Sommeruniversität 2019 – F KUNSTWELTEN UND ÄSTHETISCHE ERFAHRUNG

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Seminare:

  

F1 / Theater Gaming – Theorie & Praxis

In welches Spiel wolltest du schon immer mal eintauchen? Und wie könnte man es live auf einer Bühne umsetzen? Unter dem Genre »Game Theater« haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Formate zwischen Theater und Spiel entwickelt, die Computer- oder Gesellschaftsspiele auf die Bühne oder in den Stadtraum bringen. Mal ganz analog, mal mithilfe von Augmented-Reality-Techniken, die ihre Umwelt mit einbeziehen und die Stadt zum Spielplatz machen.

Der Einfluss digitaler Möglichkeiten und Kunstformen bringt auch im Theater neue Formate hervor. Interaktive Bühnenräume entstehen, die auf die Zuschauerinnen reagieren und für immersive Effekte sorgen. Game Design und Storytelling, die sich in Computerspielen entwickeln, wirken auf Theaterkonzepte und Stückentwicklungen zurück. Die digitale Kultur erobert die Bühnen, sorgt für Remediatisierungseffeke und verändert die Theaterlandschaft nachhaltig.

In den unterschiedlichen Live-Gaming-Formaten werden Zuschauerinnen zu Spielerinnen, die selbst die Story vorantreiben und mit­gestalten. Zusammen müssen sie Avatare steuern, Rätsel lösen und sich über das richtige Vorgehen abstimmen. Dabei geht es nicht nur um das Agieren im Team, sondern immer wieder auch um aktuelle Themen, politische oder ethische Fragestellungen. Auch die eigene Handlungs(ohn)macht angesichts übergeordneter Regeln und Strukturen wird erfahrbar und spielerisch verhandelbar.

Der erste Teil des Seminars soll zunächst einen Überblick über das vergleichsweise neue Genre und seine Vertreterinnen geben, um sich den Diskursen anhand von theoretischen &Texten u. a. zu Game Studies und partizipativen Theaterformen sowie durch Analysen genreprägender Spiele zu nähern. Dabei steht zum einen die Übertragung von spezifischen Erzählmustern digitaler Spiele auf performa­tive Settings und Räume im Mittelpunkt. Zum anderen soll es auch um Fragen der Interak­tion und sozialen Funktion solcher Spielanordnungen gehen.

Im zweiten Teil des Workshops können dann kleine interaktive Settings konzipiert, inszeniert und im Rahmenprogramm der Sommer­universität ausprobiert werden. Das Seminar soll auf diese Weise Theorie und Praxis sowohl des Gamings als auch der Theaterarbeit mit­einander verknüpfen und im besten Sinne szenisch forschen.

Leitung: Kirsten Möller
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 12. August bis 17. August 2019
Dauer: 6 Tage

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F2 / Ist das noch Spiel oder schon Ernst? Performances zwischen Kunst und Aktivismus

Darf und soll sich die Kunst am politischen Diskurs beteiligen? Kann sie überhaupt anders? Was ist das Spezifische, das Kunst in den politischen Diskurs einbringt? Diesen Fragen will sich die Theatermacherin Nele Solf gemeinsam mit Seminarteilnehmerinnen im Rahmen der Sommeruniversität in Villigst stellen.

Ausgehend von theoretischen Überlegungen von Theodor W. Adorno zu politischer Kunst, Hans-Thies Lehmann zum politischen Theater und Chantal Mouffe zur Rolle der Kunst in der agonistischen Politik werden wir uns kritisch mit den gesellschaftlichen Pflichten und Grenzen der Kunst auseinandersetzen. Besonderer Fokus liegt dabei auf Theater und Performance als jenen Künsten, die Menschen versammeln und das Soziale als Werkzeug verwenden. Hier stellt Nele Solf auch ihre eigene künstlerische Praxis und deren politische Dimension zur Disposition.

Anhand verschiedener Beispiele aus den USA (z. B. Yes Men, Reverend Billy and the Stop Shopping Choir), Zentraleuropa (z. B. Christoph Schlingensief, Zentrum für Politische Schönheit) und Osteuropa (z. B. Neue Slowenische Kunst, Woina, Pjotr Pawlenski) untersuchen wir die Methoden von Performancekünstlerinnen, die aktivistisch agieren. Dabei bemühen wir uns um eine Doppelperspektive: Was zieht Kunstschaffende am Aktivismus, was zieht Aktivistinnen an künstlerischen Methoden an? Einige der besprochenen Künstlerinnen bewegen sich mit ihren Arbeiten in ­moralischen und juristischen Grenzbereichen oder übertreten diese Grenzen mit Verve. Wie können wir diese Übertretungen vor einem künstlerischen, respektive einem aktivistischen Hintergrund bewerten?

Ausgestattet mit diesen Reflexionen soll anschließend die Möglichkeit eigenen politisch-künstlerischen Handelns beleuchtet werden. Wir fragen uns, welche politischen Anliegen uns umtreiben und welche künstlerischen Methoden wir anwenden könnten und würden, um uns spielerisch-aktivistisch einzumischen.

Leitung: Nele Solf
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 12. August bis 17. August 2019
Dauer: 6 Tage

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F3 / Analog Games Studies – Spannungen zwischen digital und analog im Brettspiel

Seit der Jahrtausendwende ist eine stetig steigende Beliebtheit der Brettspiele zu beobachten. Die Spielemesse in Essen stellt von Jahr zu Jahr neue Besucherinnen-, Austellerinnen- und Neuheitenrekorde auf. Die Absatzzahlen steigen ebenso wie die Berichterstattung, insbesondere in Blogs und Vlogs. Ziel dieses Workshops ist es daher, entlang der praktischen Übersetzung eines Computerspiels in ein Brettspiel Formate und Strategien analoger Spiele genauer in den Blick zu nehmen.

Seminaraufbau: Auf einer theoretischen Ebene werden wir uns mit Positionen der Spieltheorie und den darin versteckten Ambivalenzen auseinandersetzen. Mithilfe ausgewählter Medientheorien und Positionen der Games Studies werden wir uns dem Spannungsverhältnis zwischen digitalen und analogen Spielen nähern und mit einem Blick auf die Narration die großen Handlungsbögen in den Blick nehmen, zugleich jedoch auch nach strukturellen Subversionsmöglichkeiten suchen.

Ganz konkret diskutieren wir all diese Punkte nach einer kurzen thematischen Einführung immer entlang einer Prototypenentwicklung. Dies ermöglicht es, die Potenziale und die unterschiedlichen Mechaniken der Spiele auszuloten, dies jedoch immer wieder auch zum Anlass für die Diskussion grundlegender Fragen der Spielwissenschaft zu nehmen. Wir werden uns gemeinsam ein digitales Spiel aussuchen und dieses in eine analoge Form übersetzen. Denkbar wären z. B. »The Great Giana Sisters« oder »Papers please!«.

Diese gemeinsame Suchbewegung im praktischen Arbeiten und der theoretischen Diskussion wird flankiert durch Impulse von zwei der führenden Spieleentwickler: Daedalus als Produzent sehr narrativ funktionierender Computerspiele und Pegasus als Verlag, der vor allem Brettspiele und Rollenspiele publiziert.

Seminarplan:
Begrüßung – Impulsvortrag zur Ambivalenz des Spiels und dem Spannungsverhältnis zwischen digitalen/m und analogen/m Spielen

Mo. Gemeinsames Spielen und Sprechen über den Homo ludens

Di. Digitales – Impuls von Daedalus / Analoges Spielen, subversive Strategien

Mi. Was wollen wir umsetzen? Ideensammlung, Pitching, Arbeitsgruppensammlung

Do. Impuls Pegasus / Arbeiten mit Pegasus an dem begonnenen Projekt

Fr. Finalisieren und Testen des Prototyps

Leitung: Robin Junicke
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 26. August bis 30. August 2019
Dauer: 5 Tage

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F4 / »Wir alle spielen Theater!« Selbst-Inszenierungen in Kunst und Alltag

»Wir alle spielen Theater« – diese populär gewordene These des Soziologen Erving Goffman geht davon aus, dass es uns im Singular gar nicht gibt. Ob in der Familie, mit Freunden, Arbeitskollegen, Geschäftspartnern oder Followern; je nach Kontext präsentieren wir uns, gelenkt von Erwartungen, Vorstellungen und gesellschaftlichen Normen auf (etwas) andere Weise. Verstärkt durch das kapitalistische Imperativ der Gegenwart sind wir dazu aufgefordert, unser ganzes Selbst zu Markte zu tragen und uns fortwährend den Anforderungen unserer Umgebung anzupassen. Die zeitgenössische Verfasstheit der Medien und Techniken, allen voran die Sozialen Medien, ermöglicht und erfordert es, dass wir beständig performen – und dabei zugleich dem Anspruch genügen, doch ganz wir selbst zu bleiben. Doch was ist dann Authentizität, wenn wir doch beständig mit unserer Selbst-Darstellung spielen? Gibt es ein »Ich« hinter der Maske, dass einmal ganz es selbst sein könnte? Und wie tritt es in Erscheinung? Oder sind wir als soziale Wesen beständig im Spiel? Und ist nicht die Zuschreibung »authentisch« zu sein, allein die Auszeichnung dafür, dass uns mal wieder eine besonders konsequente Selbstinszenierung gelungen ist?

In den zeitgenössischen Künsten werden diese Fragen auf vielfache Weise bearbeitet und beantwortet. Ob in Theater- und Performance, Bildender Kunst, Spiel- und Dokumentarfilm; im Fokus stehen die Faszination als auch die Kritik am vermeintlich Authentischen einerseits wie auch der spielerische Umgang mit Identitäten und Selbst-Darstellungen andererseits. Statt Schauspielerinnen stehen so »Expertinnen des Alltags« auf der Bühne und erzählen ihre Geschichte, Künstlerinnen entwerfen sich selbst neu als optisch identische Kunstfiguren, die unter anderem Namen und mit anderer Biografie in ihren Videoarbeiten auftauchen und Mockumentaries erzählen im Stil des Dokumentarfilms auf ironische Weise eine alternative Version von Wirklichkeit, historischen und biografischen Fakten.

In dem fünftägigen Workshop setzen wir uns mit dem Stellenwert von Authentizität und Selbst-Inszenierung auseinander. Wir schauen und diskutieren künstlerisch-dokumentarische Arbeiten und widmen uns in Lektüren Varianten der Selbst-Inszenierung und dem Begriff des Authentischen in Kunst und Lebenswelt. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, spielerisch eigene, kleine künstlerische Ansätze zu entwerfen und in der Gruppe zu diskutieren.

Seminarleitung: Jascha Sommer
Veranstaltungsort: Evangelische Akademie Bad Boll

Termin: 08. April bis 12. April 2019

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