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Jahresprogramm 2026
Für alle Stipendiat*innen, Altvilligster*innen / Haus Villigst

Gossip und Gerüchte: Was wir erzählen – und warum

Bildungsprogramm, Sommeruniversität
Sommeruniversität | D2

»Lasst sie doch Kuchen essen« – dieser berühmte Satz wird bis heute Marie Antoinette zugeschrieben, obwohl es dafür keine historischen Belege gibt. 1789 verbreitete sich das Gerücht im revolutionären Paris wie ein Lauffeuer, weil es das Bild einer dekadenten, volksfernen Königin perfekt bediente. Ob wahr oder nicht: Solche Geschichten zeigen, wie Gossip, verstanden als Klatsch, Gerüchte und informelle Erzählungen, unsere Wahrnehmung formt, politische Ereignisse beeinflusst und sich hartnäckig bis in die Gegenwart hält. Dieses Seminar lädt dazu ein, Klatsch und Gerüchte nicht nur als unterhaltsame Nebensache zu betrachten, sondern als ein Kommunikationsphänomen mit gesellschaftlicher Sprengkraft, von antiken Intrigen bis hin zu viralen TikTok-Trends.

Wir werden fragen: Welche sozialen, kulturellen oder politischen Funktionen erfüllt Gossip? Wie verändert sich die Dynamik von Gerüchten in Zeiten von Social Media, wo »Fake News« und persönliche Geschichten in Sekundenbruchteilen die Runde machen? Kann Klatsch überhaupt als Form von Wissen gelten – und wenn ja, wie lässt er sich wissenschaftlich erfassen? Und welche ethischen Fragen stellen sich dabei?

Das theoretische Fundament ist bewusst breit angelegt: Aus der Soziologie greifen wir auf die Gossip Theory von Robin Dunbar zurück, die Klatsch als sozialen Kitt beschreibt. Die sozialpsychologische Forschung von Nicholas DiFonzo und Prashant Bordia liefert Modelle dazu, wie Gerüchte entstehen, sich verbreiten und wozu sie dienen. Aus den Gender Studies stammt etwa Patricia Meyer Spacks‘ (In Praise of Gossip, 1982) Analyse darüber, wie Klatsch als ›weibliche‹ Praxis abgewertet, aber auch strategisch genutzt werden kann. Sally Engle Merry (Rethinking Gossip and Scandal, 1984) und Niko Besnier (Gossip and the Everyday Production of Politics, 2009) beschreiben Gossip zudem als »Waffe der Schwachen«, mit der marginalisierte Gruppen Kritik üben und Machtverhältnisse unterlaufen. Zu den Fallbeispielen gehören römische Intrigen um Kleopatra, deren Gegner sie als manipulative Verführerin zeichneten, die Verleumdung Marie Antoinettes oder die Propaganda der ›Dolchstoßlegende‹. Man findet solche Geschichten in frühneuzeitlichen Flugblättern, in den literarischen Salons des 18. und 19. Jahrhunderts und heute in digitalen Erzählungen wie ›Pizzagate‹ oder den Social-Media-Debatten im Fall von Johnny Depp – Amber Heard. Mit diesen Fallbeispielen wollen wir über Zeiten und Medien hinweg Muster, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Dynamik von Gerüchten entdecken.
Methodisch setzen wir auf eine Mischung aus kurzen Inputs, Gruppenanalysen und Quellenarbeit, von historischen Texten über Presseberichte bis hin zu aktuellen Social-Media-Postings. Es können auch eigene ethnografische Beobachtungen durchgeführt werden. Ziel ist es, den Teilnehmenden Werkzeuge zu geben, mit denen sie Gerüchte kritisch einordnen können, ohne die kulturelle Faszination dieses Kommunikationsmittels aus den Augen zu verlieren.

Seminarleitung: Charlotte Weber

Anmeldestart und Anmeldeschluss werden im Intranet bekannt gegeben. Weitere Informationen sind im Intranet zu finden.

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