Erinnerungen an den deutschen Kolonialismus in Tansania und ihre transnationalen Verflechtungen nach Deutschland
Nach vielen Jahrzehnten des aktiven Nichterinnerns an die deutsche Kolonialzeit ist diese nun ins Zentrum zahlreicher öffentlicher Debatten in Deutschland gerückt. Gleichzeitig gibt es nur wenig Wissen darüber, wie ehemals kolonialisierte Gesellschaften selbst die deutsche Kolonialzeit erinnern und welche Ideen hier in Bezug auf eine Wiedergutmachung von kolonialem Unrecht artikuliert werden.
In Tansania, das von 1885 bis 1918 zu Deutsch-Ostafrika gehörte, ist die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit vielfältig und reicht von apologetischen Stimmen über anhaltende negative Empfindungen bis hin zu Forderungen nach Wiedergutmachung. Diese sehr unterschiedlichen Formen der Erinnerungen werden in Familien und Communitys weitergegeben; sie finden aber auch auf kommunaler, regionaler, nationaler und transnationaler Ebene statt und stehen nicht selten auch in einem Konflikt zueinander.
In diesem Seminar werden wir uns mit den vielfältigen Erinnerungskulturen an den deutschen Kolonialismus in Tansania auseinandersetzen. Neben der Befassung mit spezifischen Orten und Ereignissen, die im kulturellen Gedächtnis eine besondere Rolle spielen, werden wir uns auch mit den Positionen und Aktivitäten der großstädtischen Zivilgesellschaft, insbesondere Künstler*innen, und deren Perspektiven auf das Thema befassen. Darüber hinaus werden wir Leerstellen des Erinnerns an den deutschen Kolonialismus in Berlin in den Blick nehmen: Gemeinsam machen wir eine postkoloniale Stadtführung und kommen über erinnerungskulturelle Fragestellungen sowie Forderungen nach einer Wiederherstellung von Gerechtigkeit in der postkolonialen Gegenwart ins Gespräch.
Neben der Lektüre, Diskussion und Präsentation von Texten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften wird das Seminar mit der Oral-History-Methode arbeiten und aktiv Zeitzeug*innen beziehungsweise Nachkommen von diesen in das Seminar einladen. Weiterhin werden sich die Teilnehmenden anhand von Film und eigens verfassten Kurzessays auch affektiv mit der Thematik auseinandersetzen. Das Seminar bietet somit eine Plattform für eine fundierte Auseinandersetzung mit den komplexen postkolonialen Beziehungen zwischen Deutschland und Tansania und fördert ein tieferes Verständnis für die Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus.
Seminarleitung: Kristina Mashimi