Sommeruniversität 2021

Sommeruniversität 2021 »Achtung«

Unter dem Jahresthema 2021 »Achtung« vereint die Sommeruniversität 22 Seminare aus unterschiedlichen Disziplinen. Sie finden im März im Rahmen der Frühjahrsakademie online, im August in Haus Villigst sowie im September in Meißen (Stand: Dezember 2020) statt. Hier wird gemeinsam gelesen, diskutiert und gefeiert.

Die Seminare nehmen interdisziplinäre Fragestellungen in den Blick und sind nach sechs fächerübergreifenden Themenblöcken gruppiert. Die Sommeruniversität lebt von einem breit gefächerten Austausch, und deshalb freut sich das Studienwerk über die Teilnahme von Villigster­*innen aller Fachrichtungen und aller Semester – aktuell Studierende, Promovierende und Ehemalige – sowie besonders auch über Gäste, die Lust haben, ein Thema neu kennenzulernen oder vertiefend einzusteigen. Die Anmeldung für die Sommertermine erfolgt ab dem 10. Januar über das Intranet; aufgrund der begrenzten Anzahl an Plätzen wird eine schnelle Anmeldung empfohlen. Für die Frühjahrsakademie läuft die Anmeldung bereits

Kurzfristige Änderungen aufgrund der Corona-Pandemie sind möglich!

 

Übersicht der Seminare 2021 nach Rubriken

 

Jahresthema 2021: Achtung: Achtung!

»Achtung« sagt sich selbst. Die Sprache spricht. Achtung macht aufmerksam – aber wofür? Wer Achtung ruft, sieht Gefahr. Wer Achtung fordert, ringt um Beachtung. Wer Achtsamkeit lebt, ist sensibilisiert. Doch auch hier drohen blinde Flecken. Wer entscheidet, was Achtung verdient? Beachten wir das eine, vernachlässigen wir das andere.

Auch im Bereich der Geschichte heißt es immer wieder: Achtung! Es haben sich bestimmte Interpretationen von Geschichte und Kultur verfestigt, welche die Geschichtswissenschaft zu durchbrechen versucht: Schreiben nur die Sieger*innen Geschichte und legen nur die Mächtigen innerhalb einer Gesellschaft fest, was zur eigenen Kultur gehört und was nicht? Es gilt gerade auch denjenigen Achtung zu schenken, die in ihrer jeweiligen Epoche an den Rand gedrängt wurden. Die Überwindung des Eurozentrismus in der Geschichtsschreibung und die Vielfalt postkolonialer Ansätze sind notwendige Konsequenzen daraus. Wem sollten wir (mehr) Beachtung schenken? Wie wir nach Geschichte fragen, was und wen wir dabei beachten oder auch nicht – das alles hat Auswirkungen auf unser / unserer heutiges Selbstverständnis. Wenn wir uns als plurale und welt­offene Gesellschaft begreifen, dann muss auch unsere Erinnerungskultur plural und multiper­spektivisch beschaffen sein.

Wie verstehen wir Achtung: Als Aufruf, als Anspruch, als Sensibilisierung? Damit betreten wir auch theologisches Terrain. Ob der Gottesbezug zu einer größeren Achtung vor dem Leben, der Welt und unserem / unserer Nächsten führt, sollte kritisch beleuchtet werden. Die Schöpfungsperspektive führt nicht automatisch zu einer höheren Achtung vor dem Leben, aber sie wirft ein neues Licht auf das, was wir uns unter Leben vorstellen können. Denn auch der Lebensbegriff selbst kann strittig sein. Die Biologie beispielsweise debattiert darüber, ob Viren, insbesondere Makroviren, der biologischen Definition des Lebens entsprechen, und damit trägt sie maßgeblich dazu bei, unter welchen Gesichtspunkten Leben überhaupt betrachtet und beachtet wird. Die Vielseitigkeit des Lebens bedarf vieler Perspektiven, und es ist entscheidend, von welchem Leben und auf welche Weise wir von Leben reden und ob wir das eigene Leben, das der Familie, das aller Menschen oder / und das der Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen miteinbeziehen.

Wo hört Aufmerksamkeit als bloße Wahrnehmung auf und wo fängt Achtsamkeit an? Heben wir uns von anderem Leben ab, weil wir darüber nachdenken können, wem wir Beachtung schenken und warum? Wenn der Glaube uns eine Achtung schenkende Perspektive geben kann, dann müssen wir uns der sich daraus ergebenden Verantwortung besonders bewusst werden. Denn eine durch diese Achtung geprägte Rolle in der Gesellschaft einzunehmen und in der Nachfolge Jesu Achtung vor unserem / unserer Nächsten zu haben bedeutet, dem Schwachen wie auch benachteiligten und marginalisierten Gruppen die ihnen zustehende, aber so oft verwehrte Beachtung zu schenken. Für dies ist zudem die Anerkennung, die von Gott geschenkt wird, von zentraler Bedeutung. Wir erhalten damit unsere Achtung, sind bedingungslos angenommen und machen daraus folgend diese Achtung jedes Menschen zum Maßstab zwischenmenschlichen Handelns. Ist damit die Unantastbarkeit der Würde des Menschen nicht schon logische Konsequenz aus einem christlichen Weltbild?

Wie sieht es mit dem Leben künftiger Generationen aus und gibt es auch eine Achtung vor dem Nicht-mehr-Sein? Kann es ein Segen sein, nicht mehr da zu sein? Auch zu dem Wunsch nach selbstbestimmtem Sterben leidender Menschen müssen wir uns verhalten. Da wir unsere eigene Nichtexistenz denken können, stehen wir auch vor einer besonderen Verantwortung. Wer beachtet, dass all jenes, was ist, auch nicht sein könnte, der misst der Welt einen Wert bei.

Die Erde sagt: »Achtung!« Ihre Ökosysteme, Flora und Fauna erleben einen Umbruch, der einmalig in der Menschheitsgeschichte ist, aber einige Warnungen verhallen. Die Welt ist im Wandel und so auch ihre Ordnung. Woran orientieren? Am Neuen, am Bewährten, an der Politik, am Möglichen, am Anwendbaren oder am Theoretischen? Einiges entgeht der Beachtung als Folge der Aufmerksamkeits-Ökonomie.

Liegt die Entscheidung darüber wirklich im betrachtenden Auge? Welche Rolle kann hier die Forschung als Kulturtechnik spielen?

Wissenschaft kann frei, wild und wunderbar sein und unmöglich Scheinendes doch möglich machen. Doch liegen ihre Grenzen allein in freiwilliger Selbstkontrolle? Ein ausgewogenes Verhältnis von moralischen Schranken und Fortschrittsinteresse muss möglich sein. Bei Dürrenmatt treffen wir wiederum auf einen ­Wissenschaftler, der sich der Welt und seiner Verantwortung entziehen will. Doch Forschung gebietet Respekt vor dem Forschungsobjekt und Reflexion über die Folgen der Anwendung und deren Konsequenzen. Wissenschaft kann die Schöpfung bewahren und bedroht sie gleichermaßen.

Doch wie unterscheidet man, was wissenschaftliche Erkenntnis, was bloße Meinung und was zuverlässiger Fakt ist? Leben wir in einer permanenten Krise oder schafft Sensationsjournalismus nur abstrakte Gefahren, die für uns wenig Bedeutung haben? Neuigkeit, Ereignis, Vorfall, Sensation – in den Medien erreichen uns neue Nachrichten von der ganzen Welt in Sekundenschnelle. In diesem Informations(über)fluss ist es manchmal schwer, Entscheidungen zu treffen und den Fokus richtig zu setzen. Wer entscheidet, was in die Nachrichten kommt, und gibt es objektive Berichterstattung?

Künstler*innen verstehen es, mit Konventionen zu spielen, die Blende neu einzustellen und uns so dazu zu bringen, in der Vielzahl der Eindrücke Unbemerktes zu beachten. Dabei werden bestimmte Formen des Ausdrucks und der Ästhetisierung anerkannt und andere nicht. Es geht hierbei nicht nur um die Kunst an sich, sondern auch um die Kunstschaffenden: Wie wollen wir mit Künstler*innen mit problematischer politischer Vergangenheit umgehen oder mit jenen, die Missbrauch, Ausbeutung und diskriminierende Strukturen fördern oder für sie verantwortlich sind? Sollte und kann Kunst allein stehen?

Achtung zeigt sich in Selbstachtung, in zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu globalen und gesellschaftlichen Fragen. Der Ausruf »Halt! Achtung!« kann Probleme und Leid bewusst machen. Missachtete können so Ablehnung gegenüber diskriminierender Strukturen äußern. So haben in der MeToo-Bewegung Betroffene auf Ungerechtigkeit aufmerksam gemacht: »Hier werden (meine) Rechte missachtet.« In solchen polarisierten Diskursen lösen Schlagwörter unabhängig vom Inhalt Empörung aus und verunmöglichen einen konstruktiven Dialog. Achtloser Umgang mit Sprache kann bedeuten, dass das, was bei unserem Gegenüber ankommt, nicht das ist, was wir sagen wollten. Dabei ist achtsame, diskriminierungsfreie Sprache von zentraler Bedeutung, um die Bedürfnisse anderer nach Selbstbezeichnung zu respektieren; zugleich empfinden einige eine verklausulierte Sprache als Hürde in unserer Kommunikation.

Die sich abzeichnende Konfliktlinie ist nicht nur auf die Kommunikation beschränkt: Wir beobachten Polarisierungstendenzen in vielen Bereichen. Wie kann einer solchen Spaltung, wie sie sich in vielen Gesellschaften abzeichnet, entgegengewirkt werden? Aber Achtung: Ein Engagement für die Umkehrung dieses Trends schließt nicht aus, dass eben diese Spaltung geschieht. Was passiert, wenn der Respekt vor Menschen und der Gehorsam vor Systemen miteinander in Konflikt geraten, Missachtung die Überhand gewinnt? Unter welchen Um-ständen kann es legitim sein, das Gesetz oder Autoritäten zu missachten?

Wer A-chtung sagt, muss auch B-achtung sagen. Das Jahresthema ruft uns dazu auf, über unsere Sinne und Verantwortung neu nachzudenken. Denn wer Sinne hat, muss sie auf jemanden oder etwas richten und anderes vernachlässigen. Wer ein Bewusstsein für seine Sinne entwickelt, muss entscheiden, was Beachtung verdient hat und wer oder was nicht. Vielleicht ist der Mensch jenes Wesen, das vor die Aufgabe gestellt ist, aus seiner bloßen Aufmerksamkeit Achtung werden zu lassen.