Sommeruniversität 2020 – D DIMENSIONEN VON WISSEN UND DENKEN: KONSTRUKTION UND KRITIK

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Seminare:

 

D1/ Über die Singularität menschlicher Erinnerung

Menschen leben wesentlich durch ihre Erinnerungsfähigkeit. Erinnert wird vor allem die individuelle Lebensgeschichte, daneben aber auch soziale, kollektive und kulturelle Aspekte, die mit der Individualgeschichte verknüpft sind. Psycholog*innen und Neurowissenschaftler*innen, aber auch Mitglieder anderer Wissenschaftsdisziplinen (z. B. aus der Philosophie) teilen sich in solche, die grundsätzlich eher ein Kontinuum in der Gedächtnisleistung von Tier und Mensch annehmen und in solche, die einen qualitativen Unterschied zwischen tierischem und menschlichem Gedächtnis postulieren.

Die Entwicklung und Ausdifferenzierung unterschiedlicher Gedächtnisformen bei Tier und Mensch wird erläutert und zur Diskussion gestellt, warum Menschen – aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht Tiere – dazu in der Lage sind, mentale Zeitreisen zu vollziehen, sich dabei ihrer selbst bewusst zu sein und differenzierte Emotionen mit ihren Erinnerungen verknüpfen. Anschaulich gemacht werden soll die Singularität des menschlichen Gedächtnisses durch eine Exkursion in den Münsteraner Zoo mit Besuch der dortigen Menschenaffen.

Unterteilungen von Gedächtnis nach der Zeit (Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, antero­grades und retrogrades Gedächtnis) und dem Inhalt (prozedurales Gedächtnis, Priming, Perzeptuelles Gedächtnis, Wissensgedächtnis, episodisch-autobiografisches Gedächtnis) werden diskutiert.

Auf unterschiedliche, auch pathologische, Aspekte von Gedächtnis wird eingegangen (Vergessen, Gedächtnisblockaden, Falsche Erinnerungen usw.). Zusammenhänge zwischen Hirnschäden, bestimmten psychia­trischen Krankheitsbildern und Gedächtnis werden aufgezeigt. Veränderungen des Gedächtnisses über die Lebensspanne – von frühkindlicher Amnesie bis zu demenziellen Erkrankungen im Alter werden erläutert.
In einem speziellen Part geht es darüber hinaus um Gedächtnis und Erinnerung in sozialen, kollektiven und kulturellen Kontexten.

Leitung: Prof. Dr. Hans J. Markowitsch
Co-Leitung: PD Dr. Angelica Staniloiu
Veranstaltungsort: Evangelische Jugend­bildungs­stätte Nordwalde

Zeitraum: 16. März bis 20. März 2020
Dauer: 5 Tage

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D2/ Framing als Crossmediale Strategie. Wie Akteur*innen und Technologien Deutungsmuster beeinflussen

Framing wird derzeit viel diskutiert. Aktivist­*innen, Unternehmen und Politiker*innen setzen sich explizit mit Strategien zu Deutungs­rahmen auseinander und beschäftigen sich über klassische PR hinaus mit solchen Ansätzen. Anfang 2019 sorgte etwa ein Framing-Handbuch der ARD für Aufmerksamkeit, in welchem eine Kommunikationsstrategie für die Öffentlich-Rechtlichen skizziert wurde, um Akzeptanz zu erzeugen.

Zwei Aspekte fallen hierbei auf: Während explizite Strategien kontrovers diskutiert werden hinsichtlich ihrer Effektivität, ist die Existenz von impliziten Deutungsmustern weitgehend unstrittig, denn ausdrücklich nicht zu framen ist schwer. Zudem beziehen sich strategische Ansätze meist auf sprachliche Muster; medientheoretisch lassen sich allerdings auch cross­medial Rahmen erzeugen und beeinflussen. Neben Text spielen damit auch Bild, Ton und zunehmend digitale, mehrdimensionale Kommunikation eine Rolle beim Setzen von Frames. Das erschwert aber auch jede Framing-Theorie, welche einen einheitlichen Ansatz entwickeln will, da die konkreten Kombinationen ver­schiedener Medientechniken und -dimensionen stark voneinander abweichen können.

In diesem Seminar wollen wir uns kritisch mit den unterschiedlichen Framing-Ansätzen beschäftigen. Das Seminar soll Teilnehmer*innen dazu befähigen, Framing-Strategien zu erkennen, zu kontern oder zu hinterfragen. Einen Schwerpunkt wollen wir dabei auf den prak­tischen Umgang mit Medien legen. Während des Seminars soll ein eigenes Projekt entstehen, in welchem die Teilnehmer*innen ein vorgegebenes Motiv nutzen, um möglichst unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten zu erzeugen.

Das Seminar richtet sich insbesondere an Menschen mit wenig oder keinem Vorwissen zu Frames oder Medienarbeit. Neben der Be­teiligung an Textarbeit und -diskussion solltest Du vor allem die Bereitschaft mitbringen, die theoretischen Erkenntnisse auch praktisch einzubringen und umzusetzen.

Leitung: Tareq Sydiq
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 10. August bis 15. August 2020
Dauer: 6 Tage

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D3/ Unikat als Serie – Leibniz’ Monadenlehre und zeitgenössische Kunst

Das Universum besteht aus Monaden, die es konkretisieren. Diese Seelen-Unikate sind immaterielle Substanzen, die trotz perspektivischer Gebundenheit jede für sich die ganze Welt beinhalten. Ihr Ausdrucksvermögen kann die Monade innerhalb eines definierten Spektrums von undeutlichen Regungen (Perzeptionen) bis zu klaren Verstandesurteilen (Apperzeptionen) erweitern oder verdunkeln. Die Perspektivität findet ihre Ergänzungen durch Expressionen anderer Monaden, die in einem metaphysisch-harmonisch-seriellen Verweisungszusammenhang existieren. Ihre Begrenztheit erhält die für sich seiende Monade, die keine Fenster hat und Außenwelten intern halluziniert, ferner durch Verbundenheit mit einem Körper, in dem das relational realisiert wird, was die Seele aktual perzipiert. G. W. Leibniz (1646 –1716) hält einige spezielle Thesen bereit: Außenwelt, Chaos, Un­ordnung sind letztlich nur Schein. Körper, Sinnlichkeit, Leidenschaften sind begrenzt mächtig, aber suspekt. Das Wesentliche ist unsterblich. Es gibt vermutlich keine eschatologischen Überraschungen.

In »Die Falte« macht G. Deleuze den Leibnizianismus für die Beschreibung von Kunst fruchtbar. Davon ausgehend untersucht das Seminar Diskurse und Institutionen zu Kunst und Design – u. a. mit der Problematisierung der Gleichungen Kunstwerk = Unikat und Designobjekt = Serie. Welche Rolle spielen Institutionalisierungen (z. B. die Gründung von Designmuseen), Materialien (z. B. Porzellan) und Formate (z. B. Modelle)? Wo findet eine »cross-fertilization« zwischen beiden Disziplinen statt und wo sind Abgrenzungsversuche zu verorten?

Ein Reader wird bereitgestellt. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, es ist jedoch hilfreich, den Text Monadologie von Leibniz (z. B. in der Reclam-Ausgabe) vorab gelesen zu haben. Möglicher Referent ist H. Bredekamp, Autor des Buches: Die Fenster der Monade: G. W. Leibniz’ Theater der Natur und Kunst, 2008.

Leitung: Prof. Dr. Knut Berner
Co-Leitung: Dr. Andreas Backoefer
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 3. August bis 7. August 2020
Dauer: 5 Tage

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