Sommeruniversität 2021 – D DIMENSIONEN VON WISSEN UND DENKEN: KONSTRUKTION UND KRITIK

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Seminare:

 

D1/ Achtung Geheimdienste! Ihre Bedeutung für Politik und Gesellschaft

Geheimdienste, in Deutschland meist als »(geheime) Nachrichtendienste« bezeichnet, spielen seit der Entwicklung von elektronischer Kommunikation (drahtloser Funkverkehr, Telefon, Mobiltelefon), des Internets und der Datenökonomie (messaging, soziale Netzwerke, Cloud Computing, Data Mining, Internethandel, real time Video, Cyberspace usw.) eine zunehmend größere Rolle. Sie reicht weit über die Politik hinaus und beeinflusst mehr und mehr die gesellschaftliche und private Lebensgestaltung von uns allen. Herkömmliche Kategorien wie »Fernmeldegeheimnis« oder »Datensicherheit« reichen bei weitem nicht mehr aus, um die Bürgerrechte im demokratischen Rechtsstaat zu schützen. Der in China und anderen Diktaturen bereits weitgehend realisierte »di­gitale Überwachungsstaat« kann auch für Demokratien eine Gefahr darstellen.

Es geht hier nicht nur um Geheimdienste, sondern auch um private Internetfirmen sowie die Hersteller von Soft- und Hardware. Doch die Bedrohung durch staatliche Institutionen, vor allem durch die Geheimdienste, lässt sich nicht wegdiskutieren. Deren Entwicklung, Befugnisse und Tätigkeit soll im Mittelpunkt des Seminars stehen. Es gliedert sich in drei Themenbereiche:

  • allgemeine Charakteristika (Aufgaben, Mittel, Methoden, Einfluss, Fragen nach Recht und Verfassung, internationale Vergleiche)
  • Geheimdienste in Deutschland (Entwicklung, Besonderheiten, Fallbeispiele)
  • aktuelle Fragen und Blick in die Zukunft (Diskurse, Erwartungen, wissenschaftlich-technische Perspektiven)

Zur lebendigen Gestaltung, die alle Teil­neh­men­den einbezieht, soll es Rollenspiele (»Sekundenexperte«), Planspiele, gemeinsame Textlektüre, Kurzpräsentationen, Gastvorträge (eventuell zwei), viel an Diskussionen und (wenn möglich) eine Exkursion geben.

Leitung: Prof. Dr. Wolfgang Krieger
Veranstaltungsort: online

Zeitraum: 15. März bis 19. März 2021
Dauer: 5 Tage

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D2/ »Achtung, Achtung, hier spricht ...« – Respektspersonen und Autoritätsverlust

Die Achtung gegenüber »Respektspersonen« hat zwei Aspekte, die in verschiedenen Mi­schungen auftreten können. Zum einen billigt man ihnen Legitimität zu, welche auf einem Gesetz, auf Tradition oder auf persönlicher Ausstrahlung beruhen kann. Zum anderen basiert der Respekt auf der Angst vor Bestrafung oder sonstigen Nachteilen. Im Begriff Achtung steckt beides: Man kann die Respekt-Instanz achten (ihr Legitimität zubilligen); und man kann in Habachtstellung ihr gegenüber sein, d. h. versuchen, der Herrschaftszumutung zu entkommen.

Die Ansage aus einem Polizei-Megafon »Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei!« ruft beide Aspekte auf. Je mehr aber die Erzwingung des Gewaltmonopols in den Vordergrund rückt, desto mehr tritt die Autorität der Uni­formträger*innen in den Hintergrund. Autorität und Herrschaft sind nämlich zwei Erscheinungsformen von Macht, die sich anhand der Fragen unterscheiden lassen: Wer ergreift die Initiative? Werden Ratschläge oder Befehle erteilt? Wird aufgrund von Überzeugtheit oder von Angst befolgt?

Den »Respektspersonen« droht heute noch aus anderer Richtung Gefahr, ihnen können nämlich die Legitimitätsgründe entgleiten. Charisma bedarf ständiger Bewährung; auf das Gesetz kann sich in einer alphabetisierten Gesellschaft prinzipiell jede/r berufen; Traditionen sind heute brüchig und in Konkurrenz zueinander.

Im ersten Schritt geht es darum, die Begriffe zu schärfen. Es gilt, kurzschlüssige Begriffsbestimmungen zu vermeiden, die häufig den Raum des Denkbaren zugunsten des Status quo einengen. Um Verallgemeinerungen der eigenen Erfahrungswelt zu durchbrechen, wird das Seminar auch auf fremde politische Kontexte aus dem Bereich der Ethnologie und der Religionsgeschichte blicken.
Im zweiten Schritt soll der so entwickelte begriffliche Werkzeugkasten auf aktuelle politische Entwicklungen bezogen werden. In dieser Phase wird besonderer Wert darauf gelegt, dass die Teilnehmenden eigene Erfahrungen und Per­spektiven einbringen und den Seminarleiter nicht als Respektsperson betrachten, sondern als Teilnehmende an einem herrschaftsfreien Diskurs.

Leitung: PD Dr. Rüdiger Haude
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Zeitraum: 2. August bis 6. August 2021
Dauer: 5 Tage

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D3/ Ey#!@?, achte auf deine Sprache!

Sprache ist unser wichtigstes Mittel, um Gedanken und Gefühle zu äußern, sie ist Macht- und Manipulationsinstrument und entfaltet in der Interaktion dynamische Bedeutungsspek­tren. Soziale Medien machen das quasi in einer Laborsituation sichtbar. Sprachlich-kommunikative Phänomene wie skandalisierende Berichterstattung, Shitstorms und koordinierte Hasskampagnen tauchen in den unterschiedlichsten Domänen unseres gesellschaftlichen Miteinanders auf, und so gibt es kaum ein Thema, dass sich nicht für heftige Empörung und verroht geführte Auseinandersetzungen eignet.

Das Seminar geht diesen Phänomenen anhand mehrerer aktueller und prominenter Fallbeispiele auf den Grund und zeichnet nach wie zum Beispiel im Falle der DFG-Kampagne #fürdasWissen ein Twitterbeitrag mit der Nachricht »#Wissenschaft weiß nicht alles – ist aber die einzige vernünftige Datenbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig! Kurz und bündig kommentiert Kabarettist & Moderator Dieter #Nuhr @dieternuhr die Relevanz von Wissenschaft anlässlich #DFG2020 – #fürdasWissen« zu einer geradezu musterhaften Spirale aus Stellungnahmen, Kritik und Widerstand geführt hat.

Warum dieser Vorgang etwa als »Diskussion« von der DFG, als »Progrom« (sic!) von Dieter Nuhr, als »Shitstorm« von der NZZ bezeichnet wurde, soll exemplarisch mit den Teilnehmenden analysiert werden. Im Seminar lernen die Teilnehmenden linguistisch fundierte Analysekategorien für Social-Media-Kommunikation kennen und können diese auf die Fallbeispiele anwenden. Das gemeinsame Brainstorming und Suchen nach geeigneten (sprachlichen) Gegenmaßnahmen und Interventionsmöglichkeiten in diskriminierenden und menschenfeindlichen Debatten stellt einen weiteren Schwer­punkt dar, den wir mit einem Social-Media-Experiment verdeutlichen wollen.

Daran schließt sich in einem fachlichen Input an, wie die Themen Hass, Rassismus und Gewalt auch in der Domäne des »Fußballs« verhandelt und (re-)produziert werden.

Wie Sprache verständlicher und damit inklusiver werden kann, ist Anliegen von Forschung und Praxis zum Thema »Leichte Sprache« und stellt den letzten inhaltlichen Schwerpunkt dar. Anhand von Fallbeispielen aus dem Bereich der Inklusion soll deutlich gemacht werden, wie »Leichte Sprache« funktioniert und welche sprachlichen Prinzipien ihr zugrunde liegen.

Basierend auf den zuvor erworbenen Kenntnissen, planen die Teil­nehmenden zum Abschluss des Seminars in Reflexionsgruppen kleine, konkrete Kampa­gnen und Interventionsschritte zu den Themen, die sie gerade beschäftigen. Im Idealfall können sie diese im Rahmen weiterer Aktivitäten durch­führen und umsetzen.

Seminarziele:

  • Hintergründe und Basiswissen zum Themenbereich »Sprache und Macht«
  • Social-Media-Kommunikation linguistisch fundiert analysieren und bewerten
  • Kommunikative Spezifika unterschiedlicher gesellschaftlicher Domänen (Wissenschaft, Fußball, Inklusion) kennenlernen
  • Möglichkeiten und Strategien für sprachliche Interventionsmöglichkeiten kennenlernen (Gegenrede, »Leichte Sprache«)
  • Planung von konkreten Kampagnen / Interventionsmöglichkeiten

Leitung: Prof. Dr. Konstanze Marx
Co-Leitung: Sebastian Zollner
Veranstaltungsort: Klosterhof St. Afra, Meißen

Zeitraum: 20. September bis 24. September 2021
Dauer: 5 Tage

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