Nur eine Marginalie? Zur Stellung jüdischer Geschichte in Theorien des Antisemitismus
Während sich gegenwärtige Debatten über Antisemitismus zunehmend in Definitionsstreitigkeiten verfangen, wird ein Aspekt häufig marginalisiert: die jüdische Geschichte und die ihr eingeschriebenen Erfahrungen. Ob in den diasporischen Ausprägungen jüdischer Lebenswelten oder in ihrer Transformation im Kontext Palästinas/Israels – das Wissen über jüdische Lebensformen, Praktiken und Denkweisen spielt in den Auseinandersetzungen um Antisemitismus selten eine Rolle. Zwar betonen zahlreiche Theorien zu Recht, dass antisemitische Denkfiguren substanziell wenig mit realen Jüdinnen und Juden zu tun haben und auch ohne deren physische Präsenz fortbestehen können. Doch was bedeutet es, das Verständnis von Antisemitismus von der Geschichte, Kultur und Gegenwart jüdischen Lebens zu entkoppeln? Verweist diese Marginalisierung nicht selbst auf eine Leerstelle, die kritisch befragt werden muss?
Das Seminar geht der Frage nach, inwiefern Kenntnis über jüdische Geschichte eine Voraussetzung für die Analyse und kritische Erkenntnis des Antisemitismus darstellt. Im Mittelpunkt steht die Politologin Eleonore Sterling (1925–1968), eine Schülerin Max Horkheimers. Sterling entwickelte den Begriff des Antisemitismus, anders als das Gros heutiger Antisemitismusforschung, historischüber die Analyse jüdischer Lebens- und Erfahrungswelten seit dem frühen 19. Jahrhundert. Für sie war die Emanzipationsgeschichte der Jüdinnen und Juden nicht bloß historischer Kontext, sondern konstitutiver Bestandteil moderner Judenfeindschaft.
Auch Horkheimer beschäftigte sich früh mit Antisemitismus, etwa in Die Juden und Europa (1939), bezog ihn jedoch noch nicht auf die jüdische Sozialgeschichte, sondern verstand Jüdinnen und Juden primär als Projektionsfläche in der ökonomischen Zirkulationssphäre.
Sterlings Ansatz ist in der Forschung bis heute weitgehend marginal geblieben. Umso bemerkenswerter ist ihre Nähe zu Detlev Claussens Grenzen der Aufklärung (1987), in der ebenfalls die widersprüchliche jüdische Emanzipationsgeschichte seit der Aufklärung als Schlüssel zur Kritik des Antisemitismus – und damit zur Gesellschaftskritik insgesamt – verstanden wird.
Ausgehend von Sterling, im Rückgriff auf Horkheimer und im Vorausgriff auf Claussen, fragt das Seminar nach dem Verhältnis zwischen Antisemitismus und jüdischer Geschichte. Gemeinsam werden ausgewählte Passagen aus den Werken der genannten Autor*innen gelesen und diskutiert, um sowohl die Genese der Antisemitismusforschung als auch ihre enge Verflechtung mit jüdischer Geschichte sichtbar zu machen.
Seminarleitung: Zarin Aschrafi, Co-Leitung: Dr. Magnus Klaue
Anmeldestart und Anmeldeschluss werden im Intranet bekannt gegeben. Weitere Informationen sind im Intranet zu finden.