Jenseits des Kanons: Apokryphen
Apokryphen sind Texte, die aus verschiedenen Gründen nicht in den Kanon des Alten und Neuen Testaments aufgenommen wurden. Wer schon einmal eine Weihnachtsschallplatte oder -CD in Händen hielt, auf deren Cover sich Josef als alter Mann über die Krippe mit dem Jesuskind beugt, begegnete einer apokryphen Tradition – in der Bibel erfahren wir nichts über Josefs Alter, erst im Protoevangelium des Jakobus erscheint er als alter Mann. Wer im Urlaub durch Kirchen und Museen streift, kennt vielleicht Judith mit dem Haupt des Holofernes, Maria mit dem Jesuskind in einer Felsenhöhle, und auf manchen Bildern der Taufe Jesu steht Jesus auf dem Trockenen, weil der Jordan rückwärts fließt. Auch diese Bilder entspringen apokryphen Traditionen. Der Begriff »apokryph« ist schillernd, er reicht von verborgen (im Sinne von schwer zu finden) bis geheim (also besonders interessant).
Christliche apokryphe Texte stammen aus der Zeit der Spätantike, das heißt einer Epoche, die unserer Zeit mit ihrem religiösen Pluralismus, gesellschaftlichen Umbrüchen, ihren Mobilitätsanforderungen und -möglichkeiten erstaunlich ähnlich ist. Dank neuzeitlicher Handschriftenfunde im Wüstensand oder unter den unveröffentlichten Papyri in wissenschaftlichen Sammlungen erweitert sich unsere Kenntnis apokrypher Texte ständig. Spektakulärstes Beispiel in diesem Jahrhundert war die Veröffentlichung des Judasevangeliums im Jahr 2006.
Im Seminar werden wir wichtige apokryphe Texte vorstellen und näher kennenlernen. Was erzählen sie uns über das frühe Christentum? Wie helfen sie beim Verständnis biblischer Texte? Wo ragen sie in unsere Gegenwart, und welche Relevanz haben sie für uns? Methodisch werden wir apokryphe Texte genauso behandeln wie biblische – mit den Methoden der Text- und Literarkritik, form- und sozialgeschichtlich und mit einem Schwerpunkt auf der Rezeptionsgeschichte. Neben der Vermittlung von Basiswissen werden wir konkrete Texte gemeinsam mit den Teilnehmenden interaktiv und mit verschiedenen Methoden erarbeiten.
Folgende Inhalte haben wir geplant: Nach Einführungen in alt- und neutestamentliche Apokryphen werden wir uns mit ausgewählten Texten beschäftigen. Dabei werden wir einen Schwerpunkt darauf legen, wie sich apokryphe Traditionen in der bildenden Kunst niedergeschlagen haben. Weiterhin werden wir die Vielfalt apokrypher Evangelien in den Blick nehmen: Alte Jesusworte im Thomasevangelium, Eigenheiten judenchristlicher Evangelien, gnostische Traditionen im Judasevangelium und im Evangelium nach Maria oder die besonderen Passionsüberlieferungen im Petrusevangelium. Abschließend wollen wir einen Vorzugstext der Teilnehmenden näher beleuchten.
Seminarleitung: Dr. Uwe-Karsten Plisch, Co-Leitung: PD Dr. Niclas Förster
Anmeldestart und Anmeldeschluss werden im Intranet bekannt gegeben. Weitere Informationen sind im Intranet zu finden.