Sommeruniversität 2017 – D DIMENSIONEN VON WISSEN UND DENKEN: KONSTRUKTION UND KRITIK

zurück zur Übersicht

 

Seminare:

 

D 1 / Jenseits von Freiheit und Würde? Zur Ethik der Manipulation

Es gibt vielfältige Formen der Beeinflussung: ethisch eher unproblematische wie rational argumentierend zu überzeugen, oder solche, die schnell als problematisch gelten, wie Zwang oder Drohung. Problematisch deswegen, weil sie ggf. Freiheit einschränken und unsere Würde verletzen. Solche Formen sind der Hauptgegenstand ethischer Untersu­­chungen von Beeinflussung. Wie aber steht es um Beeinflussungsmittel, die sich nicht primär der Rationalität bedienen, aber auch keinen Zwang oder Gewalt ausüben? Täglich sind wir einem Strom an Beeinflussungen des Unbewussten ausgesetzt: Mitteln, die (vor allem) durch Affekte auf uns zu wirken vermögen wie Manipulation, die uns mit Fragen nach der Funktionsweise menschlichen Handelns und drückenden Problemstellungen moralischer Art konfrontieren. Beides soll Gegenstand des Seminars sein:

1. Zunächst muss es darum gehen, das Phänomen der Manipulation begrifflich zu bestimmen. Dabei werden Probleme bisheriger Definitionsversuche adressiert sowie Grenzziehungen zu anderen Beeinflussungsformen angestrebt. So gelangen wir zu einem Modell der Manipulation, das eine sichere Grundlage für die ethische Diskussion sein kann.

2. Es folgen Betrachtungen der durch die Ma­nipulation aufgeworfenen Fragen bzgl. eines adäquaten Verständnisses des menschlichen Handelns. Als Grundlage für die Erforschung unserer unbewussten und affektiven Anteile dienen aktuelle psychologische Erkenntnisse (z.B. von Haidt, Kahneman, Tversky, Ariely), die unser Verständnis von Rationalität und Autonomie herausfordern.

3. Sodann sollen die im Umkreis der Manipulation drängenden moralischen Fragestellungen in den Blick genommen werden. Mittels der aktuellen psychologischen Erkenntnisse erscheinen sie auch ethisch in neuem Licht. Vor dem Hintergrund der die Manipulation nicht zu integrieren vermögenden klassischen ethischen Theorien (Kant, Aristoteles, Mill) werden die Fragen nach Freiheit, Autonomie und Würde abschließend in eine neue Perspektive gebracht.

Leitung: Alexander Fischer
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 28. August bis 1. September 2017

nach oben

 

D 2 / Datenströme und Informationsfluten

Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte wurden so viele Daten von Menschen und Maschinen erzeugt. Das digitale Universum wächst exponentiell. Seit Jahren gibt es deutlich mehr Internet-vernetzte Geräte als Menschen auf der Erde. Künstliche Intelligenzen erobern immer neue Anwendungsfelder: Sie lernen, sprechen, erkennen und schlussfolgern. Das Zusammenspiel von Digitalisierung, Vernetzung, Sensorisierung und leistungsfähigen Algorithmen führt zu einer neuen Stufe der digitalen Transformation unserer Gesellschaft.

Freigegebene Datenströme und hinterlassene Datenspuren können mithilfe von Algorithmen zu Profilen und Aussagen über zukünftiges Verhalten verdichtet werden. »Big Data Analytics« ermöglicht Rückschlüsse beispielsweise auf die Konsumabsichten oder Kreditwürdigkeit, auf die politische Einstellung oder die ­Arbeitsplatztauglichkeit einer/eines Einzelnen. Konzepte der Selbstbestimmung, Souverä­nität und Solidarität treten gegen eine errechnete Rationalität an.

Je mehr in dieser stillen, digitalen Revolution »die Daten sprechen«, desto bedeutsamer wird die selbstbestimmte Rede des Menschen. Medienbildung in Zeiten von Big Data muss die Frage nach der Rolle des Menschen in einem soziotechnischen System neu stellen: Welche Souveränität, welche Kreativität, welche Handlungsfreiheit hat der Mensch in vorausberechneten Handlungsräumen?

In dem fünftägigen Seminar sollen diese Fragen anhand von anschaulichen Anwendungsbeispielen und Filmausschnitten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Alltag diskutiert werden. Zuvor werden die Treiber der digitalen Transformation vorgestellt. Als Referentinnen sollen eine Informatikerin/Data Scientist und eine Person aus dem Bereich Recht eingeladen werden. Im Seminarverlauf soll immer wieder an das eigene digitale Handeln angeknüpft und dieses reflektiert werden: Wie bewege ich mich in den Kommunikationsströmen von Social Media? Was nützt mir die digitale Selbstverteidigung? Welche neuen Welten digitaler Selbstbestimmung entstehen?

Leitung: Dr. Harald Gapski
Veranstaltungsort: Evangelische ­Akademie Meißen

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 18. September bis 22. September 2017

nach oben 

 

D 3 / »Gegen den Strom« – Alternative Denkweisen über Wirtschaft in den Wirtschafts- (und Sozial-)wissenschaften

Wir leben in einer Zeit der Krisen: Die bis heute nachwirkende große Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/9, die Krisen Europas (Eurokrise, Brexit, Populismus), multiple Flüchtlingskrisen, die Klimakrise,… Nicht wenige halten den Mainstream der Wirtschaftswissenschaften inzwischen für einen Teil des Problems, weil er kreative Denkwege blockiert, die zu neuen Lösungen für gesellschaftliche Probleme führen; Denkwege, die zumindest teilweise in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften schon gegangen wurden und werden und von denen Studierende in einem normalen wirtschaftswissenschaftlichen Studium nichts erfahren. Das Seminar will den Teilnehmerinnen diese Denkwege einführend eröffnen.

Es ist geplant, die folgenden Ansätze zu thematisieren:

  • Mainstream-Ökonomie (inkl. der sogenannten »Neuen Institutionenökonomie«)
  • Post-Keynesianische Ökonomie
  • Marxismus/Politische Ökonomie
  • »Kritische« Institutionenökonomie und Wirtschaftssoziologie
  • Ökologische Ökonomie (inkl. Postwachstumsökonomie)
  • »Alternative« Ansätze (Commons/Gemeinwohlökonomie/Regionalgeld)

Im Seminar werden wir gemeinsam zwei bis drei aktuelle Problemlagen mithilfe verschiedener Denkansätze analysieren und aus der jeweiligen Perspektive Lösungsansätze entwickeln. Die zu diskutierenden Problemlagen werden von den Teilnehmerinnen im Vorfeld des Seminars ausgewählt.

Eine erste Einarbeitung in die Denkansätze erfolgt vor dem Seminar durch ausgewählte Lektüre. Das Seminar selbst ist dann dem Herausarbeiten der zentralen Denkfiguren der Ansätze sowie der gemeinsamen Analyse der gewählten Problemlagen gewidmet. In einer abschließenden Einheit werden die verschiedenen Ansätze und die von ihnen generierten Lösungsansätze vergleichend diskutiert.

Es ist beabsichtigt, Mitglieder des vor allem von Studierenden getragenen Netzwerks Plurale Ökonomik als Tutorinnen in das Seminar zu integrieren.

Leitung: Dr. Stephan Panther
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 28. August bis 1. September 2017

nach oben