Sommeruniversität 2020 – E UMGANG MIT GESCHICHTE – ZUGANG ZU KULTUREN

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Seminare:

 

E1/ Machen Namen Menschen?

Namen umgeben uns tagtäglich: Sie begegnen uns auf Klingelschildern, an Bürotüren, auf Autoheckscheiben. Wir nutzen sie, um unsere Freund*innen, Vorgesetzten, Kolleg*innen, Partner*innen und Haustiere anzusprechen. Namen machen einen Menschen für alle identifizier- und individualisierbar, mehr noch: »der Eigenname eines Menschen ist […] ein vollkommen passendes Kleid, ja wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen« (J. W. Goethe, Dichtung und Wahrheit).

Aber was sind überhaupt Namen? Wen benennen wir und warum? Wo kommen unsere Ruf- und Familiennamen her und was bedeuten sie? Seit wann haben wir Familiennamen und was verraten sie über die damalige namensgebende Gesellschaft? Warum sind die Modenamen der Generation unserer Eltern ganz anders als die der eigenen und war das schon immer so? Was verrät der Name über uns selbst (Geschlecht, Alter, Sozialstatus, Religion, Herkunft) und welchen Einfluss haben Namen tatsächlich auf unser Leben, unsere Erfolge und Sozial­beziehungen?

In diesem Seminar beschäftigen wir uns intensiv mit einem zentralen Bestandteil individueller Identität: unseren Ruf- und Familiennamen. Auch wenn die Namenkunde (Onomastik) als Teilgebiet der Sprachwissenschaft verstanden wird, ist die wissenschaftliche Auseinander­setzung mit Namen ohne die interdisziplinäre Einbeziehung anderer Fachgebiete wie Geschichte, Soziologie und Kulturwissenschaft kaum denkbar. Daher werden wir in diesem sechstägigen Seminar über die Fachgrenzen einzelner Disziplinen hinwegsehen, um uns mit Etymologie und dem historischen Kontext unserer Familiennamen auseinanderzusetzen, die Verknüpfung von Personennamen mit vielfältigen sozialen Informationen zu analysieren und auch psychologische und juristische Aspekte der Namengebung miteinbeziehen.

Das Seminar wird viel Raum geben für offene Diskussionen und gleichermaßen vertraut machen mit onomastischem Handwerkszeug und Methoden des interdisziplinären Arbeitens.

Leitung: Prof. Dr. Mirjam Schmuck
Co-Leitung: Dr. Miriam Schmidt-Jüngst
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 10. August bis 15. August 2020
Dauer: 6 Tage

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E2/ Amerikanischer Exzeptionalismus

Dieses Seminar folgt der Idee des amerikanischen Exzeptionalismus durch vier Jahrhunderte. Wir beginnen mit der Dekonstruktion des Mythos der amerikanischen Außerordentlichkeit. Dabei stellen wir verschiedene Lesarten von Winthrop’s A Model of Christian Charity einander gegenüber. Danach werfen wir einen Blick auf die junge Republik und ihr Allein­stellungsmerkmal der Demokratie anhand von zwei zeitgenössischen Quellen (Auszüge), die wir gemeinsam lesen und analysieren werden. Im dritten Teil des Seminars wenden wir uns der Darstellung Amerikas in der Kunst zu. Dabei vergleichen wir Eigendarstellung (Gast /Bierstadt) mit europäischen Ansichten und folgen der Leitfrage, wie amerikanischer Exzeptionalismus dargestellt und verhandelt wird. Des Weiteren beschäftigen wir uns mit dem Konzept der Manifest Destiny in diesen Bildern und ihrer Rolle in den USA des 19. Jahrhunderts. Teil vier führt uns dann in das 20. Jahrhundert, das wir mit Exzerpten aus der amerikanischen Literatur versuchen werden zu analysieren. Vor allem die kritische Behandlung des American Dream soll hier im Vordergrund unserer Analyse stehen, um diese dann in unser Gesamtbild Amerikas einzupflegen. Passend dazu wenden wir uns dann in Richtung »Traumfabrik Hollywood« und der amerikanischen »Victory Culture« nach dem Kalten Krieg. Dabei sehen und analysieren wir gemeinsam Ausschnitte aus Filmen von Forrest Gump bis Avengers: Endgame.

Nach einer offenen Diskussionsrunde zum Vergleich nationaler (demokratischer) Gründungsmythen, die auf den Input von Studierenden baut und von diesen moderiert und / oder geleitet werden kann, verbringen wir die letzte Einheit mit dem Amerika von heute. Hier erwartet uns die Frage nach einem neuen amerikanischen Exzeptionalismus. Dazu schauen wir uns den aktuellen Forschungsstand zu Trump an: seinen Umgang mit den Medien, die Infragestellung demokratischer Prozesse durch ihn und seine Verwendung von Verschwörungstheorien.

Leitung: Albrecht Raible
Veranstaltungsort: Evangelische Jugend­bildungs­stätte Nordwalde

Zeitraum: 16. März bis 20. März 2020
Dauer: 5 Tage

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E3/ Die andere »Dialektik der Aufklärung«: Die nationalsozialistischen Massenverbrechen sind bei den Deutschen gut aufgehoben

Die deutsche »Erinnerungskultur« hat, bezogen auf die nationalsozialistischen Massenverbrechen, für die Auschwitz nahezu emblematisch steht, eine rasante Entwicklung genommen.
Sie ist zum markanten Bestandteil eines Staats- und Gesellschaftsverständnisses geworden, das aktuell wieder infrage gestellt wird. Die »Aufarbeitung der Vergangenheit« ist keine ungebrochene Erfolgsgeschichte – immer war sie auch von Ambivalenzen, Widerständen und Abspaltungen gekennzeichnet. So fällt es schwer, nur von einer »Erinnerungskultur« zu sprechen. Ich bevorzuge daher den Plural. Dabei scheint die Thematisierung und zuweilen notwendige Skandalisierung der Erinnerungspolitiken, die die Erinnerungskulturen der vergangenen Jahrzehnte prägten, mitunter wie ein Ausweichen auf eine scheinbar distanzierte Position der Beobachtung, Des­kription und Analyse. Diese Position ermöglicht es, die Geschichte, also die nationalsozialistischen Massenverbrechen selbst, nur elliptisch zu umrunden, und sich damit auch von ihr fernzuhalten.

Es werden Adornos zur Bildungsarbeit »Erziehung über Auschwitz« und die Täter*innen­forschung dis­kutiert. Wir analysieren die Debatte um die »Singularität« der national­sozialistischen Massenverbrechen. Welche Bezüge zwischen diesen und anderen genozidalen Ereignissen scheinen statthaft, hilfreich und notwendig, um ein tieferes Verständnis zu erlangen, wie derlei Realität wird? Mit der These, dass die Realität und Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen – im Hegelschen Sinne – heutzutage in Deutschland gut aufgehoben seien, möchte ich eine Diskussion anregen, die das gegenwärtige Risiko, das von der Ge­schichte ausgeht, in den Blick nimmt. »Aufgehoben« bedeutet hier im Hegelschen Sinne, der Nationalsozialismus sei – eindeutig dank des massiven Eingreifens der Alliierten – beendet und be­seitigt (These), (in der Antithese aber eben auch) etwas von ihm in der deutschen Gesellschaft bewahrt und (in der Synthese) gar erhöht und sublimiert.

Seminarleitung: Dr. Matthias Heyl
Veranstaltungsort: Evangelische Akademie Meißen

Zeitraum: 21. September bis 25. September 2020
Dauer: 5 Tage

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E4/ Unikat Türkei – ein Land, zwei Welten!

Mustafa Kemal Atatürk, als »Vater der Türken« erster türkischer Präsident, und deren zwölfter, Recep Tayyip Erdogan, haben die Republik Türkei geprägt. Im Jahr 2023 wird sie 100 Jahre alt. Ein Teil der Nation wird dann Atatürks Porträt in die Höhe halten, ein anderer der Kämpfer des Unabhängigkeitskrieges erinnern und ein dritter die Feier­lichkeiten meiden.

Im Seminar versuchen wir der uns oft fremden Türkei – Unikat zwischen Orient und Okzident – näher zu kommen. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss befassen wir uns mit den Grundlagen der Republik Türkei: der alten, »urbanen Elite« und ihren Dogmen, und mit der Frage, wie aus anatolischen Außenseitern eine Gegenelite wurde. Krisen und Konflikte wie zuletzt der Putschversuch 2016 begleiten den Reifeprozess der Türkei. Heute wird sie von ihrer Geschichte eingeholt: Der Islam ist wieder zu einem Faktor gesellschaftlicher und politischer Entwicklung geworden. Wir wollen die Ausprägungen des Islams innerhalb der Türkei verständlich machen und schauen auf den multi-ethnischen und -kulturellen Charakter Anatoliens, der verstärkt zutage tritt. Ist das Bekenntnis zum Türkentum, mit dem die Staatsgründer ausdrücken wollten, dass die Nation nach Ende des Osmanischen Reiches zu einer Selbstidentifikation gefunden hat, obsolet? Mit türkeikundigen Expert*innen wollen wir die heutige Türkei besser verstehen.

Wir schauen auch auf die in Deutschland lebenden Bürger*innen, die aus der Türkei eingewandert bzw. deren Vorfahren türkisch­stämmig sind. Weil heute hierzulande 1,5 Millionen Menschen türkischer Herkunft leben, ist Deutschland von den Entwicklungen in der Türkei mit betroffen. Viele Probleme der hier lebenden Migrant*innen aus der Türkei sind Spiegelbild der Probleme und Konflikte im Land am Bosporus.

Vorwissen über die Türkei ist nicht erforderlich. Eine »türkische« Exkursion ist für Donnerstag ab dem Nachmittag vorgesehen. Das detaillierte Programm des sechstägigen Seminars und einen Reader erhaltet Ihr vor Seminarbeginn.

Leitung: Dr. Marcus Nicolini
Co-Leitung: Agnes Eroglu
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 10. August bis 15. August 2020
Dauer: 6 Tage

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