Sommeruniversität 2020

Sommeruniversität 2020 Unikat

Das Jahresthema 2020 richtet den Blick auf Besonderes, fragt nach Einzigartigem und Alltäglichem. In 24 Seminaren aus unterschiedlichen Disziplinen wird im März in Nordwalde und im August in Haus Villigst sowie im September in der Evangelischen Akademie Meißen gemeinsam diskutiert und gefeiert. Interdisziplinäre Fragestellungen und unikale Zugänge gruppiert in sechs fächerübergreifenden Themenblöcken prägen die Seminarauswahl.

Da die Seminare von einem breit gefächerten Austausch leben, freuen wir uns über die Teilnahme von Villigster*innen aller Fachrichtungen und aller Semester – aktuell Studierende, Promovierende und Ehemalige – sowie besonders auch über Gäste, die Lust haben, ein Thema neu kennenzulernen oder vertiefend einzusteigen. Die Anmeldung erfolgt ab 19. Januar über das Intranet; aufgrund der begrenzten Anzahl an Plätzen wird eine schnelle Anmeldung empfohlen.

 

Übersicht der Seminare 2020 nach Rubriken

 

#unikat

Mit dem Hashtag will ich filtern. Das eine aus der Masse, das Besondere, das Absurde und Abnormale in der Menge finden. Damit verbringe ich gerne meine Zeit. Das letzte Tier seiner Art? Will ich sehen. Exklusive Produkte? Will ich haben. Klischee-Bekenntnisse eines individualistisch denkenden, in einer kapitalistisch geprägten Welt groß gewordenen Menschen. Und doch, ob im Internet auf Instagram ®, bei dem Betrachten von Schneeflocken auf der Fensterscheibe oder der Diskussion um Leitkultur und Individualismus: Die Faszination des Einzigartigen beschäftigt uns Menschen. Oft wünschen wir uns, einzigartig zu sein – für die Partner*in, für die / den Vorgesetzte*n. Manchmal sind wir lieber eine / r unter vielen. Einordbar und gleichartig. Nie wollen wir austauschbar sein.

Das Wort Unikat hat seinen Ursprung im Lateinischen. Das Adjektiv »unikal« meint hier:
Nur (noch) einmal vorhanden sein, eine einzigartige Beschaffenheit innehabend. Den semantischen Kontrast bilden das Duplikat und die Vervielfältigung.

Ich habe Spaß daran, mich ständig neu zu erfinden, meine individuellen Ansichten machen mich zum Unikat einer pluralen Gesellschaft, die viele verschiedene Meinungen braucht. Doch hat mein Drang zum Individualismus auch Grenzen, über die ich nicht hinaustreten darf? Wo hört »Unikatsein« auf und wo fängt Egozentrismus an? Heutzutage ist alles personalisierbar. Ich kaufe Massenware, die ich scheinbar dadurch individualisiere, dass ich eine Schutzhülle erwerbe, auf die das Foto meines Lieblingsvereins oder meiner Lieblingsband gedruckt wurde. Manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass man mich abhängig machen möchte. Ich muss einzigartig sein, ob ich will oder nicht. Bin das ich? Oder bin ich ganz andersartig? Mit der funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft bekomme ich mehr und mehr Raum, selbst zu gestalten, wie ich sein möchte. Stände- und Kastensysteme, die vorherbestimmen, wie die Lebensführung auszusehen hat, werden weniger. Gleichzeitig zwingt eine wachsende Entscheidungsfreiheit den Menschen in der modernen Gesellschaft dazu, ein originelles Leben voller einzigartiger Momente zu führen. Um nicht austauschbar und beliebig zu werden, müssen Körper und Selbst einzigartig geformt sein. Der Gang ins Fitnessstudio, die Low-Carb-Ernährung, Morgenroutinen und Effizienzgedanken dienen dazu, die beste Version ihrer / seiner selbst zu werden. Doch ist meine Einzigartigkeit dann nicht Produkt gesellschaftlicher Vorgaben?

Selbstoptimierung ist dabei kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Heute geht es um den diesseitigen Erfolg, früher war es der jenseitige. Menschen, die unsicher waren, ob sie genug gute Werke getan hatten, um dem Fegefeuer zu entkommen, überschlugen sich bei dem Versuch, ihre Seele zu retten. Martin Luther antwortete darauf: Allein durch den Glauben, sola fide, ist der Mensch befreit. Doch das Alleinstellungsmerkmal und die Wirkmächtigkeit dieses protestantischen Kerngedankens verblasst in einer Zeit, in der Religion in der Gesellschaft zunehmend als Irritation wahrgenommen wird. Die Rechte, die den Kirchen in der Gesellschaft eine herausgehobene Position verschafften, werden zunehmend infrage gestellt: das Kirchenasyl, die Staatsleistungen. Gut so, sagen Befürworter*innen der Trennung aus beiden Lagern, die korrektive Macht der Kirche und die von vielen gewünschte weltanschaulich neutral handelnde Regierung gewännen so an Glaubwürdigkeit. In einigen Bereichen wird dagegen auf eine zumeist christlich geprägte Tradition Wert gelegt: Die Vorstellung des Menschen als »Krone der Schöpfung« findet ihren Ursprung in philosophischem und theologischem Gedankengut. Als Argument in Diskursen gilt, es diese Vorstellung und ihre Interpretationen zu hinterfragen und zu problematisieren: So werden einerseits Macht- und Herrschaftsansprüche generiert, andererseits eine Verantwortung gegenüber der Schöpfung geltend gemacht. Als Christ*innen wissen wir uns dieser Schöpfung zugehörig. Unserer Verletzlichkeit und zeitlichen Begrenztheit, unseren Unzulänglichkeiten und körperlichen Beeinträchtigungen stellt Gott uns die Zusage »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein« entgegen.

Von einer gottgewollten Einzigartigkeit scheint sich die moderne Gesellschaft immer mehr einer genetisch manipulierbaren zuzuwenden. Naturwissenschaftliche Disziplinen setzen neben die Frage nach der Beschaffenheit des Menschen die Frage nach der Veränderbarkeit. Seit der Entschlüsselung der Erbsequenz Anfang der 2000er-Jahren wächst unser Wissen über die genetischen Grundlagen unserer Einzigartigkeit rapide. Wird das Unikat Mensch bald durch den Menschen selbst moduliert? Eine solch tief greifende Manipulation birgt Risiken, deren Folgen wir nur schwer abschätzen können, öffnet aber auch modernsten Errungenschaften wie der personalisierten Medizin die Tür. Während wir uns beim Menschen noch auf das Herausschneiden einzelner Genomsequenzen beschränken, haben wir bereits Schafe, Rinder und Maultiere erfolgreich geklont. Die Frage stellt sich, inwiefern ein solches Duplikat noch als Unikat bezeichnet werden kann. Es gibt es ja schließlich doppelt. Aber gibt es auch ein doppeltes Selbst? Wie verändert das Klonen möglicherweise die Entwicklung der Persönlichkeit? Gibt es eine perfekte Kopie?

Bei Objekten bemerkenswert: Kunstfälscher Beltracchi gelang es, Nachahmungen verschollen geglaubter Gemälde so täuschend echt zu erstellen, dass dies als Betrug mit Haftstrafe geahndet, die geschaffenen Werke aber durch die Fachszene gelobt und bewundert wurden. Er bediente sich alter Fotografien, um die Motive nachzuzeichnen. Die Fotografie macht es möglich, Momente in der Zeit stabil zu halten und zu bewahren. Warum werden Repliken an jener Stelle geahndet und an dieser gewürdigt?

Neben Genetik und Kunst gibt es weitere, als einzigartige Eigenschaften unseres Körpers geltende Bereiche, an deren Veränderung wir arbeiten. Die Voice-Onset Time (VOT) eines Menschen ist zurzeit noch einzigartig wie sein Fingerabdruck. Unsere Stimme ist damit ein Unikat, ob dies so bleibt, ist unklar. Damit eröffnen sich viele kritisch zu beurteilende Möglichkeiten der Stimmerkennung und Rekonstruierung. Mediziner*innen arbeiten daran, dass stimmberaubte Patient*innen mithilfe von Computertechnologien wieder sprechen können, und könnten damit der Stimme ihren unikalen Status streitig machen.

Momente dieser Art, in denen Einmaliges geschieht, gibt es in der Historie beispielhaft: Langfristig Angestautes und restrospektiv fast immer als Akkumulation von Erfindungen, Persönlichkeiten und Zeitgeistentwicklungen zu Erklärendes, entlädt sich dann oft punktuell und wird von späteren Geschichtsschreiber*innen als Umbruch oder Epochenübergang identifiziert. Was braucht es, damit diese Kairoi, diese günstigen Gelegenheiten einmaliger Natur, entstehen? Vielleicht sogar vorhergesehen werden können? Der Wunsch ist groß, einige Umstände nie wieder zu begünstigen. Phänomene wie die Pest im 14. oder die Spanische Grippe Anfang des 20. Jahrhunderts, Ereignisse wie Genozide, Apartheid und Shoa. In ihrer Wirkung für die Weltgeschichte sind sie unikal erschütternd. Wie können einzigartige Verbrechen jemals wirklich aufgearbeitet werden? Wie kann es weitergehen für eine ins Wanken gebrachte, eine traumatisierte Gesellschaft? Und weshalb werden manche Ereignisse auch Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte später noch als einzigartig und unvergleichlich erinnert, während andere in Vergessenheit geraten?

Die Beschäftigung mit dem Einzigartigen bezieht sich auf die Vergangenheit, mit dem, was der Mensch getan hat oder gewesen ist. Sie findet Ausdruck in der Gegenwart in dem, was er sein oder nicht sein will. Und sie wirkt in die Zukunft mit der Frage, wie ich mich als Mensch entwickeln kann und werde.

Ich habe gefiltert. Und oft blieb am Ende eines Satzes ein Fragezeichen stehen. Die Vielzahl der Fragen ist ein Hinweis auf die »Fragwürdigkeit« des Themas. Was ist die Einzigartigkeit in den aufgeführten Aspekten? Genau das und noch einiges mehr will ich erfahren und erleben, für mich und in der Gruppe bei der Sommeruniversität 2020. Dieser Text ist geschrieben, um bei Menschen Ideen anzuregen, also vielleicht genau bei Dir, der / die Du ihn gerade liest. Wegen sich verändernder gesellschaftspolitischer Bedingungen, den unterschiedlichen Teilnehmer*innen und Themen ist die Zusammensetzung der Sommeruniversität Jahr für Jahr unikal. Das Außergewöhnliche und Inspirierende bei dieser? Will ich sehen. Dabei in meinem kritischen Denken gefordert und in meiner Persönlichkeit gestärkt werden? Das möchte ich erleben.

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