Sommeruniversität 2020 – B ZWISCHEN NATUR UND TECHNIK

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Seminare:

 

B1/ In der Masse das Individuelle – Industrie 4.0

Das internationale Kapital hat einen neuen Erfolg zu vermelden: Die Produktivität steigt durch Robotik, cyber-physische Systeme und die Produkte werden trotz Massenherstellung immer stärker individualisierbar. Diese tech­nischen Änderungen werden begleitet von dem politischen Zukunftsprojekt »Industrie 4.0« und verändern sowohl den Konsum, das Produkt, den Handel und nicht zuletzt die Infrastruktur. Wo früher Massenware und hohe Produktionszahlen die Industrielandschaft bestimmten, ist heute davon die Rede, dass das Produkt die Fertigung steuert. So soll die &ge­forderte Variantenvielfalt im Endprodukt mit kleinen Losgrößen erreicht werden; im Bestfall handelt es sich bei dem gefertigten Produkt um ein Einzelstück, was durch seinen unikalen Status und möglichst geringe Produktionskosten gewinnbringend verkauft werden kann. Das eröffnet ein ganz neues Feld der Konkurrenz.

Uns interessiert, wie solch eine autonome Fertigung realisiert werden kann und welche Rolle den Arbeitnehmer*innen in einer vollends digitali­sierten Produktion zufällt. Was sind die genauen Anforderungen an das Produkt – auch an seine Beständigkeit? Wie sieht die Fertigung in der Zukunft aus? Welche Tech­niken kommen zum Einsatz und wie werden sie die Arbeitswelt der kommenden Jahre beeinflussen? Wer sind die Gewinner*innen dieser »neuen Industrialisierung« – und wer bleibt auf der Strecke? Im Zuge dieses Seminars werden diese Fragen zu klären sein.

Leitung: Peter Schadt
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 3. August bis 7. August 2020
Dauer: 5 Tage

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B2/ Personalisierte Medizin – ein Unikat?

Die sogenannte personalisierte Medizin ist in den letzten Jahren zu einem allgegenwärtigen Schlagwort avanciert. Mit ihr wird häufig der Anspruch verbunden, eine besser auf das Individuum zugeschnittene Prognostik, Prädiktion, Diagnostik, Prävention und Therapie zu ermöglichen, was letztlich auch zu Effektivitäts- und Effizienzsteigerungen in der gesamten Gesundheitsversorgung führen soll. Kritiker*innen halten dem entgegen, dass es sich bei der personalisierten Medizin in erster Linie um einen von den ökonomischen Interessen der pharmazeutischen Industrie getriebenen »Hype« handle, ihr tatsächliches Potenzial hingegen überschätzt werde.

Im Seminar gehen wir der übergreifenden Frage nach, ob und inwiefern die Versprechen einer personalisierten Medizin eingelöst werden können. Dazu werden wir zunächst ihre naturwissenschaftlichen, insbesondere molekular­biologischen Grundlagen erörtern, auch um ihre medizinischen Möglichkeiten und Grenzen herauszuarbeiten.

Mit Blick auf die Frage nach einer Integration von Maßnahmen der personalisierten Medizin in die Gesundheitsversorgung stehen an­schließend gesundheitsökonomische, ethische und rechtliche Probleme im Zentrum unserer Diskussionen, etwa die Fragen nach Mög­lichkeiten ihrer solidarischen Finanzierung, dem ethisch angemessenen Umgang mit Big Data oder (möglichen) datenschutzrechtlichen Vorgaben.

Für die Teilnahme am Seminar ist keinerlei Vorwissen notwendig. Du solltest allerdings Interesse am Thema sowie die Fähigkeit und Bereitschaft mitbringen, kritisch zu denken und kontrovers zu diskutieren.

Seminarplan:

Mo. Einführung ins Thema: Was ist personalisierte Medizin (nicht)?

Di. Naturwissenschaftliche Grundlagen der personalisierten Medizin (Gastreferent)

Mi. Gesundheitsökonomie der personalisierten Medizin

Do. Ethik und Recht der personalisierten Medizin

Fr. (Wie) lässt sich eine personalisierte Medizin in unser Gesundheitssystem integrieren?

Leitung: Sebastian Schleidgen
Veranstaltungsort: Evangelische Jugend­bildungs­stätte Nordwalde

Zeitraum: 16. März bis 20. März 2020
Dauer: 5 Tage

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B3/ 01010001zigartiger Code – Sei politisch, programmiere einen Mikrocontroller?!

Alltäglich sind wir mit Code konfrontiert – meist mit seinen Auswirkungen und kaum jemals, weil wir wissen, wie er funktioniert. Das lässt sich nur herausfinden, wenn man ihn liest. Dazu braucht es zweierlei: Zugriffsmöglichkeit und Lesekompetenz. Denn der menschen­lesbare Quellcode ist oft ein gut gehütetes Geheimnis, und das Wissen, das in ihm steckt, bleibt der Allgemeinheit verborgen. Hier setzt der Open-Source-Gedanke an, der seit den 1990er-Jahren, historisch nicht ganz korrekt, mit dem Betriebssystem Linux verbunden ist. Frei zugänglicher Quellcode soll ermöglichen, Programmfunktionen zu überprüfen, aber auch zu verändern, weiterzugeben und so enthaltenes Wissen auch in spezifischen Kontexten zu entfalten. Für soziale Strukturen, die wirtschaftlich, kulturell oder anderweitig abhängig, benachteiligt oder gar diskriminiert sind, kann hierin eine Voraussetzung für Empowerment und Partizipation an der globalen digitalen Transformation bestehen. Ein Beispiel sind die Communities um Plattformen wie Arduino oder Processing, die in künstlerischen und Do-it-yourself-Kulturen ihren Ursprung haben.

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Seminars ist die praktische Erfahrung mit Code und seinem Umfeld: Programmbibliotheken, auf die er zurückgreift, und eine Community, die sie entwickelt. Dazu werden wir Mikrocontroller mit der Arduino-Plattform programmieren und kleine Projekte umsetzen. Parallel dazu steht die theoretische Reflexion: Was hat Open Source in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich bewirkt? Welche sozialen Modelle und Rollen sind mit Open-Source-Communities verbunden? Ist Open Source dasselbe wie freie Software? Müssen wir alle programmieren lernen, um noch zu wissen, was läuft? Und wer soll den ganzen Quellcode lesen, selbst wenn er frei ist?

Das Seminar ist kein Programmierkurs im engeren Sinne. Er setzt kein besonderes Vorwissen voraus, wohl aber Neugier, kritische Begeisterungsfähigkeit und etwas Geduld. Arduino-Mikrocontroller werden zur Verfügung gestellt.

Leitung: Dr. Martin Rumori
Co-Leitung: Christoph Haag
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 10. August bis 15. August 2020
Dauer: 6 Tage

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B4/ Unikat Erde – Wer ist »schuld« am Klimawandel?

Bei den aktuellen Debatten um Klima- und Umweltschutz stellt sich immer drängender auch die Frage der Verantwortlichkeit. Inwieweit lassen sich Extremwetterereignisse wie Dürren oder Stürme auf einzelne Emittenten von CO² zurückführen? Was sind die zugrunde liegenden Modelle? Welche Stärken und welche Schwächen haben diese? Weiter interessiert uns die Frage nach der Kostenver­teilung, die aus dem Plastikmüll im Meer entstehen. Wer kommt dafür auf?

Seit einigen Jahren versucht die Zuordnungsforschung diese Fragen zu beantworten. Dabei stellen sich nicht nur naturwissenschaft­liche, sondern auch ethisch-philosophische Fragestellungen, die im Seminar thematisiert werden können. Für ein Grundverständnis der ökologischen Problematiken soll allerdings eine naturwissenschaftliche Perspektive eingenommen werden.

Der Klimawandel bedroht das Leben vieler Menschen und die Ökosysteme der Erde. Ernteausfälle aufgrund von Dürren oder Unwettern nehmen zu. Fast 200 Länder haben deswegen Klimaschutz auf die globale Agenda für eine nachhaltige Entwicklung gesetzt und sich im Klimaschutzabkommen von Paris darauf geeinigt, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau zu halten.

Migration und Gerechtigkeit spielen beim Thema Klimawandel eine größere Rolle denn je.

Das Seminar richtet sich an Interessent*innen, die aus unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaft, Geografien und Lebensstadien stammen. Die Durchführung des Seminares ist daher absichtlich offen und interdisziplinär gestaltet.

Seminarplan

Mo. Kennenlernen und Klimawürfelspiel

Di. Klimawandel – Eine Einführung. Zuordnungswissenschaften

Mi. Klimaökonometrie

Do. Klimakonflikte und -migration

Fr. Klimapolitik, climate justice und Aktivismus

Leitung: Lisa Thalheimer
Co-Leitung: Moritz Schwarz
Veranstaltungsort: Evangelische Akademie Meißen

Zeitraum: 21. September bis 25. September 2020
Dauer: 5 Tage

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B5/ CRISPR/Cas und Co: Ein Mittel gegen Abnormalität?

In der Bevölkerung gibt es über moderne Gentechnik wie z. B. die CRISPR /Cas-Methode im Wesentlichen zwei Meinungen: »Genetiker­*innen können in Wahrheit nichts, denn Leben ist viel zu komplex, um es zu manipulieren!« bzw. »Genetiker*innen können alles – sie schrauben an Genomen herum, wie es ihnen beliebt!«. Ähnlich die ethische Beurteilung: Wo die einen Chancen auf eine goldene und leidensfreie Zukunft sehen, fürchten andere Homunkulus, Frankenstein und Klonkrieger.

CRISPR /Cas hat die Gentechnologie revolutioniert. Zwar wird sehr gerne übersehen, dass diese Methode keinerlei grundsätzlich neue Optionen bietet, allerdings sind mit ihr gezielte Eingriffe ins Genom technisch sehr viel einfacher geworden und schneller umsetzbar.

Im Seminar werden zuerst die genetischen Grundlagen erklärt – Wie funktioniert Vererbung? Was ist Genetik? Gibt es so etwas wie Intelligenz- und Musikalitätsgene? Darauf aufbauend wird erläutert, was es mit gene­tischen Anlagen und Ursachen für Krankheiten auf sich hat – Stichworte: ererbte Dispositionsfaktoren, erworbene genetische Schäden, Penetranz (»Durchschlagskraft«).

Danach wird es darum gehen, was die moderne Gentechnik – und insbesondere CRISPR/Cas – kann und was nicht, wo es prinzipielle Schranken gibt und wo es im Gegensatz dazu lediglich eine Frage des bisher erreichten technischen Levels ist.

Der letzte Tag wird der Ethik gehören. Zuerst werden die Grundlagen ethischen Urteilens erläutert. Danach werden verschiedene Problemstellen in der gesellschaftlichen Debatte um CRISPR/Cas beleuchtet. Was sind die Konsequenzen, wenn finanzielle Interessen sich mit Wissenschaft und deren Kommunikation vermischen? Welches Bild von Behinderung und Krankheit wird transportiert, wenn – oft ohne Betroffene einzubinden – über die zukünftigen Möglichkeiten von durch Genome Editing vererbbaren Genen spekuliert wird? Verstärkt die Diskussion um CRISPR/Cas die Vorstellung eines programmierbaren Lebens und die tech­nische Lösbarkeit von sozialen Problemen?

Leitung: Prof. Dr. Andreas Beyer
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 3. August bis 7. August 2020
Dauer: 5 Tage

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