Gedanken zum Monatsspruch

»Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist.« Exodus 23,2

Um deutlich zu machen, worum es mir geht, spitze ich das Gebot zu. »Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, selbst wenn sie im Recht ist.«

In der Mischna, der Sammlung der religionsgesetzlichen Überlieferungen des Judentums aus dem 3. Jahrhundert n.Chr., gibt es ein Traktat über Rechtsfragen bei Straftaten gegen das Leben. Im Prinzip kann die Todesstrafe ausgesprochen werden. Die konkreten Bestimmungen der Strafprozessordnung der Mischna laufen aber erkennbar darauf hinaus, dass ein Todesurteil nicht gefällt wird.

Die Zeugen z.B. sollen eindringlich darauf hingewiesen werden, dass, wenn sie sich in ihrer Aussage gegen den/ die Angeklagte nicht wirklich sicher sind, selbst Blut vergießen. »Wer eine Seele aus Israel vernichtet, vernichtet eine ganze Welt.« Ziel der Zeugenbefragung ist ausdrücklich deren Verunsicherung, weil es eben um Leben und Tod geht.

Das Richtergremium umfasst normalerweise 23 Personen. Wenn bei einem Urteil nur eine Person sagt: »Ich weiß es nicht«, selbst wenn 22 auf schuldig plädieren, muss das Gremium sukzessive auf 71 Personen erweitert werden. Und abschließend heißt es: »Sprechen sechsunddreißig schuldig und fünfunddreißig frei, debattieren diese gegen jene, bis einer der Schuldigsprechenden die Worte der Freisprechenden einsieht.« (Quelle: Die Mischna, Marix-Verlag, Wiesbaden 2005, S. 514)

Etwa weniger polemisch als in meiner Zuspitzung des Gebotes aus Ex 23 ausgedrückt.  Bei elementaren Lebensfragen ist der Mehrheit mit Skepsis zu begegnen. Diese Haltung ist womöglich nicht mehrheitsfähig, obwohl das Gebot in Exodus 23,2 zugleich auf viel Sympathie treffen dürfte. Denn es rekurriert auf einen grundlegenden Impuls von Menschen, nämlich die Empörung gegen Ungerechtigkeit. Die Umsetzung dieser moralischen Intuition aber führt zu dem bekannten Problem, dass Empörung von Willkür schlecht zu unterscheiden ist. Daher: Sobald Gerechtigkeit bzw. der Impuls gegen Ungerechtigkeit in Recht (und politisches Handeln) übersetzt werden soll, kann man das Mehrheitsprinzip schwerlich umgehen. Außer man vertritt eine platonisch grundierte Form des »Philosophenkönigtums«, dass nur ein kleiner Kreis von Wissenden (Avantgarde, Experten, Elite) gerechte und zugleich rechtlich bindende Entscheidungen treffen darf.

Dennoch, trotz der womöglich nicht mehrheitsfähigen Skepsis gegen Mehrheiten: In den aktuellen politischen Debatten um die Kriege in der Ukraine und Israel-Palästina, um die Migrations-Problematik, um den Klimawandel, ja, wenn man ehrlich ist, um jede relevante, nämlich elementare Lebensfragen betreffende Debatte, ist Mehrheitsskepsis geboten. Denn es geht darum, die Debatte zu öffnen für »jede einzelne Seele«, die vom Tod bedroht ist. Politik im Licht des Gebotes von Exodus 23 und in der Zuspitzung, in der ich dieses Gebot verstehe, dient nicht der Herstellung und Verwaltung von Mehrheiten, sondern ist der Akt, durch den die Stimme noch ungehörter Minderheiten vernehmbar gemacht wird.

Markus Hentschel



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