Sommeruniversität 2017 – E UMGANG MIT GESCHICHTE – ZUGANG ZU KULTUREN

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Seminare:

 

E 1 / Was heißt hier Integration? Von Migrationsströmen und Integrationsansätzen im Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet ist seit jeher von Migration geprägt. Um 1800 noch eine Ansammlung von Dörfern, lebten 1925 bereits über 4 Mio. Menschen hier. Die Millionen Zuwanderer wurden über die Jahrzehnte zu einer Mehrheitsgesellschaft integriert. In den 1960er Jahren kam ein neuer Wanderungsstrom (im Seminar wird auch die Problematik der Metapher »Strom« in Bezug auf Migration thematisiert): die sog. »Gastarbeiterinnen«. Die Auswirkungen dieser Zuwanderungswelle sind besonders in migrantisch geprägten Vierteln sichtbar, wie etwa Dortmund-Nordstadt. Nur 20 km von Haus Villigst entfernt liegt ein Stadtteil, der stark von sozialer und ethnischer Segregation geprägt ist und oft als »Problemviertel« gilt. Andererseits engagieren sich hier viele Institutionen und Bürgerinnen für eine erfolgreiche Integration. Folgende Fragen will das Seminar fokussieren:

  • Wie lebt es sich in einem »migrantischen Viertel«? Wo ist Integration gelungen, wo nicht?
  • Welche evtl. problematische Vorstellung von Integration steht dahinter? Werden durch die Unterscheidung in »wir« und »die« Abgrenzungen zementiert (sog. Othering)?
  • Wie begegnen sich »alteingesessene Migrantinnen« und »neue Flüchtlinge«?
  • Welche Lehren kann man aus früheren Integrationsbemühungen für die Zukunft ziehen?

Dabei wollen wir sowohl kritisch-theoretisch als auch angewandt vorgehen. Um mit den Menschen in der Nordstadt ins Gespräch zu kommen, werden wir an zwei Tagen vor Ort sein.

Seminarablauf

Tag 1: Anreise, Kennenlernen

Tag 2: Was heißt hier Integration? Annäherung an ein umstrittenes Konstrukt; kleine Regionalkunde Ruhrgebiet

Tag 3: Vor Ort: Erkundung des Stadtteils; ­Gespräche mit Akteurinnen der Integrationsarbeit (z. B. Quartiersmanagement Nordstadt, Ev. Pauluskirche, Planerladen e. V.)

Tag 4: Vor Ort: Im Dialog mit Akteurinnen und Bürgerinnen

Tag 5: Reflexion der Tage vor Ort; Erarbeiten von Leitfragen in Kleingruppen Tag 6: Diskussion der Ergebnisse; Evaluation, Abreise

Leitung: Dr. Michael Weichbrodt
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 21. August bis 26. August 2017

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E 2 / Sprache im Fluss. Die Bedeutung sozialer Faktoren für Sprachwandel und Varietäten.

Was ist richtiges und gutes Deutsch? Schon vor 100 Jahren hat sich die deutsche Sprache anders angehört als heute und je weiter man zurückgeht, desto fremder wird sie uns und desto weniger finden wir unsere heutigen Normen in ihr wieder. So ist Goethes Faust »so klug als wie zuvor«, aber wer sich heute als »klüger wie die anderen« bezeich­net, wird häufig als dumm abgestempelt. Im Süden spricht man anders als im Norden, im Chat anders als beim Referat, und Jugendliche etablieren ihre ganz eigenen Sprachvarianten. Sprache ist soziales Handeln, sie wird an die Bedürfnisse ihrer Sprecherinnen angepasst und, wie Kleidungsstil und Umgangsformen, mit sozialer Bedeutung aufgeladen. Kurz: Das einzig wahre, konstante Deutsch gibt es nicht. Die deutsche Sprache ist im Fluss und wird von einer Vielzahl an Faktoren vorangetrieben: Wie sehr wird eine Sprache durch Sprachkontakt verändert – was machen Anglizismen mit ihr, was Türkisch oder Arabisch? Welche Rolle spielten früher Latein oder Französisch? Welchen Einfluss hat der Unterschied zwischen schriftlicher und mündlicher Kommunikation? Eine Sprecherin kann je nach Situation oder Gruppe den Sprachstil wechseln. Wie ist diese innere Mehrsprachigkeit zu analysieren?

Bei all dieser Vielfalt stellt sich die Frage, welche Geltung Sprachnormen haben. Was hat es mit der Standardsprache auf sich? Welche Positionen nehmen Sprachkritikerinnen ein? Was ist mit Sprachverfall gemeint und wann setzt er tatsächlich ein? Auch die Wahl der Ausdrucks­weise hat Einfluss auf soziale Zusammenhänge und unser Denken. Sind bei der Verwendungen männlicher Personenbezeichnungen wirklich alle mitgemeint? Wie wirken Metaphern wie Flüchtlingswelle auf die öffentliche Meinungsbildung? Was spricht dafür und dagegen, den Negerkönig bei Pippi Langstrumpf zu einem Südseekönig zu machen?

Die Teilnehmerinnen reflektieren den eigenen Sprachgebrauch, lernen linguistische Analyse­kategorien kennen, wenden sie an und verschaffen sich einen Überblick über (sozio)­linguistische Forschungsmethoden.

Das Seminar richtet sich insbesondere an Teilnehmerinnen ohne linguistische Vorkenntnisse.

Leitung: Kristin Kopf, Laura Neuhaus
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 21. August bis 26. August 2017

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E 3 / Israel – Palästinensische Autonomiegebiete: Es ströme Recht und Gerechtigkeit

Vom »Heiligen Land«, also der Region, in der heute Israel und die palästinensischen Autonomiegebiete liegen, sagt man, dass dort Milch und Honig fließen. Doch schon zu biblischen Zeiten waren die Zustände keineswegs paradiesisch, sodass der Prophet Amos mahnte: »Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.« (Amos 5,24)

Somit wird deutlich: Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinenserinnen hat eine lange Vorgeschichte. Entsprechend ist die poli­tische, soziale, wirtschaftliche und religiöse Gemengelage vielschichtig und komplex und erlaubt keine einfachen Antworten.

Mithilfe der Analyse der Darstellung von historischen und gesellschaftspolitischen Ereignissen wird im Seminar ein Überblick über die gesellschaftspolitische Situation in der Region erarbeitet. Dabei sollen ganz andere Ströme genutzt werden: die der Narrative. Geschichte und Geschichten, Mythen, Positionen und Argumentationen der verschiedenen Beteiligten im politischen, wirtschaftlichen und religiösen Bereich werden wahrgenommen, reflektiert und diskutiert.

Ziel ist es, die Konstruktionsmechanismen der Narrationsströme in ihrer Logik zu verstehen und auf ihre Funktionen hin zu betrachten. Ziel ist es ebenfalls, Vorurteile, Freund-Feind-Dualismen und vordergründige Parteinahmen zu durchbrechen und ein multiperspektivisches Bild von der Region zu erhalten. In dem Seminar wechseln sich thematische Inputs, Textarbeit, Filmanalyse und Auswertung von Erfahrungsberichten ab. Plenare Diskussionen sowie Werkstattarbeit in Kleingruppen sind vorgesehen.

Leitung:  Jens Nieper, Dr. Kerstin Söderblom
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 28. August bis 1. September 2017

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E 4 / Gefährdete Demokratie? Die neue Rechte als Herausforderung für Kirche und Gesellschaft

Die Demokratie scheint an Strahlkraft verloren zu haben: Allenthalben wird ihr Niedergang ausgerufen, das Vertrauen in die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten als Bürgerinnen sinkt, »Politikverdrossenheit« ist eine seit Jahren gängige Diagnose. Nutznießerinnen dieser – vermeintlichen oder echten – Krise sind nicht zuletzt Radikale und Extremistinnen. Spätestens mit AfD, Pegida & Co. erhalten rechtspopulistische und völkische Ideologien in der Öffentlichkeit starke Resonanz.

Bevor wir uns mit den Narrativen, dem Menschenbild und dem Gesellschaftskonzept der Neuen Rechten auseinandersetzen, befassen wir uns mit Demokratietheorien und -modellen, die für das Selbstverständnis der Bundesrepublik prägend waren (z.B. Böckenförde, Habermas, Popper). Wir fragen nach Grenzen und Herausforderungen einer offenen Gesellschaft (z.B. Colin Crouch, »Postdemokratie«) und ziehen neuere Erkenntnisse der Demokratieforschung heran.

Die evangelischen und katholischen Konfessionen hatten in ihrer Geschichte sehr divergierende Haltungen zur Demokratie. Man findet die Ablehnung dieser Regierungsform genauso wie christliche Traditionen, die durch ihr basisdemokratisches Gemeindeleben Demokratie für den Staat überhaupt erst denkbar machten. Wir schauen besonders auf die EKD und die römisch-katholische Kirche: Hier liegt ein wichtiger Schlüssel, wie Kirche und Gemeinden sich in der Auseinandersetzung mit rechten Ideologien verhalten. Und auch, wenn die Kirchen heute für Demokratie und Zivilgesellschaft eintreten, gibt es christliche Kreise, die mit rechten Ideologien sympathisieren und sie sogar fördern.

Das vielleicht wichtigste Element der Demokratie ist Sprache: die Überzeugung, dass man in gewaltlosem Streit Konflikte austragen und Kompromisse finden muss. Gibt es eine Ethik der Rhetorik in der Demokratie? Welche Kennzeichen trägt die Rhetorik der Neuen Rechten? Wie geht man mit Demagogie um und unter welchen Bedingungen ist ein demokratischer Dialog überhaupt möglich?

Zwei Rechtsextremismusforscherinnen werden angefragt.

Leitung: Natascha Gillenberg
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 21. August bis 26. August 2017

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