Sommeruniversität 2021 – E UMGANG MIT GESCHICHTE – ZUGANG ZU KULTUREN

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Seminare:

 

E1/ Achtung durch Be-achtung. Diversere Perspektiven auf die Geschichte

Historiker*innen sind in diversen Bereichen tätig: Universitäten, Ministerien, Schulen, Archiven, Museen, Redaktionen, Verlagen, Stiftungen und vielen mehr. Sie erforschen Vergangenes und bereiten Geschichte für die Fachwelt, aber auch die Öffentlichkeit auf. Ihre Entscheidungen über Lehrpläne, neue Ausstellungsthemen, Forschungsgelder und Publikationen prägen das kollektive Gedächtnis – auch außerhalb der Fachwelt. Was bei Historiker*innen Beachtung findet, bereitet den Denk- und Erfahrungsraum der Gegenwart.

Das Seminar will der Frage nachgehen, wem Historiker*innen ihre Aufmerksamkeit schenken und wem nicht. In einem ersten Schritt sollen die Teilnehmenden den Zusammenhang von Überlieferung und Forschung sehen und verstehen. Das überlieferte Material begrenzt die Auswahl von Forschungsgegenständen. Gleich­zeitig ist sowohl Überlieferung als auch Forschung perspektiv- und zeitgebunden. Eine problematische Folge sind sehr beschränkte Perspektiven auf die Vergangenheit, die einzelne soziale Gruppen und Phänomene stark bevorzugen. Im Seminar werden wir gemeinsam verschiedene Zugänge zu ausgewählten Quellen erproben, um daraus ein Problembewusstsein für diese komplexe Wechselwirkung zu entwickeln.

Darauf aufbauend wollen wir mögliche Lösungen diskutieren: Wie kann sichergestellt werden, dass die Überlieferung die Gesellschaft besser abbildet? Wie kann die geschichtswissenschaftliche Forschung diverser werden? Dazu werden wir die Entscheidungspraxis von Archiven und Museen beleuchten und kritisch hinter­fragen. Für eine exemplarische Vertiefung von Be-Achtung ist ein Referent zum Thema feministische Geschichtswissenschaft angefragt. Wie man Quellen neu erschließen kann, wollen wir gemeinsam an Fallstudien analysieren und diskutieren.

Das Seminar versteht sich als Einladung an Student*innen aller Fachrichtungen zur Reflexion über den Umgang mit Geschichte und setzt keine geschichtswissenschaftlichen Kenntnisse voraus.

Leitung: Paul Schweitzer-Martin, Svenja S. Stever
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 2. August bis 6. August 2021
Dauer: 5 Tage

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E2/ Sophie Scholl – 100 Jahre

»Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.« Diese Sätze sagte Sophie Scholl nach ihrer Verhaftung am 18. Februar 1943, sie stehen im Vernehmungsprotokoll der Geheimen Staatspolizei.

Sophie Scholl hat durch ihre Unbeugsamkeit und Unbedingtheit, mit der sie zu ihren Taten stand – sich nicht distanzierte oder strafmildernde Umstände erbat –, eine fast ikonische Bedeutung erlangt. Jede /r meint die Szene zu kennen, in der sie noch im Angesicht der Gefahr die Flugblätter in den Lichthof der Universität hinunterstößt. Es scheint, als wäre diese junge Frau zur Heldin geboren. Doch der Mensch Sophie, wie er uns aus den Quellen entgegentritt, hatte viele Facetten, von denen die todesmutige Gefangene, wie sie am Ende vor dem Volksgerichtshof steht, nur eine von vielen ist. Vor allem war es ein langer, zum Teil schmerzhafter Entwicklungsprozess, den Sophie Scholl durchleben musste. Ihre Briefe und ihr Tagebuch machen deutlich, weshalb für die junge Kindergärtnerin und Studentin, die sich viele Jahre aus tiefster Überzeugung im Bund Deutscher Mädel engagierte, der Freiheitskampf immer unausweichlicher wurde, warum sie schließlich bereit war, ihr Leben einzusetzen.

Im Seminar »Sophie Scholl – 100 Jahre« werden wir ihrem kurzen Leben nachgehen und fragen, was es für uns heute persönlich und politisch bedeutet. Welche Beachtung verdient Sophie Scholl? Anhand der Filme von Michael Verhoeven (1982) und Marc Rothemund (2005) analysieren wir, wie durch sie das Bild Sophies und der Weißen Rose im öffentlichen Bewusstsein geprägt wurde. Der Gastreferent stellt den Bezug zu Dietrich Bonhoeffer, die Exkursion zum Widerstand in Dortmund her.

Leitung: Dr. Robert M. Zoske
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 9. August bis 13. August 2021
Dauer: 5 Tage

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E3/ Christentum und die Politik der Homosexualität. Die Rolle von Religion und Sexualität in globalen und nationalen Konflikten am Beispiel Ugandas

»Wer A-chtung sagt, muss auch B-achtung sagen«, formuliert das Jahresthema und unterstützt damit einen wichtigen gesellschaftlichen Konsens, der sich in den letzten Jahren herausgebildet hat. Wir haben gelernt, dass Diskriminierung und Verfolgung die Menschenrechte der Betroffenen verletzen. Verantwortliches politisches Handeln soll deshalb darauf ausgerichtet sein, solchen Menschenrechtsverletzungen entgegenzutreten.

Umso verstörender ist es, wenn die Menschenrechte selbst zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung werden. Viele Christ­*innen sehen mit Erschrecken, dass die christliche Botschaft an vielen Orten dazu gebraucht wird, um Diskriminierung und Verfolgung zu legitimieren. Ein besonders drastisches Beispiel für diese Entwicklung ist das Anti-Homosexualitätsgesetz, das im Jahr 2014 vom Parlament in Uganda verabschiedet wurde. Dieses Gesetz kam auf Betreiben von christlichen Gruppen zustande. Auch wenn das Gesetz kurz darauf vom obersten Gerichtshof annulliert wurde, ist die Lage von LGBTIQ+ Personen nach wie vor prekär.

Das Seminar »Christentum und die Politik der Homosexualität« analysiert die Rolle des Christentums in dem Konflikt in Uganda und nimmt dabei in besonderer Weise die Interaktion von nationalen und internationalen Akteur­*innen in den Blick.

Diese Konfliktkonstellation bringt die ökumenische Bewegung wiederholt in große Konflikte. Immer wieder wird die Frage der Sexualität zum zentralen Paradigma des christlichen Selbstverständnisses. Das Seminar zeigt auf, wie die christlichen Weltbünde mit dieser Herausforderung umgehen.

Das Seminarthema wird in der Hauptsache durch die Bearbeitung von Primärtexten und Videodokumentationen erschlossen. Eine Exkursion zum Museum der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal steht außerdem auf dem Programm.

Seminarleitung: Dr. Hanns Lessing
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 16. August bis 21. August 2021
Dauer: 6 Tage

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E4/ Darstellungen der Shoah in Comics – früher und heute

Seit Art Spiegelmans in vielerlei Hinsicht bahnbrechendem Werk »Maus« (1986 / 1991) finden sich unterschiedlichste Bezugnahmen auf die Shoah in Comics. Besonders aber in den letzten Jahrzehnten stoßen sie zunehmend auf öffentliches Interesse und erreichen ein immer breiter werdendes Publikum. Auf vielfältige Weise reflektieren und prägen diese Comics die Erinnerungskulturen, in denen sie entstehen oder rezipiert werden. Sie werden immer häufiger in Schulen und anderen Bildungskontexten eingesetzt. Auch ihre Bedeutung als Quellen für die Wissenschaft wird zunehmend ernst genommen.

Neben der Beschäftigung mit narrativen Bildserien aus den NS-Zwangslagern werden Comics unterschiedlicher Genres sowie zeitlicher und örtlicher Entstehungskontexte in den Blick genommen. Die Beispiele reichen von narrativen Bildserien aus NS-Lagern über Comics aus dem sogenannten »Golden Age« der amerikanischen Comics, das von 1938 bis 1955 reichte, bis zu internationalen Comics der Gegenwart. Im Zentrum des Seminars stehen interdisziplinär zugängliche Fragen nach Herausforderungen und Potenzialen des Mediums für die Darstellung der Shoah. Wir analysieren die Strategien, mit denen Comics den Judenmord inszenieren, und setzen diese in Kontext zu anderen Medien und allgemeineren erinnerungskulturellen Überlegungen.

Gemeinsam werden wir untersuchen, welche Rolle die Darstellung von Jüdinnen und Juden in ganz unterschiedlichen Comics spielt. Dabei werden wiederkehrende Motive wie auch die Entstehungskontexte einzelner Geschichten vorgestellt. Im Mittelpunkt des methodisch vielfältigen Seminars, das auf Einbindung der Teilnehmenden setzt, steht die Frage: Wie nähern sich Comics, aber auch Häftlingszeichnungen/Bildserien von Häftlingen der Shoah und der Erinnerung an sie mit ihren spezifischen gestalterischen Mitteln?

Leitung: Markus Streb, Anna Beckmann
Veranstaltungsort: Klosterhof St. Afra, Meißen

Zeitraum: 20. September bis 24. September 2021
Dauer: 5 Tage

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