Monatsspruch
»Für mich machen der wertschätzende Austausch mit Menschen unterschiedlicher Hintergründe und Fachdisziplinen sowie das vielfältige Bildungs- und Vernetzungsangebot Villigst so besonders.«
Monatsspruch August 2026
»Satt kenn ich nich: entweder ich hab‘ Hunger oder mir is‘ schlecht.«
So sagt der Tortenvernichter in der Dortmunder Pilskronen-Kneipe in Adolf Winkelmanns Spielfilm »Jede Menge Kohle« 1981.
Seither hat sich die Lage zugespitzt und angesichts eines fortgeschrittenen Stadiums kapitalistischer Produktion und Konsumtion kann die Frage danach, was ist genug?, was ist ein Leben jenseits von Mangel, Armut, Entbehrung einerseits und Verschwendung, Luxus, Überdruss andererseits? noch schwerer beantwortet werden.
Die Frage soll – so die Botschaft entgrenzten Konsums, in dem nicht mehr Wasser und Brot, sondern das Smartphone das primäre, lebensbestimmende Grundnahrungsmittel geworden ist – am besten gar nicht mehr gestellt werden, weil das Immer weiter, Immer mehr alle Fragen nach gelingendem Leben zum Verschwinden bringt, in einer Lebensform, in der Leere und Überfluss in eins fallen.
Mit dieser Art ewigen Lebens kann Jesu Versprechen nicht konkurrieren. Und es wäre – meine ich – töricht, wenn die christlichen Kirchen ihr Leben und Lehren auf eine solche Konkurrenz einzustellen versuchten.
Dass Jesus anderes verspricht als immer weiter und immer mehr liegt nicht daran, dass er die irdischen Güter verschmähen würde, er sich für die Materie zu fein wäre, ihn die Fülle des Genusses abstoßen würde. Nicht nur in Johannes 10 spricht er von der Fülle, dem vollen Genug, dem mehr als nur Nötigen. Jesus propagiert keineswegs eine Lebensweise des Verzichts, nicht einmal zum goldenen Mittelweg des Maßhaltens lässt er sich hinreißen. In Johannes 2 beschert er einer bereits trunkenen Festgesellschaft noch mehr des besten Weins als zu verkraften ist, in Johannes 4 empfiehlt er sich als Quelle nie versiegenden Wassers, in Johannes 6 reicht das Festessen nicht allein für 5.000, sondern es wäre noch mehr als genug für viele weitere Feste gleicher Größe da.
Ja, das griechische Wort, das Luther und nach ihm in seinem Johannes-Kommentar 2019 ausdrücklich auch Klaus Wengst mit »volle Genüge« übersetzen, geht auf das Verb »überfließen« zurück und legt eher den Überfluss als das Genug nahe. Dass das von Jesus versprochene und mit ihm verbundene Leben mehr ist als das von deutschen Ministern Bedürftigen gerade noch zugestandene Minimum, mehr auch als ein Genug, das Spielräume für Zufriedenheit ermöglicht, zeigt das »volle« Genug an, das sogar randvolle. Gleichwohl ist mit dem »Überfluss« des Lebens, das Jesus bringt, nicht der Luxus gemeint, der die Lebensführung damals der römisch-hellenischen Eliten und heute der Hoch-Vermögenden (das reichste 1 Prozent der Vermögenden verfügt über 30 Prozent des Gesamtvermögens), ausmacht.
Jesu Versprechen voller Genüge hat einen – man könnte es sozialdemokratisch nennen – Gerechtigkeitsindex. Es erfüllt sich nur, wenn alle satt werden. Das Fest des Lebens soll ohne die Mühseligen und Beladenen nicht gefeiert werden.
Das gilt für das ewige Leben kapitalistischen Konsums bekanntlich nicht. Vielleicht soll auch deshalb die Frage nach gelingendem Leben voller Genüge zwischen Mangel und Luxus deshalb nicht mehr gestellt werden, damit nicht die andere Seite des Smartphone- basierten »ewigen Lebens« zu Gesicht kommt, die fortwährende Vernutzung menschlichen und nicht-menschlichen Lebens.
Markus Hentschel
Monatsspruch Juli 2026
Recht und Gerechtigkeit sind fürs menschliche Zusammenleben so nötig wie das Wasser für den Boden. Ohne Wasser wird das Land zur Wüste. Und zur Wüste der Willkür und Gewalt werden Gesellschaften, in denen Menschen Menschenrechte vorenthalten werden. Ja, Recht und Gerechtigkeit sind wie Wasser Grundnahrungsmittel.
Ich weiß, Recht kann auch zur reinen Machttechnik verkommen. Und Gerechtigkeit kann ins unbestimmt Beliebige sich verflüchtigen.
Aber nicht nur biblisch ist klar, dass beides zusammengehört. Recht konkretisiert Gerechtigkeit, buchstabiert sie für den Alltag aus. Gerechtigkeit grundiert das Recht, richtet es aus. Die Grundrechte des Grundgesetzes, die europäische Menschenrechtskommission, die Charta der Grundrechte der europäischen Union, die UN-Charta bringen diese Untrennbarkeit von Recht und Gerechtigkeit in der Fixierung der Menschenrechte zum Ausdruck.
In den noachidischen Geboten (Gen 9), also den Geboten, die universal gelten sollen, ist nach rabbinischer Auslegung das Gebot der Rechtspflege, mit Hannah Arendt gesprochen, das menschliche Grundrecht, Rechte zu haben, sogar dem Gebot der Alleinverehrung Gottes vorgeordnet. So als ob Gott dem Recht den Vortritt lässt und ihm nachfolgt.
Allein es steht gegenwärtig schlecht ums Strömen des Rechts.
In Psalm 19 stoßen zwei Verse inhaltlich hart aneinander. Vers 7 spricht von der – ich sage erbarmungslosen, potentiell lebensfeindlichen – Glut der Sonne – und in der Tat, nicht eine Welle des Rechts rollt heran, sondern eine Hitzewelle, Konsequenz der systemischen Leugnung des menschengemachten Klimawandels. Vers 8 setzt dem entgegen: »Die Weisung des Lebendigen ist vollkommen, sie bringt Lebendigkeit zurück.«
Das Recht spendet Schatten und sorgt für die klimatischen Bedingungen, unter denen Leben gedeihen kann. Es versiegt darum mit dem Versiegen des Rechts auch der Strom des Wassers. Ohne Recht und Gerechtigkeit verdorrt die Natur.
Kleiner Exkurs: Der Betrieb aller für KI nötigen Datenzentren im Jahr 2025 brauchte 4,5 Billionen Liter Wasser zur Kühlung, die Menge von 1,5 Starnberger Seen. (Quelle: SZ, 17.6.2026, Seite 14). Wen kümmert’s?
Der Klimaschutzbeschluss des Bundesverfassungsgerichtes vom 24.3.2021, wonach das Klimaschutzgesetz mit den Grundrechten für unvereinbar erklärt wurde, soweit eine Regelung über die Fortschreibung der nationalen Minderungsziele für Zeiträume ab dem Jahr 2031 fehlt, wird in der aktuellen Klimapolitik wie nichtexistent behandelt.
Diese Missachtung der Judikative durch die Exekutive wird zur Gewohnheit. Das gilt nicht nur fürs Völkerrecht, wie in den Kriegen gegen Venezuela und den Iran deutlich wurde. Das gilt im besonderen in der Migrationspolitik: Dass Abschiebungen auch nach ausdrücklichem gerichtlichen Verbot erfolgen, dass rechtsverbindliche Zusagen zur Aufnahme afghanischer Helfer*innen gebrochen werden, dass vermehrt Abschiebungen nach Afghanistan trotz dortiger Drohung der Todesstrafe erfolgen sollen, zeigt die zunehmende Normalität staatlicher Rechtsverletzung an. Recht wird, wenn‘s gerade nicht passt, zu einem unverbindlichen Vorschlag degradiert. Für die Entscheidung vom 2.6.2025, die Zurückweisung von Somaliern an der deutsch-polnischen Grenze für rechtswidrig zu erklären, mussten sich die Richter*innen des Verwaltungsgerichtes Berlin heftiger Diffamierung erwehren.
Das sollte nicht so sein. Wir sollten den Richter*innen danken, die das Recht fließen und die Quelle der Gerechtigkeit nicht versiegen lassen.
»Selig, die nach Gerechtigkeit dürsten« (Mt. 5,6).
Markus Hentschel
Monatsspruch Juni 2026
Auf der Homepage der JVA Schwerte – außerhalb des Ortes ganz im Süden Ergstes auf freiem Feld, also jwd gelegen – werde ich herzlich eingeladen »einen kleinen Blick hinter die Mauern der Vollzugsanstalt zu werfen«.
Man meint es gut mit mir. Ich bekomme nicht nur die neuen Haftplätze und die Werkshallen zu sehen, sondern auch die »Blütenpracht im E-Flügelhof«.*
Es ist wohlfeil von mir, auf diese Fotos zu verweisen, in ihrer Menschenleere und in ihrem kläglichen Versuch, die Armut mit Blumen aufzuhübschen.
Denn die Fotos sind trotz ihres unbeholfenen Versuches, die Härte des Gefängnisses zu überspielen, in ihrer Drastik doch ehrlich. Das ist ja gerade der Sinn des Gefängnisses. Nicht in der offiziellen, rechtlichen Behördensprache und im Leitbild der JVA – wonach »dem Gefangenen Fähigkeiten und Willen zu verantwortlicher Lebensführung vermittelt werden« sollen. Wohl aber im faktischen Sinn und in der gesellschaftlich weithin geteilten Einstellung, dass Gefangene »weg« sollen und es auch spüren sollen, dass sie »weg vom Fenster sind«.
Das sind in Deutschland (Stand 31.3.2025) 41.366 Männer (einschließlich der als divers gezählten Personen) und 2.603 Frauen, in NRW in den 36 JVAs des Landes 10.035 Männer und 644 Frauen (ohne Personen in Untersuchungs- und Abschiebehaft).
Ich habe mich nie bemüht, Gefangene zu besuchen oder mit Gefängnissen Kontakt aufzunehmen. Und ich bin auch nie das Risiko eingegangen, aufgrund zivilen Ungehorsams – und es gibt angesichts der Klimakatastrophe oder der menschenfeindlichen Asylpolitik genug Gründe zu legitimem, auch Rechtsbrüche in Kauf nehmendem zivilen Ungehorsam – selbst ein Gefangener zu werden. (Samira Akbarian, Recht brechen. Eine Theorie des zivilen Ungehorsams, München 2024.)
Daher spiegeln die Fotos auch meine faktische Haltung, nicht die, die ich mir gerne zuschreiben würde. (In den 70er-Jahren unter dem damaligen Studienleiter Ulfrid Kleinert, zu dessen Schwerpunkten die Straffälligenhilfe gehörte, gab es intensive Kontakte zwischen dem Ev. Studienwerk und der JVA Schwerte.)
Der Vers aus dem Hebräerbrief rückt sehr nahe, was gesellschaftlich sehr fern bleiben soll, eben »aus den Augen, aus dem Sinn«. Zum einen erinnert er an die mit der Leiblichkeit von Menschen gegebenen Verletzbarkeit, einer Empfänglichkeit, die immer auch schutzlos ist. Aus dieser Erfahrung der Leiblichkeit folgert der Hebräerbrief sogleich (und ohne das Sein vom Sollen zu unterscheiden) das Gedenken der Verletzten, der Misshandelten, das heißt den tätigen Einsatz für sie. Dass der Hebräerbrief auch den konkreten Ort solcher Misshandlung benennt, Gefängnisse, ist konsequent.
In den Gemeinden, an die der Hebräerbrief gerichtet ist, gibt es immer wieder Inhaftierungen wegen der Gefährdung der öffentlichen Ordnung, als die das christliche Leben angesehen wird.
Halte ich mir den Hebräerbrief nicht gleich wieder vom Leib, drängen sich mir zwei Fragen auf: Muss Strafe sein, und wenn ja, in dieser Weise des Freiheitsentzuges?
Welche Formen zivilen Ungehorsams sind angesichts der zunehmend menschen- und naturfeindlicher werdenden gesellschaftlichen Entwicklungen individuellem und gemeinschaftlichem christlichen Leben geboten?
Markus Hentschel
*aus urheberrechtlichen Gründen können wir die Bilder nicht zeigen
Monatsspruch Mai 2026
Gegen Ende eines Radiogespräches, das Theodor Adorno und Ernst Bloch 1964 über die »Möglichkeit der Utopie heute« führen, bringt Adorno zur Überraschung Blochs den ontologischen Gottesbeweis ins Spiel – in dem Sinn, dass mit dem Begriff einer anderen, einer besseren Welt zugleich »Fermente, Keime ihrer Wirklichkeit« notwendig gegeben sein müssen. Ohne dieses Moment ihrer Verwirklichung schon jetzt gäbe es keinen Ausblick auf eine andere Welt, die das Leiden der vorhandenen Welt transzendiert.
Die Wahrheit des Begriffs einer erlösten Welt wird gelebt, darin sind sich Adorno und Bloch einig, als Hoffnung. Gleichwohl schließt das Gespräch mit einer klarstellenden Mahnung Blochs: »Hoffnung ist das Gegenteil von Sicherheit. Ist das Gegenteil von: Hände in den Schoß legen, ist das Gegenteil eines naiven Optimismus. In ihr steckt dauernd die Kategorie der Gefahr, also Hoffnung ist nicht Zuversicht. (…) Wenn sie nicht enttäuschbar wäre, wäre sie keine Hoffnung. «
Dieser Verunsicherung der Hoffnung widerspricht der Satz aus dem Hebräerbrief. Der Grund der Hoffnung ist eine feste Zusage Gottes, die, so der Hebräerbrief zuvor, Gott durch einen Eid nochmals bekräftigt. Die Hoffnung ist zudem nicht mehr irritierbar, sondern, so ließe sich sagen, aller Gefahr entronnen und am Ziel bereits angekommen, am Ziel der Versöhnung Gottes mit den Menschen, am Ziel im Allerheiligsten Gottes.
Fast könnte man meinen, dass dieses Verständnis von Hoffnung als von allem Bewusstsein der Gefährdung freie Haltung, genau von der Kritik getroffen wird, die Bloch an einer mit Sicherheit identischen Hoffnung hat.
Aber das Zerrbild einer fundamentalistischen Glaubenshaltung, die sich auf den Hebräerbrief beruft, und die Menschen in Gerettete und Verworfene aufteilt, der aber das faktische Leiden von Menschen ebenso gleichgültig ist wie eine Verbesserung der Lebensverhältnisse aller, wird dem Hebräerbrief auch nicht gerecht: Wenn die Seele am Ort der Versöhnung situiert ist, ist sie nicht einfach individuell gesichert und von allem Weltgeschehen abgekapselt, sondern vielmehr einbezogen in den Prozess der Versöhnung, den der Hebräerbrief als ein Gespräch vorstellt, in dem Jesus mit unserem Leiden solidarisch »für uns vor Gott eintritt« (Hebräer 9,24).
Für eine bestimmte Einstellung zur Welt und zum Leiden von Menschen ist nun weder die starke Hoffnung des Hebräerbriefes noch die schwache Hoffnung, die Adorno und Bloch vertreten, relevant: Die Einstellung, dass die kapitalistische Einrichtung der Welt alternativlos ist, dass es für alle Probleme eine technische Lösung gibt, und dass die Entfesselung von Digitalisierung und AI ungeahnte Freiheitsräume öffnet, neben denen es keiner Utopie und keiner Hoffnung bedarf.
Andere schöpfen Kraft aus dem Eintreten füreinander, das sich vom Leiden beunruhigen lässt.
Markus Hentschel
Monatsspruch April 2026
»Es gibt noch Erstaunliches, Freudiges, Magisches. Aber seit einiger Zeit legt sich etwas auf unsere Netzhaut, eine Schicht aus Melancholie. Unsere Augen nehmen sie schon wahr; alles Schöne trägt den Stempel künftigen Verlusts.« (Ece Temelkuran, Nation of Strangers, Hamburg 2026, 16)
Sogleich muss ein Missverständnis ausgeräumt werden: Sehen ist gut. Gerade im Johannesevangelium. Dort gibt es keine fundamentale Kritik des Sehens. Im Gegenteil. Heißt es doch im Prolog, der das Evangelium mit der Lese- und Verständnisanleitung versieht: »Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir schauten seine Herrlichkeit« (Johannes 1,14).
Gleichwohl wird im Johannesevangelium durchgehend die Ambivalenz des Sehens und die damit einhergehende Problematik des Verhältnisses von Sehen und Glauben thematisiert.
Unzählige Male führt das Sehen zum Glauben. Ja, das Sehen erscheint als der Königsweg der glaubensstiftenden Gotteserkenntnis. »Es kamen viele zum Glauben, da sie die Zeichen sahen, die Jesus tat« (2,23).
Dennoch wird zugleich eine gegenläufige Bewegung geschildert: Das Sehen vermittelt keine evidente Erkenntnis, was vor Augen liegt, führt eben oft doch nicht zum Glauben als Gotteserkenntnis. Das bedeutsamste Ereignis ist als solches nur unter seinem Gegenteil zu erkennen. Nämlich, dass die Herrlichkeit des Wortes Jesus sein Kreuz ist, also ein Ereignis des Verlustes, des Todes, das Gegenteil also von Glanz und Herrlichkeit.
Was vor Augen liegt, wird im Johannesevangelium immer wieder als ein Missverstehen gekennzeichnet: Der Mann Jesus … ist das Lamm Gottes; das Wasser bei der Hochzeit zu Kana … ist Wein; die Geburt … eröffnet nicht das Leben; Wasser … löscht den Lebensdurst nicht; Brot … kann nicht auf Dauer nähren.
Und das, wovor Menschen die Augen verschließen, gerade dieses Ereignis soll als das Lebensereignis schlechthin angesehen werden: die Erniedrigung am Kreuz.
Gerade darauf ist ja Thomas aus. »Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe…« (20, 25) Er hat schon richtig verstanden. Er will die Wunden Jesu sehen. Daran ist er zu erkennen. Nicht an einem »Auferstehungsleib«.
Oder wie es der Evangelist Jesus zusammenfassend kommentieren lässt: »dass die, die nicht sehen, sehen und die Sehenden blind werden« (Johannes 9,39).
Ohne selbst ein Sehen zu sein, vermittelt Glauben das gegen den Augenschein gerichtete Sehen des Wirkens und der Wirklichkeit Gottes.
Was zunehmend mit dem Anspruch und dem Anschein letztgültiger Wirklichkeit und Wirksamkeit auftritt, ein waffenstrotzendes und ressourcenverzehrendes Wesen, lässt die Erde als Trümmerfeld und Wüste zurück.
Die Gemeinde, die der Glaube in einer fremd werdenden Welt stiftet, sucht nach einer neuen Verbundenheit derer, die verwundet sind, der »Nation of Strangers«.
Vielleicht ließe sagen: Selig sind, die nicht aufhören, die Erde wieder eine Heimat für alle werden zu lassen.
Markus Hentschel
Monatsspruch März 2026
Tränen. Ausdruck der Ohnmacht. Ausgeliefert dem Schmerz über den Tod seines geliebten Freundes Lazarus. Verlust der Selbst-Beherrschung. Ganz gefallen in den Verlust, ganz verbunden mit dem Verlorenen.
Und darin eins mit denen, die um ihn herum trauern. Mit Lazarus Schwestern Marta und Maria. Mit den Juden, die bei den beiden im Haus waren, um mit ihnen zu weinen und sie zu trösten.
Gemeinschaft der Trauernden als Gemeinschaft der Glaubenden: dass dieses Leben des Lazarus ein unwiederbringlich einziges war, dass sein Gewesen-Sein nicht wiederholt werden kann, dass der Tod ein Wunder, dieses Wunder des Individuum Lazarus beendet hat.
Jesus weinte. Am Grab des Lazarus. So wie Maria von Magdala am Grab Jesus weint und weint und weint. So als ob Jesus erweint würde. So als ob dieses Weinen und nichts anderes der Ort seines Erscheinens wäre. Als ob es außerhalb dieser Tränen, des Verlustes jeglicher Autonomie keine Auferweckung gäbe. So als ob diese Auferweckung auch nicht das Ende des Weinens bedeutet, nämlich der Liebe zu diesem unwiderruflich Einzigen.
Jesus weinte. Intervention der Liebe zum sterblichen und gestorbenen Lazarus.
Schrecklich wie der Tod selber wäre, dass keine Trauer, keine Tränen, kein Weinen für den Toten da wären. Nach dem nackten Leben nur der kalte nackte Tod herrschte.
Jesus weinte. Vergessen wir das nicht. Die Erzählung von der Auferweckung des Lazarus am vierten Tag – als Präludium der Auferweckung Jesu – ist voll vorweggenommenen Triumphes über den Tod, und es hat den Anschein, als ob erst diese Auferweckung der rechte Trost sei. Und in der Tat ist Jesus über diesen Tod »im Innersten empört« (Joh 11,35). Und man könnte erwarten, dass er dieser Empörung über die Grausamkeit des Todes sogleich die Kraft der Auferweckung entgegensetzt, damit deutlich wird, wie groß der Glanz Gottes ist und wie sehr Jesus die Auferstehung und das Leben ist.
Wie kaum ein anderer Philosoph hat Vladimir Jankélévitch (1903–1985, »Das Unumkehrbare und die Nostalgie«, Frankfurt a.M. 2025, 91–95) gegen diese Auferstehung Einspruch eingelegt. Dieser Einspruch hat mir geholfen und mich gemahnt, das Weinen nicht doch zu übergehen und in seiner Bedeutung als dann überwundene Vorstufe der Auferweckung zu mindern. Ohne die Tränen verdorrte die Liebe zum Verlorenen.
Und schließlich bringt die Auferweckung nicht zum Verschwinden, dass Lazarus vier Tage dem Tod ausgesetzt war. Davon bleibt er gezeichnet. Er steht auf. Aber er bleibt stumm. Weil er keine Worte für diese Erfahrung des Todes findet? Weil solang die Herrschaft des Todes noch nicht beendet ist, auch das Leben des Auferweckten noch des Glücks aller harrt. So wie Jesus selbst noch darauf wartet, das Fest des Lebens in Vollendung mit uns zu feiern.
Jesus weint. Denn das Leben des Lazarus war schon ein ewiges, ein einzigartiges Wunder, wert nicht zu vergehen.
Markus Hentschel
Monatsspruch Februar 2026
So resümiert das 5. Buch Mose die Gebote Gottes angesichts der bevorstehenden Ankunft Israels im Land, »in dem Milch und Honig fließen.«
Freude ist, mit dem ev. Theologen Dietrich Korsch gesprochen, »eine unbedingte Selbstbegegnung der Selbstübereinstimmung« (Gott und die Logik der Gefühle, 6).
In ihr sage ich nicht nur ja zu mir, bejahe nicht nur, dass ich bejaht bin, sondern fühle dieses Ja, bin leibseelisch davon erfüllt. In der Freude erlebe ich, dass Gott zu mir als Geschöpf: »gut!« sagt.
Freude ist darum das von Gott gewollte Grundgefühl von Menschen. Er/sie ist die unendliche »Fülle der Freude« (Psalm 16,11), an der Menschen durch ihr Leben teilhaben.
Freude aber kreist nicht ums selbst und um sich selbst, sondern realisiert zugleich die Abhängigkeit des endlichen Menschen von den Mitteln zum Leben. Diese jedoch kommen in der Freude nicht freudlos lediglich als Mittel zum Zweck, als Mittel nur zur Befriedigung von Bedürfnissen vor, das Essen nicht als Sättigungsbeilage, das Getränk nicht als Durstlöscher usw.; wovon ich abhängig bin in meiner Freude, das gebrauche ich nicht, sondern das genieße ich, und indem ich es genieße würdige ich es. In der Freude der Selbstbegegnung wird zugleich erlebt, dass die Welt in der Fülle ihrer Lebendigkeit gut ist.
Das 5. Buch Mose benennt sogleich die beiden Versuchungen, denen die Freude in der Teilhabe an der Fülle der Güte Gottes immer wieder und nur zu gern zu erliegen droht: Als Freude endlicher Menschen die Endlichkeit ihres Erlebens mit der Endlichkeit ihrer Möglichkeit in eins zu setzen und darum angstvoll zum einen den Kreis derer zu begrenzen, die an ihr teilhaben dürfen und zum anderen den Zugang zu den Mitteln zu beschränken, von denen sie als Freude abhängig ist. Die Chiffre für die eine Versuchung lautet »Familie« und die für die andere Versuchung »Eigentum.«
In der originalen Version des Monatsspruchs kommt die zweite Hälfte »du und der Levit und der Fremde bei dir« nicht vor. So würde der Ideologie Vorschub geleistet, Lebensfreude solle auf einen begrenzten Kreis einander in Herkunft, Haltung und Einstellung verwandter, wohlwollend einander zugetaner Menschen begrenzt werden. Was dem einen die Familie ist, ist dem anderen »die Blase« Gleichgesinnter.
Und da die Freude von den Mitteln zum Leben nicht zu trennen ist, ist auch im Duktus des 5. Buch Mose die Versuchung, sie auf die »Familie« zu beschränken von der nicht zu trennen, die Lebensmittel in der Logik des Eigentums zu handhaben.
Gegen diese Logik setzt das 5. Buch Mose zunächst die grundlegende Mahnung, dass das Land Gabe Gottes bleibt, und sodann die detaillierte Gesetzgebung, wonach die, die nichts haben, die über Eigentum nicht verfügen, an den Mitteln zum Leben teilhaben müssen.
Was geschieht, wenn die zweifache Entgrenzung der Freude missachtet wird, schildert das 5. Buch Mose als Verkehrung der Freude und des Segens, unter dem das Leben steht, in Fluch, in die Unmöglichkeit, das Leben genießen zu können.
Markus Hentschel
Monatsspruch Januar 2026
Im Gedenken an Micha Brumlik
»Höre Jsrael, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einig. Ist ein Herr. Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen.« (Dtn 6,4-5; Übersetzung L. Philippson)
»Und es sollen diese Worte, die ich dir heute gebiete, in deinem Herzen sein, und du sollst sie einschärfen deinen Kindern und davon reden, so du sitzest in deinem Hause und du gehest auf dem Wege und so du dich niederlegst und wenn so du aufstehest. Und binde sie zum Zeichen an deine Hand, und sie seien zur Stirnbinde zwischen deinen Augen.« (Dtn 6, 6-8) »Und wenn dein Kind dich morgen fragen wird, was sollen die Zeugnisse und Satzungen und Rechte, die er Ewige, unser Gott, geboten hat…?« (Dtn 6,20)
Gott lieben bedeutet, seine Weisungen sich ins Herz geschrieben sein lassen – sie aber auch beständig zu lesen, zu interpretieren und im alltäglichen Leben zu befolgen. Die ins Herz geschriebenen Weisungen wollen entziffert, ihre Sprache will gelernt sein. Sie zu verstehen bedarf lebenslangen Lernens, eines stets offenen, unabschließbaren Weges der Bildung. Gott lieben bedeutet, seine Worte zu befragen. Diese Befragung ehrt Gottes Worte. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie zu analysieren, sich gemeinsam mit anderen auf die Suche nach ihrem gegenwärtigen Sinn zu begeben, über ihren Sinn zu diskutieren, heißt Gott zu lieben, ihn zu heiligen. Der jüdische Weg ist in seinem Innersten ein Weg der Bildung: Lesen, Fragen, Lernen, sich miteinander auseinander setzen, die Stimme eines jeden Lernenden erwecken, einer jeden Lernenden zu Gehör kommen zu lassen. Denn die Stimme eines jeden, einer jeden bringt die Worte Gottes zur gegenwärtigen Gestalt und Geltung und entwirft damit ein jeweiliges Bild seiner, des Schöpfers, Welt.
In einem Beitrag zum Jahrbuch der Religionspädagogik 2020 zum Thema »Judentum und Islam unterrichten« stellt Micha Brumlik jüdisch-deutsches Denken im 21. Jahrhundert in persönlicher Perspektive vor. Das Judentum ist ihm in aller Vielfalt seiner Formen und internen Differenzen »eine lernende Religion« und eine, in der die universale Würde des Menschen grundgelegt ist.
Bezugstext seines Verständnisses des Judentums als lernender Religion ist das »Höre Israel« (Dtn 6,4-9) als eines der beiden zentralen Gebete des rabbinischen Judentums.
Micha Brumliks aktueller Einsatzpunkt aber ist der Anschlag auf die Synagoge von Halle am Jom Kippur im Oktober 2019. Beim Täter kam zusammen »was meist immer zusammengehörte: Hass auf selbstbewusste Frauen, auf Homosexuelle, Migranten und Muslime sowie vernichtender Hass auf jüdische Menschen, die jüdische Religion und die jüdische Kultur.«
Der Kontext einer Reflexion des »Höre Israel« ist 2019 nicht und 2025 nach dem antisemitischen Terroranschlag in Sydney nicht und wird auch 2026 nicht die selbstverständliche und selbstverständlich bejahte Existenz jüdischen Lebens sein. Das Gegenteil ist der Fall. Der gesellschaftlich fest verankerte und immer wieder sich erneuernde Antisemitismus wird das Recht auf jüdisches Leben beständig verneinen.
Mit dem Philosophen Emmanuel Levinas macht Micha Brumlik nach seiner Auslegung des »Höre Israel« präzisierend auf eine eigentümliche Stelle im Buch Exodus aufmerksam, in der es heißt (Ex 24,7): »Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun, und wir wollen darauf hören.« Brumlik schreibt dazu: »die Empfänger der Lehre« sind »im Vertrauen darauf, dass Gottes Weisung gut ist« bereit »der Weisung zuerst zu willfahren, um sie erst dann, in einem darauf folgenden, zweiten Schritt kritisch zu erörtern.« Der Weg des Lernens ist also der Weg menschlicher Praxis. In ihr zeigt und bewährt sich Gottes Güte.
Im Anschluss an die Diskussion um das umstrittene Thema einer Auferstehung der Toten, die Jesus mit dem Verweis darauf beendet, das Gott nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden ist, vertieft ein Schriftgelehrter diese Einsicht in den Gott der Lebenden durch ein Gespräch mit Jesus über das »Höre Israel« (Mk 12, 28-34). In die Praxis der Güte Gottes einzutreten nähert Menschen dem Reich Gottes. Solche Praxis zu verweigern, den Weg des liebenden Lernens und der lernenden Liebe nicht zu gehen, schließt von Gottes Reich aus.
Markus Hentschel
Monatsspruch Dezember 2025
Der Monatsspruch steht im Kontext der mit Weihnachten verbundenen biblischen Verse, in denen bezeugt wird, dass Gott Menschen zum Leuchten bringt und ins rechte Licht setzt, denen zuvor und gemeinhin kein Platz an der Sonne zugestanden wurde, »die in Finsternis und Todesschatten sitzen« (Lukas 1,79).
Der Monatsspruch setzt aber einen besonderen Akzent. Es geht ihm wie dem ähnlichen Vers Matthäus 13,43 (»Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich«) darum, dass endlich die zum Leuchten kommen, die es schon lange verdient haben: die Gerechten. Sicherlich, wärmer, weihnachtlicher klingt die Licht-Botschaft, wenn sie unterschiedslosen allen gilt, die in Finsternis sitzen und nicht in besonderer Weise den Gerechten. Aber schon die vermeintlich all-barmherzige Weihnachtsbotschaft hält nicht für alle Menschen Licht bereit. Hochmütige werden zerstreut, Mächtige entmachtet, Reiche gehen leer aus.
Auch und gerade die Gerechten gehören zu denen, die im Finstern sitzen oder dorthin verwiesen werden und endlich zum Vorschein kommen sollen.
1960 wurde die eine Gerechte, von der ich spreche, von dem zuvor von Rainer Barzel und Franz Josef Strauß gegründeten Komitee »Rettet die Freiheit « als kommunistisch gesteuert diffamiert, weil sie der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit angehörte, einer pazifistischen Organisation, die als eine der ersten Organisationen 1933 verboten wurde, und die diese Gerechte 1945 in Württemberg wieder ins Leben gerufen hatte. 1919 war sie ihr beigetreten. 1935 erhielt sie wegen ihrer offenen pazifistischen Haltung Publikationsverbot. Sie war also Teil des organisatorischen Pazifismus, der bestrebt war, den Pazifismus als allgemeine und einzige den Schrecken der Kriege gerecht werdende politischen Theorie zu plausibilisieren und zu befördern.
1948 brachte sie erfolgreich den folgenden Satz in den Baden-Württembergischen Landtag ein, der am 28.4. zum Gesetz wurde: »Niemand darf zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.« Dieses Recht, dessen Wahrnehmung (selbstverständlich) keiner Begründung bedurfte, wurde dann mit der zunehmend als begründungspflichtig verstandenen Einschränkung »gegen sein Gewissen« zum Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes.
Ihre Tagebücher, die sie im Geheimen zwischen 1940 und 1945 geschrieben haben, wurden unter dem Titel »Denken ist heute überhaupt nicht mehr in Mode« vollständig erst 2021 veröffentlicht.
Heute müsste sich Anna Haag (in der neuen Friedensdenkschrift der EKD) damit auseinandersetzen, dass das Recht auf Kriegsdienstverweigerung als individuelles Freiheitsrecht abgewogen wird gegen die Verpflichtungen für das Gemeinwesen, die Wahrnehmung dieses Rechts als a-sozial individualistisch verdächtigt wird. Und sie müsste sich sagen lassen, dass ihre lebenslangen riskanten pazifistischen Bemühungen zwar als private Leistungen zu würdigen, aber als allgemeine politische Theorie ethisch nicht zu begründen sind, allenfalls Zeichenhandlungen, aber keine vollwertigen, verallgemeinerungsfähigen politischen Handlungen waren.
Bevor Anna Haag wieder in den Schatten gestellt wird, möchte ich ihren Namen nennen, wenn es heißt: »Dann werden die Gerechten leuchten in ihres Vaters Reich.«
Markus Hentschel
Monatsspruch November 2025
Der letzte Vers gehört nicht zum Monatsspruch. Er wird als zu hart empfunden. Die Botschaft soll doch sein: Gottes Aufgabe ist aufzubauen und zu erbauen, nicht zu vernichten und zu erschrecken. Die Botschaft des Monatsspruchs ohne den harten Vers soll sein: Wo menschliche Kräfte versagen, wo Menschen Versprengtes nicht mehr zurückholen und Zerbrochenes nicht mehr heilen können, tritt Gott mit seiner Liebe und Wundermacht ein, so wie es dann Jesus tut.
Aber das sagt Ezechiel nicht. Der Vers ohne seine harte Zuspitzung nimmt polemisch Bezug auf eine von Menschen, konkret von Regierungen, zu leistende Aufgabe, die sie aber zu erfüllen sich weigern. Es ist Ezechiel zufolge Pflicht und liegt in der Kompetenz Regierender – wie Vers 36,4 ausführt – die Schwachen zu stärken, Kranke zu heilen, Zerbrochene zu verbinden, Versprengte zurückzuholen, Verlorene zu suchen. Das ist nicht eine Staatspflicht neben anderen, zu denen etwa die Fähigkeit, Kriege zu führen, dazu käme, sondern Regierende sind überhaupt nur dazu da, das zu tun, wovon der Vers spricht: »weiden und für Recht sorgen«.
Gott reagiert mit seiner Ankündigung, selbst tätig zu werden, auf das komplette Regierungsversagen, das darin besteht, statt aufzubauen »mit Gewalt niederzutreten« (Vers 4) oder statt einen Ausgleich zwischen Starken und Schwachen, zwischen Armen und Reichen herbeizuführen, die Hungernden sterben zu lassen, damit im Bild gesprochen, die Fetten immer fetter werden können. Die Starken sind stark, weil sie auf Kosten der Schwachen, der Verlorenen leben und Menschen allererst zu solchen machen. Für Recht zu sorgen, heißt unmöglich zu machen, dass Starke auf Kosten von Schwachen leben.
Im mit der kapitalistischen Ordnung der Gesellschaft versprochenen Fortschritt sah der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892–1940) 1940 »eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft«. Er geht so weit, die dauerhafte Perversion des Regierungshandelns, das, statt aufzubauen und »das Zerschlagene zusammenzufügen«, Tote und Trümmer produziert und dies alternativlosen Fortschritt nennt, als durch Gott nicht mehr kompensierbar anzusehen. Anders als Ezechiel Gott noch sagen lässt.
Was Menschen einander und damit auch Gott als ihrem Schöpfer antun, übersteigt selbst dessen Kräfte, solange der Katastrophe des Fortschritts, der Produktion von Toten und Trümmern, der Zurichtung von Menschen darauf, andere auszubeuten und zu Verlorenen zu machen, die Zurichtung darauf, töten zu können, nicht Einhalt geboten wird. (zitiert nach: Walter Benjamin Gesammelte Schriften I.2, S. 697f.)
Der November mit Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag und 1. Advent könnte der Besinnung darauf dienen, Gott nicht noch mehr Tote vor die Füße legen zu wollen.
Markus Hentschel
Monatsspruch Oktober 2025
»Als er von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er ihnen: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte. Man nicht auch nicht sagen können: Hier ist es oder Dort ist es! Denn seht, das Reich Gottes ist mitten unter euch.« Lukas 17, 20–21
Ich finde es nicht leicht, der Versuchung zu widerstehen, das Kommen des Reiches Gottes in eben genau dem Sinn zu sehen, den Jesus verneint. Das Kommen des Reiches dingfest machen zu können, entspringt und entspricht der Sehnsucht nach der Erfüllung aller Bedürfnisse.
Umso erschreckender ist es, wahrzunehmen, was geschieht, wenn Menschen dies in der Tat tun: mit Inbrunst auf das Kommen des Reiches zu zeigen und zu sagen: »Hier ist es.« Die achtstündige Übertragung der »Trauerfeier für Charlie Kirk« war ein solches Ereignis: der Turning Point, die Wende zum Kommen des Reiches, so wie ein Kommentar zum Video der Trauerfeier es ausdrückt: »This is a REVIVAL in America. It’s good vs evil now evil will be defeated in the end!«
Eine Wende zum Sieg Gottes, so wie Sergio Gor, der Direktor des Personalbüros des Weißen Hauses predigt: »Charlie knew that we are in a spiritual war for the heart, soul and future of America.«
Dass der Sieg Gottes mit der der Größe »Americas« gleichgesetzt wird, wie ein anderer User es feiert: »This is USA I love! Glory to Jesus, not only America, but the whole world belongs to God«, ist zwar reine Blasphemie, tut aber der Inbrunst der Gewissheit »Hier ist es« sagen zu können, keinen Abbruch.
Jesus meint im Gespräch mit den Pharisäern, die von solcher Blasphemie durch einen Abgrund an Gottesfurcht getrennt sind, dem Verlangen, sich aufs Kommen des Reiches einstellen und seiner habhaft werden zu können, durch den Verweis einen Riegel vorschieben zu können, dass er sagt: »Ihr könnt euch aufs Kommen des Reiches nicht einstellen, weil es bereits da ist«, und zwar untrennbar verbunden mit der Person Jesu selbst. Und als ob er ahnte, dass der Verweis auf sich selbst als die irritierende Gegenwart des Reiches allein nicht ausreicht, zu verhindern, Gott für die eigenen Lebensinteressen zu instrumentalisieren, und so als ob er ahnte, dass auch er selbst, Jesus, zum bloßen Mittel eigener Herrschaftsgelüste degradiert wird, warnt er, ihn zum Messias, zum Weltherrscher zu machen, auf den man ebenfalls zeigen könnte. »Man wird zu euch sagen: Dort ist er oder: Hier ist er! Geht nicht hin, lauft nicht hinterher!« (Lukas 17,23)
Nun würde man, denke ich, und ich bin ja selbst schon dabei, es zu tun, indem ich mich empöre, in dieselbe Falle der Blasphemie tappen, wenn man die Inbrunst der Feier von MAGA als Sieg Gottes über das Böse, wenn man diese, wie ich finde widerwärtige, politisch-religiös-moralische Überzeugung durch eine andere ebenso selbstgewisse Überzeugung ersetzen würde.
Der Jesus, der in Lukas 16 und 17 präsentiert wird, ist nämlich ein höchst irritierender, verstörender Mensch, der einen betrügerischen Verwalter als Vorbild für den Umgang mit den eigenen Ressourcen im Blick auf Gott lobt, Reiche vom Erbarmen Gottes ausschließt, weil sie ihr Gutes schon zu Lebzeiten Gottes empfangen haben, uns schier grenzenlose Vergebungsbereitschaft zumutet und selbst schließlich damit konfrontiert ist, dass von zehnen, denen er das Reich Gottes hat bringen wollen, nur einer, und dazu ein Fremder, das überhaupt erkennt, kurzum eine Gegenwart Gottes präsentiert, die zum Aufbau moralischer Grundsätze nicht taugt. Erbarmen – und darum geht es schon – entzieht moralischen Grundsätzen offenbar den Boden. Das letzte Wort Jesu auf die Frage, wo denn nun solche Gegenwart Gottes statthat, lautet »Wo das Aas ist, da sammeln sich auch die Geier!« (Lukas 17,37)
Markus Hentschel
Monatsspruch September 2025
»Ein Gott ist für uns Fluchtburg und Festung« übersetzt der große Psalmenkommentator Erich Zenger. In dieser Übersetzung wird der konkrete, ortsbezogene Charakter der Zuflucht, die Gott bietet, deutlich. Und nicht von ungefähr ist Psalm 46 die biblische Vorlage für Luthers berühmtes Lied »Ein feste Burg ist unser Gott«. Die Fortsetzung des Verses mit »ein gute Wehr und Waffen« benennt auch genau den Kontext, dem das Bekenntnis zu Gott als Zuversicht und Stärke entstammt, nämlich dem von Schutz bei einem militärischen Angriff.
Die Bergfeste Zion als Jerusalemer Akropolis, auf die Psalm 46 sich bezieht, wird, weil zugleich Ort des Tempels, erfahren, erhofft und benannt als uneinnehmbar, weil Ort der Präsenz Gottes. Diese Zuversicht traf auch historisch angesichts der Rettung vor dem assyrischen Angriff 701 v. Chr. zu, wurde aber mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier 587 v.Chr. zuschanden.
Die Zuversicht auf Gott als militärischen Schutz, weil selbst von der Art einer Waffe, fällt in sich zusammen. Dennoch wird der Psalm auch nach der Zerstörung Jerusalems weiter gebetet. Er reflektiert das Scheitern der Waffen, ohne davon zu lassen, von Gott als Ort der Zuflucht vor Gewalt zu reden.
Der Psalm spricht die Erfahrung und Überzeugung aus, dass Krieg und Waffen keine Mittel sind, um Menschen sicher wohnen zu lassen. »Kommt und schaut die Taten Gottes (…), der den Kriegen Einhalt gebietet bis ans Ende der Erde, der Bogen [die damals tödlichsten Waffen, M.H.] zerbricht, Speere zerschlägt, die Lastkarren im Feuer verbrennt.« (Verse 9-10) Psalm 46 steht damit in der Tradition derjenigen biblischen Texte, die sehr deutlich von der Sinnlosigkeit der Produktion von Waffen und der Führung und Vorbereitung von Kriegen sprechen.
Zugleich beschreibt Psalm 46 zwei Transformationen von Gewalt und dem damit einhergehenden lebensfeindlichen Chaos. Die Stadt, der Ort, der sicher wohnen lässt, schützt auch vor dem Toben des Meeres als Inbegriff chaotischer Gewalt. Aber er schließt dieses Element nicht aus. Die Verse 4 und 5 des Psalms lauten: »Wir müssen uns nicht fürchten, wenn toben, sogar wenn schäumen seine [des Meeres] Wasser. Ein Strom! Seine Kanäle erfreuen die Stadt Gottes.« Das tödliche Element bleibt nicht außen vor, sondern kultiviert präsent.
Gleiches gilt für die Vielfalt der üblicherweise gegeneinander gerichteten Völker und Nationen. Damals schon und heute immer noch gehen ja Nation und Kriegsfähigkeit Hand in Hand. In Vers 11 heißt es dagegen im Psalm »Lasst ab und erkennt: Gott bin Ich!« Dieser Gott ist nicht mehr ein Gott der Waffen, sondern einer des universalen (Völker-)Rechts.
Das Bekenntnis zu Gott als Zuversicht und Stärke ist also kein Satz der Realpolitik, sondern geht einher mit dem Bekenntnis zum Recht, das keinen nationalen oder überhaupt menschlichen Souverän mehr kennt.
Markus Hentschel