Sommeruniversität 2020 – C GESELLSCHAFTSANALYSE UND HANDLUNGSPERSPEKTIVEN

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Seminare:

  

C1/ Dasselbe Recht für alle? Vor dem Gesetz sind wir alle gleich

Navid Kermani lobte in seiner Festrede zum 65. Jubiläum des Grundgesetzes dessen Text als »vollkommen« und hob zugleich hervor, dass er von Paradoxien durchzogen sei. Nichts an­deres gilt für seinen 3. Artikel: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.«

Auf die Realität des Jahres 1949 traf er sicher nicht zu. Er war und ist ein Wunsch, ein Versprechen, das in der 70-jährigen Geschichte des Grundgesetzes nicht immer eingelöst wurde. Noch 1957 entschied das Bundesverfassungsgericht in einer mittlerweile berüchtigten Entscheidung, dass der Staat männliche homosexuelle Handlungen – im Gegensatz zu weib­lichen – bestrafen dürfe. Eine unterschiedliche Behandlung sei aufgrund zwingender biologischer Unterschiede von weiblicher und männ­licher Sexualität gerechtfertigt. Beispiele für ein solches – heute kaum nachvollziehbares – Verständnis des Gleichheitssatzes finden sich in der deutschen Rechtsgeschichte zuhauf.

Aber auch heute ist es noch ein langer Weg zu Gleichheit, Gleichberechtigung und insbesondere zu der seit 1994 zum Staatsziel erklärten Geschlechtergerechtigkeit. In welchen Bereichen ist dasselbe Recht für alle noch besonders weit entfernt von seiner Verwirklichung? Wie wirkt in unserer heutigen Lebensrealität der Wunsch nach Individualität mit dem Wunsch nach einer gleichen Behandlung vor dem Gesetz und damit einer ggf. erforderlichen »Gleichmacherei« zusammen?

Diese Fragen wollen wir gemeinsam beantworten, indem wir die verfassungsrechtlichen und historischen Grundlagen des Gleichheitssatzes betrachten. Darauf aufbauend wollen wir die Umsetzung des verfassungsrechtlichen Ziels in der heutigen Realität untersuchen. Dies wollen wir insbesondere an den Themen Parität bei Wahlen, Racial Profiling und anhand der Auswirkungen der Digitalisierung beleuchten. In zwei interaktiven Einheiten möchten wir den Teilnehmer*innen Einblicke in die Herausforderungen einer Gleichheit vor dem Gesetz und eines faktisch gleichen Zugangs zum Recht ermöglichen und die damit einhergehenden Probleme erfahrbar machen.

Leitung: Jan Mysegades

Co-Leitung: Kerstin Geppert
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 3. August bis 7. August 2020
Dauer: 5 Tage

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C2/ Die Letzten ihrer Art: Biodiversität – Quo vadis?

Laut UN-Biodiversitätskonvention ist es politische Aufgabe, Artenvielfalt zu erhalten. Doch wie ist es tatsächlich um unsere Biodiversität bestellt? Spiegelt die gesellschaftliche Aufmerksamkeit die Umweltprobleme wider, mit denen sich der Naturschutz beschäftigt? Ist der Verlust einer Art der große Einschnitt in Ökosysteme und Populationsinteraktionen oder doch nur ein natürlicher evolutiver Prozess? Wie steht es um das Ausmaß der Bio­diversitätsbedrohung und was sind die »root causes« (ultimate Gründe) der Bedrohung?

Wir werden uns der Biodiversität sowohl naturwissenschaftlich als auch durch das persön­liche Erleben nähern. Durch eine gemeinsame Exkursion werden wir Verbindungen zum praktischen Naturschutz insbesondere in der Kulturlandschaft vor Ort herstellen. Prozessschutz und aktives Management werden als verschiedene Strategien kennengelernt. Durch den praktischen Bezug zum Biodiversitätsschutz wird ein Eindruck der Schutzziele und des Monitorings dieser erreicht werden. In einem Exkurs wird auf ethische Gründe für den Biodiversitätsschutz eingegangen. Hierfür wurde der Umweltethiker Prof. Dr. Dr. Martin Gorke von der Universität Greifswald als Tagesreferent gewonnen.

Als Rückbezug zur politischen Ebene und aufgrund der Aktualität wird auf die UN-Biodi­versitätskonvention (CBD) zum Schutz der weltweiten Biodiversität und die im Jahr 2020 stattfindende Vertragsstaatenkonferenz im Zusammenhang mit globalen Ungleichheiten eingegangen.

Leitung: Gerrit Öhm
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 10. August bis 15. August 2020
Dauer: 6 Tage

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C3/ (K)ein Einzelfall

Rassismus, Sexismus und Menschenverachtung in der Polizei, bei der Bundeswehr oder auf der Straße, Schmähpost, rassistische Gewalt bis hin zum Mord – oft erscheinen sie als »Einzelfälle« in den Nachrichten, werden nicht wieder erwähnt und sind kurz darauf vergessen. Gleichzeitig gibt es neue Entwicklungen: Menschen teilen ihre Erfahrungen mit Rassismus, Sexismus und anderen Diskriminierungsarten beispielsweise unter Hashtags wie #metoo oder #metwo. Damit werden Einzelne Teil einer emanzipatorischen Bewegung, die auch auf strukturelle Probleme verweist.

Im Seminar werden ausgewählte rassistische Gewaltdelikte und Terror untersucht. Dabei werden neben der polizeilichen Ermittlungs­arbeit und Kommunikation, mediale Darstellungen, politische Debatten ebenso wie Berichte von Opfern und Täter*innen analysiert. Ziel ist es, Begrifflichkeiten und Konzepte, die Wahrnehmung prägen, kritisch zu hinterfragen sowie die Grundannahmen von Framing offenzu­legen. Welche Sichtweisen auf den einzelnen Menschen und auf die Gesellschaft zeigen sich? Im nächsten Schritt werden mögliche Ziele und strategische Optionen im Umgang mit Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen und in diversen Politikfeldern diskutiert.

Durchbrochen werden die kognitiven Auseinandersetzungen durch dynamische (selbst-)reflexive Phasen. Sie wollen die Möglichkeit eröffnen, Eigen- und Fremdbilder kritisch zu beleuchten sowie allgegenwärtige Zuschreibungen und gewohnte Denkweisen offen­zulegen. Dafür wird gespielt und erkundet. Der kritische Blick gilt der eigenen Biografie und der Umwelt, in der jede/r selbst agiert.
So geht es um Fragen wie: Wo bewege ich mich? Wie prägt mich das? Wie handle ich? Und: Wer bin ich?

Das Seminar möchte einführen und entführen in die Wirkungsmacht von Frames, Diskursen, Institutionen (Routinen, Muster und Organi­sationen) und Strukturen (Normen und Gesetzgebungen). Offenheit und Neugier sind die wichtigsten Voraussetzungen.

Leitung: Dr. Britta Schellenberg
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 3. August bis 7. August 2020
Dauer: 5 Tage

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C4/ Digitale Zwillinge – mit Daten, Algorithmen und Technologien auf der Suche nach den idealen Wähler*innen

Parteien nutzen zunehmend technologie- und datengestützte Kommunikationsstrategien für politische Wahlkampagnen. Bei diesem sogenannten data-driven campaigning wird auf digitale Technologien, Daten und Algorithmen zurückgegriffen, um individuelle Wähler*innen zu identifizieren und sie mit maßgeschneiderten Botschaften über Offline-Kanäle (Direct mailing; Tür-zu-Tür-Wahlkampf) oder Online-Kanäle (Facebook ®, Twitter ®, Instagram ®, Google ® etc.) anzusprechen (sog. [Micro-]targeting). Diese selektive und direkte Form der Wähler*innenansprache basiert auf Annahmen über potenzielle Wähler*innen und ihren Interessen, die aus Nutzer*innen-, Wahl- und Wähler*innen­daten modelliert werden.

Als Folge dieses datenbasierten Vorgehens stehen nicht mehr »reale Wähler*innen« im Fokus von Kampagnen, sondern die auf den verfügbaren Daten basierenden Repräsen­tationen von ihnen. Daten bestimmen somit, welche Botschaften über welche Kanäle an welche Wähler*innen gesendet werden.

In repräsentativen Demokratien des digitalen Zeitalters stellt sich zwangsläufig die Frage, ob durch die Nutzung von Daten und Algorithmen zur selektiven Wähler*innenansprache, ethische und demokratische Normen untergraben werden. Wie nutzen politische Akteur­*innen Daten, Algorithmen und Technologien für Wahlkämpfe? Welche Daten werden für die Modellierung von Wähler*innenmodellen genutzt? Entsprechen diese Daten und Modelle den Gütekriterien für verlässliche Vorhersagen? Welche Implikationen haben die Modelle für Deliberation, Partizipation und Repräsen­tation in Demokratien?

Das Seminar greift diese Fragen auf und versucht in einem interaktiven, verständlichen und praxisnahen Ansatz Antworten darauf zu finden. Dabei werden sich die Seminarteil­nehmer­*innen mit interaktiven Webinhalten, spielerischen Elementen, eigenen Wähler­*innenmodellierungen, Literatur- und Gruppenarbeit mit aktuellen datenbasierten Wahl­kampagnen und den Implikationen für repräsentative Demokratien im digitalen Zeitalter auseinandersetzen.

Leitung: Simon Kruschinski
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 3. August bis 7. August 2020
Dauer: 5 Tage

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C5/ Wem gehört die Stadt? Einer starken Stadtplanung, interessierten Investor*innen oder besorgten Bürger*innen?

In der medialen Debatte wird die Frage »Wem gehört die Stadt?« oft darauf reduziert, wer sich das Wohnen in der Stadt noch leisten kann. Das ist aber nur Symptom einer tiefer liegenden Problematik im Bereich der Stadtplanung.

Kommunen haben hierzulande in planerischen Belangen eine ausgeprägte Autonomie. Dabei ist die Stadtplanung demokratisch legi­timiert sowie dem Gemeinwohl und einer nachhaltigen Entwicklung verpflichtet. Vielerorts ist dieser Gestaltungsspielraum allerdings eingeschränkt, nicht nur aufgrund prekärer Finanzen.

Einerseits sind Städte gemäß (neoliberaler) Marktlogik einem Wettbewerb um Arbeitsplätze und Einwohner*innen ausgesetzt.
Es gilt, attraktiv zu sein und die Gunst von Investor*innen auf sich zu ziehen, wofür oft Gestaltungsfreiheit preisgegeben wird. Andererseits hat sich aus der berechtigten Kritik am »allmächtigen Planer« eine ausgeprägte Beteiligungskultur entwickelt. Doch oft sind gerade diejenigen Bürger*innen in Be­teiligungsverfahren am aktivsten, die eher saturiert, aber allgemein frustriert sind. Wie weit sollte Beteiligung dann gehen?

Kritiker*innen bemängeln, dass bereits zu viel kommunale Autonomie aufgegeben wurde, wie im oft zitierten Beispiel des sozialen Wohnungsbaus. Klaus Selle spricht davon, dass es keine Stadtplanung mehr gebe, sondern »nur noch« Stadtentwicklung unter Beteiligung öffentlicher Akteur*innen.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Stadt als »Unikat«, als einzigartigen Ort der Vielfalt und sozialen Integration? Welche politischen Maßnahmen können ergriffen werden? Diesen Fragen geht das Seminar nach.

Seminarplan

Mo Seminareinstieg

Di Diskussion der Lektüre, Input Seminarleitung, Gruppenarbeit

Mi Tagesreferent Prof. Samuel Mössner, Institut für Geographie Münster

Do Exkursion nach Düsseldorf (z. B. Medienhafen. Gespräche mit Stadtplaner*innen, Aktivist*innen und ggf. Investor*innen, Quartiers­begehung)

Fr Rückblick Exkursionstag, Ergebnissicherung

Leitung: Dr. Michael Weichbrodt
Co-Leitung: Prof. Dr. Rainer Danielzyk
Veranstaltungsort: Evangelische Jugend­bildungs­stätte Nordwalde

Zeitraum: 16. März bis 20. März 2020
Dauer: 5 Tage

 

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