Ist die Seele eine vernachlässigbare Nebensache in der Medizin?
Die Seele ist ein schillernder Begriff, der sich auf innere Wesensaspekte eines Lebewesens bezieht und im Nichtmateriellen verortet wird. In der europäischen Tradition beginnt die schriftliche Reflexion über diesen Begriff bei Aristoteles; seine Ausführungen werden sowohl in der abendländischen Philosophie und Theologie als auch in der Medizin tradiert.
Die Seele als ein definierbarer Teil des Menschen spielt in der Medizin eine wichtige Rolle: nicht nur im Verständnis von Krankheitsprozessen, sondern auch im Umgang zwischen Behandelnden und Hilfesuchenden. Durch eine schrittweise ›Entseelung‹ beziehungsweise Umdeutung seelischer Prozesse im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Deckmantel der Wissenschaft wurde in der Medizin der Weg in Richtung Dienstleistung gebahnt. Dies erscheint jedoch an vielen Stellen als Sackgasse und eine Umkehr dringend geboten. Doch die ›entseelten‹ Vorstellungen allein können das nicht leisten (hier sei auf das Seelenfach Psychologie hingewiesen, das den Begriff selbst eliminiert hat).
An dieser Stelle setzt die Seminararbeit an:
Wir lesen gemeinsam Textausschnitte von Johann C.F.A. Heinroth (1773–1843), der der Gruppe der »Psychiker« zugeordnet wird, Wilhelm Griesinger (1817–1868), den man als »Somatiker« bezeichnet, und Carl G. Carus (1789–1869), ein Vertreter der romantischen Medizin, und reflektieren Denkansätze des 19. Jahrhunderts. Dabei wollen wir insbesondere auf qualitative Aspekte der Seele eingehen und sie unter dem Aspekt der Entwicklung diskutieren. Am Rande sei hier auch die Veränderung im Sinne von Erkrankungen angedacht.
Die differenziertesten Ansätze zum Verständnis einer Seele finden sich Anfang des 20. Jahrhunderts bei Rudolf Steiner (1861–1925), dem Begründer der Anthroposophie, von dem ebenfalls Textausschnitte gelesen und besprochen werden. Darauf basierend werden dann praktische Dimensionen (bewusstes Wahrnehmen seelischer Aktivität bei sich selbst und beim anderen) mit der Tagesdozentin erlebbar gemacht und die Bedeutung für medizinisches Handeln erörtert.
Die erarbeiteten Aspekte führen zur Gegenwart und dem Ringen nach einer Erklärung von seelischen Aktivitäten ohne einen adäquaten Seelebegriff. Wir wollen verschiedene Erklärungsversuche der Gegenwart analysieren, ihre jeweiligen Voraussetzungen klären und dem scheinbar nebensächlichem Seelebegriff einen möglichen neuen Stellenwert zuordnen. Dabei soll nachgespürt werden, inwieweit dadurch das Handeln in der Medizin neu gedacht werden muss.
Seminarleitung: Prof. Dr. Christian Albrecht May
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