sodass wir mit Hoffnung und positiv Richtung Zukunft gehen können mit dem Wissen: Wir sind nicht allein, Gott umgibt uns. Und mit dem Wissen, dass Ostern bringt: Trotz allem seid getrost! Denn Jesus hat die Welt überwunden (Joh 16,33).

Von Grundstipendiatin Lisa-Marie

6. Fastenimpuls: Sanfte Töne

Das Cello ruht auf meiner Brust. Bei all den Instrumenten im Raum muss ich nicht lange überlegen, welches ich wähle. Es fühlt sich einfach richtig an. Ich nehme den Bogen in meine Hand und streiche damit über die Saiten. Ich höre: Der Klang durchdringt meinen ganzen Körper. Mächtig. Melancholisch. Aber auch ruhig. Die Anspannung der letzten Wochen löst sich in mir. Meine Emotionen lege ich in die Saiten und lasse mich treiben von der Musik.
Es ist das erste Mal, dass ich so ein Instrument in der Hand habe. Meine Finger gleiten über das Griffbrett; sie wissen noch nicht, wo sie greifen sollen. Noch klingt das alles schief. Aber es sind meine Töne. Und während sich meine Finger auf die Suche begeben, macht sich im Innern meine Seele auf den Weg.

David wird gerufen; Saul ist mal wieder besessen von einem bösen Geist. Eigentlich eine antiquierte Vorstellung. Heutzutage würde man Saul eher mit einer psychischen Erkrankung diagnostizieren, ihn in eine psychiatrische Klinik überweisen. Man würde Saul nicht seinen Hirnwindungen überlassen, sondern Psychotherapeut*innen zur Seite stellen und ihn in einem Setting behandeln. Und doch ist diese Geschichte zeitlos. Die bösen Geister haben nun andere Namen: Depression, Angststörung, Sucht und Trauma suchen uns immer noch heim. So veraltet Davids Harfentherapie auch scheinen mag, ist sie doch nicht obsolet. Man könnte sagen, David war der erste Musiktherapeut.

Damals wie heute nimmt die Musiktherapie einen Raum jenseits der Gesprächstherapie ein. Denn Musik vermag das auszudrücken, was Worte nicht sagen können. Es ist daher kein Wunder, dass Musik in der Kirche – auch in der evangelischen, die sonst immer auf das Wort fixiert ist – einen zentralen Platz hat. Welches Wort würde denn ausreichen, um Gottes Größe zu beschreiben? Was sonst kann das Herz erreichen, wenn das Reden von Trost und Hoffnung zur Plattitüde wird? Was klingt lauter als jede formulierte Bitte und Klage? Es ist die Musik, die schon mit simplen Tonfolgen unmittelbar zu unserer Seele spricht und facettenreiche Emotionen zum Ausdruck bringt. In ihr offenbart sich Gott. Musik verbindet. Sie gibt uns eine Sprache, wenn Worte nicht mehr ausreichen. Ob man alleine musiziert, mit anderen zusammen, oder einfach nur zuhört, Musik lässt uns fühlen. Sie holt uns aus unserer eigenen Welt eine Form. Und sie ermöglicht uns, die Welt unseres Nächsten zu besuchen.

Und so möchte ich Dich einladen, Worte zu fassen. Einfach mal nur zu spüren. Und achtsam zu werden für das, was hinter den Worten liegt. Für Saul war das sehr heilsam.
Wir hören auf zu spielen. Ich muss zugeben, dass mein Cello sehr laut ist. Ich habe mich so sehr auf mich und mein Instrument fokussiert, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie das Cello alles andere übertönt. Aber ich bin kein Solist. Wir spielen nochmal, diesmal etwas leiser. Ich höre genauer hin, nicht nur auf mein Instrument. Und in unserem gemeinsamen Klang entsteht etwas größeres als die Melodie meines Cellos: Harmonie.

Von Grundstipendiat Felix

5. Fastenimpuls: Nachfragen

Nachfragen: »ein Gegenmittel zu einem harten Gesprächsabbruch (…), gerade wenn es um Fragen von Mitgefühl und Nächstenliebe geht.« So positionieren die Initiatoren der diesjährigen Fastenwoche das Nachfragen als Beitrag zu einem Leben ohne Härte.
Fragen: der Beginn des Prozesses gewaltfreier Verständigung, der Anstoß zum »zwanglosen Zwang des besseren Arguments«. Fragen, Argumentieren, sich Verständigen als Kern deliberativer Demokratie, so wie sie nicht nur dem jüngst verstorbenen Jürgen Habermas vorschwebte. Nicht Macht, sondern das Argument soll der entscheidende demokratische Faktor sein.
Aber schon die Frage »Was zählt als Argument und aus welchen Quellen darf es seine Kraft beziehen?« lässt ahnen, dass »fragen« nicht von Machtfragen zu trennen ist. Und auch das Fragen als Akt der Distanzierung und als Element der Emanzipation, der Befreiung von vermeintlich selbstverständlichen Gepflogenheiten, enthält ja ein Moment von Gegen-Macht.

»Und wer ist mein Nächster?« Das ist keine Nachfrage, die auf ein Gespräch, die auf Verständigung aus ist. Es gibt etliche solcher auf Verständigung ausgerichteter Fragen in der biblischen Tradition, zentral die in Dtn. 6,20: »Und wenn dein Sohn dich morgen fragt: Was sind das für Verordnungen (…), die unser Gott geboten hat?«
Die Frage „Und wer ist mein Nächster“ gehört nicht dazu. Sie ist keine Gesprächseröffnung, sondern dient der Rechtfertigung, dem Recht haben, dem Beharren auf der eigenen Position, darüber bestimmen zu können, wer als Nächster anerkannt wird.
So wie die erste Frage in der Bibel keine verständnisorientierte ist, sondern eine, in der es um Macht geht, nämlich die listige Frage: »Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?« (Gen 3,1). So wie die erste Frage Gottes nicht verständnisorientiert ist, sondern eine Pro-Vokation. »Wo bist du Mensch?«, Mensch, der du meinst, dich verstecken zu müssen.
So wie der erste Austausch von Fragen zwischen Gott und Mensch nicht verständnisorientiert ist, sondern ein Duell auf Leben und Tod. »Da sprach der HERR zu Kain. Wo ist dein Bruder Abel?« (Er liegt bekanntlich ermordet auf dem Acker.) »Er sprach: Ich weiss es nicht. Bin ich denn der Hüter meines Bruders?« (Gen 4,9).

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter, die Jesus dem Gelehrten erzählt, der sich vom unmittelbaren Tun des Gebotes »liebe deinen Nächsten« mit der Frage distanziert »und wer ist mein Nächster?« und so in der Position der Autonomie verbleibt, die Geschichte vom barmherzigen Samariter endet mit der Gegenfrage Jesu »wer von den dreien, meinst du, ist dem, der unter die Räuber fiel, der Nächste geworden?«

Diese Gegenfrage kehrt das in der rechtfertigenden Ausgangsfrage vorausgesetzte Verhältnis von Selbst und Nächstem um. Entscheidet in der Ausgangsfrage das Selbst darüber, wer der Nächste ist und verhält sich also das Selbst zu möglichen Nächsten, so ist in der Gegenfrage umgekehrt dem Selbst die Entscheidung über den Nächsten entzogen. Der Nächste ist in Jesu Gegenfrage nicht der hilfsbedürftige Notleidende, sondern eben dessen Helfer; der, der ungefragt da ist; der, auf den man angewiesen ist, ohne ihn sich aussuchen zu können. Es sei denn, man verzichte auf sein Leben, um auf seiner Autonomie zu beharren.

Jesus bringt die Fraglosigkeit einer fundamentalen Hilfsbedürftigkeit ins Spiel.
Von ihr aus, von der mit dem verletzbaren Körper gegebenen Angewiesenheit auf andere aus versucht Jesus die Frage zu beantworten und ihr zugleich den Boden zu entziehen: »Und wer ist mein Nächster?« Die Antwort liegt jenseits von Verständigung und jenseits souveräner Macht, nämlich darin, die Ohnmacht der Nähe zuzulassen.

Von Werkspfarrer Markus Hentschel

4. Fastenimpuls: Mitgefühl

Mitgefühl. Die Zeiten machen es dem Mitgefühl nicht leicht. Überall Konflikte, die Klimakrise wird fast wegignoriert, und jetzt auch noch im Iran: ein neuer Krieg! Man hat den Eindruck, Mitgefühl als handlungsleitendes Prinzip spielt keine Rolle mehr.

Krieg, das kennen wir leider in Deutschland. Auch Vorfahren von mir haben im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Von einem sind Briefe überliefert. Er hat sich freiwillig gemeldet, als Offizier im Nazi-Deutschland. Er ist voller Überzeugung in den Krieg gezogen. Und doch hat auch er Mitgefühl gehabt. Es gibt liebevolle Briefe an seine schwangere Frau, in denen er sich auf ihr gemeinsames Kind freut. Auch für seine untergebenen Soldaten zeigt er Mitgefühl, ja sogar für den »Feind«. Er schreibt mit Respekt über die französischen Soldaten, die seine Einheit in Gefechten besiegt hat. Und dennoch: Er ist voller Überzeugung in diesen Krieg gezogen. Nach wenigen Monaten ist er gefallen, kurz vor der Geburt seines Kindes. Und ist damit einen völlig sinnlosen Tod gestorben.

Das Mitgefühl, das er in sich trug, hatte keine Chance, etwas zu verändern. Es konnte nicht handlungsleitend werden. Es hatte keine Chance gegen seine Überzeugung, dieser Krieg sei richtig, und nicht gegen die allgemeine Kriegstreiberei, gegen den Hass, gegen den Wahnsinn.

Und heute? Welche Chance hat das Mitgefühl heute? Darf man überhaupt noch hoffen, dass Mitgefühl zum handlungsleitenden Prinzip wird? Bei all dem Wahnsinn, der gerade passiert?

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einem Café. An einem Freitagvormittag, für mich eher ungewöhnlich. Es ist gut gefüllt. Viele ältere Menschen sind hier, zu zweit oder in Gruppen. Es wird gemeinsam gefrühstückt, Kaffee getrunken, man tauscht sich aus. Es scheinen viele Grüppchen von alten Freund*innen zu sein, die hier zusammenkommen, vermutlich regelmäßig. Man zeigt sich Bilder auf dem Handy, vielleicht vom Urlaub, vielleicht von den Enkelkindern. Ich sehe viele fröhliche Gesichter, gute Gespräche, Anteilnahme am Leben der anderen. Viel Mitgefühl.

Und das in diesen Zeiten? Ist das nicht Flucht, Eskapismus, die Augen verschließen, sich sagen »Was kann ich schon machen?«
Ich denke nicht. Ich denke, dass das Mitgefühl mit meinen Nächsten, meinen Liebsten, immer der erste Schritt dafür ist, dass Mitgefühl als Prinzip gelten kann. Der nächste Schritt ist das weitere Umfeld, also Mitgefühl im Studium, im Beruf, in Institutionen, in Gesetzen und Regelungen zu verankern. Sich auch politisch für Mitgefühl einzusetzen, in Parteien, auf Demonstrationen, bei den Wahlen. Nur so kann es zu einem allgemeinen Prinzip werden. Aber zuerst, da braucht man es immer im eigenen Umfeld. Schon allein, um nicht gelähmt zu werden, angesichts des Wahnsinns in der Welt.

Denn eins ist klar: Ich allein kann den Wahnsinn nicht verhindern, sei es bezogen auf Kriege oder die Klimakrise. Das kann man nur gemeinsam. Mit Menschen. Mit Gefühl.

Von Studienleiter Dr. Michael Weichbrodt

3. Fastenimpuls: Verletzlichkeit

Ja, es ist ein Risiko, sich jemandem anzuvertrauen. Ein Risiko, sich auf andere Personen zu verlassen. Wenig schmerzt so sehr wie enttäuschte Hoffnung und missbrauchtes Vertrauen. Jesus hat sich in der Stunde seiner höchsten Not, als er verzweifelt und mutlos war, an seine Freundinnen und Freunde gewandt und sie um Beistand gebeten, und statt seine einzige Bitte zu erfüllen schlafen sie ein. Ich höre die Enttäuschung in seinen Worten: »Simon, du schläfst?« Es ist eine Erfahrung, die wir alle vermutlich einmal machen mussten. Vielleicht waren wir sogar diejenigen, die nicht wachbleiben konnten für andere.

Es zeigt: Wer vertraut, macht sich verletzlich. Wer hofft und glaubt, lässt seine Deckung fallen. Wer Zuversicht zulässt, legt seinen Panzer ab. Da ist nicht mehr der Zynismus, den ich mir antrainiert habe, um den Gräueln dieser Welt trotzen zu können. Keine rettende Ignoranz, mit der ich mich vor unangenehmen Erfahrungen verstecke. Nicht mehr diese »emotionale Hornhaut«, mit der ich als abgeklärter Erwachsener das Leid achselzuckend zur Kenntnis nehme.

Aber warum sollte ich überhaupt die Verletzlichkeit riskieren? Schwach und verletzlich, wer will das schon sein in einer Welt der Schulhofschläger im Präsidentenamt und der hetzerischen Brüllaffen in den Parlamenten?

Ja, hinter den Mauern ist es sicher. Aber ich bin blind gegenüber meiner Umwelt, meinen Mitmenschen.

Nur wenn ich die Verletzlichkeit wage, kann ich auch Empathie, Mitgefühl, ja, echte Nächstenliebe jenseits der Lippenbekenntnisse spüren. Wenn die Mauern eingerissen sind, kann wieder frischer Wind durch mein Herz wehen. Dieser Wind kann aber auch schnell in einen beißenden Sturm umschlagen, und gegen diese Schäden gibt es keine Versicherung. Es ist ein schmaler Grat zwischen Abschottung und legitimem Selbstschutz.

Jesus hat es gewagt, sich verletzlich zu machen. Er vertraute darauf, dass seine Freundinnen und Freunde ihm beistehen, und wurde enttäuscht. Es ist die erste Verletzung in einer Reihe von schmerzhaften Erfahrungen, von Verrat, Demütigung, Gewalt, Leid und schließlich Tod. Er wusste, dass seine Verletzlichkeit ihn angreifbar macht, und er hat es dennoch gewagt. Vielleicht kann uns sein »Trotzdem« ein Vorbild sein, wenn wir die Verletzlichkeit riskieren. Die Alternative ist eine Welt blinder Herzen.

Von Grundstipendiat Sebastian

2. Fastenimpuls: Weite

Was, wenn es okay ist, viel zu fühlen? Dann würden wir einander nicht mehr mit Verurteilung für Angst, Sorgen oder Ärger begegnen, sondern mit Verständnis. Wir müssten uns nicht mehr für unsere Gefühle schämen, sondern könnten sie ausdrücken – zum Beispiel, indem wir anderen Menschen sagen, dass wir sie lieb haben. Und wir würden unsere Gefühle weniger zerdenken und mehr empfinden.

Denn es gibt so viel zu fühlen: Freude, Angst, Trauer, Wut, Ekel … Worte können diese Vielfalt manchmal gar nicht beschreiben. Sie können uns aber ermöglichen, Verbindung herzustellen. Dass wir sagen können, dass wir das Eine fühlen und das Andere. Dass wir etwas trotzdem fühlen bzw. gleichzeitig.

Ja, wahrscheinlich macht es das komplexer, widersprüchlicher. Aber wahrscheinlich auch authentischer und leichter. Denn wir müssen uns nicht entscheiden, was wir fühlen. Alles darf uns berühren.

Oft haben wir ein ganz enges Verständnis davon, was okay ist und was nicht. Was wir fühlen dürfen und was nicht. Aber kann ein Gefühl überhaupt verboten sein? Oder sind es eher unsere Gedanken, die etwas verurteilen, wenn etwas anders kommt als geplant?

Gefühle sind unplanbar. Wir können nicht entscheiden, was wir empfinden, nur, wie wir damit umgehen. Und was dabei hilft, ist Offenheit, Neugier für das, was wir erleben. Um neue Perspektiven einzunehmen, um zu sehen, was es noch alles gibt, was wir gerade nicht gefühlt haben und was vielleicht darauf wartet, wahrgenommen zu werden. Um unser Herz zu öffnen.

Vielleicht fragt Ihr Euch auch manchmal: Kann ich das überhaupt alles gleichzeitig empfinden? Es ist jetzt schon so viel los. Wie soll ich da Kapazitäten für noch mehr haben? Dann atmet tief ein und seid Euch sicher: In Eurem Herzen ist genug Platz. Vor allem für Liebe, Hoffnung und Gemeinschaft.

Und Ihr seid nicht allein. Wir können miteinander mitfühlen, Gefühle teilen und über sie reden. Einander unser Herz öffnen.

Seht diesen kurzen Text also als eine Einladung, einmal die Grenzen Eurer Gefühlsvorstellungen zu fasten. Die Tore Eures Herzes weit zu öffnen und zu schauen, was es noch alles gibt. Jedes Gefühl ist erlaubt.

Von Grundstipendiatin Jette

1. Fastenimpuls: Sehnsucht

Worte, die Salomo träumt. Wünsche, die Gott erfüllt – im Traum. Eine pazifistische Sehnsucht, die zunehmend als eben bloß naiver, realitätsblinder Traum verhöhnt wird. Den Anbetern der Realität wird Salomo, wenn er erwacht: ein ganzer Kerl, ein richtiger Mann, ein Herrscher, der handelt, ein Souverän, der entscheidet, der seine Interessen durchsetzt, dem die Unterscheidung von Gut und Böse lediglich als moralistisches Gutmenschentum gilt.

Ich bleibe im Traum, der in nuce die Wirklichkeit der Tora darstellt:

Ein Mann, dem Gewalt noch fremd ist, dem Gewalt noch nicht Teil der »männlichen DNA« geworden ist. Das gibt es: Jungen, die weit entfernt davon sind, ans Schlagen sich zu gewöhnen, die verwirrt und verständnislos und ohne sich wehren zu können, dem Mobbing der Nachbarskinder begegnen. Das soll es geben, Männer, die »das Kriegshandwerk nicht mehr lernen« (Micha 4,3) oder nicht mehr und nicht wieder lernen wollen (GG Artikel 4, Absatz 3), die nicht kämpfen wollen, weil sie ihre neue Wohnung noch nicht eingeweiht (Dtn 20,5), den Wein der ersten Trauben nicht genossen (Dtn 20,6), mit ihrer Geliebten noch nicht geschlafen (Dtn 20,7) oder schlicht Angst haben (Dtn 20,8).

Ich bleibe im Traum: beim Herz, das hört; bei den Sinnen und dem Verstand, die empfangen und vernehmen und offen sind für die Belange und Bedürfnisse der anderen.

Der/die große Hörende ist Gott, ganz Ohr für die Schreie derer, die der Gewalt ausgesetzt sind. Und darum bedeutet das Grundgebot »Höre, Israel! Der Ewige, unser Gott ist eins« (Dtn 6,4) das sich Ausrichten auf Gott, der/die im Hören zugleich Erbarmen ist, zugleich Recht schafft seinem/ihrem Volk.

Ich bleibe im Traum: dem Traum vom Recht, nicht als Ausdruck von Herrschaft, sondern als Konsequenz des Hörens auf… Salomo träumt nicht davon, seinem Volk Recht zu schaffen, so als ob er über das Volk verfügen könnte, sondern spricht vom Volk als Gottes Volk, des Gottes, der hört, des Gottes, der Recht schafft. Salomo träumt sich als Diener des Rechts, das ihm gesetzt ist.

Es verstört mich, wie gegenwärtig staatliche Akteure zunehmend sowohl nach innen wie nach außen das Recht miss- und verachten, Urteile z. B. des Bundesverfassungsgerichtes zur Klimagerechtigkeit ebenso ignorieren wie Urteile des Europäischen Gerichtshofes zum Asylrecht.

Ich trete aus dem biblischen Traum heraus und betrete das Gebiet der rechtswissenschaftlichen Hypothesen und zitiere aus dem 1920 in 1., 1928. in 2. Auflage erschienenen Buch des Rechtswissenschaftlers Hans Kelsen dem 1933 in Deutschland die Lehrerlaubnis entzogen wurde, »Das Problem der Souveränität und die Theorie des Völkerrechts«. Kelsen plädiert für einen Primat des Völkerrechts gegenüber der staatlichen Souveränität. Denn der »Zwillingsbruder« (318) einer konsequenten, eben rechtlich selbst nicht mehr gebundenen Staatssouveränität ist für Kelsen der Imperialismus. »Die Rechtseinheit der Menschheit, die nur vorläufig und keineswegs endgültig in mehr oder weniger willkürlich gebildete Staaten gegliedert ist, die Civitas Maxima als Organisation der Welt: das ist der politische Kern der juristischen Hypothese vom Primate des Völkerrechts, das ist aber zugleich der Grundgedanke des Pazifismus, der auf dem Gebiete der internationalen Politik das Gegenbild des Imperialismus darstellt« (319).

Von Werkspfarrer Markus Hentschel