Sommeruniversität 2019 – A THEOLOGIE – RELIGION – KIRCHE

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Seminare:

 

A1 / Moral – die elende Spielverderberin?

In gewisser Weise kann Moral als die große Spielverderberin gesehen werden: Insofern die Moral uns befiehlt, nicht nur unsere eigenen Interessen, sondern auch die Interessen anderer zu berücksichtigen, könnten die Spielregeln der Moral als wenig spaßig angesehen werden. So verlangt sie doch, meine eigenen Interessen zurückzunehmen. Moralkritiker verstehen hier Moral geradezu als Gewalt gegen sich selbst und die eigenen Interessen. Als moralische Mahnerin tritt häufig auch die Kirche in Gestalt ihrer Vertreterinnen und Vertreter auf. So formuliert Friedrich-Wilhelm Graf: »Das Selbstverständnis beider Großkirchen in der Bundesrepublik ist vom Anspruch geprägt, in be­sonderem Maße für die öffentliche Sitte und individuelle Moral zuständig zu sein. Beide Kirchen verstehen sich als die zentralen Institutionen für gesellschaftliche Wertbildung und Propagierung moralischer Normen bzw. als Institutionen, die Moral predigen«.¹

Im Blick auf das Spiel kann man sich aber auch in einer ganz anderen Weise der Moral nähern: Ist die Moral eventuell selbst ein großes Spiel? Der Philosoph Ulrich Steinvorth spricht von einer Handlungsunwirksamkeit der Moral:
Wir lernen moralisch zu urteilen und verurteilen, ohne dass diese moralische Rede eine Relevanz für unser Handeln hat. Gerade hierin liegt nach Steinvorth der Erfolg der Moral: Sie verlange in Wahrheit nichts. Insofern ist Moral ein großes Spiel: Durch moralische Urteile gewinnen wir eine moralische Identität – mehr nicht.

Im Seminar werden wir einer Reihe von interessanten Fragen nachgehen:

  • Wie funktioniert die moralische Rede? Welche Bedeutung hat sie für unser Handeln?
  • Wieso hat der Begriff »Moral« ein so schlechtes Ansehen?
  • Was sind genuin christliche Moralvorstellungen und wie lassen sie sich begründen?
  • Wie lässt sich das moralische Bewerten und Entwerten in den digitalen Medien verstehen?

Den Kern des Seminars bilden Grundlagenvorträge des Seminarleiters, Gastvorträge, Kurzvorträge aller Teilnehmenden und vor allem die interdisziplinäre Diskussion des Themas.

¹ Friedrich Wilhelm Graf, »Der deutsche Protestantismus und der Zweite Weltkrieg«, in: Venanz Schubert (Hg.), Der Zweite Weltkrieg: 50 Jahre danach. Eine Ringvorlesung an der Universität München, Sankt Ottilien 1992, 217–267, 218.

Leitung: Prof. Dr. Michael Roth
Veranstaltungsort: Evangelische Akademie Meißen

Zeitraum: 23. September bis 27. September 2019

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A2 / Religiöse Akteure im »Spielfeld« der Politik. Die evangelische Kirche in Debatten um Flucht und Asyl in der Bundesrepublik seit 1949

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Migration und Asyl in der Bundesrepublik wie auch der christliche Einsatz für Flüchtlinge haben eine lange Vorgeschichte. Heute ge­hören die Kirchen zu den vernehmbarsten Stimmen in der aktuellen Debatte um die Asylpolitik. Dabei beziehen sie öffentlich Position für Geflüchtete und engagieren sich im Rahmen von Gemeinden und Diakonie. Die Fremd- und Selbstzuschreibungen von Rollen sind dabei sehr unterschiedlich. So finden sich Bezeichnungen wie »Lobbyverband«, »NGO«, »Propheten« oder »Anwälte« für das Agieren der Kirchen im politischen Feld.

Mit Blick auf die einstmals starke nationale Orientierung des deutschen Protestantismus ist die Entwicklung hin zur heutigen Position erklärungsbedürftig. Das Seminar beschäftigt sich aus einer zeitgeschichtlichen Perspektive mit der kirchlichen Beteiligung an den Asyldebatten in der Bundesrepublik. Anhand historischer Fallbeispiele analysieren die Teilnehmenden die Entwicklung der Position der evangelischen Kirche im Feld der Flüchtlingspolitik. Im Mittelpunkt stehen das Agieren gegenüber Staat und Parteien, Formen der Einflussnahme, die Argumentationsformen in der Öffentlichkeit und die (De-) Konstruktion von Flüchtlingsbildern. Im Fall des Kirchenasyls stellt sich zudem die Frage, wie das Verhältnis zum demokratischen Rechtsstaat verhandelt wurde. Zentral für die Arbeit im Seminar sind Textdiskussion und Quellenanalyse (Texte, Bilder, Filme). Der geschichtswissenschaftliche Zugang wird inter­disziplinär mit politikwissenschaftlichen und theologisch-ethischen Perspektiven ergänzt. In einem Seminarblock wird ggf. auch am Beispiel des Studienwerks untersucht, wie sich eine protestantische Institution zur Flüchtlingspolitik positionierte.

Das Seminar will Teilnehmenden aus allen Studienfächern einen historisch geschärften Blick auf gegenwärtige Entwicklungen ermög­lichen. Zu diesem Zweck wird auch die aktuelle politische Situation thematisiert und ausreichend Möglichkeit zur Diskussion gegeben. Zudem ist ein Gespräch mit Mitarbeitenden der kirchlichen Interessenvertretung geplant.

Vorläufiger Ablaufplan:

Mo. Kennenlernen, Einführung ins Seminarthema

Di. Kirchen und Flüchtlingspolitik seit 2015: Politik- und geschichtswissenschaftliche Grundlagen

Mi. Historische Fallstudien 1970er / 1980er Jahre

Do. Historische Fallstudien 1990er Jahre Planspiel zur Kirchenasyldebatte

Fr. Theologisch-ethische Perspektiven, Gespräch mit Gastreferentin

Sa. Auswertung

Leitung:  Jonathan Spanos
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 12. August bis 17. August 2019
Dauer: 6 Tage

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