Sommeruniversität 2019 – D DIMENSIONEN VON WISSEN UND DENKEN: KONSTRUKTION UND KRITIK

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Seminare:

 

D1 / Spielregeln des Wissenschaftsbetriebs

Die Wissenschaften gelten gemeinhin als Hort der Objektivität. Ihre Ergebnisse werden unter anderem deshalb als besonders wertvoll angesehen, weil sie nicht durch persönliche Werte oder gesellschaftliche Zwänge beeinflusst sind. Wissenschaftlerinnen verpflichten sich auf eine Vielzahl von teils impliziten Regeln, die ihre Forschung und den Umgang der Forscherinnen miteinander bestimmen: sie halten sich an bestimmte fachspezifische Verfahrensweisen, wenn sie beispielsweise Experimente konzipieren oder Datensätze zu Hypothesen zusammenfassen; sie begründen und pflegen Institutionen (z. B. Fachgesellschaften) und etablieren Prozesse (z. B. das Double-Blind-Peer-Review-Verfahren), um die Qualität ihrer jeweiligen Disziplinen zu sichern; sie ahnden wissenschaftliches Fehlverhalten; und nicht zuletzt sind sie durch rechtliche und moralische Rahmenbedingungen gebunden.

Werfen wir aber einen Blick auf die Realitäten des Wissenschaftsbetriebs, so wird schnell deutlich, dass dieser den vermeintlichen Spielregeln nicht immer genügt. Es ist durchaus möglich, die Regeln der Wissenschaft zu missbrauchen, um z. B. wissenschaftliche Ergebnisse wie den menschengemachten Klimawandel in Zweifel zu ziehen oder unwissenschaftliche Ideen (wie das Homöopathieprinzip) zu propagieren. Umso wichtiger ist es, sich darüber klar zu werden, welche Akteure überhaupt mitspielen. Welche Rolle spielen beispielsweise die Gesellschaft, die Politik, die Industrie und die Medien? Und wer legt eigentlich die Spielregeln fest? Erfordern neue Entwicklungen wie z. B. Änderungen der Hochschulstrukturen durch eine zunehmende Abhängigkeit von Drittmitteln oder die Möglichkeit, gegen Geld in Internetjournals zu veröffentlichen, neue Regeln?

Im Seminar wollen wir gemeinsam all diese Fragen anhand anschaulicher Beispiele erörtern. Nicht zuletzt werden wir uns selbst die Frage stellen müssen, wieso wir trotz all dieser Un­zulänglichkeiten doch auf die Spielregeln des Wissenschaftsbetriebs vertrauen.

Leitung: Julia F. Göhner
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 26. August bis 30. August 2019
Dauer: 5 Tage

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D2 / Verschwörungstheorien als verspielte Narrative

Verschwörungstheorien behaupten, dass eine Gruppe von im Geheimen operierenden Akteuren dabei ist, die Kontrolle über eine Institution, eine Nation oder gar die ganze Welt zu übernehmen oder dies schon längst erfolgreich getan hat.

Wurden Verschwörungstheorien lange Zeit von der Wissenschaft pathologisiert, hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie kodierter Ausdruck realer Ängste und Sorgen sind und, als besondere Form der Interpretation und Narration, Identität und Sinn stiften.

Während in den Medien und Teilen der Wissenschaft oft von einem regelrechten »Boom« von Verschwörungstheorien seit den 1960er-Jahren die Rede ist, haben verschiedene kulturhisto­rische Studien gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Verschwörungstheorien waren in der westlichen Welt bis in die 1950er-Jahre eine vollkommen legitime Form der Wissensproduktion und prägten als wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Diskurses kollektive Vorstellungen und politische Entscheidungen. Seitdem jedoch ist verschwörungstheoretisches Wissen zunehmend delegitimiert worden und hat, vor allem in der Politik, seine Wirkmacht verloren. Erst durch diesen Statuswandel haben sich unterschiedliche Umgangsformen mit Verschwörungstheorien herausgebildet: Im alltäg­lichen Diskurs sind Verschwörungstheorien präsenter als jemals zuvor, eben weil sie als Problem empfunden werden; die Delegitimierung ermöglicht aber auch einen selbst-reflexiv-ironischen oder spielerischen Umgang mit Verschwörungstheorien. Selbst wenn man Verschwörungstheorien als Problem ansieht, kann man für die Länge eines Verschwörungsthrillers eine Art »als ob«-Haltung einnehmen und sich der interpretativen Anziehungskraft von Verschwörungstheorien hingeben.

Jedoch sind seit den 1970er-Jahren und verstärkt durch das Aufkommen von sozialen Netzwerken und dem Internet Gegendiskurse und Gegenbewegungen entstanden, für die Verschwörungstheorien nach wie vor legitimes Wissen darstellen und die höchst erfolgreich ihre Verschwörungstheorien über eigene Netzwerke und Webseiten vermarkten. Graswurzelbewegungen wie Pegida in Deutschland oder viele der Trump-Anhänger in den USA unterstreichen zudem, dass diese gerade über ihre Positionierung gegen den Mainstream-Diskurs und die Verbreitung von Verschwörungstheorien kollektive und individuelle Identität stiften – und durch die kontinuierliche Verschiebung des »Unsagbaren« nachhaltig Sprache und Politik beeinflussen. Die Verbindung von Verschwörungstheorien und Spiel ist demnach eine komplexe: So kann man Verschwörungsnarrative immer als eine Art Spiel mit Zeichen und Bedeutung ansehen; sie bieten auch die Möglichkeit des spielerischen Umgangs mit alternativen Interpretationen und Verschwörungsszenarien – sie sind ganz einfach unterhaltsam. Gleich­zeitig stellt sich die Frage, inwiefern Verschwörungstheorien eine ernsthafte Gefahr für Politik und Gesellschaft darstellen.

Ziel dieses Seminars ist es einerseits, die Funktionen und Eigenschaften von Verschwörungstheorien anhand verschiedener Beispiele zu verstehen und zu beleuchten, und andererseits die komplexe Relation von Verschwörungsnarrativen und Spiel / Ernst kontrovers zu diskutieren. Das Seminar ist daher in vier Einheiten aufgeteilt. Im ersten Teil werden im Plenum verschiedene Aspekte von Verschwörungstheorien erarbeitet und Leitfragen entwickelt, die für die Gruppenarbeit im zweiten Teil wichtig sind: hier sollen die Studierenden in Kleingruppen unterschiedliche Fallbeispiele bearbeiten (Verschwörungstheorien zum großen Austausch, Verschwörungstheorien zum Thema Impfen, die Reichsbürgerbewegung und den US-Wahlkampf 2016); ihre Ergebnisse werden im dritten Teil präsentiert und diskutiert. Der letzte Teil des Seminars konzentriert sich dann auf Verschwörungsnarrative in der Populärkultur.

Leitung: Katharina Thalmann
Co-Leitung: Laura-Luise Hammel
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 12. August bis 17. August 2019
Dauer: 6 Tage

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D3 / Zwischen Ritual und virtuellen Welten – Kulturgeschichte und Medialität des Spiels

Das Seminar wird den Begriff des Spiels aus kulturhistorischer und medientheoretischer Sicht untersuchen. Dabei wird zu klären sein, in welchen disziplinären Kontexten zu welcher Zeit wie über Spiele nachgedacht worden ist und auf welche Theorien sich die gegenwärtige (Computer-) Spielforschung (implizit) bezieht. Das Seminar wird in drei Abschnitte geteilt stattfinden: Zunächst werden verschiedene Zugänge zum Begriff des Spiels anhand klassischer Texte der Anthropologie, der Kulturgeschichte, der Soziologie und der Philosophie erarbeitet. Im zweiten Teil des Seminars geht es dann darum, diese Definitionen, Begriffe und Konzepte zu digitalen Spielen und der disziplinübergreifenden Forschungsrichtung der Game Studies ins Verhältnis zu setzen. Der dritte und letzte Teil der Veranstaltung befasst sich mit ­aktuellen Phänomenen und Debatten (wie z. B. Gamification), in denen digitale Spiele rekontextualisiert werden, sowie mit dem Spannungsverhältnis, in dem diese Entwicklungen zu den zuvor erarbeiteten Theorien des Spiels stehen.

Das Seminar umfasst eine Exkursion zwischen dem ersten und dem zweiten thematischen Block, bei der die Teilnehmerinnen gemeinsam (bzw. in zwei bis drei Gruppen) einen Escape-Room besuchen, um im gemeinsamen Spielen und der nachträglichen Reflexion über die zuvor erarbeiteten Kriterien des Spiels nachzudenken: Was macht den Escape-Room zum Spiel? In welcher Weise ruft die Situation des Escape-Rooms die klassischen Spieltheorien auf und unter welchen Bedingungen geht sie darüber hinaus?

Das Seminar umfasst fünf Tage und wird zusammen mit einer Co-Leiterin durchgeführt. Es ist geplant, für den zweiten oder dritten Abschnitt der Veranstaltung einen Gast einzuladen, der die Schwerpunkte des Seminarleiters (Medientheorie, Kulturgeschichte des Spiels, Game Studies) und der Co-Leiterin (Game Studies, Marketing & PR) um die Perspektive aus der freien Kulturarbeit und des neuen Games-Journalismus ergänzt. Die Co-Leitung des ­Seminars wird Sabine Schollas übernehmen und als Gast ist Christian Huberts vorgesehen. Die Seminarteilnehmerinnen werden gebeten, einen Laptop und / oder ein Smartphone zur Veranstaltung mitzubringen.

Leitung: Dr. Felix Raczkowski
Co-Leitung: Sabine Schollas
Tagesreferent: Christian Huberts
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 26. August bis 30. August 2019
Dauer: 5 Tage

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D4 / Fiat Lingua! Plansprachen – alles nur Spielereien?

Was bedeutet es, eine Sprache zu konstruieren? Ist es eine ernste wissenschaftliche Aufgabe? Schließlich gilt es herauszufinden, welche Sprache die erste der Menschheit war. Oder welche Form und Bedeutung als einzige perfekt verbindet. Oder welche am leichtesten zu erlernen ist, das Denken be- oder entschleunigt, den Weltfrieden herstellt. Immerhin können sich Hunderttausende von Menschen untereinander auf Esperanto, der erfolgreichsten aller jemals erfundenen Sprachen, ver­ständigen.

Oder ist es eine Kunst, die wohlklingendste Sprache zu erschaffen, die passendste für eine fiktionale Kultur? Genießen wir nicht die atmosphärische Tiefe, wenn Danaerys im »Game of Thrones« nicht einfach »Feuer frei« sagt, sondern die Sklavenhändler damit überrascht, eine der wenigen Muttersprachlerinnen des Valyrischen zu sein? »Dracarys!«

Oder ist es unser Drang, nicht nur mit Sprache zu spielen, sondern mit Sprachen im Ganzen? Denn der weitaus größte Teil der erfundenen Sprachen existiert nur zum Spaß, nur zur Erbauung derer, die ihren Blick geschult haben für diese Kunst, die sich anders als die Malerei oder die Musik so schwer ausstellen lässt.

Unser Seminar ist eine facettenreiche Tour de Force durch alle linguistischen Disziplinen – Vorkenntnisse hilfreich, aber nicht vorausgesetzt. Wir betrachten, bewundern und analysieren erfundene Sprachen und lernen dabei, wie verspielt und verrückt doch so manche natür­liche Sprache ist. Wir konstruieren gemeinsam eine Sprache, wie es sie noch nicht gegeben hat, und erkunden dabei die vielfältigen Möglichkeiten, eine Sprache auf allen ihren Ebenen zu gestalten: von ihren Lauten über Wortformen und Satzgefüge bis hin zu der Frage, wie man die Einladung der Schwiegereltern ausschlägt, ohne einen Krieg heraufzubeschwören.

Leitung: Dr. Armin Buch
Co-Leitung: David Zintl
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 12. August bis 17. August 2019
Dauer: 6 Tage

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