Sommeruniversität 2017 – F KUNSTWELTEN UND ÄSTHETISCHE ERFAHRUNG

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Seminar:

 

F 1 / Architektur der Sinne

Architektur beeinflusst die Wahrnehmung. Mehr als uns bewusst ist. Gleichzeitig unterliegt ihre Gestaltung selbst dem Einfluss zeitgleicher Kunst- und Kulturströmungen, was sich wiederum in einer eigenen Formensprache ausdrückt. Architektur steht also nicht nur dekorativ im Hintergrund, sie kommuniziert und transportiert Botschaften. Sie ist Emotionsträger und Handlungsmotor zugleich. Sie kann etwas erklären, wo Worte nicht ausreichen, insbesondere im Film.

Das alles dokumentieren die außergewöhn­lichen Machträume des weltberühmten Production Designers Ken Adam für die James-Bond-Serie der 1960er und 1970er Jahre von Dr. No bis Moonraker. Seine Entwürfe reflektieren den Zeitgeist, den unaufhörlichen Strom der ästhetischen und gesellschaftlichen Erneuerung, vom Wandel des mächtigen, stilprägenden Bauhauses bis hin zur Designrevolte der Swinging Sixties in London. Adam visualisiert in seinen Ideen den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Altbewährtem und Fortschritt, und prägt damit das Bild einer positiven und negativen Architektur.

Welche ästhetischen Zeitströmungen spiegeln sich in der Filmarchitektur Adams wieder? Wie äußern sich Gut und Böse, Komik und Gefahr, Macht und Unterordnung in Architektur und Design? Wo liegen die Wurzeln der filmischen Architektursprache? Und welche Wirkungskraft haben gestalterische Mittel? Mit diesen zentralen Fragen erarbeiten wir im Seminar die Ikonographie realer wie filmischer Machträume und ihre emotionale Ausdrucksfähigkeit. Ausgehend von den Gestaltungsideologien des Nationalsozialismus, analysieren wir wichtige Set-Entwürfe aus James Bond, Tatis Mon Oncle und Playtime, aber auch anderer Werke der erzählenden Baukunst wie Kubricks Dr. Strangelove, Lucas’ Star Wars und Chaplins The Great Dictator. Basis unserer Arbeit und Diskussionen werden Filmausschnitte, Filmstills, Zeichnungen und Abbildungen sein.

Als Gastreferent ist ein Filmemacher und Szenenbildner vorgesehen, der aus der Praxis berichtet.

Leitung: Dr. Petra Kissling-Koch
Veranstaltungsort: Evangelische ­Akademie Meißen

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 18. September bis 22. September 2017

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F 2 / Strom und Stau – Automatisches und kollektives Schreiben

»Verlassen Sie sich auf die Unerschöpflichkeit des Raunens«, sagt André Breton im ersten Surrealistischen Manifest von 1924, in dem er äußerst genaue und konkrete Anweisungen zur Nachahmung seiner Écriture Automatique gibt.

Wenn Michel Foucault und Roland Barthes Ende der Sechziger den »Tod des Autors« verkünden, dann können sie das nicht ohne die Vorarbeit der Surrealistinnen, die in den zwanziger Jahren eine Methode entwickelten, die dazu dient, das Unbewusste ins Bewusstsein zu holen und die den Menschen fremd gewordene Vernunft durch Willkür zu brechen. Mit der für ihn typischen dialektischen Feinfühligkeit beschreibt Walter Benjamin den Surrealismus als die »letzte Episode europäischer Intelligenz«. Was heißt das?

Wir wollen in dieser Woche Formen des automatischen und kollektiven Schreibens untersuchen, indem wir sie vor allem selbst auspro­bieren. Fernab davon, die Écriture Automatique als Praxis einer Beliebigkeit und des »Anything Goes« vorzustellen, versucht der Workshop aber auch, die historischen Implikationen dieser Methode zu rekonstruieren und den Schreibenden ins Bewusstsein zu rufen. Diese »Grundlagenforschung« ist keine müßige Stilübung, sondern eine Vergegenwärtigung der Prämissen des eigenen Schreibens.

Als Fundament für die Verständigung über den Gegenstand des Workshops behandeln wir mit den Teilnehmerinnen Texte dreier Gattungen: Ein Konglomerat repräsentativer literarischer Texte, das Surrealistische Manifest von André Breton selbst und den Surrealismus-Essay Walter Benjamins. Auf Basis der hier verhandelten Prämissen soll im Workshop das kollektive Schreiben erprobt und reflektiert werden.

Ziel unserer praktischen Versuche und theoretischen Sichtungen ist es, einer Reduktion von Literatur auf den bloßen Ausdruck vorzubeugen und den Fokus im Schreiben auf das Spiel der Zeichen selbst zu lenken. Und indem wir versuchen, uns auf die »Unerschöpflichkeit des Raunens« zu verlassen bzw. auf die fließende und verflüssigende Kraft des Unbewussten, Willkürlichen, wollen wir eine lustvolle Routine im Überwinden von Blockaden entwickeln – den Gedankenstau zum Gedankenstrom werden lassen.

Leitung: Stefan Wipplinger, Laurenz Schönthaler
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 21. August bis 26. August 2017

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F 3 / Gegen den Strom: Von der Kunst der (Un-)Aufmerksamkeit

In der heutigen Informationsgesellschaft fließen Bilder und Daten »in Strömen«: Die digitale Flut an visuellen und kognitiven Reizen ist omnipräsent, die Aufmerksamkeit des Einzelnen umkämpft. Georg Franck, Architekt und Philosoph, postulierte schon 1998 eine Ökonomie der Aufmerksamkeit. Statt des ausschließlich materiellen etabliere sich ein mentaler Kapita­lismus.

Jonathan Crary, Kunsthistoriker, beschreibt Aufmerksamkeit als ein Vermögen, das »etwas Beliebiges zum Besonderen macht«, etwas ggf. Profanes also durch »Aufmerksamkeits­zufuhr« aufwertet. Dieser Prozess spielte in den Künsten nicht zuletzt seit der Moderne eine große Rolle, z.B. in Marcel Duchamps »2Readymades«. Auch in performativen Arbeiten, die kein Produkt hinterlassen, liegt das ästhetische Potenzial oft in der besonderen Aufmerksamkeit von Performern und Publikum. In den letzten Jahren lassen sich in der euro­päischen Performance-Kunst viele Experimente mit Dauer, Wiederholung und Lang­samkeit beobachten, die den durchrationa­lisierten Umgang mit Zeit infrage stellen. Gleichzeitig werden die Performances »nicht-menschlicher Akteure« wie Tiere, Pflanzen oder Maschinen in den Fokus gerückt: Die ästhetische Forschung an Prozessen und Ökologien steht im Vordergrund.

Im fünftägigen Seminar nähern wir uns mit Texten aus Philosophie, Psychologie und Performance Studies, Beispielen von künstlerischen Arbeiten sowie praktischen Übungen folgenden Fragen: Wie funktioniert Aufmerksamkeit? Was wäre eine Abkehr vom »mentalen Kapitalismus« als überbordendem anthropozentrisch orientierten Strom von Events, News, Spektakeln und Likes? Wie könnte eine Praktik oder sogar Ethik der Aufmerksamkeit aussehen, die zur Rekonfiguration der eigenen Aufmerksamkeits­ökonomie einlädt?

Ein Reader wird vorab gestellt.

Leitung: Harriet von Froreich
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 21. August bis 26. August 2017

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