Predigttext Festgottesdienst 70 Jahre Evangelisches Studienwerk

Beim Festgottesdienst im Rahmen des Jubiläums 70 Jahre Evangelisches Studienwerk Villigst am 18. Mai 2018 in der Stadtkirche St. Viktor in Schwerte hielt Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, die Predigt über 1. Mose 12, 1-4. Den Predigttext können Sie hier nachlesen. 

Als Predigttext hören wir aus dem 1. Buch Mose die ersten Verse des zwölften Kapitels – in der Übersetzung des deutschen Rabbiners Benno Jacob:

1 Da sprach ER zu Abram: Geh! Geh für dich; heraus aus deinem Lande und heraus aus deiner Verwandtschaft und heraus aus deinem Vaterhaus – zu dem Lande, das ich dir zeigen werde! 2 Und ich will dich machen zu einem großen Volke und werde dich segnen und will deinen Namen groß machen, und sei Segen. 3 Und ich werde segnen, die dich segnen, und wer dich verwünscht, den werde ich verwünschen, und segnen sollen sich mit dir alle Geschlechter des Erdbodens. 4 Und Abram ging, wie ER zu ihm geredet hatte, und Lot ging mit ihm.

I.

Segensgeschichten, liebe Festgemeinde, Segensgeschichten sind Aufbruchsgeschichten.

Sie haben es mit Mut zu tun – und mit der Kraft zu gestalten. Sie lassen sich auf Ungewissheit ein – und kennen die Lust auf Neues. In Segensgeschichten werden Freiräume gesucht und gefunden und gewährt. In Segensgeschichten werden Menschen ganz oft von sich selbst überrascht.

Vor 70 Jahren begann die Segensgeschichte des Ev. Studienwerks –  als »workcamp«, später nannte man es »Werksemester«, mit gerade mal sechzehn mühsam zusammengetrommelten Studenten. Im heruntergekommenen Adelsgut derer von Gemmingen in Villigst an der Ruhr fanden sie sich ein. Eingeladen hatte der Rheinländer Helmut Keusen.

Ein damaliger Stipendiat erinnert sich an ihn: »Er führte uns zum Olymp« – das ist das sagenumwobene Oberstübchen des Villigster Herrenhauses, kaum weniger mythenbeladen als der griechische Götterberg – »er führte uns zum Olymp, Zimmer mit nackter Glühbirne an der Decke: Macht was draus – oder auch nicht. Das ist eure Sache.« 'Und der Altvilligster resümiert: »Gelebte Freiheit. Trau dir selbst und den anderen etwas zu!«

In diesen und vielen anderen Villigster Geschichten klingt der Aufbruchsgeist der frühen Jahre. Und: Segen schwingt da mit. Es ist ja ein Segen, wenn dir etwas zugetraut wird. Wenn du Raum zur Entfaltung hast – und Platz für Eigenes. Da mag Vertrauen wachsen. Vertrauen in dich selbst, in die Welt – und womöglich auch Vertrauen auf Gott. »Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.« (Eg 395,3)

Geh für dich ... -  zu dem Lande, das ich dir zeigen werde.

Im Hebräischen: Lech lecha – Geh. Geh für dich.

Eine seltsam doppelte Formulierung.

Sie markiert – so deutet es ein Ausleger – tatsächlich etwas Einschneidendes.

Lech lecha – Geh! Geh für dich.

Das hat etwas Radikales, wie es manche Wegmarken und krassen Umbrüche im Leben an sich haben: »Durchschneide alle Bande, geh, ohne zurückzublicken.« »Geh deinen Weg.« (Benno Jacob, Genesis. Das Erste Buch der Tora, Calw 2000, 334).

Wenig später in der biblischen Geschichte heißt es dann ganz lakonisch: »Und Lot ging mit ihm.«

Ein Glück! Ein Segen, dass Menschen, die aufbrechen und ihre eigenen Wege gehen, dennoch nicht auf Menschen verzichten müssen, die mitgehen, die dabeibleiben, die begleiten.

Sie sind da. Manchmal nur von ferne. Aber sie sind da.

Das ist es wohl, was junge Menschen brauchen.

Junge Männer und Frauen, für die das Studium und die Schritte akademischer Qualifikation ja in der Regel ein Abenteuer sind; der Aufbruch in eine neue Lebensphase, oft auch ganz buchstäblich der Auszug aus vertrauten Landen, aus dem Elternhaus, aus der Verwandtschaft und dem Freundeskreis.

Hoffentlich – füge ich in Klammern hinzu – hoffentlich bleibt das Studium auch unter den Bedingungen der bolognarisierten Massenuniversität ein Abenteuer; trotz des engen Korsetts der Vereinheitlichung; trotz des elenden Zwangs von Drittmittelbeschaffung und Exzellenzbildung. Zu diesem Abenteuer gehören Präzision und blühende Phantasie;  Sorgfalt gehört dazu und eine Portion Übermut; strenge Begriffe gehören dazu – und die ganz großen und ganz tiefen Fragen, die weiten Bögen, in denen alles mit allem zu tun hat.

Wenn schon nicht anderswo, dann wenigstens hier Villigst.

Segensgeschichten sind Aufbruchsgeschichten.

II.

Segensgeschichten sind zugleich Eintrittsgeschichten.

Da heißt es eintreten in Räume und Landschaften mit ihren eigenen Sprachen und Dialekten, ihren Wegen und Umwegen, ihren Gipfeln und Ebenen. Diese Räume und Landschaften darf ich nicht nur betreten, ich soll sie sogar zu den meinen machen, obwohl sie doch lange vor mir da waren. Ich trete ein in etwas, das mir weit voraus ist – und das nach mir weiter da sein wird.

Nicht wir Christen sind es, mit denen die Segensgeschichte begann.

Erst recht nicht die evangelischen Eliten.

Das haben die Kirchen erschreckend schnell vergessen.

Nicht von ungefähr erklang der Predigttext in der Übersetzung des Rabbiners Benno Jacob.

Sein Kommentar zum 1. Buch Mose entstand in den späten 20er Jahren, nur wenige Kilometer von hier, in Dortmund – und später in Hamburg. 1934 wurde er als eines der letzten jüdischen theologischen Werke noch in Deutschland publiziert.

Ich werde dich segnen ... – und sei Segen.

Auf die Reihenfolge kommt es an. Sie ist nicht beliebig: Gesegnet werden – und Segen sein. Sonst wird aus dem Auftrag Zwang und aus der Gabe Krampf

»Sei Segen«: Das ist, sagt Benno Jacob in seinem Kommentar, »ein Schöpfungswort« . In der Geschichte von Abram  »kommt das Wort Segen« vor »wie einst bei der Schöpfung das Wort Licht«. »Es ist eine zweite Welt ins Dasein gerufen, die Welt des Segens durch Menschen für Menschen.« (Jacob, aaO., 339.)

»Sei Segen« : Wo sich einzelne Christinnen und Christen in der Welt einmischen, da wird es licht. Wo Kirchen ihre Stimme erheben und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen; wo ein kirchliches Werk begabte junge Menschen fördert, da treten sie ein in eine weltumspannende Segensgeschichte. Diese Geschichte hat begonnen mit dem jüdischen Volk, sie schließt ausdrücklich auch die anderen Nachkommen Abrahams ein – und sie zielt buchstäblich auf alle Völker der Erde.

Erwählt sein und mit anderen zusammengehören; einzigartig sein und Glied der Menschheitsfamilie; religiös sein und human – das alles ist im Segen und durch den Segen von Anfang an untrennbar miteinander verbunden.

 

III.

Die biblische Abrahamsgeschichte erzählt, wie der Segen sich durch Zeiten und Generationen fortsetzt und mehrt. Sie erzählt, wie der Mensch Abraham als Gesegneter immer mehr in die Weite des Segens hineinwächst. Ein Wachsen ist das mit allem, was dazu gehört. Abraham versteht und missversteht. Er irrt und scheitert. Er zweifelt und fürchtet sich. Und bleibt in all dem von Segen umgeben. Bleibt in dem weiten Raum, den er betreten hat. In dem Raum, der lange vor ihm war – und lange nach ihm sein wird.

Abraham lernt: Auch seine Frau Sara ist gesegnet, und nach ihr sind alle Mütter Israels Trägerinnen des Segens.  (Gen 12,10-18)

Abraham lernt: Der Segen gilt auch seinem Sohn Ismael.  (Gen 17,20)

Abraham lernt: Sogar im vermeintlichen Feindesland ist Gottesfurcht. (Gen 20,14)

Du sollst ein Segen sein, aber nicht du allein.

Ihr sollt ein Segen sein, aber nicht ihr allein;

ihr sollt ein Segen sein, aber nicht für euch,

sondern für alle Welt.

 

IV.

Ich werde dich segnen ... – und sei Segen.

Wer sich diese Worte sagen lässt, ahnt: Ich bin getragen und eingehüllt von etwas, das ich mir nicht selbst zu erwerben oder zu geben vermag. Ich kann es nicht machen, aber ich kann es empfangen  - und weitergeben.

Das ist gut evangelisch. Protestantinnen und Protestanten wissen, dass eigene »Werke« und Verdienste nicht zur Seligkeit führen. Verzicht und Askese bringen uns dem Heil nicht näher – das haben wir gelernt.

Aber Hand aufs Herz, liebe Brüder und Schwestern, wie steht es in dieser Hinsicht eigentlich um die Segnungen von Bildung und Gebildetsein? Wie ist das mit dem Segen, wenn es um unsere Intellektualität geht, die ja in Villigst nicht die einzige, aber doch eine sehr gewichtige Rolle spielt?

Dass uns Geld und Herkunft nicht zu guten oder gar besseren Menschen machen; dass uns weder Geschlecht noch Hautfarbe besonders qualifizieren, darüber würden wir uns wohl schnell einig. Wie sollten sie denn auch?

Aber Verstand, Intelligenz, Bildung und Intellektualität; die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszudenken, Zusammenhänge zu begreifen, Ungedachtes zu denken, anderen im Denken voraus zu sein  ... -  das macht dann...  –   ... – doch ... - ... irgendwie ... – schon – ...  besonders?

Verstand und Intelligenz werden, wenn wir einen Schritt zurücktreten, wohl kaum weniger zufällig und ungleich verteilt und vererbt wie Hautfarben und Y-Chromosomen, wie Adelstitel oder Firmenvermögen.

Und wir wissen längst: All das – Intelligenz wie Herkunft; Bildung wie Geld; Verstand wie Geschlecht ziehen immer wieder ganz feine, aber hoch wirksame Linien; all das eröffnet oder versperrt Teilhabe an einem Leben in Fülle.

Keine Frage: Bildung und Intellektualität waren und sind echte Markenzeichen der Reformation und reformatorischen Glaubens. Es gab Zeiten, da waren sie der ganze Stolz unserer Kirche. Aber – so frage ich mich – sind sie als dieser Segen nicht auch große Versuchungen?

 Man muss nicht gleich von der »Hure Vernunft« sprechen, wie es Luther, der alte Polemiker, tat. Gerade in einer Zeit, in der bestimmte gesellschaftliche und politische Kräfte Forschung und Wissenschaft verächtlich machen und lieber mit Halbwahrheiten und Lügen operieren als mit einem nüchternen Blick auf die Wirklichkeit, brauchen wir Verstand und Bildung nötiger denn je.

Zum nüchternen Blick auf die Wirklichkeit gehören allerdings immer auch die Selbstreflexion und die Selbstkritik unseres Denkens und Forschens.

Vor 70 Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg und nach dem Holocaust, war das mehr als offensichtlich.

Doch auch heute, ja gerade heute, 70 Jahre später, kommen wir nicht ohne solche kritische Selbstreflexion aus. In einer Welt, in der – ich zitiere den Philosophen Hans Jonas – »größte Macht sich mit größter Leere paart, größtes Können mit geringstem Wissen über das: Wozu?« (Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die Technologische Zivilisation, Frankfurt 1979, 57).

»Das Evangelische Studienwerk Villigst nimmt christliche Weltverantwortung im Bereich der Begabtenförderung wahr. Dabei geht das Evan­ge­li­sche Studienwerk davon aus, dass Begabung mit besonderen intellektuellen und kreativen Kompetenzen dazu verpflichtet, diese sozial, zukunftsorientiert und in offenen gemeinschaftlichen Bezügen einzusetzen«: So heißt es im Leitbild des Studienwerks.

Evangelische Bildung ist bezogen auf etwas außerhalb ihrer selbst. Auf etwas Unverfügbares. Ja, gar auf den Unverfügbaren. Evangelische Bildung lebt vom Segen. Sie wird sich hüten, über den Segen zu verfügen, ihn als einen Besitz für sich behalten oder verwalten zu wollen. Aber sie wird den Bezug auf das Unverfügbare nicht loslassen können  – und sei es nur dadurch, dass sie ihn vermisst.

Das Unverfügbare ist die Frage auf unsere Antworten.

Der Segen ist die Zumutung an unsere Zweifel.

Es ist der Anspruch an unsere Verantwortung.

Begabt zu sein heißt in diesem Zusammenhang etwas grundlegend anderes als privilegiert zu sein. Privilegiert sind viele.

Aber wenn ich mich begabt weiß, dann weiß ich mich als Empfängerin einer Gabe. Einer Gabe, die mir geschenkt ist. Einer Gabe, die ich nutzen darf und die ich einsetzen soll. Zum Wohl anderer.

Ich werde dich segnen ... – und sei Segen.

 

V.

»Ihr sollt ein Segen sein« : Unter diesem Motto stand der erste Ökumenische Kirchentag 2003 in Berlin. Auf den Plakaten – womöglich erinnern Sie sich noch – waren Menschen in unterschiedlichen Alltagssituationen zu sehen. Menschen wie Sie und ich: Ein junger Mann vor einer Leuchtreklame, eine alte Dame auf dem Balkon, ein Vater mit einem Säugling auf dem Arm. Über oder hinter diesen Menschen schwebte jeweils ein Heiligenschein. Die betreffenden »Heiligen« schienen davon allerdings gar nichts zu merken. Und wenn man näher hinschaute, dann entpuppten sich die Heiligenscheine entweder als Teil einer Leuchtreklame, als Satellitenschüssel oder als kreisförmige Deckenbeleuchtung.

»Ihr sollt ein Segen sein!« Und seid es längst.

Ja, ihr seid es längst – da, wo ihr seid. So, wie ihr seid. Als das, was ihr seid.

Mitten in der Welt. Mit dem, was ihr tut. Und mit dem, was ihr habt.

Ganz menschlich und ganz weltlich. Auch und gerade dann, wenn ihr es selbst es nicht wisst und nicht einmal merkt.

So lassen sich sogar Protestanten einen Heiligenschein aufsetzen. Nur so, um genau zu sein.

Gesegnet und ein Segen sein: Das macht nicht heiliger oder würdiger oder wertvoller als andere. Segen grenzt nicht ein, Segen sondert nicht aus. Segen markiert nicht. Segen reserviert nicht.

Es ist gerade umgekehrt: Wer segnet, erkennt an, dass alle Welt heilig ist. Und gerade so empfängt er oder sie die Welt von Gott zurück.

Durch den Segen »erwerben« wir die Erde. Nicht als  Schöpfer und Herrinnen. Auch nicht als Retterinnen und Erhalter der Welt. Aber: Als begabte Geschöpfe; befreit zum Gebrauch der Welt – und beauftragt, in ihr und mit ihr und für sie das Unsere zu tun. 

VI.

Dietrich Bonhoeffer hat sich gerade in verwirrter und finsterer Zeit an den Segen und dessen Kraft geklammert. 

»Segnen«, so schreibt Bonhoeffer, »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen: du gehörst trotz allem Gott. So tun wir es mit der Welt, die uns solches Leiden zufügt.

Wir verlassen sie nicht, wir verwerfen, verachten, verdammen sie nicht, wir geben ihr Hoffnung,  wir legen die Hand auf sie und sagen: Gottes Segen komme über dich. Wir haben Gottes Segen empfangen im Glück und im Leiden. Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dies Unmögliche ist der Segen Gottes.«

(Dietrich Bonhoeffer, Konspiration und Haft 1940-1945 [DBW 16], hrsg. von Ulrich Kabitz / Jørgen Glenthøj, München 1996, 567).

Amen.

 



... zurück zur Übersicht

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.