Sechste Woche

Impulse zur Fastenzeit

Mitarbeitende der Geschäftsstelle sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen veröffentlichen hier wöchentlich Gedanken zur Fastenzeit - nach den biblischen Wochent6exten der Aktion „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" der evangelischen Kirche 2021.

Woche 6: Richtungswechsel (Numeri 22,21–32)

Von Stipendiatin Lara Linderich

Der Esel – gemein hin gilt er als ein stures, dummes Tier. Kein Wunder, dass ein Besitzer sich entrüstet, wenn sein Esel nicht folgt. Er, der Esel, steht immer in der Konkurrenz zum Pferd, das ihm durch seine bessere Rittigkeit und seine Pferdestärke überlegen ist. In der Guten Nachricht Übersetzung ist der Bibeltext zum dieswöchigen Fastenimpuls jedoch mit „Die hellsichtige Eselin – Bileam wird gewarnt“ überschrieben. Und das ist nicht der einzige Punkt, der beim Lesen der Perikope verblüffen dürfte.

 

Bileam ist ein Prophet der Moabiter und bekommt von seinem König Balak den Auftrag, als Feind der Israeliten das Volk Israel zu verfluchen. Dieses verweilt derzeit im moabitischen Steppengebiet. Doch Bileam hört auf Gott und lehnt ab. Auf die zweite Anfrage hin willigt er schließlich ein und macht sich mit seiner Eselin auf den Weg zu Balak, um den Auftrag zu empfangen. Doch dass dies nicht dem Willen Gottes entspricht, sein Heiliges Volk zu verfluchen, muss Bileam mehrfach auf seinem Weg erfahren - zunächst indirekt. Die Eselin, das dumme, sture Tier wird zur Erkenntnis-tragenden, später sogar sprechenden Figur der Geschichte. Sie warnt Bileam vor seinem Irrweg und rettet ihm damit das Leben, doch wird das Tier dafür zunächst bestraft. Letztlich gerät der von Balak erwünschte Fluch für das Volk Israel in einen dreimaligen Segen.

Die Moabiter werden in der Bibel mehrfach als Gegner der Israeliten erwähnt, sowohl in weltlicher als auch in religiöser Hinsicht. So auch beispielsweise in 2. Könige 3, wo Israel einen Sieg gegenüber ihnen einfährt. Erstaunlicherweise interessiert das Gott nicht. Er gebraucht Bileam, um sein Reich zu bauen und Segen auf diese Welt zu bringen. Aus anderen Geschichten wie zum Beispiel David und Goliath, Noahs Arche und allen Propheten kennen wir, dass Gott zu den ihm gehorsamen Menschen spricht bzw. diese in seinem Auftrag aktiv sind, um Segen für diese Welt zu bewirken. Aber Gott bedient sich aller, um Hoffnung zu schenken, nicht nur derer, die an ihn glauben.  

Doch wann spricht Gott zu uns und wie spricht er zu uns? Wann möchte er uns zeigen, dass wir gerade auf dem Holzweg sind? Wann möchte Gott unser Fluchen in Segen umwandeln? Beim ersten Mal hört Bileam auf Gott, danach dann erst einmal nicht mehr. Ist das nicht so menschlich? Wir werden gewarnt, verstehen es; aber beim zweiten Mal Nachdenken, meinen wir es selbst besser zu wissen. Ich glaube, dass Gott das verstehen kann. Wir sind neugierig und manchmal egoistisch. Doch Gott gibt nicht auf, er lässt uns dann nicht die Einbahnstraße bis zum Ende gehen, sodass es möglicherweise schon zu spät ist. Nein, Gott geht weiter mit uns. Immer wieder spricht er zu uns. Auf so unterschiedlichen Wegen und in so verschiedene Situationen. Dass Bileams Wegbegleiterin eine Eselin ist, die sich offensichtlich wie zu Beginn beschrieben in vielen Fabeln und Märchen nicht gerade mit den positivsten Charaktereigenschaften krönen darf, mag uns Mut machen, nicht nur auf die vermeintliche Elite unserer Gesellschaft zu hören. Gerade diese Stimmen schlagen dann vielleicht auch unkonventionelle Wege vor, neue Richtungen zu gehen oder einfach auch einmal umzudrehen. Welche Wegbegleiter haben wir, die uns immer wieder zum Nachdenken anregen und uns fragen, ob wir eigentlich noch auf dem richtigen Weg sind, die uns neue Perspektiven aufzeigen, sodass unser Fluchen zum Segen wird?

Vielleicht gibt es auch gar nicht den einen richtigen Weg, aber ich denke, dass uns diese Geschichte Mut machen darf, umzudrehen. Dass sie uns darin bestärkt, inne zu halten, Entscheidungen neu zu bewerten und gegebenenfalls rückgängig zu machen, umzukehren. Nicht nur hier bestärkt uns die Bibel darin, umzukehren. Denken wir nur einmal an den „verlorenen Sohn“. Er wagt es, mit nichts in den Taschen zum Vater umzudrehen, seine Richtung zu wechseln. Auf ihn wartet ein liebender, barmherziger Vater. Für uns fühlt sich Umkehren weltlich oftmals wie Versagen an. Das Studium abbrechen, beim Ehrenamt zurücktreten, einen Schritt kürzer zu treten, nicht wie gewohnt, alle Aufgaben fristgerecht perfekt einzureichen. All das sind Entscheidungen gegen ein „straight away“. Manchmal fühlt sich das Leben bei mir wie mit dem Kopf durch die Wand an. Eigentlich sehen wir, dass etwas nicht stimmt, genauso wie Bileam aufmerksam hätte werden können, nachdem seine Eselin sich mehrfach auffällig verhalten hat. Doch wir wollen diese Signale nicht wahrhaben, wir wollen immer weiter, mit dem Kopf durch die Wand. Das ist gefährlich, in Bileams Fall hätte es bis zum Tod führen können.

Lasst uns die Fastenzeit nutzen, diese Blockaden im Kopf zu lösen und neu zu denken. Richtungswechsel bedeutet zu schauen, was für Wege es außer dem „straight away“ gibt. Richtungswechsel bedeutet, sich zu trauen, neue Wege zu gehen und unbekannte Gewässer zu begründen, auf Gott zu vertrauen. Richtungswechsel bedeutet aber auch, Stereotype und Rollenbilder, sowohl das vom sturen, dummen Esel als auch die von uns selbst, aufzugeben. Richtungswechsel heißt Fluch in Segen zu verwandeln. Amen.  

 

 



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