Zentrale Nebensache Philosophie
»Philosophy is dead«. Stephen Hawking erklärt auf dem ›Google Zeitgeist 2010‹ die Traditionen für überholt, die sich von Sokrates bis heute unter dem Namen Philosophie als vielstimmige Kontroverse und Kritik dieser Traditionen und des Zeitgeists fortsetzen. Ginge es nach Hawking, käme Philosophie im 21. Jahrhundert bestenfalls als Nebensache davon; die Wissenschaften haben ihr demnach endgültig den Rang abgelaufen.
Hawkings Analyse und Justierung der sozialen Rangfolge von Wissenschaften und Philosophie hat diverse historische Vorläufer. Schon Sokrates sollte sterben, weil er die Götter seiner Zeit nicht respektierte und überhaupt die Jugend zur Autoritätsuntergrabung verführte. Luther hält Philosophie für die schädliche Hure des Teufels, Marx für nutzloses Interpretieren und Feynman für nutzloses und schädliches Gelaber. Philosophie hat daher Erfahrung mit ihrer Deklassierung zur Nebensache.
In unserem Seminar Philosophie als zentrale Nebensache untersuchen wir Hawkings Angriff auf ›philosophy‹ und lassen uns auf zahlreiche Versuche ein, darauf praktische Antworten zu geben: lesend, sprechend und schreibend. Unser Seminar soll nicht hauptsächlich Wissen vermitteln und Hawking (durch Gegenangriffe) widerlegen, sondern durch philosophische Übungen persönliche Erfahrungen schaffen, die uns Teilnehmende miteinander verbinden können.
Zugleich stellen wir die Frage, wie eine ›Philosophie‹ aussehen würde, die sich vor allem nützlich macht (eine von Technizisten und Fußball-Trainern propagierte Funktion), oder ob sie als »zentrale« Nebensache für uns und für »die Welt« (Marx) womöglich am »nützlichsten« ist. Liegt der elementare ›Nutzen‹ philosophischer Arbeit gerade in ihrer Unabhängigkeit und Nutzlosigkeit? Sichert womöglich gerade ihr Status als Nebensache ihr (und unser) Überleben?
Ziel des Seminars ist, mit jedem unserer fünf gemeinsamen Seminartage die spannende Geschichte der Marginalisierung und Trivialisierung des Philosophierens besser zu verstehen, diese Spannung zur Explosion zu bringen, die Scherben aufzusammeln und neu zusammenzusetzen, indem wir das Gespür für philosophische Texte radikal vertiefen und miteinander—philosophieren.
Das Seminar lädt unabhängig von philosophischer Vorbildung alle Interessierten zu vielstimmigen und gemeinsamen Abenteuern von philosophischen Lektüre- und Schreiberfahrungen ein. Das beschreibt bereits die fundamentale Methode: lesen und schreiben und sprechen. Methodologisch Interessierte dürfen vorab lesen: Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode (1960); Hans Lenk, Interpretation, Konstruktion, Kritik (1993) und Josef Simon, Sprachphilosophie (1992).
Im Seminar werden wir in relevante Texte hineinlesen von Martin Luther, Francis Bacon, David Hume, Georg W. F. Hegel, Karl Marx und Friedrich Engels, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Günther Anders, Richard Feynman, Hannah Arendt, Klaus M. Kodalle, Stephen Hawking und Peter Thiel.
Seminarleitung: Dr. Michael von Dufving