Adventsimpulse
»Villligst ist für mich vor allem die Gemeinschaft untereinander. Menschen aller Generationen treffen sich und sind bewegt, gemeinsam Zukunft zu gestalten – in Villigst und vor Ort«
Impuls zum 3. Advent
Ob in der Telefonschleife bei der Krankenkasse, beim Blick auf das noch immer leere Postfach oder auf dem windigen Gleis in Kassel-Wilhelmshöhe – auf etwas oder jemanden zu warten macht selten Freude. Warten kostet uns Nerven, ist ungemütlich, mitunter angsteinflößend.
Warten ist eine Schwelle, ist weder das, was war, noch das, was noch kommt. Ist ein Zwischenzustand, der sich irgendwie nur durch das auszuzeichnen scheint, was er nicht ist. Ist ein »Dazwischen«, das mitunter nur schwer auszuhalten ist.
Ich habe in den letzten Wochen viel Zeit mit Warten verbracht. Warten in einem Hospiz, einem Ort also, der für viele mit Trauer verbunden ist, mit Abschiednehmen. Im Warteraum des Hospizes habe ich beobachtet, wie erst die erste und dann die zweite Kerze angegangen ist. Vermutlich werde ich auch der dritten Kerze noch beim Flackern zusehen. Ich kenne sie inzwischen ganz gut, die braunen Sofas, das Mosaik an der Wand, die Pinnwand mit organisatorischen Hinweisen. Ich weiß, wie viele Sekunden die automatischen Türen brauchen, um sich ganz zu öffnen, und wie das Desinfektionsmittel neben dem Eingang riecht.
Der Warteraum ist funktional, kein Ort, der zum Verweilen einlädt. Auch ein Zwischenraum. Aber mit der Zeit mache ich mich mit ihm bekannt. Ich grüße den Herrn am Empfang, der immer die Abendschicht hat, ich blättere durch die ausliegenden Flyer und lese alle Aushänge. Mache aus Wiederholungen Gewohnheiten. Niste mich ein. Ich erwarte keine Veränderung und bin daher umso überraschter, als ich eines Abends durch die Glastüren trete (drei Sekunden) und vor einem Weihnachtsbaum stehe. Ein Weihnachtsbaum, geschmückt mit durchsichtigen Kugeln und darin: Weihnachtswünsche der Bewohner*innen. Mit lila Bändern für Kinderwünsche und silbernen für die Senior*innen. Ich pflücke zwei Kugeln vom Baum, ziehe die Jacke aus und setze mich.
Lina wünscht sich einen Pullover und einen Kuschelotter. Frau J. wünscht sich Blumen. Und auf einmal ist mein Warten mit etwas Neuem gefüllt: mit Recherche und Geschenkeinkäufen und Plänen. Ich habe ja Zeit, also scrolle ich mich durch die Seiten von Kuscheltierherstellern und schreibe meinem Gärtnerbruder. Und obwohl ich immer noch auf den altbekannten Sofas sitze, öffnet sich meine Perspektive über die gelben Wände des Besuchsraums hinaus. Beinahe beiläufig wird aus dem Warten ein Tun und mein Blick wird weiter.
Von Franziska Schade, Studienleiterin Ideelle Förderung / Bildungsprogramm
Impuls zum 2. Advent
In den letzten Jahren habe ich mich intensiv mit literarischen Utopien beschäftigt. Aber nicht mit den positiven. Gerade die dystopischen Werke haben es mir angetan: Sie zeigen Abgründe auf, halten den Spiegel vor und sie warnen – vor einer mehr oder weniger entfernten Zukunft, die besser nicht zur Realität werden sollte. Immer häufiger fühlt es sich aber so an, als lebe ich bereits in einer Dystopie. Ein Blick ins Internet, in die TV-Nachrichten oder um mich herum lässt mich zweifeln, warum diese oder jene gruselige Vorstellung von Zukunft nur eine Fantasie sein soll.
Viele Werke dieses Genres präsentieren eine gleichgeschaltete Gesellschaft. Eine deutliche Faschismuskritik. Individualität? Nicht zu gebrauchen. Kultur? Abschaffen. Vergangenheit? Ausradieren! Was wäre es für eine Welt, in der niemand aus den Fehlern der Geschichte lernt, weil sie keine/r mehr kennt? In der Kunst, Literatur und Musik einzig der Propaganda dienen und nicht zum Denken und Genuss anregen? In der sich jeder nach einem Muster verhält, in eine Rolle gepresst, weil für ein Ich mit Ecken, Kanten und Fehlern kein Platz ist? Wäre das nicht schrecklich? Es gibt keinen Glauben; statt Gott ist da allenfalls »Big Brother« (Orwell) oder »Our Ford« (Huxley), Überwacher oder fader Gott-Ersatz. Vertrauen? Fehlanzeige. Weder in sich selbst noch in andere. Funktionieren und Anpassen als Lebenszweck und Überlebensstrategie. Frei nach Matrix: »Willkommen in der Wüste der Wirklichkeit.«
Auf mein literarisches Hobby angesprochen, wurde ich kürzlich gefragt: »Können Sie überhaupt noch schlafen?«. Tatsächlich ja. Aber warum eigentlich? Schließlich kann einen leicht der Mut verlassen und die Angst überhand nehmen, wenn man von so vielem Negativen umgeben ist – in der Literatur und im wirklichen Leben. Selbst in einer Zeit der Freude, der Erwartung, dem Advent. Denken Sie manchmal auch, wenn Sie über einen funkelnden Weihnachtsmarkt schlendern, den Duft gebrannter Mandeln in der Nase: »Zu schön, um wahr zu sein.«? In einer Zeit, in der demokratiefeindliche Kräfte massiv an Einfluss gewinnen, unsinnige Kriege Opfer fordern und Not und Elend allgegenwärtig sind? Alles Anlässe für sorgenvolle, schlaflose Nächte.
Aber: Dann ist da dieses Vertrauen. Darin, dass alles gut werden kann. Dass die Menschheit doch fähig ist, als Gemeinschaft auf dieser Welt zusammenzuleben. Dass wir einander respektieren und uns gegenseitig unterstützen. Und die Schöpfung achten und sie bewahren. So wie es Jesaja sich vorstellt. Ein harmonisches Miteinander aller Lebewesen. Dafür braucht es Mut und Stärke. Sich den Destruktiven entgegenzustellen. Sich treu zu bleiben. Und nicht aufzugeben. Gott hilft uns dabei, gibt uns Kraft und stützt uns: »Seid stark und habt keine Angst.«
Jesaja prophezeit: »Jubel und Freude stellen sich ein, Sorgen und Seufzen sind für immer verschwunden« (35,10). Ich freue mich darauf.
Von Heike Sieger, Referentin Kommunikation/Fundraising
Impuls zum 1. Advent
Bei der Schilderung des Einzugs Jesu in Jerusalem stellt Matthäus Jesu Handeln in den kriegskritischen, um nicht zu sagen pazifistischen Kontext, der beim Propheten Sacharja mit dem messianischen Königtum evoziert wird. Denn es heißt bei Sacharja weiter: »demütig und auf einem Esel reitend, einem Eselsfohlen.« Gott spricht: »Ich werde die Streitwagen vernichten in Efraim und die [Kriegs]Pferde in Jerusalem. Und der Kriegsbogen wird zerbrochen. Und er verkündet den Nationen Frieden.«
Matthäus betont die Gewaltfreiheit des Handelns Jesu von Beginn seines Evangeliums, besonders in der Bergpredigt, bis zu seinem Ende, ausdrücklich, wenn er Jesus bei seiner Gefangenahme, als ein Jünger gewaltsam Widerstand leistet, sagen lässt: »Steck dein Schwert an seinen Ort! Denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten und er würde mir nicht sogleich mehr als zwölf Legionen Engel zur Seite stellen!« Paulus reflektiert die Gewaltlosigkeit Jesu angesichts der unrechtmäßigen Gewalt seiner Feinde, der römischen Besatzer, bis in den Kern des Handelns Gottes hinein, wenn er die Versöhnung der Welt mit Gott als gewaltlose Feindesliebe aussagt (Römer 5,10).
Große Teile des Täufertums, das in diesem Jahr sein 500-jähriges Bestehen gefeiert hat, sind in ihrem Glauben, Leben und nicht selten mit dem Einsatz ihrer Existenz dieser Wehrlosigkeit gefolgt und haben sie bezeugt. Man muss schon etliche exegetisch-theologische Verrenkungen betreiben, um nicht zu sehen und zu sagen: dass diese Form kirchlicher Existenz und Nachfolge Jesu Handeln und Leiden entspricht.
Die Mehrheit der protestantischen Kirchen (und auch der anderen Großkirchen) hat sich dieser Form von Glauben und Leben nicht angeschlossen. Sie muss angesichts ihrer Wertschätzung legitimen staatlichen Gewalthandelns die Bedeutung der Gewaltfreiheit Jesu und der Gottes in Tod und Auferweckung Jesu relativieren.
Aber: Wäre es dann nicht ehrlicher, man würde Jesus (und auch Gott?), statt sein Zeugnis umständlich zu relativieren, dann nicht lieber offen und deutlich widersprechen? »Jesus, Du hast Unrecht, du liegst falsch, manchmal muss man zum Schwert greifen und kommt auch nicht um.« Gerade angesichts der Notwendigkeit, Menschen vor illegitimer Gewalt zu schützen?
Ich möchte diese Frage nicht offen lassen, sondern mit einem kurzen Verweis auf das bedeutendste Werk des Bildhauers Bruno Elkan (1877–1960) weiterführen. Bruno Elkan, Dortmunder, der als junger Mann das Kunststück vollbrachte, sowohl 1895 den ältesten Dortmunder Fußballclub als auch fünf Jahre später den FC Bayern München mitzugründen, schuf zwischen 1950 und 1956 die Bronze-Menora, die vor der Knesset in Jerusalem steht.
Auf deren unterstem Arm findet sich ein Zitat aus dem Sacharja Buch »Nicht durch Kraft und durch Stärke,/sondern mit meinem Geist!« (Sacharja 4,6). Dieser Vers steht in der Tradition der Gewaltkritik Sacharjas. Der Vers wird aber auf der Menora mit einem auf dem Stamm des Leuchters befindlichen Relief kontrastiert, das das Leiden des Aufstandes im Warschauer Ghetto zeigt. Und beides, der Aufstand wie der Anruf von Geist statt Stärke, wird unterfangen vom »Schma Jisrael«.
Von Markus Hentschel, Werkspfarrer