Sommeruniversität 2019 – C GESELLSCHAFTSANALYSE UND HANDLUNGSPERSPEKTIVEN

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Seminare:

  

C1 / Politik – Spielwiese für die Mächtigen?

Politik wird im öffentlichen Diskurs häufig als legitimer und legitimierter Gebrauch von Macht verstanden. Auf den ersten Blick scheint »Macht« dabei eine Eigenschaft von Akteuren, »den Mächtigen«, zu sein. Diese stehen dann häufig unter dem Verdacht, Macht zu missbrauchen, etwa wenn Handlungen durch ­Eigennutz und Selbstdarstellung angetrieben sind. Ebenso wird die Einflussnahme nicht demokratisch legitimierter Akteure, z. B. aus der Wirtschaft, problematisiert. Um dem ent­gegenzuwirken, werden alle möglichen Formate der Beteiligung der »Betroffenen« bzw. »des Volkes« bis hin zu Verfahren direkter Demokratie empfohlen.

Im Seminar soll vor allem auf Basis der Analysen von Foucault ein Verständnis von »Macht« in ihren verschiedenen Spielarten ermöglicht und auf das Geschehen in der Politik bezogen werden. Dabei werden die einleitend skizzierten akteursbasierten Perspektiven auf Politik und Macht durch weitere Konzeptionen ergänzt, die auch nicht-akteurszentrierte Sichtweisen beinhalten (z. B. diskursive Macht, Formen der Selbststeuerung i. S. Foucaults). Danach ginge es um die Frage, welche Implikationen die theoretischen Perspektiven für die ­Einordnung und Bewertung von Engagement und die Bewertung politischer und planerischer Aushandlungsprozesse haben. Dazu soll die Rolle einer wissenschaftlichen (»evidenzbasierten«) Politikberatung als weiterer »Spieler« ­näher beleuchtet werden. Die Einschätzungen reichen von einer Hoffnung auf eine Rationalisierung politischer Entscheidungen in einer immer komplexer werdenden Welt bis hin zur Beliebigkeit der Erstellung von Gutachten, in denen nur stehe, was der bezahlte Auftrag verlange. Auch hierzu lohnt es, sich mit Überlegungen von Foucault (etwa zum universellen und spezifischen »Intellektuellen«) auseinander­zusetzen, aber auch mit aktuellen Analysen zur Politikberatung.

Die praktische und strategische Bedeutung von Politikberatung wird im Gespräch mit Vertreter­innen von Ministerien der nordrhein-west­fälischen Landesregierung sowie der wissenschaftlichen und privatwirtschaftlichen Politikberatung in Düsseldorf erörtert. Zudem wird auch der Beitrag der evangelischen Kirchen, ihrer Kammern und Bildungsstätten, zur normativ orientierten Beratung und »Versach­lichung« von Politik durch Stellungnahmen und die Bereitstellung von Orten für das »politische Gespräch« diskutiert.

Neben den theoretisch-konzeptionellen Überlegungen und der Auseinandersetzung mit der Praxis soll auch die Reflexion der möglichen eigenen Rolle der Teilnehmerinnen im Rahmen künftiger Berufspraxis auf und neben dieser Spielwiese nicht zu kurz kommen.

Leitung: Prof. Dr. Rainer Danielzyk
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 12. August bis 17. August 2019
Dauer: 6 Tage

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C2 / Kriege – Alles nur ein Spiel?

Unzählige Computerspiele handeln in Form von Ego-Shootern oder Strategiespielen von Kriegen und bewaffneten Konflikten. So kann das Kriegspielen leicht auch in die Zimmer von Kindern und Jugendlichen gelangen. Auch die Bundeswehr präsentiert sich als hipper Arbeitgeber. In den Neuen Kriegen werden neue Techniken wie Drohnen und intelligente Bomben eingesetzt, sie werden also entpersonalisiert. Doch sind Kriege noch immer real und kommen nicht ohne Tod und Leid aus. Es wird gebrandschatzt und gemordet, es werden Kindersoldaten zwangsrekrutiert und Warlords und ausländische Interessen verschärfen die Konflikte.

In diesem Seminar wollen wir aus dem interdisziplinären Blick der Friedens- und Konfliktforschung mit Grundbegriffen einsteigen und dann die Themenkomplexe »Krieg und Medien« sowie Kindersoldaten diskutieren, bevor wir dann mittels des Planspiels #SaveMalisChildren die Themen zusammenführen und reflektieren wollen.

Mo. Begrüßung / Vorbesprechung
(Kennenlernen, Hintergründe der Teilnehmenden); Grundbegriffe der ­Friedens- und Konfliktforschung: Krieg, Frieden, Gewalt, Konflikt 

Seminarzeit 1:
Fortführung Grundbegriffe der Friedens- und Konfliktforschung: Krieg, Frieden, Gewalt, Konflikt sowie Eskalationsstufen der Gewalt nach Glasl (optional: Spieltheorie als übergreifende erklärende Theorie); Filmausschnitte aus »Wag the Dog« zur Bedeutung von Medienmacht

Di. Seminarzeit 2:
Krieg und Medien: Kriegsspiele, Darstellung von Krieg, Entpersonalisierung von Krieg, Medienkrieg(e) 

Seminarzeit 3:
Kindersoldaten

Mi. Seminarzeit 4:
Der Konflikt in Mali, Hintergründe, beteiligte Akteure

Do. Seminarzeit 5:
Vorbereitung auf die einzelnen Rollen 

Seminarzeit 6:
Rollenspiel #SaveMalisChildren*

Fr. Seminarzeit 7:
Ergebnisformulierung des Rollenspiels, Reflexion

*Rollenspiel:
»Friedenskonferenz #SaveMalisChildren!«

Internationale Medien haben über den Einsatz von Kindersoldaten im Konflikt in Mali berichtet. Unter dem Hashtag #SaveMalisChildren gab es einen weltweiten Aufschrei, sodass die Vereinten Nationen auf Betreiben Russlands eine Friedenskonferenz in Moskau einberufen haben, um Kindersoldaten für immer aus diesem Konflikt herauszuhalten. Die Erwartungen sind groß, denn das Ergebnis könnte weltweit wegweisend sein.

In diesem Planspiel wollen wir uns des Themas Kindersoldaten in Mali annehmen. Nach einer Einführung in die Situation in Mali bereiten die Teilnehmenden ihre jeweiligen Rollen vor und spielen diese in mehreren Runden. Das Planspiel ist natürlich ergebnisoffen, wenn es auch das Ziel der bespielten Konferenz sein wird, ein Kommuniqué zur Reintegration von Kindersoldaten in die Gesellschaft und zum Schutz von Malis Kindern zu erstellen.

Eine Nachbesprechung über das Planspiel mit intensiver Reflexion und Evaluation schließt das Seminar ab. Können Kindersoldaten in ihre Kindheit zurückkehren oder ist diese unrettbar verloren? Wie leiden auch die lokalen Gesellschaften darunter? Welche Schuld tragen externe Stakeholder, die im Kriegsgebiet finanzielle Interessen verfolgen? Was können wir tun?

Die Methode Planspiel hat sich für die Erfahrung und das intensivere Verständnis eines Problemkomplexes bewährt. Die Teilnehmenden tauchen tief in ihre Rollen und das gesamte Thema ein.

Leitung: Dr. Klaas Kunst
Veranstaltungsort: Evangelische Akademie Bad Boll

Zeitraum: 8. April bis 12. April 2019
Dauer: 5 Tage

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C3 / »Spiel mir das Lied vom Brot«

Hunger ist kein Schicksal und kein Naturereignis. Hunger wird politisch und ökonomisch gemacht. Es gibt ihn dort, wo Nahrungsmittel angebaut werden: auf dem Land. Hunger lässt sich nur besiegen, wenn seine Ursachen offengelegt werden. Weltweit werden Menschen durch politische, soziale und wirtschaftliche Hemmnisse daran gehindert, ihr Menschenrecht auf Nahrung durchzusetzen. Zum Beispiel durch soziale Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Diskriminierung. Oder durch ungerechte Strukturen im nationalen und internationalen Handel.

Im Seminar wollen wir gemeinsam die vielen Gesichter und Ursachen von Hunger kennenlernen. Ob unfaire Handelsbedingungen, Landgrabbing, durch den Klimawandel bedingte Mangelernten oder die Vernichtung kleinbäuerlicher Strukturen zugunsten großer Agrar-Multis.

Orientierungsmaßstab sind die Menschenrechte: Das Menschenrecht auf Nahrung gehört seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 zu den anerkannten internationalen Menschenrechten.

Themen des Seminars:

  • Ursachen des Hungers
  •  Globalisierung und Hunger
  •  Landgrabbing
  • Klimagerechtigkeit
  • UN-Sozialpakt und das Menschenrecht auf Nahrung
  • Ernährungsarmut in Deutschland
  • Wirtschaftsethische und theologische Aspekte

Leitung: Prof. Dr. Franz Segbers
Tagesreferent: Philipp Mimkes
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 26. August bis 30. August 2019
Dauer: 5 Tage

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C4 / Liebe im Zeitalter des Kapitalismus. Liebesspiel und Intimitätsmanagement in der Multioptionsgesellschaft

»All you need is love« (ein Lied) / »Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single« (eine Werbung) / »In irgendeinem Verhältnis steht die Liebe immer zum Geld« (Karl Kraus)

Was ist nur aus der Liebe geworden? Das romantische Konzept von Liebe als Ausdruck von Individualität und Innerlichkeit, als Bedingung für Intimität, als interesseloser Selbstzweck und auf Freiheit basierender Selbstverzicht scheint fragwürdig geworden. Zeitgleich mit dem Kapitalismus entstanden, war romantische Liebe etwas, was sich den auf Interesse, Berechnung und Nützlichkeitsabwägung beruhenden Bedingungen des Marktes entzog. Was aber wäre, wenn romantische Liebe und Kapitalismus gar nicht in Opposition zueinander stünden, sondern längst innig verbunden wären? Trotz aller Skepsis: Hoffnungslose Romantikerinnen sind wir immer noch; die ­Sehnsucht nach Liebe und Intimität scheint ungebrochen. Grund genug, dem Verhältnis von Liebe und Kapitalismus in einem Seminar auf diversen Ebenen nachzugehen. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die Konfigu­ration von Liebe in der postmodernen Gesellschaft gelegt werden.

In einem ersten Schritt wollen wir uns dem Liebesbegriff soziologisch annähern. Auf Grundlage einer gemeinsamen Lektüre von Niklas Luhmann wollen wir fragen, warum es nicht ausreicht, Liebe lediglich als Gefühl zu beschreiben. Dabei werden wir auch die Veränderungen des Liebesbegriffs zu Beginn der Moderne fokussieren. So stellt sich u. a. die Frage, was Liebe bspw. mit dem Phänomen des Geldes teilt.

Anschließend werden wir anhand von Texten der israelischen Soziologin Eva Illouz diskutieren, welcher Zusammenhang zwischen Liebe und Kapitalismus sowie Romantik und Konsum angenommen werden kann.

Von diesem theoretischen Hintergrund aus­gehend, wollen wir emblematischen Phänomenen des postmodernen Liebesdiskurses nachgehen. Wie lässt sich z. B. die Mode von Partner- und Kontaktbörsen im Internet erklären? Ist in der Multioptionsgesellschaft Liebe zum Intimitätsmanagement geworden, in dem die Steigerung des eigenen Marktwerts und die Befolgung des Imperativs beständiger Selbstverwirklichung die zentralen Anliegen darstellen? Und ist nicht Selbstverwirklichung nur ein alternativer Begriff für Selbstoptimierung? Welche Veränderungen bzw. Einschränkungen erfahren dann aber Begriffe wie Freiheit, Dauerhaftigkeit und Partnerschaft bezüglich Liebe? Sind sog. Pick Up Communities dann nur eine konsequente Alternative oder Ergänzung zum Konsum der Romantik: ein Mittel zum eigentlichen Zweck?

Diesen und weiteren Fragen wollen wir im ­Seminar nachgehen.

Ein entsprechender Reader wird zu Beginn des Seminars zur Verfügung gestellt.

Leitung: Florian Brandenburg
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 26. August bis 30. August 2019
Dauer: 5 Tage

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C5 / Spielen und Lernen?!

»Die Spiele der Jugend sind kein müßiger Zeitvertreib, sondern sie gehören zu den wichtigsten Erziehungsmitteln, bei deren Auswahl und Wechsel der Zweck der harmonischen Ausbildung des Körpers und Geistes im Vordergrund stehen sollte.« (Wilhelm Max Wundt)

Wilhelm Max Wundt (1832–1920), deutscher Philosoph und Psychologe, gründete 1879 in Leipzig das erste Institut für experimentelle Psychologie.

Spielerischem Lernen wird in unserer Kultur ein hoher Stellenwert eingeräumt. So sehr, dass es in unserem Bildungssystem längst ganz selbstverständlich integriert wurde. Nicht nur ein ganzer Industriezweig mit Lernspielen, sondern sogar Schulformen, die stark auf dieses Konzept setzen, haben sich etabliert. In manchen Staaten dagegen hat das Spiel offiziell nicht einmal im Vorschulbereich seinen festen Platz.

In diesem Seminar sollen der Umgang mit und der Stellenwert von Spiel in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften beleuchtet werden. Dazu werden einige exemplarisch ausgesucht werden. Wie sind diese Unterschiede historisch gewachsen und erklärbar und wie prägen sie das Bildungsverständnis und das gesellschaftliche Zusammenleben?

Wir werden Bereiche der Soziologie, Psychologie und Pädagogik betrachten und u. a. mit einer Referentin oder einem Referenten der Frage nachgehen, welche Charaktereigenschaften beim Spiel geschult und was tatsächlich spielerisch erlernt werden kann. Ebenso kann der Missbrauch von Spiel am Beispiel der Hitlerjugend oder aktuelleren Beispielen ana­lysiert werden.

Ein entsprechender Reader wird zu Beginn des Seminars zur Verfügung gestellt.

Mo. Ankommen, kurze Einführung zu Rolle und Aufgabe des Spiels in der deutschen Bildungslandschaft

Di. Bildungsverständnis und Soziologie des Spiels im Ländervergleich: Deutschland – China – NN

Mi. Spielpädagogik

Do. Exkurs: Missbrauch von Spiel, Hitlerjugend

Fr. Resümee: Was kann Spiel leisten?Feedback

Leitung: Friederike Faß
Veranstaltungsort: Evangelische Akademie Meißen

Zeitraum: 23. September bis 27. September 2019
Dauer: 5 Tage

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