Sommeruniversität 2021 – C GESELLSCHAFTSANALYSE UND HANDLUNGSPERSPEKTIVEN

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Seminare:

  

C1/ Wie Astrid Lindgrens Menschenbild unsere Gesellschaft prägt

Astrid Lindgrens Kinder- und Jugendbücher sind international bekannt, vielfach übersetzt und prägend für Generationen von Leser­*innen seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber nicht nur Lindgrens Erfolg, auch das ihren Werken zugrunde liegende Kindheits- und Menschenbild ist für ihre Zeit außergewöhnlich. Ihre Kinderbücher beeinflussen die kinderliteraturwissenschaftliche Diskussion bis in die Gegenwart. Mit ihrer Darstellung unabhängiger und selbstbewusster Protagonist*innen, allen voran Pippi Langstrumpf, und ihrem Ansatz, nicht zu belehren, sondern Kinder zur Eigenständigkeit ­anzuregen, war sie ihrer Zeit weit voraus. Lindgren setzte sich zudem immer wieder für Kinderrechte, Frieden, Gerechtigkeit, Gleich­berechtigung und den Tierschutz ein.

Im Rahmen des Seminars soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit Lindgrens Werke exemplarisch sein können, um beispielsweise die De­mo­kratisierungs- und Emanzipationsprozesse des 20. Jahrhunderts deutlich zu machen. Zudem soll es um die Frage gehen, inwieweit ihr humanistisches Menschenbild noch heute leitend für unseren Umgang mit­einander sein kann.

Die Seminarteilnehmenden erhalten die Gelegenheit, sich aus unterschiedlichen Perspektiven und Disziplinen intensiv mit dem Leben und Wirken Astrid Lindgrens auseinanderzusetzen. Das Menschenbild Lindgrens soll anhand von Selbstaussagen Lindgrens in Artikeln, Reden und Tagebuchquellen sowie anhand der Gestaltung ihrer Figuren und Werke erschlossen werden. Zudem sollen verschiedene Forschungszugänge zur Beantwortung der Fragestellung herangezogen werden. So kann der Blick beispielsweise aus biografischer, historischer, pädagogischer und umweltethischer Perspektive auf ihr Werk gerichtet werden. Neben der Arbeit mit Texten, dem Austausch und der Diskussion werden auch mediale Zugänge einbezogen. Durch Gastvorträge aus der Resilienzforschung oder aus dem Übersetzungs- und Verlagsbereich kann das Seminar eine weitere Bereicherung erfahren.

Leitung: Dr. Sonja Müller-Carstens
Veranstaltungsort: online

Zeitraum: 15. März bis 19. März 2021
Dauer: 5 Tage

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C2/ Sexarbeit – Annäherungen an eine große (Un-)Bekannte

Wir alle haben mehr oder weniger bewusste Vorstellungen davon, was Sexarbeit ist – und wissen doch selten Genaueres über sie und die Menschen, die ihr nachgehen. Dieses Seminar zielt darauf ab, sich diesem komplexen Thema interdisziplinär, kritisch und unter Einbeziehung der Perspektiven von Sexarbeitenden anzunähern.

Im Seminar besprechen wir, welche Formen von Prostitutionspolitik und gesetzlicher Regulierung existieren, von welchen Grundannahmen und Absichten diese geleitet sind und wie sie sich in der Praxis auswirken. Einen Schwerpunkt bilden die historischen und aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland. Zudem analysieren wir die oft polarisierten politischen Auseinandersetzungen und öffentlichen Diskurse um Sexarbeit, wie sich Sexarbeitende selbst in diesem Politikfeld positionieren und diskutieren, warum eine gute Prostitutionspolitik oft so schwierig zu erreichen ist.

Darüber hinaus thematisiert das Seminar die diversen Arbeits- und Lebensrealitäten in der Sexarbeit als ein Brennglas intersektionaler Ungleichheiten und untersucht, warum das von Geschlecht, Migration oder Klasse geprägte Wirtschaftsfeld dennoch für viele Menschen bessere Optionen zur Einkommenssicherung oder beruflichen Entfaltung bietet, als dies andere Tätigkeitsfelder tun.

Teilnehmende verfolgen ebenfalls die Transformationen, die das Gewerbe im Zuge der Digitalisierung durchläuft, welche Bilder Medien und Popkultur produzieren, wie Verdrängung operiert und wie diese und andere Entwicklungen durch die drastischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie verstärkt werden.

Neben der Vermittlung von Grundkenntnissen soll das Seminar interessierte Studierende dazu befähigen, komplexe Zusammenhänge der Sexarbeit nachzuvollziehen, die für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Thema wesentlich sind.

Leitung: Joana Hofstetter
Veranstaltungsort: online

Zeitraum: 15. März bis 19. März 2021
Dauer: 5 Tage

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C3/ Globale Gesundheit

Global Health ist einerseits ein politisches Feld, auf dem verschiedene Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen mit der Erfüllung des ­Menschenrechts auf Gesundheit konkurrieren, andererseits ein akademisches Gebiet, auf dem zu grenzüberschreitenden Gesundheitsfragen medizinische, natur-, sozial- und kultur­wissenschaftliche Disziplinen zusammen­arbeiten sollen.

Das Seminar greift einige Diskurse auf, bei denen der Bedarf an multi- und transdisziplinären Perspektiven besonders deutlich wird: Globale Gesundheitspolitik, vernachlässigte armutsassoziierte Krankheiten, nicht übertragbare Krankheiten, Gesundheit von Migrierten und Geflüchteten, »traditionelle Medizin«, Planetary Health, One Health.

Leitfrage ist dabei immer, welche Gesichtspunkte und Maßnahmen die Menschenrechte mit ihrer dreifachen Herausforderung von »Achten, Schützen und Erfüllen« (respect, protect, fulfill) und die Gesundheitsgerechtigkeit (Health Equity) dabei verlangen. Dabei reicht ...

  • die zeitliche Spanne von den Ursprüngen europäischer Einmischung in den Globalen Süden in der Kolonialzeit bis zu den Entwicklungszielen für das 21. Jahrhundert.
  • die geografische Spanne von marginalisierten Weltregionen bis zu marginalisierten Personengruppen in Europa. – die epidemiologische Spanne von akuten Pan­demien bis zu chronischen Erkran­kungen.
  • die politische Spanne von der Weltgesundheitsorganisation bis zu Primary Health Care. – die naturräumliche Spanne vom gesamten Planeten bis zum entlegenen Regenwald.
  • die technologische Spanne von High-Tech-Verfahren bis zu Hausmitteln.
  • die disziplinäre Spanne von klinischer Medizin bis Jura.

Im Wechsel von Impulsvorträgen, Erfahrungsberichten und Filmen mit Diskussionen und Gruppenarbeit werden verschiedene Zugangswege beschritten. Einführende Texte zur vorbereitenden Lektüre bilden eine gemeinsame Basis, von der aus auch eigene Erlebnisse, ­Perspektiven und Vorstellungen eingebracht werden können. Medizinische oder gesundheitswissenschaftliche Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, eventuelle Verständnisprobleme werden gemeinsam geklärt.

Leitung: Prof. Dr. Walter Bruchhausen
Co-Leitung: Prof. Dr. Eva Kuhn
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 9. August bis 13. August 2021
Dauer: 5 Tage

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C4/ Strafpraxis und Freiheitsentzug: Wo bleibt die Achtung der Menschenwürde?

Das Seminar handelt von der Wirklichkeit des Überwachens und Strafens in Haftanstalten des Straf- und Maßregelvollzugs (forensische Psychiatrie, Sicherungsverwahrung). Wir stützen uns auf internationale kriminologische Forschung über Wirkungen des Freiheitsentzugs. Wir problematisieren die Zunahme von Einsperrung auf prognostischer Grundlage. Die Situation in Haftanstalten beleuchten wir anhand unserer Erfahrungen mit der rechtlichen Vertretung von Gefangenen aus anwaltlicher Sicht sowie aus der langjährigen Arbeit in mehreren NGOs zur Durchsetzung von Gefangenenrechten. Wir befassen uns auch mit einem seelsorgerischen Blick auf die Institution und ihre Insass*innen.

Wir stellen den Ansatz des Abolitionismus zur Diskussion und werfen die Frage auf, ob das Gefängnissystem reformierbar ist oder nur abgeschafft werden kann.

Nach einem Vortrag zu Rechtsformen staatlicher Freiheitsentziehung und deren Zwecken sollen die Sichtweisen und Fragen der Studierenden in einem World Café erarbeitet werden. Die sozialwissenschaftliche Grundlegung wird in Kurzvorträgen mit Diskussionen zu totalen Institutionen, »Pains of Imprisonment«, Psychiatrisierung, »Pre-crime« und »Crim­migration« präsentiert.

Wir wollen durch eine Exkursion in eine Maßregelvollzugseinrichtung und in eine Strafvollzugsanstalt einen Einblick in das Vollzugssystem bekommen und die Rechtswirklichkeit anhand von Videos und Praxisfällen thematisieren.

Anschließend treten wir in einen sokratischen Dialog über die Abschaffung von Gefängnissen und wollen die seelsorgerische Perspektive aus Sicht eines Anstaltspfarrers hören. Anhand einer internationalen Fotostudie unter Beteiligung der Seminarleiterin mit dem Titel: »SUPERVISIBLE – Beobachtet aber nicht beachtet« setzen wir uns schließlich gemeinsam mit Alternativen zur Einsperrung auseinander.

Leitung: Prof. Dr. Christine Graebsch
Co-Leitung: Dr. Sven-U. Burkhardt
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 16. August bis 21. August 2021
Dauer: 6 Tage

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C5/ Achtung: Ächtung! – Entrechtung als Weg der Entmenschlichung?

Einen Menschen zu ächten bedeutet, ihn außerhalb der geltenden Rechtsordnung zu stellen und damit schutzlos zum Objekt der Willkür anderer Personen oder einer Ordnungsmacht zu degradieren. In unserem Seminar wollen wir den Zusammenhang zwischen Ächtung und Entrechtung näher beleuchten mit der Fragestellung, inwiefern und auf welche Weise eine Ächtung des Menschen mit nötiger oder zumindest wahrscheinlicher Konsequenz zu einer Legitimierung von Unmenschlichkeit führen wird. Eine Rechtsordnung ist immer der Ausdruck geistiger Wertgrundlagen, sodass der Frage danach, was durch die ächtenden Akteur­*innen als genuin menschlich angesehen wird, eine Schlüsselstellung zukommt.

Aufbauend auf politisch-theoretischen und juristischen (Grundlagen-)Texten, sollen die diesen zugrunde liegenden Menschenbilder und Begründungsmuster in den Blick genommen werden. Nach einem Überblick über die rechtshistorischen Grundlagen des Konzepts der Ächtung wollen wir uns in einem ersten Seminarblock mit dem Freund-Feind-Denken neuzeitlicher Vertragstheorien auseinandersetzen. Wir werden den Bogen zum »War on Terror« sowie zu dessen juristischem und diskursivem Umgang mit sogenannten »Enemy combatants« spannen. Ein zweiter Seminarblock nimmt die Mechanismen der Achtlosstellung und Entrechtung in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts in den Blick. Im dritten Schritt wird der Fokus auf den hohen Anspruch der Menschenwürdekonzeption gelegt, welche dem deutschen Grundgesetz zugrunde liegt. Am Umgang dieser Verfassungsordnung mit denjenigen, die ihr feindlich gegenüberstehen und dabei auch die Menschenwürde selbst relativieren, soll die Überwindung des Freund-Feind- und des Ächtungsdenkens nachvollzogen werden. In einem abschließenden Ausblick werden populistische Ächtungs­be­strebungen der aktuellen politischen Debatte vor dem Hintergrund des Erarbeiteten zu beurteilen sein.

Leitung: Dr. Peter Kainz
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 16. August bis 21. August 2021
Dauer: 6 Tage

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C6/ Janusz Korczak

Janusz Korczak, 1878 –1942, war polnischer Arzt, Schriftsteller und Pädagoge jüdischen Glaubens. In seinem wichtigsten pädagogischen Werk »Wie man ein Kind lieben soll« (1919) beschäftigte sich Janusz Korczak bereits mit den aus seiner Sicht grundsätzlichen Rechten des Kindes und bildete somit die Grundlage für die UN-Kinderrechtskonventionen, die erst 70 Jahre später 1989 verabschiedet werden konnten. Demokratie und Mitbestimmung waren für Korczak Bereiche, die nicht nur für Erwachsene reserviert waren, sondern die er mit Kindern einübte und praktizierte, beispielsweise bei der Umsetzung eines Kinder­republik-Modells.

Korczaks in der Praxis seiner Waisenhäuser erprobte demokratische Mitbestimmung in Form der Kinderparlamente und -gerichte setzte sich nicht durch, vielmehr blieb die Erziehungswissenschaft wie die Gesellschaft bei einem starken Unterschied zwischen Erwachsenem und Kind. Korczaks Pädagogik lässt sich nicht ganz einfach als pädagogische Theorie begreifen und doch soll im Seminar eine Untersuchung seiner Methoden erfolgen, damit eine Auseinandersetzung mit dem theoretischen Gerüst seiner Pädagogik möglich wird. Es soll der Frage nachgegangen werden, in welchem Verhältnis Theorie und Praxis zueinander stehen (sollten) und warum Korczaks Ideen kaum bekannt wurden, wohingegen eine ähnliche Pädagogik wie die der Maria Montessori weltweit aufgegriffen wurde.

Ein Schwerpunkt des Seminars soll aber beim Thema Demokratiebildung liegen. Auch wenn immer mehr Kommunen Kinderparlamente einführen und den Kindern und Jugendlichen Mitsprachemöglichkeiten einräumen, so scheint doch ein weiter Abstand zur »Erwachsenenpolitik« zu bestehen. Die heutigen Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen sowie deren gesetzliche Regelungen (zum Beispiel SGB VII) sollen mit Vertreter­*innen der Wohlfahrtsverbände und Kommunen diskutiert und mit Korczaks Idealen verglichen werden. In welchen Bereichen der Gesellschaft dürfen Kinder wirklich mitentscheiden und wie werden Kinder heute zu Demokratie erzogen? Ein Referent der Deutschen Korczak-Gesellschaft e. V. sowie eine Beteiligung von Vertreter*innen aus der Landespolitik sind angefragt.

Leitung: Friederike Faß
Veranstaltungsort: Klosterhof St. Afra, Meißen

Zeitraum: 20. September bis 24. September 2021
Dauer: 5 Tage

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