Predigttext Pfingsttreffen 2018

Im Rahmen des Pfingsttreffens 2018 hielt Prof. Dr. Knut Berner am Pfingstsonntag unter dem Titel »Vom Rätsel des Segens und vom richtigen Ende des Fernglases« eine Predigt zu Genesis  47, 7-10.

»Wenn einer ungefähr achtzig Jahre lang darauf gewartet hat, dass Gott in sein Leben tritt, dann würd man doch meinen, dass der dann auch kommt. Wenn nicht, müsste man trotzdem davon ausgehen, dass er weiß, was er tut […] Letztlich läuft’s darauf hinaus, dass diejenigen, zu denen er gesprochen hat, es wohl am nötigsten gehabt haben. Das ist nicht so einfach zu akzeptieren […] Aber vielleicht schauen wir ja alle durchs falsche Ende vom Fernglas. Und zwar schon immer«.

Diese Sätze stammen aus dem Buch: No country for old man von Cormac Mc Carthy. Es wurde grandios verfilmt. Wie ein Kurzfilm, wie eine Traumszene erscheint auch die kleine Episode, die ich heute als Predigttext gewählt habe. Eine biblische Randnotiz von der Umdeutung der Verhältnisse, Erwartungen und Realitäten verrückend und zurecht-rückend. Antihierarchisch und – jedenfalls für mich – anrührend in ihrer Absurdität. »Vielleicht schauen wir ja alle durchs falsche Ende vom Fernglas. Und zwar schon immer«.

Predigttext

Joseph brachte auch seinen Vater Jakob hinein und stellte ihn vor den Pharao. Und Jakob segnete den Pharao. 8  Pharao aber fragte Jakob: Wie alt bist du? 9 Jakob sprach: Die Zeit meiner Wanderschaft ist hundertdreißig Jahre; wenig und böse ist die Zeit meines Lebens und langt nicht an die Zeit meiner Väter in ihrer Wanderschaft. 10 Und Jakob segnete den Pharao und ging heraus von ihm.

Ein Mann, der so alt ist, dass er von seinem Sohn geführt werden muss, wird in einen Thronsaal gebracht. Auf dem Thron sitzt Gott. Denn der Pharao ist allmächtig im Lande Ägypten und wird als höchstes Wesen verehrt. Seine Aura ist metaphysischer Art. Vor ihm muss man sich niederwerfen. Und dann auf ein Zeichen warten, dass man sich erheben darf. Wenn überhaupt. Denn er macht mit den Menschen, was er will. Den Mundschenk begnadigt er, den Bäcker lässt er aufhängen. Der Pharao hat alles, nimmt sich alles, bestimmt alles. In seiner Nähe ist die Luft dünn und die Nilkrokodile halten stets die Mäuler weit offen für diejenigen, die in Ungnade fallen. Vor seinem Angesicht sind alle zur Niedrigkeit verdammt. Der alte Jakob aber wirft sich nicht auf den Boden, sondern wird vor den Pharao gestellt. Er bringt keine Geschenke mit. Er sagt keine Worte der Ehrerbietung. Er hat überhaupt nichts Devotes auf Lager. Sondern er segnet den Pharao.

Was für eine absurde Szene! Denn dieser Jakob ist ein  Niemand. Er kommt als Flüchtling nach Ägypten, so wie er zeitlebens als Flüchtling irgendwohin gekommen ist. Kein Ort nirgends. Diesmal treibt ihn die Hungersnot in ein Land, in dem er aber nicht begraben werden will und auch nicht begraben werden wird. No country for old man.  Ein Hebräer, dessen Namen hier keiner kennt, dessen Geschichte niemanden interessiert, der unter normalen Umständen nicht mal eine Chance gehabt hätte, auch nur ins dritte Vorzimmer des Thronsaales vorgelassen zu werden. Aber es ist nicht immer das Erwartete, was an die Türe klopft. Dieser Niemand segnet den Pharao. Sonst macht er nichts.

Der Segen ist dabei – das Ding aus einer anderen Welt. Es wird nicht erwähnt, ob und, wenn ja, welche Worte gesprochen werden. Es wird nicht verraten, warum der Pharao gesegnet wird, der doch anscheinend gar keinen Segen benötigt, er am allerwenigsten. Derjenige, der normalerweise alles gibt, alle Fäden in der Hand hält und alle Marionetten dirigiert – er wird hier zum Empfangenden. Eine Asymmetrie wird umgekehrt. Der Bedürftige sitzt auf dem Thron und ein Nichts von einem Greis spendet etwas, was der Andere wahrscheinlich gar nicht kapiert. So, wie wenn einer Urbi et Orbi für ein Komiker-Paar hält. Machen wir uns nichts vor: Das Wort Segen klingt zwar freundlicher, ist aber für sogenannte Kirchenferne auch nicht verständlicher als das Wort Sünde. Und die wachsende Zahl der Kirchenaustritte mag damit zusammenhängen, dass viele Menschen sich nicht mehr geborgen fühlen in unseren Gebäuden, in denen doch so viel gesegnet wird. Dazu der Segen nicht selten mit einem magischen Glückskeksversprechen und die Segnenden mit den Tugendhaften verwechselt werden.

Und nun die Frage des Pharao, die nicht der Segenshandlung gilt, über die er sich anscheinend nicht einmal verwundert. »Wie alt bist du«? Ganz von ferne klingt die Frage an, die Jakob damals am Jabbok gestellt wurde, als er selber um die Segen ringen musste: »Wie heißest du«? Was nun geantwortet wird, ist eine einzige Absurdität. Das kann jeder ermessen, der schon einmal versucht hat, den Gehalt seines eigenen kleinen Lebens in einem Satz zusammen zu fassen. Jakob sagt: »Die Zeit meiner Wanderschaft ist hundertdreißig Jahre; wenig und böse ist die Zeit meines Lebens und reicht nicht heran an die Zeit meiner Väter in ihrer Wanderschaft«. 

130 Jahre – ein kurzes Leben? Tja, das klingt wie bei Otfried Preusslers kleiner Hexe, für die 127 Jahre noch gar kein  Alter ist. Und das darf man bei Menschen dann wohl unbescheiden nennen. Immerhin ist es das Dreifache der damals üblichen Lebenserwartung. Noch heute wäre es trotz Nordic-Walking, Vita sprint Tabletten und einer auf die Lektüre der Apotheken-Umschau abgestimmten Lebensweise ein medizinisches Wunder, wenn man in dem Alter noch nicht den letzten Seniorenteller geleert hätte. Vielleicht ist aber gerade das das Moderne an dem Text. Das Unersättliche, das Unbescheidene. Denn auch wir haben Todesanzeigen, in denen zu lesen ist, dass 100 jährige ›plötzlich und unerwartet‹ verstorben sind, manche sind sogar mit ›WARUM?‹ überschrieben. Erzväter wetteifern jedenfalls offensichtlich darum, wer am längsten durchhält und sich als Galapagos-Schildkröte verabschiedet. Ins Positive gewendet könnte man allerdings mit Albert Camus feststellen: Die beste Art, der Absurdität des Lebens zu trotzen besteht tatsächlich darin, möglichst lange am Leben zu bleiben.  

Was noch erstaunlicher ist: Die Bilanz dessen, was vom Tage übrig blieb, fällt hier komplett verheerend aus: Wenig war‘s und böse – keinerlei Abstufung. Nicht das, was wir sonst normalerweise sagen: Es gab Licht und Schatten, Momente des Glücks und die Pathetik des Elends, blöde Umwege und wunderbare Jahre, das ganz normale Chaos der Liebe, die Mühlen des Arbeitslebens und das Surfen auf hohen Wellen. Klar, kein Paradies ohne Schlange. Klar, niemand von uns wird sich am Ende des Lebens wünschen, mehr Zeit im Büro verbracht zu haben. Und mancher wird vielleicht sagen, wie ich es neulich von einem Schriftsteller gelesen habe: Das Alter ist ein Massaker und das Gute am Tod ist, dass ich keine Steuererklärung mehr ausfüllen muss.

Aber dass die Bilanz so vernichtend ist, wie hier bei Jakob, das ist wohl doch selten. Wenig und böse. Man muss sagen, dass das mit dem Segen zusammen hängt! Denn das Verlangen nach Segen macht dieses Leben aus. Jakob hat ihn sich durch einen primitiven Trick einst von seinem Vater erschlichen, so dass für seinen Bruder kein Segen mehr übrig war. Nicht: Ihr sollt ein Segen sein. Sondern: Nur einer von beiden kriegt ihn. Segen, daran kann man sich aus alten Zeiten erinnern lassen, steht nämlich nicht beliebig zur Verfügung. Er ist kostbare Rarität: Mal muss man ihn sich erschleichen, mal muss man um ihn kämpfen, mal bleibt er vollständig aus, mal kommt er völlig unerwartet von einem Niemand – wie in dieser Geschichte.

Ich meine deshalb, wir sollten in der Kirche nicht so tun, als hätten wir einen großen Thessaurus voller Segen, gefüllter als der Nibelungenhort und problemloser zu öffnen als die Büchse der Pandora. In jedem Gottesdienst ist es sicher, dass Amen gesagt und gesegnet wird, spätestens nach 60 Minuten, da kann man die Uhr nach stellen. Trausegen, Taufsegen, Einsegnen bei Amtsantritt, Aussegnung auf dem Friedhof, Gestenreich, Wortreich, Kreuzzeichen, ausgebreitete Arme, ritualisiert und selbstverständlich.  Dabei nicht  nur für Menschen, sondern nach Art der Heiden auch für (Stoff-)Tiere und Metallica, Ringe, Waffen – es fällt einem wenig ein, was nicht gesegnet werden könnte. Routine tötet alles. Vielleicht sollten wir mal ein Jahr überhaupt nichts und niemanden segnen, dann würde wieder deutlicher, dass es sich um etwas ganz und gar nicht Selbstverständliches handelt.

Das Verrückteste, liebe Gemeinde, ist aber die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdeinschätzung, die beide in die biblische Episode eingezeichnet sind. Jakob ist ein biblischer Superstar: Erzvater musst man erst mal werden, davon gibt es nämlich nur drei. Der alte Nomade hat viele Kinder von mehreren Frauen und ist über die Maßen reich, nicht umsonst wird erzählt, dass er »viele Schafe, Mägde und Knechte, Kamele und Esel hatte« (Gen 30,43). Dazu durfte er die Himmelsleiter schauen und am Jabbok einen neuen Namen erhalten: Israel, der Name des Gottesvolkes. Eine einzigartige Karriere, alles, was die Alten mit dem Wort SEGEN verbinden, ist bei Jakob vorhanden.

Wenig und böse – so sieht er selber sein Leben gegen Ende der Zeit. Das ist sein Blick durchs Fernglas. Keine Spur von gelingendem Dasein. Er ist nicht überzeugt, dass sein Leben gesegnet war. Im tiefsten Inneren weiß er darum, dass er immer ein zwielichtiges Wesen, eine lichtscheue Gestalt war und geblieben ist. Und dass kein Reichtum, kein Ansehen, keine Familie und kein Status die existentiellen Qualen übertünchen konnten, die in seinem kaputten Herzen rumoren. ›Letztlich läuft’s darauf hinaus, dass diejenigen, zu denen er gesprochen hat, es wohl am nötigsten gehabt haben‹. Und deshalb macht Jakob mit dem Segnen weiter. Denn Segnen – ein Segen sein – sollten diejenigen mit dem beschädigten Herzen, dem kaputten Leben. Die darum wissen, dass Gott allein durchs richtige Ende vom Fernglas schaut und unser verlorenes, verqueres und letztlich sinnloses Leben gegen den Augenschein doch als gerechtfertigtes Leben auszeichnet und unter widrigsten Umständen  gelten lässt. Die zudem wissen – und das ist nur die andere Seite der Medaille –, dass man sich nicht selber den Stempel ›gelungenes Leben‹ auf die eigene Existenz drücken kann.

Wer einen anderen nicht unter allen Umständen gelten lassen möchte, sollte nicht segnen – und das wird im Neuen Testament auf die Spitze getrieben im Gebot der Feindesliebe: ›Segnet, die Euch verfluchen‹. Segnet sie und seht sie mit den Augen Gottes, vor dem allein alle gleich sind, gerade weil sie verschiedener, ungleicher und feindlicher sind, als man es sich von seinen Nächsten träumen lässt und zu erhoffen vermag. Wie gefährlich ist doch der Segen, der Andere jenseits meiner Erwartungshorizonte und Phantasien so gelten lässt, wie sie sind, worin sie sich von mir unterscheiden mögen und wodurch sie sich selber nicht wiedererkennen können.

Jakob ist so einer: Da steht er am Ende seiner Zeit. Und ohne Appetit auf neue Tage. Von außen betrachtet braucht er keinen Segen, er ist überreich beschenkt worden.  Von außen betrachtet braucht erst recht der Pharao keinen Segen, für den die Welt nicht genug ist. Doch das täuscht. Reiche Leute weinen auch und dann nützt es wenig, dass sie ihre Augen mit Damast-Taschentüchern trocknen. Mächtige sind den Nöten der Existenz ausgeliefert, die ins Menschsein eingraviert sind. Pharaonen haben Träume, winden sich in Alben, die sie nicht auszudeuten vermögen, wie wir gerade aus der Josefgeschichte wissen. Und ich vermute, dass der Pharao deshalb zwei Mal gesegnet wird, weil er zwei Träume hatte. Träume, deren Interpretation gerade nicht in seiner Macht gelegen hat. Die aber Anlass waren für alles Geschehen, was in der auf sie folgenden Geschichte wirklich wichtig wurde. Und die auf verborgene, verschlungene Weise letztlich zum Guten wirkten, was in der zerrütteten Familie Jakobs, Josefs und seiner Brüder von allem Anfang an böse schien.

»Aber vielleicht schauen wir ja alle durchs falsche Ende vom Fernglas. Und zwar schon immer«.

Biblische Weisheit, liebe Gemeinde, ignoriert nicht die Existenz der  Mächtigen und was sie im Guten wie im Bösen vermögen. Doch von ihnen wird letztlich nur erzählt, um das wirklich Wichtige zu unterstreichen: Aus einem Niemand, einem Nichts- als- Greis wird ein Erzvater. Lichtscheue Gestalten werden hervorgehoben und gegen den Augenschein ausgezeichnet. Und ein winziges, ein unbedeutendes Völkchen [Israel] ist Gottes Volk und Augapfel.

Und so sitzt der allmächtige Pharao, der von Träumen heimgesuchte, am Ende auf seinem Thron: Eingefasst zwischen zwei Segen, die von einem merkwürdigen alten Mann auf ihn gekommen sind. Und der geht alleine, ohne Hilfe, ohne Aufforderung und wortlos zur Tür hinaus – hinaus von ihm. Von Pharaos Antlitz, wie Martin Buber übersetzt. Begegnung mit einem Antlitz ist aber nicht Begegnung mit einem vertrauten Gesicht. Sondern Heimsuchung, Störung, das Gewahr-werden einer radikal fremden Anwesenheit, die noch in der Begegnung dabei ist, sich von meinem Leben abzulösen. Jemand ist schon vorbeigegangen. Ein Antlitz zu segnen impliziert: Einem Gegenüber seine oder ihre Fremdheit zu bestätigen, ihn oder sie vorbei gehen zu lassen. Und selber beizeiten von ihm zu gehen. Jakob geht darum hinaus von ihm. Sein Segen und das Segnen bleiben zurück. Und sie bleiben doch ein einziges Rätsel.

Zum Schluss: 70 Jahre Villigst. Wenig und böse – das wird keiner im Ernst behaupten. Aber auch jede einseitige Bilanz in die Gegenrichtung trägt ihre Problematik in sich. Haben wir denn immer durchs richtige Ende des Fernglases geschaut? Oder doch noch zu oft auf gegenwärtige und potentielle Pharaonen geguckt und gedacht, vorzugsweise die Eliten, die VIPs, die Lichtgestalten könnten dann auch ein Segen sein? Die erforderlichen vielfältigen Antworten darauf müssen und können wir nicht geben, nur diese Frage mitnehmen. Denn noch einmal: Keiner kann sich selber den Stempel›gelungenes Leben‹ auf seine Existenz drücken. Nicht für sich, nicht für andere. Es ist schon viel wert, möglichst viele Jahre geschenkt zu bekommen. Auch für eine Institution. Gerade für eine kleine Institution. Die vielleicht deshalb noch existiert, weil sie viel Unerwartetes zugelassen und ermöglicht hat, nicht immer nach dem Augenschein geurteilt und nur das vermeintlich Nutzbringende abgesegnet hat. Segen ist etwas Unverfügbares, Kostbares und kommt hoffentlich denen zu, die es am nötigsten haben. Also allen denen, die davon absehen, ihre Existenz selbstgenügsam zu definieren.

»Wenn einer ungefähr achtzig Jahre lang darauf gewartet hat, dass Gott in sein Leben tritt, dann würd man doch meinen, dass der dann auch kommt. Wenn nicht, müsste man trotzdem davon ausgehen, dass er weiß, was er tut […] Letztlich läuft’s darauf hinaus, dass diejenigen, zu denen er gesprochen hat, es wohl am nötigsten gehabt haben. Das ist nicht so einfach zu akzeptieren […] Aber vielleicht schauen wir ja alle durchs falsche Ende vom Fernglas. Und zwar schon immer«.

Amen

 

 



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