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Sommeruniversität des Studienwerkes - Das Sichtbare und das Unsichtbare
Ab Montag, den 19. August verwandelt sich Haus Villigst wieder in einen sommerlichen Campus, denn dann startet die traditionelle Sommeruniversität des Evangelischen Studienwerkes, einem der zwölf deutschen Begabtenförderungswerke. Ein vielfältiges Rahmenprogramm steht allen Interessierten offen.
Aktuelle und ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten, Jung und Alt werden bis zum 6. September gemeinsam in 18 Seminaren interdisziplinär arbeiten und diskutieren. Vier weitere Seminare finden auch außerhalb von Villigst statt: in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Meißen. Am Campus in Villigst kooperiert das Evangelische Studienwerk mit dem Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen. Das diesjährige Jahresthema "Das Sichtbare und das Unsichtbare", das im Zentrum des Seminarangebotes steht, fragt danach, was wir gesehen haben, was wir sehen wollen, was wir noch nicht sehen können – die Prüfung des Sichtbaren und die Suche nach Zugängen zum Unsichtbaren fordern uns heraus.
Neben den Seminaren wird ein abendliches Rahmenprogramm angeboten, das allen Interessierten offen steht. Mehr Informationen dazu werden auf diesen Seiten veröffentlicht.
Zum Jahresthema "Das Sichtbare und das Unsichtbare" (Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare)
Wenige Organe haben Mediziner und Biologen seit Jahrhunderten so sehr fasziniert wie das Auge. Wie sieht der Mensch Farben, Formen und komplexe Bewegungen? Wir erforschen nicht nur das Sehen, sondern machen auch Unsichtbares sichtbar und manchmal sogar Sichtbares unsichtbar: Biologen visualisieren Moleküle mit fluoreszierenden oder radioaktiven Markern in vivo, Hirnphysiologen zeigen mit immer größerer Auflösung unsere Hirnaktivitäten und Physiker wie Ingenieure sind auf der Suche nach immer besseren Tarntechnologien. Seit der Entwicklung des Teleskops hat der Mensch allerlei technische Erweiterungen des menschlichen Blicks erschaffen: Von Tiefseehöhlen bis zur Rückseite des Mondes, weit ins Universum und in die komplexe zelluläre Welt des Lebens ragen die Augen unserer Generation. Doch was sehen wir da eigentlich? »Weil du die Augen offen hast, glaubst du, du siehst.« (Johann Wolfgang von Goethe, Egmont) Sich nur auf das Sichtbare zu verlassen, birgt ein Risiko; denn der blinde Fleck unserer Wahrnehmung spielt uns Streiche. Wenn Licht auf eine Sache geworfen wird, fällt Schatten auf eine andere. Anfang der 1960er Jahre stelltder französische Philosoph Merleau-Ponty die These auf, dass unsere Welt und unsere Weltsicht in untrennbarer Beziehung zueinander stehen, weil es »ein wechselseitiges Eingelassensein und Verflochtensein« (Merleau-Ponty) von Leib und Welt gibt. Es stellt sich also die Frage, ob die analytische Zergliederung der Welt wirklich zur Einsicht führt. »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben« (Joh. 20,29), antwortet Jesus dem Zweifler Thomas, als dieser einen sichtbaren Beweis für Jesu Auferstehung fordert. Die Sphäre der Transzendenz, welche die Gläubigen betreten, verweist auf ein für die Moderne eigentlich unerhörtes Merkmal: Oculus non vidit 55 – was das Auge nicht sieht (Amoris Divini Emblemata Studio Et Aere Othonis Vaenii Concinnata). So verbindet sich im Glauben die unsichtbare Wirklichkeit Gottes mit der sichtbaren Welt, wofür die christlichen Sakramente bürgen sollen. Das Bilderverbot der abrahamitischen Religionen greift einer Verfälschung Gottes vorweg, die mit seinem Sichtbarmachen einherginge. Dem gegenüber stehen die Darstellungen vom Leben und Wirken Jesu in Malerei und Kunst. Einen Großteil unserer Zeit verbringen wir in virtuellen Räumen. Dabei gilt auch online: Sehen und gesehen werden. Um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, muss man Profil zeigen. In diesem Wettbewerb leiden wir sowohl an einem Zuviel als auch einem Zuwenig an Sichtbarkeit: Wir fühlen uns nackt und entblößt – oder anonym und isoliert. Die Medien fungieren als Vermittler zwischen unseren privaten Teilwelten und der gemeinsamen Öffentlichkeit. Indem sie vor allem entscheiden, was wir nicht sehen, erschaffen Nachrichten, Unterhaltung und Werbung die Illusion, das von ihnen Abgebildete – das Sichtbare – sei die Wirklichkeit. Insofern müssen wir gesellschaftliche Phänomene auch unter der Perspektive der Unsichtbarmachung und Marginalisierung von Individuen, Traditionen und Kulturen betrachten und bewerten. Unsichtbare Normen strukturieren unser Denken und Handeln, wobei sie in Form von kulturellen Praktiken und Gesetzen sichtbar in Erscheinung treten. Wie viel Macht liegt in den Händen unsichtbarer Kräfte und wozu führt die Forderung nach mehr politischer und wirtschaftlicher Transparenz? Was wir gesehen haben, was wir sehen wollen, was wir noch nicht sehen können – die Prüfung des Sichtbaren und die Suche nach Zugängen zum Unsichtbaren fordern uns heraus, auch auf der Sommeruni. Augen auf!
Übersicht der Seminare 2013 nach Rubriken
Wie kann man sich für ein Seminar anmelden?
Die Anmeldungen zum Seminarprogramm erfolgen ausschließlich schriftlich, für Stipendiatinnen und Stipendiaten des Evangelischen Studienwerks ausschließlich über das Intranet. Telefonische Reservierungen sind möglich, bleiben aber nur für zwei Wochen bestehen. Nach dem 30. April wird eine Anmeldebestätigung verschickt. Gibt es für ein Seminar mehr Interessentinnen und Interessenten als freie Plätze, wird eine Warteliste erstellt. In diesem Fall erhalten Sie eine Nachricht, ob Sie auf der Warteliste stehen. Kann eine Anmeldung nicht mehr angenommen werden, wird eine schriftliche Absage erteilt. Anmeldungen sind ab dem 2. Januar 2013 möglich. Bei weniger als sechs Anmeldungen bis zum 30. April werden Seminare vom Ressort für Ideelle Förderung abgesagt. Seminare, die am 31. Juli weniger als sieben Anmeldungen aufweisen, werden ebenfalls abgesagt.
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