Sommeruniversität 2018 – B ZWISCHEN NATUR UND TECHNIK

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Seminare:

 

B 1 / Chaosforschung – Fragile Systeme in Wissenschaft und Wirtschaft

Nach einem beachtlichen Hype in den 1990er Jahren scheint es ruhig geworden zu sein um die Chaosforschung. Dabei bildet dieses For­schungs­feld ein Fundament unseres Ver­ständ­nisses von Störungen in komplexen Systemen, da es Grenzen der Vorhersagbarkeit nicht­linearer Systeme verständlich macht. Eine Hürde bei der Beschäftigung mit dem Phäno­men »Chaos« und seinen Anwendungen ist seine Ein­bettung in ein dichtes Netzwerk mathe­matischer Begriffe: Selbstähnlichkeit und Fraktale, Selbstorganisation und Phasen­übergänge, Potenz­­gesetze und Skalengesetze.

Das Ziel des Seminars ist, dieses Begriffs­netz­werk zu ergründen und uns in einfacher und verständlicher Weise diesen Phänomenen zu nähern und schließlich moderne Anwen­dung­en der Chaosforschung zu diskutieren. Das Seminar wird grob in folgende Themen ge­­glie­dert sein:

- Was ist (deterministisches) Chaos?
- Chaos und Selbstorganisation (und Fraktale)
- Gibt es Chaos in der Biologie?
- ­Nebengeschichte: Chaos in getriebenen Systemen – Gibt es Chaos in Wirtschaftssystemen?
- Fraktale, Skalengesetze und Netzwerke
- Wie fragil sind moderne Infrastrukturen?
- Chaosforschung heute

Den Kern des Seminars bilden Grundlagen­vorträge des Seminarleiters, Kurzvorträge aller Teilnehmenden und vor allem die inter­dis­zi­plinäre Diskussion des Themas. Eine Themen­liste für die Kurzvorträge und ent­sprechendes Material wird zur Verfügung gestellt.

Leitung: Prof. Dr. Marc-Thorsten Hütt
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 27. August bis 31. August 2018

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B 2 / Fragile Schöpfung: Cyborgs, Gadgets und Prothesen

»We are cyborgs«, schreibt die feministische Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway bereits 1984 in ihrem viel rezipierten Cyborg-Manifest. In diesem Sinne möchte das Seminar über gängige Assoziationen von Robocop und Terminator hinausgehen und den Blick nicht nur auf Science-Fiction-Heldinnen richten, sondern auch die ganz alltäglichen und keines­­wegs trennscharfen Schnittstellen von Körper und Technik in den Fokus nehmen: Herzschritt­macher, Hörimplantate, Genital­prothesen, Brillen. Für das Seminar soll der Begriff der Prothese als Platzhalter für Objekte, die den Körper in seinen Funktionen und Möglichkeiten kompensieren, optimieren, erweitern oder einfach nur verändern, offen und somit disku­tier­bar gelassen werden. Wie steht es bspw. um Smartphones und Blindenhunde? Es wird deutlich werden, dass sich die Prothetisierung von Körpern aus vielen diszipli­nären Blick­winkeln betrachten lässt: Historische Forschungs­­literatur behandelt den sogenannten Pro­thesen­boom des Ersten Weltkrieges, während in den Kulturwissenschaften das Verhältnis von Mensch und Maschine immer wieder neu ausgelotet wird. Bezüglich der Fragen nach den Vorstellungen von »normalen« Körpern bzw. Behinderung und Nicht-Behinderung liefern die immer sichtbarer werdenden Disability Studies wichtige Beiträge – v. a. auch aus der Betroffenen­perspektive. Ansätze aus den Gender Studies wiederum führen zu einem Nachdenken über Geschlechts­­körper und Sexualität. Mit den Technikwissen­schaften kann über aktuelle medizin­­­techno­logische Möglich­keiten sowie deren Grenzen diskutiert werden. All diese Blickwinkel laufen in verschiedenen ethischen und politischen Fragen und Debatten zu­sam­men: Was bedeuten bspw. aktuelle Ent­wick­lungen in der Gewebe- und Gliedmaßen­züchtung für unser Verständnis von Prothetik, Körper und Materialität? Wie hängen wearables mit einer neoliberalen Leistungsgesellschaft zusammen? Was machen Geräte wie die google­glass mit uns? Was ist Gebrauch und was ist Missbrauch? Es wird ein Reader mit ein­schlägigen Texten und Links zusammen­gestellt, der einen Teil der Grundlage für Diskus­sionen und Präsentationen in Klein­gruppen und im Plenum ist. Weiteres Material wie Film­ausschnitte, (Musik-) Videos, Bilder oder auch Objekte wie eine 3D-gedruckte Handprothese ergänzen dies. Im Falle einer passenden Aus­stellung könnte eine Exkursion in das Deutsche Hygiene-Museum Dresden stattfinden.

Leitung: Myriam Raboldt, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Veranstaltungsort: Evangelische Akademie Meißen

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 17. September bis 21. September 2018

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B 3/ Humangenom, Gendiagnostik, Gentherapie – was geht, was geht nicht? Was wollen wir und was nicht?

Befragt man Durchschnittsbürger über ihre Meinung betreffend Genetik und Gentechnik, so bekommt man meist eine von zwei gegen­sätzlichen Auffassungen zu hören: »Genetiker fischen nur im Trüben, Leben ist viel zu komplex, um es physikalisch / (bio) chemisch zu er­klären!« bzw. »Genetiker sind Bastler, die mittler­­­­­­­­weile an Genomen herumschrauben können, wie immer es ihnen beliebt!«. Ähnlich steht es um die ethische Beurteilung: Wo die einen Chancen auf einen goldene und leidensfreie Zukunft sehen, fürchten die anderen Homun­kulus, Frankenstein und Klonkrieger.

Im Seminar wollen wir den Fakten auf den Grund gehen und beginnen in Teil 1 mit dem Thema Ethik. Moralische Urteile werden zumeist aus dem Bauch heraus gefällt, aber wie kann man sie formalisieren, so dass sie metho­disch und systematisch diskutiert werden können, ohne rein emotionale Argumente zu ver­wenden? Dabei wird sich herausstellen, dass moralische Bewertungen nicht »berech­net« oder »bewiesen« werden können wie in den Natur­wissenschaften bzw. in der Mathe­matik. Dies bedeutet jedoch nicht im Umkehr­schluss, dass Ethik reine Willkür sei - im Gegenteil. Teil 2 wird der molekularen Genetik gewidmet sein; ausgehend von der Frage, was »Leben« eigent­lich ist, wir werden die molekular­bio­lo­gi­schen Grundlagen der Lebewesen betrachten. In Teil 3 geht es um die Human­genetik, genauer gesagt um das Verhältnis zwischen Gen und Phän: Gibt es so etwas wie das Alkoholismus- oder das Schizophrenie-Gen – und kann es so etwas überhaupt geben? Dies ist insbesondere wichtig für die Beurteilung der Machbarkeits-Frage, also was Genetik aus prinzipiellen und systemi­schen Gründen leisten kann / könnte und was nicht. In Teil 4 geht es um Gen­diagnostik, ein kurzer Abriss über die derzeit ver­fügbaren Technologien. Teil 5 wird sich schließlich der Gentherapie sowie der potenziellen Möglich­keiten des »Bioengineerings« widmen von retro­viralen Vektoren bis CRISPR / Cas, dabei auch im Vergleich der Systeme »Mensch« vs. »Mikroorganismus«.

Leitung: Prof. Dr. Andreas Beyer
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 27. August bis 31. August 2018

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B 4/ Pränataldiagnostik – (un)sichere Selektion?

Unter Pränataldiagnostik (PND) werden alle Untersuchungen am Ungeborenen und an der Schwangeren gefasst, die der Erkennung von kindlichen Erkrankungen und Fehlbildungen dienen. Sie ist heutzutage ein nicht wegzu­denkender Teil der Schwangerschaftsvorsorge. Eine mögliche Konsequenz eines auffälligen Untersuchungsergebnisses stellt der Abbruch der Schwangerschaft auch nach Vollendung der 12. Schwangerschaftswoche, also außerhalb der »Fristenregelung«, dar. Dies wirft viele Fragen auf, welche u. a. die Themenfelder Diskriminierung und Inklusion betreffen und eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Dynamiken erfordern.

Der medizintechnische Fortschritt ermöglicht immer mehr Untersuchungen und Vorhersagen über die Entwicklung des Fetus. Doch bis zu welchem Punkt ist medizinischer Fortschritt von wem gewünscht und positiv zu bewerten? Wer entscheidet, welche Untersuchungen er­­laubt sind und unter welchen Umständen Leis­tun­gen von der Krankenkasse bezahlt werden? Wie beeinflusst das (immer größer werdende) Angebot die Entscheidungen werden­der Eltern und wie möchten sie ggf. mit einem auffälligen Ergebnis umgehen? Wiegt die Selbstbestimmung der Frau schwerer, oder hat das Lebensrecht des ungeborenen Kindes Priorität? Ist eine solche Entscheidung überhaupt möglich?

Expertinnen aus Medizin, Psychologie, Sozialer Arbeit, Ethik, Politik und Jura beschäftigen sich mit Fragen rund um dieses Thema; auch gesamt­gesellschaftlich wird es immer wieder kontrovers diskutiert.

Im Seminar wollen wir uns mit den verschiedenen Facetten der PND beschäftigen. Zu Beginn werden wir uns mit den medizin­technischen und juristischen Grundlagen aus­einander­setzen. Anschließend wollen wir die involvierten Akteurinnen genauer betrachten und ver­suchen, das Thema normativ bzw. ethisch zu verorten. Im Zuge dessen wollen wir PND im gesamt­gesellschaft­lichen und politischen Kontext diskutieren. Einbezogen werden hier v. a. feministische Perspektiven in Abgrenzung zu Positionen der »Lebensschutz«-Bewegung. Zudem werden wir voraussichtlich die Möglichkeit haben, mit der Mutter eines Kindes mit Trisomie 21 zu sprechen, so dass die theoretische Auseinandersetzung um eine persönliche Perspektive ergänzt wird.

Leitung: Talea Stüwe 
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 13. August bis 18. August 2018

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