Siebte Woche

Impulse zur Fastenzeit

Mitarbeitende der Geschäftsstelle sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen veröffentlichen hier wöchentlich Gedanken zur Fastenzeit - nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" der evangelischen Kirche 2021.

Woche 7: Die große Freiheit (Markus 16, 1-4)

Von der Altvilligsterin Janika Diegel

„Was, wenn ich auf der Party niemandem begegne, um mich gut zu unterhalten? Was, wenn ich dann seltsam und allein blöd rumstehe? Eigentlich habe ich auch gar keine Lust hinzugehen.“1

„Was, wenn ich mir nach fünf Stunden Wanderung den Fuß verstauche und nicht mehr weiter kann? Mitten im Nirgendwo? Ohne Handy-Empfang? Vielleicht mache ich die große Wanderung besser doch nicht. So wichtig ist es mir nun auch nicht.“

„Was, wenn ich dem Job nicht gewachsen bin? Wenn ich feststellen würde, dass ich das alles gar nicht so gut kann? Wenn die neuen Kolleg*innen mich nicht mögen? Ich glaube, es klingt doch gar nicht so wundervoll. Traumjobs sind sowieso was für Träumer*innen. Und eigentlich ist mein Job jetzt ja gar nicht so schlecht.“

 

Wie viele Dinge habe ich nicht gemacht, aus Sorge, dass dort ein Stein wäre, den ich nicht weg rollen könnte? Wie viele Schritte habe ich nicht getan und wie viele Wege bin ich nicht gegangen, weil ich dachte, es gäbe mit Sicherheit eine unüberwindbare Barriere?

Die beiden Marias, unterwegs zu Jesus‘ Grab um ihn zu salben, gehen Schritt für Schritt im Vertrauen. Besorgen die Öle, gehen den Weg bis hin zum Grab, hin zum großen Stein, in der Hoffnung, dass sich schon ein Weg finden wird, ihn weg zu rollen. Und als sie ankommen, ist das Problem bereits gelöst: Der Stein ist schon weg gerollt worden.

Das ist sie für mich, die große Freiheit: Vertrauen. Vertrauen, dass es eine Möglichkeit geben wird. Vertrauen, dass ich schon einen Weg finden werde.

Vertrauen, dass ein nächster Schritt möglich sein wird. Vertrauen, dass es vielleicht gar kein Problem geben wird. In diesem Vertrauen gehe ich einen Schritt nach dem anderen. Statt zehn Schritte voraus zu denken, denkend den Weg nicht zu erkennen und deshalb lieber gar nicht zu gehen. Vertrauen erfahre ich nicht denkend, sondern „am eigenen Leibe“, wie es so schön heißt. Und mein Körper, mein Leib, ist immer nur hier und jetzt: Genau dort, wo ich eben bin. Mein denkender und vorauseilender Kopf hat mich vor lauter Bemühen, mich vor Problemen und potentiellem Leid zu bewahren, sicher schon vor so manchem Wunder beschützt.

Und falls mir doch mal ein großer Felsbrocken den Weg versperren sollte?

Nun, vielleicht gehören manchmal auch die Steine zum Wunder dazu. Und zum Weg. Vielleicht kann ich um den Stein herum gehen und entdecke ungeahnte Schönheit. Vielleicht kann ich drüber klettern und habe einen unverhofft wunderschönen Ausblick. Vielleicht bietet mir der Stein eine Höhle, die mich vor einem Gewitter schützt. Oder einen Rastplatz, an dem ich verschnaufen kann, um dann mit gestärkten Kräften noch während des Aufstehens nach der Pause den Trampelpfad am Stein vorbei zu entdecken, den ich erst aus dieser Perspektive entdecken konnte. Vielleicht gehe ich aber auch zurück, wähle einen anderen Weg und danke im Rückblick dem Stein, dass ich durch ihn diesen schönen, anderen Weg entdeckt habe. Oder vielleicht mache ich mich geduldig ans Werk, räume den Stein aus dem Weg, erfahre dabei womöglich unverhoffte Hilfe… und entdecke ungeahnte Kräfte in mir.

Zahlreiche Wege, die ein Hindernis mir eröffnen kann – kein Grund mehr, sie zu fürchten. Und wer weiß: Wenn ich die Augen öffne für die Wunder dieser Welt, bemerke ich vielleicht, wie oft auch für mich die Steine, die meinen Weg zu blockieren scheinen, aus dem Weg gerollt werden, wenn ich Schritt für Schritt im Vertrauen gehe.

1 Diese Szene spielt in der Vergangenheit, der hoffentlich nahen Zukunft oder einem Paralleluniversum ohne Corona.



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