Geflüchtetenlager: Von der (Un-)Möglichkeit, sich zu begegnen und politisch zu handeln
Die Unterbringung von Fluchtmigrant*innen in entlegenen Sammelunterkünften erfährt seit Jahren sowohl im deutschen als auch im europäischen Asyl- und Migrationsregime eine zunehmende Aufwertung – trotz anhaltender Kritik aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wohlfahrtsverbänden. Die jüngsten Überlegungen zu sogenannten »Return Hubs« – exterritorialen Rückkehrzentren in außereuropäischen Drittstaaten, in denen Geflüchtete zwangsuntergebracht werden, bis ihre Abschiebung möglich ist – sind nur ein Beispiel dafür, wie die Rechte und Belange von Flüchtenden systematisch aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung verdrängt werden.
In Sammelunterkünften – ob als Einrichtungen, Heime oder Lager bezeichnet – werden Migrationsbewegungen (teils gewaltvoll) kontrolliert, überwacht und verwaltet. Dabei entstehen öffentlichkeitswirksame Imaginationen des »Anderen«, die ihn entweder als vulnerables Opfer, als Bedrohung für die nationale Sicherheit oder als Objekt des staatlichen Verwaltungsapparats stilisieren. Gleichzeitig entziehen solche Unterbringungsformen den Bewohner*innen eine zentrale Bedingung für politisches Handeln: die Möglichkeit freier Begegnung. Denn das Politische hat keinen festen Ort in Parlamenten oder Parteien – es entsteht überall dort, wo Menschen sich in ihrem Anderssein begegnen können und Aushandlungsprozesse notwendig werden.
Im Seminar verschaffen wir uns zunächst einen Überblick über die verschiedenen Unterbringungsformen im deutschen Asylverfahren, um uns anschließend einem bestimmten Unterkunftstyp vertieft zu widmen: der Landeserstaufnahmeeinrichtung beziehungsweise dem AnkER-Zentrum. Das im Jahr 2018 eingeführte AnkER-Konzept sieht vor, dass alle Schritte des Asylverfahrens – von der Erstuntersuchung über die Antragstellung und Anhörung bis hin zur Verteilung oder Abschiebung – zentralisiert an einem Ort stattfinden. Obwohl die Koalition aus SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und FDP im Jahr 2021 vom AnkER-Konzept Abstand nahm und auch die aktuelle Bundesregierung es nicht ausdrücklich weiterführt, halten einige Bundesländer bis heute an den Zentren fest.
Wir werden uns daher mit der Frage beschäftigen, wie und warum in diesen Einrichtungen politische Handlungsmöglichkeiten verhindert werden: Welche Rolle spielt räumliche Segregation? Wer darf die Einrichtung betreten – und wer nicht? Wie wird der öffentliche Blick auf das Lager gesteuert? Welche formellen und informellen Praktiken des Ein- und Ausschlusses manifestieren sich im Alltag? Letztlich diskutieren wir auch, inwiefern die Verunmöglichung von Begegnung und politischem Handeln das Geflüchtetenlager als ein totalitäres Moment innerhalb demokratischer Ordnungen sichtbar werden lässt.
Wir lesen unter anderem aus Texten von Hannah Arendt, Michel Foucault, Giorgio Agamben und Henri Lefebvre. Ergänzend analysieren wir Film- und Fotomaterial sowie Auszüge aus Gesprächen mit (ehemaligen) Lagerbewohner*innen.
Seminarleitung: Cindy Hader
Anmeldestart und Anmeldeschluss werden im Intranet bekannt gegeben. Weitere Informationen sind im Intranet zu finden.