Sommeruniversität 2018 – C GESELLSCHAFTSANALYSE UND HANDLUNGSPERSPEKTIVEN

zurück zur Übersicht

 

Seminare:

  

C 1 / Fragile Finanzmärkte – Fragile Demokratie?

»Ich habe bisweilen den Eindruck, dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden.« Beifall. Ort: Das Weltwirtschaftsforum in Davos. Der Redner: Hans Tietmeyer, Präsident der Deutschen Bundesbank. Das Jahr: 1996.

Gut zwanzig Jahre später steckt die Euro­pä­ische Union noch immer in der schwersten Krise seit ihrer Gründung, ausgelöst durch eine trans­atlantische Kettenreaktion auf den Finanz­märkten. Nicht nur ihre Krisenantworten sind geprägt von der zentralen Stellung der Finanz­märkte, wie die Politik der Troika und der EZB sowie die Vorschläge für eine Kapital­marktunion zeigen; auch in dem Austritt Groß­britanniens spielt die Zukunft des europäischen Finanz­platzes eine herausragende Rolle. Doch die Kommentar­spalten füllen sich: Wann kommt die nächste Krise? Und wird unsere Demo­kratie das aus­halten?

Dieses Seminar möchte ein Wissensfundament schaffen, um sich an solchen Debatten um die Zukunft unseres politischen und ökonomischen Systems zu beteiligen. Es will verständlich machen, wer oder was Finanzmärkte eigentlich sind. Es will Ansätze aufzeigen, um die Fragili­tät von Finanzmärkten zu erörtern und die gesellschaftlichen Konsequenzen von Finanz­krisen und »Finanzialisierung« zu erfassen. Und es möchte vor allem diskutieren, wie sich das Verhältnis von Demokratie und Finanzmärkten im 21. Jahrhundert gestaltet: Stehen Demo­kratien, ihre Regierungen und Bürgerinnen, unter dem ständigen Druck von Finanzmärkten und Investoren? Können Finanzmärkte demo­kratisiert werden? Welches Handeln auf Finanz­märkten stünde politisch-ethisch im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahren? Oder sind Finanz­märkte gar gänzlich un­politisch?

Leitung: Dr. Daniel Mertens, Dr. Sarah Lenz
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 27. August bis 31. August 2018

nach oben

 

C 2 / House of Cards: Macht macht Macht?

Die Serienproduktion »House of Cards« ist in Zeiten vermeintlicher Politikerinnen-Verdrossen­heit von einem breiten Zuspruch und er­staun­lichem Erfolg gekrönt. Die Faszination für ein solches Format, welches dezidiert um das Politische kreist, ist erstaunlich – mindestens jedoch begründungswürdig. Denn wo in der realen Politik jene kleinteiligen, routinehaften, kompromiss­durchwirkten Prozesse für die grassie­rende Politikverdrossenheit verant­wortlich gemacht werden, wirkt in der Serie die klassische »Hinterzimmerpolitik« als not­wendiges Element des »Politikmachens« – und als Garant für hohe Zuschauerinnenquoten.

Aus politik-, kommunikations- und sozial­wissen­schaftlicher Perspektive, wie auch für weitere Disziplinen, sind solch scheinbaren Widersprüchlichkeiten von gesellschaftlich hoher Relevanz. Denn wenn Frank Underwood, der Protagonist von House of Cards, die Politik regelmäßig als Hort von Intrigen präsentiert, seine Strategien scheinbar fern von Moral und Ideal agieren – dann ist fraglich, auf welchen Vorstellungen von politischer Alltagskultur eine solche »Politikserie« basiert? Wer guckt sie – und warum? Und welche Effekte sind aus­gehend von einer solchen Serie auf die politische Wirklichkeit zu erwarten? Welche Rolle spielen dabei die Medien? Wie beeinflussen sich die in der Serie dargestellte Realität und unser indi­viduelles Vertrauen in das politische System? Funktioniert die uns umgebende Politik eben­falls mit Hilfe von Lügen, Desinformationen und alternativen Wahrheiten? Welche Parallelen lassen sich in der politischen Gegenwart finden und was bedeutet dies für das Vertrauen in die Demokratie insgesamt?

Mit Hilfe thematisch zusammengestellter Clips aus House of Cards können die Teilnehmenden die politischen Selbstverständnisse und Momente der Serie exemplarisch diskutieren. Neben Beziehungen und Strategien stehen auch Frank Underwooods kreative Macherinnen und deren vermeintliche Absichten im Zentrum des Seminars. Die durch sie inszenierten politischen Momente sollen im Fortlauf des Semi­na­res, mithilfe von idealtypischen Konzep­ten und politisch realen Ereignissen (Brexit, Trump, etc.), mehrdimensional hinterfragt werden können.

Leitung: Julia Bleckmann, Katharina Rahlf
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 27. August bis 31. August 2018

nach oben

 

C 3 / Who shall survive? Zerbrechliche Seelen oder robuste Psyche? – Der Umgang mit psychischen Verletzungen und Krankheiten in unserer Gesellschaft

In diesem Seminar stehen individuelle und kul­tu­relle Sichtweisen auf die Seele bzw. auf die Psyche und ihre Zerbrechlichkeit, ihre Fragilität, ihre Andersartigkeit oder Krankheit aber auch ihr sog. Normalität im Mittelpunkt. In den letzten Jahrzehnten werden in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen mit psy­chischen Auffälligkeiten oder auch Krankheiten identifiziert und diagnostiziert. Gerade bei Kindern ist das am Krankheitsbild der ADHS (Aufmerksam­keits­defizitstörung) besonders deutlich. Woran liegt das? Ist unsere Gesell­schaft kränker geworden? Oder sind wir zu schnell bereit, jemanden, der »anders« oder auch »fragiler« ist, als psychisch krank zu dia­gnos­tizieren? Unterliegen wir und unsere Medizin einer »Tendenz zur Medikalisierung«? Ist unser Begriff von »Normalsein« zu eng? Oder gelten psychische Krankheiten auch als »Lifestyle-Krankheiten«?

Wie gehen wir mit psychisch erkrankten Men­schen um? Welche Hilfen und Therapieformen gibt es? Was machen wir mit den verletzten Seelen und den psychischen Trauma-Schäden der Flüchtlinge und der Flüchtlingskinder?

Wie war der Umgang mit psychisch er­krankten Menschen in anderen historischen Epochen? Wie ist das in anderen Kulturkreisen?

Brauchen wir Fragilität in unserer Psyche, um uns fortzuentwickeln und um letztendlich als Menschheit zu überleben?

Diesen und weiteren Fragen wird im Seminar nachgegangen. Dazu werden mit Hilfe von Fachleuten, Betroffenen und Kulturschaffenden unterschiedliche Perspektiven erarbeitet; es ist geplant, ein psychiatrisches Krankenhaus zu besuchen, psychiatrische und psycho­thera­peutische Fachleute zu befragen aber auch die Erfahrungen eines Filmregisseurs zu hören.

Die Ergebnisse des Seminars werden in »digital storytelling«-Fotostrecken festgehalten. Dazu werden die Teilnehmerinnen gebeten, ein Tablet oder ein Smartphone mit Foto­kamera mit­zubringen.

Leitung: Prof. Dr. Karla Misek-Schneider
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 13. August bis 18. August 2018

nach oben

 

C 4 / Extrem rechte Frauen – Übersehen und unterschätzt

Frauen sind ein fester Bestandteil der extremen Rechten, sie stellen gut ein Fünftel der extrem rechten Szene dar. Sie engagieren sich in Partei­­en, Vereinen und Kameradschaften und nehmen an Aufmärschen teil und organisieren sie. Sie sind Täterinnen, Unterstützerinnen, Draht­zieherinnen und Terroristinnen. Sie ar­bei­ten politisch im Vorder- und im Hintergrund.

Welche Motivationen haben Frauen, sich der extremen Rechten anzuschließen? Welche Weltbilder und Geschlechterbilder liegen ihrem Engagement zugrunde? Wie sieht ihre Arbeit genau aus und in welchen Organisationen sind sie zu finden? Diesen und mehr Fragen wollen wir gemeinsam auf den Grund gehen. Es wird sowohl die Betrachtung der praktischen politi­schen Arbeit von Frauen in der extremen Rech­ten als auch die Bedeutung von Geschlech­ter­verhältnissen für das Verstehen extrem rechter Ideologie im Zentrum stehen. Dabei werden uns exemplarisch Biographien einzelner Akteurinnen leiten, um die Arbeits- und Politik­felder von Frauen in den verschiedenen Spektren zu analysieren. Mit vielfältigem Original­material aus der Szene, wie Musik­texte, Magazine, Videos, Fotos und Flugschriften werden wir in dieser Woche ein Blick auf einen sonst wenig beachteten Teil der extremen Rechten werfen. Dabei werden wir unterstützt durch zwei Expertinnen des Forschungs­netzwerks Frauen und Rechtsextremismus, die zu ihren Arbeitsschwerpunkten berichten werden. Das Seminar richtet sich an Teil­nehmende aller Disziplinen.

Zur Vorbereitung wird empfohlen:
Bitzan, Renate: »Geschlechter­konstruktionen und Geschlechterverhältnisse in der extremen Rechten« in Handbuch Rechts­­extremismus, herausgegeben von Fabian Virchow, Martin Langebach, und Alexander Häusler. Wiesbaden 2016, 325 –73.

Leitung: Ina Pallinger
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 13. August bis 18. August 2018

nach oben