Sommeruniversität 2018 – D DIMENSIONEN VON WISSEN UND DENKEN: KONSTRUKTION UND KRITIK

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Seminare:

  

D 1 / Alternative Fakten oder Tatsachen – Was ist wahr und was wissen wir sicher?

In Zeiten, in denen zunehmend alternative Fakten, Fake News und emotionsgeladene Tweets (»gefühlte Wahrheit«) unser Miteinander bestimmen, wird immer wieder die Frage auf­geworfen, was denn eigentlich unter Wahrheit zu verstehen sei.

Die Frage »Was ist Wahrheit« ist aber – seit alters – eine zentrale, ja vielleicht sogar die zen­tral­­ste Frage der Philosophie. Dabei deuten das Ungebrochene dieses Interesses der Philo­­sophie am Thema »Wahrheit« als auch die bisher von der Philosophie gegebenen Antworten darauf hin, dass es hier um etwas geht, das nicht nur von akademischer Bedeutung (für einige we­nige), sondern von existenzielle Relevanz (für uns alle) ist.

Was ist es das, um das es hier letztlich geht? Das ist die Leitfrage des geplanten Seminars. Es will mit den Teilnehmerinnen auf eine Ent­­deckungsreise gehen, die (reflexiv, kraft Über­legung) ins Innere des Menschen führt, und plausibilisieren: Sinn und Bedeutung des Sprach­­­ausdrucks »Wahrheit« finden wir in uns selbst, soweit wir ein animal rationale sind, allerdings (soweit wir auch ein animal rationale sind, das sein Überleben weitestgehend selbst orga­ni­sieren muss) immer flankiert von der Tendenz, das, wofür der Ausdruck »Wahrheit« steht, politischen und ökonomischen Machtinteressen zu opfern. Sollten wir denn die natürlichen Ziele des Überlebens und auch des guten (bequemen, glücklichen) Lebens, dem Politik und Wirtschaft dienen, nicht direkt, unter Um­gehung der Wahrheit sichern können? Nehmen wir es denn selbst mit dem, was wir auch ohne das Seminar schon unter Wahrheit verstehen, immer so genau?

Nach Lektüre und Diskussion einiger aus­ge­wählter, leicht verständlicher philosophischer Texte – u. a. von Parmenides (5. Jahrhundert v. Chr.), Niccolò Machiavelli (15./16. Jahr­hundert), Jürgen Habermas – sollte am Ende des Seminars deutlich sein: dass wir ohne Wahrheits­­orientierung (die z. B. das theoreti­sche Projekt der Menschheit auf den Weg gebracht hat) und d. h. zugleich: ohne Orientie­rung an Vernunft weder überleben noch gut leben könnten. Ein Hinweis darauf ist, dass das Spiel mit der Wahr­heit, das wir seit alters und heute unter dem Titel »alternative Fakten« spielen, nur dann (para­sitär) funktioniert, wenn wir an der Wahrheit festhalten und an ihre Einlösbarkeit glauben.

Leitung: Prof. Dr. Petra Kolmer, Natascha Gillenberg
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 6 Tage
Zeitraum: 13. August bis 18. August 2018

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D 2 / Kritik in (Zeiten) der Krise

Fragile Gesellschaften und radikaler Widerspruch im Europa des 21. Jahrhundert Der Krisenbegriff hat seit ein paar Jahren wieder Konjunktur in der europäischen Öffentlichkeit. Die Topoi Finanz-, Klima-, Migrations-, Re­präsentations- und Identitätskrise prägen Diskurse in Publizistik und Wissenschaft und verändern die politische Landschaft. Im Zuge dieser Krisendiagnosen etablieren sich neue Formen und Akteure der Interessensartikulation und -Repräsentation, die tradierte Muster des demokratischen Gemeinwesens hinterfragen. Das Seminar widmet sich diesem Zusammen­hang von aktuellen Krisen (-diagnosen) mit dem gesellschaftlichen und politischen Zusam­men­­leben auf zwei Wegen. Wir interessieren uns einerseits für die Frage, was Krisen sind und was (»objektiv vorliegende«) Krisen für Gesell­schaften bedeuten. Unser Fokus liegt aber auf dem zweiten Weg: Wir versuchen, der gesell­schaftlichen Bedeutung von Krisen auf die Schliche zu kommen, indem wir Krisen­diagnosen durch Kritikerinnen beleuchten.

Im Rahmen von Krisendiagnosen gewinnen nämlich Ideen und Praktiken an Einfluss, die eine radikale Veränderung des aktuellen Zustands einfordern: man denke an Emanzipations- und Autonomieversprechen, aber auch an ­Protektionismus, Fundamen­ta­lismus und Auto­ritarismus. So ändert sich mit einer Krisen­diagnose die Zuordnung von Opfer- und Täterrollen, das Wertefundament wird ebenso verschoben wie die Wahr­nehmung von Inter­ventions­mög­lichkeiten.

Daran anschließend soll das Seminar disku­tieren, wie sich Kritik und Wertefundament zueinander verhalten: welche Kritik zerbröselt das Wertefundament von Gesellschaften, welcher Widerstand zerstört den sozialen Frieden und den Zusammenhalt und welcher mag ihn stärken? In den Fokus genommen werden die Krisen­diagnosen und die Kritik von Aussteigern, Rechtspopulisten, Islamisten und Globalisierungs­kritikern. Es soll eine kriti­sche Debatte zu den Fundamenten von Kritik in (Nach-) Krisen­gesellschaften angestoßen werden, die auch Möglich­keiten und Grenzen radikalen Widerspruchs in den Blick nimmt. Wir erschließen uns aktuelle Krisendiagnosen und Ausdrucksformen radikaler Kritik anhand von Primär­quellen, Sekundärliteratur, Multi­media- und Experteninputs. Da es sich um ein aktuelles Thema handelt, sind die Teil­nehmenden auf­gefordert, Quellen und Fall­beispiele zu Krisendiagnosen und Formen von Kritik in das Seminar einzubringen. 

Leitung: Maik Fielitz, Philip Wallmeier
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 27. August bis 31. August 2018

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D 3 / Dürfen Männer fragil sein? Hegemoniale Männlichkeit im 21. Jahrhundert

Die Leitmotive von Fragilität und Krise, die die Sommeruniversität im Jahr 2018 be­stimmen werden, sollen im Seminar auf das Thema Männ­lichkeit angewendet werden. In der Geschlechter­forschung hat sich das Konzept der Hegemonialen Männlich­keit der Geschlech­ter­forscherin Raewyn Connell durchgesetzt, demzufolge es in modernen Gesellschaften jeweils ein dominantes Leitbild von Männ­lichkeiten gibt. Ihm müssen sich alternative Männlich­keits­entwürfe unterordnen. In post­modernen Gesellschaften scheint dieses Modell jedoch ins Rutschen zu geraten – Elemente einer Pluralisierung von Männlichkeiten treten in Erscheinung, das hegemoniale Leitbild (manche sagen: Männ­lichkeit schlechthin) bröc­kelt und gerät in eine Krise. Gerade mit solchen Krisen von Männ­lich­keiten hat sich die historische Geschlechter­forschung befasst und herausgearbeitet, dass es sich beim Reden von »Krisen der Männlichkeit« fast nie um echte Krisen gehandelt hat, sondern dass eine solche Krisenrhetorik vielmehr als eine Strategie erscheint, um das hegemoniale Modell zu stabili­sieren.

Drei Ebenen der Auseinandersetzung um Männ­­lichkeiten sollen im Seminar betreten werden. Theoretisch geht es um grundlegende Konzepte, mit denen Geschlecht und Männ­lich­keit definiert und vermessen werden. Historisch soll in den Blick geraten, welche Konzepte von Männlichkeit zu unter­schied­lichen Zeiten vorherrschend waren und wann Männer in echte oder vermeint­liche Krisen gerieten. ­Empirisch wird betrachtet, wie die sozial­wissenschaftliche Männlichkeitenforschung methodisch arbeitet und welche Ergebnisse sie erzielt. Politisch soll diskutiert werden, wir wir in unserer Gegenwart mit nor­mativen Ansprüchen an Männer und Männ­lich­keiten umgehen wollen. Als Me­tho­den kom­men vor allem Seminardiskussionen und Runden zur Reflexion sowie Selbst- und Fremd­wahrnehmung zum Einsatz. Zusätzlich erfolgen Kurzinputs zu Theorien, his­torischen Über­blicken, empirischen Ansätzen durch die Seminarleitungen sowie die Arbeit am ­Material durch die Teilnehmerinnen, z. B. durch Er­arbeiten von Postern, Collagen, etc.

Leitung: Prof. Dr. Martin Lücke, Adrian Lehne
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 17. September bis 21. September 2018

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D 4 / Fragile Stabilität in der Adoleszenz

»I try not to change, but I keep changing in all these tiny ways. I get a girlfriend. I have a beer. And every freaking time, I have to reintroduce myself to the universe all over again.«
– Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, Becky Albertalli

In der menschlichen Biographie kommt der Phase der Adoleszenz eine besondere Bedeutung zu, da sie geprägt von Abgrenzungs- und Differenz­bestrebungen (Bourdieu) ist, die ein Erleben der eigenen Andersartigkeit, des eigenen Selbst und so einer erwachsenen Identität stark er­mög­li­chen (Hurrelmann). Adoleszenz ist sowohl eine Phase der Fragilität und Verunsicherung, als auch der Klärung und Stärkung.

Waren über viele Generationen hinweg die jeweilige Elterngeneration Gegenstand der Ab­grenzung (vgl. Erikson), so hat sich dies in den vergangenen Jahren stark verändert. Möglichkeits­räume wurden von neuen Elterngenerationen vergrößert, ehemalige Jugend-Subkulturen zum Stilmittel erhoben und damit in die gesellschaftliche Mitte gerückt. So sucht die heutige Generation in der Phase der Adoles­zenz weniger die klare Abgrenzung zur vor­he­rigen Generation als viel häufiger eine Abgrenzung untereinander (vgl. Lawrence Grossberg).

Wie aber geht die Gesellschaft mit der Ver­änderung dieser wichtigen Lebensphase um und wie wird diese literarisch und filmisch auf­gegriffen? Neben einer Einführung in pädagogische, soziologische und psychologische For­schungs­fragen zur Adoleszenz sollen die Phase der Adoleszenz und der gesellschaftliche Umgang damit im Genre Adoleszenzliteratur betrachtet werden. Hierbei werden mit Hilfe der einer narratologisch nuancierten kritischen Diskursanalyse die Ideologien über die Adoleszenz betrachtet, die der/dem Lesenden durch die verschiedenen Umsetzungen der Genre­konventionen vermittelt werden. Filme und Textausschnitte der Adoleszenzliteratur werden im Seminar analysiert. Neben der literarischen Arbeit an diesem Thema soll die Frage nach einem eschlechtersensiblen Verständnis der Ado­leszenz, aber auch die Bedeutung von Familie und Peergroups und daraus zu ziehenden Folgen erörtert werden. Hierzu soll eine Gast­referentin eingeladen werden, die zu diesem Themengebieten forscht.

Leitung: Anne Schüler, Friederike Faß
Veranstaltungsort: Haus Villigst

Dauer: 5 Tage
Zeitraum: 27. August bis 31. August 2018

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