Fünfte Woche

Impulse zur Fastenzeit

Mitarbeitende der Geschäftsstelle sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen veröffentlichen hier wöchentlich Gedanken zur Fastenzeit - nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus" der evangelischen Kirche 2020. Wir weisen auch auf die Fastenaktion für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit 2020 hin.

5. „Vertrau auf Gott, dann findest du Ruhe!“ (Psalm 62, 2-8)

von Stipendiat Janne Lars Linder

Immer wieder muss er es sich sagen.

„Vertrau auf Gott, dann findest du Ruhe!“

Ruhe und Vertrauen sind bei David momentan wohl Mangelware, sonst würde er nicht dermaßen darum ringen, wirklich zu vertrauen und zur Ruhe zu kommen.

Wenn wir uns die Szene bildhaft vorstellen, in der die biblischen Psalmen gebetet wurden, wird die menschliche Brüchigkeit Davids noch greifbarer. David zieht sich zurück in eine liedhafte Meditation und beginnt mit der Anbetung von Gott. Man könnte den Einstieg in sein Gebet als floskelhaft deuten, insbesondere in der Spannung dessen, was noch folgen wird.

„Nur auf Gott vertraue ich und bin ruhig;

von ihm allein erwarte ich Hilfe.

Er ist der Fels und die Burg,

wo ich in Sicherheit bin.

Wie sollte ich da wanken?“

Infolge dieser rhetorischen Frage bricht es nun aus ihm heraus.

„Wie lange stürzt ihr euch auf einen Einzigen, um ihn totzuschlagen, ihr alle miteinander?

Eine Mauer, die sich schon neigt, eine brüchige, schwankende Wand –

Mehr bin ich doch nicht!

Ständig schmiedet ihr Pläne, um mich von meinem Ehrenplatz zu stürzen;

es macht euch Vergnügen, mich zu verleumden.

Euer Mund sagt mir Segenswünsche, aber im Herzen verflucht ihr mich.“

Wir dürfen hier Zeuge werden einer herrlich menschlichen Diskrepanz – David würde gerne auf festem Grund stehen, seinen Glauben und die innere Zuwendung zu Gott hin bestätigt sehen. Stattdessen steht er mit dem Rücken zur Wand. Er ist angezählt, allein auf weiter Flur.

Sein Umfeld stürzt sich auf ihn und zwar ausnahmslos, „alle miteinander“.

Und so scheinen die zwei Einstiegsverse, gern gesehen als Kühlschrankmagneten und Taufsprüche, alles andere als Überzeugungsaussagen zu sein. Gerade aus der Frage zum Schluss spricht keine Zuversicht, keine Gelassenheit – da spricht Überforderung und Verzweiflung: „Gott, wie kann das sein? Du siehst doch, wie ich wanke! Ich wende mich Dir zu und versuche, in Deinem Lichte zu wirken und nun bin ich ein wankendes Wrack?“

Man könnte den Aussagen Davids dazu noch entnehmen, dass er sich nicht nur über die fehlende Unterstützung oder Resonanz wundert, sondern auch über seine eigene Wut und Aggression erschrickt. Der Einstieg ins Gebet bringt sein Fass gewissermaßen zum Überlaufen. Das Glaubensbekenntnis wird zum Hilfeschrei, die Einkehr wird zum Ausbruch, zur Klage um fehlende Kongruenz.

Mir erscheint die Fassungslosigkeit Davids über fehlende Kongruenz zwischen seiner Selbst- und Fremdwahrnehmung sehr greifbar. Und wenn ich ihn dabei beobachte, wie er um Fassung ringt, dann staune ich darüber, dass er doch gottestreu bleibt. Vielleicht erkennt er, dass in seiner Gottbeziehung auch Platz für Anklage und Verzweiflung ist. Der Ritus der Meditation lädt vielleicht gerade dazu ein, das Gestaute herausbrechen zu lassen, anstatt es weiter mit sich herumzutragen. Vielleicht bietet ihm der geschützte Raum des Rückzugs die Möglichkeit, seinen Unmut loszulassen, vor Gott zu bringen, und sich bei ihm wieder zu besinnen.

Nach dem Ausbruch folgt die Rückbesinnung, und die Wiederholung der ersten Verse. Bloß ein Satz wird neu hinzugefügt: „Gott ist mein Retter, er schützt meine Ehre“. David lässt sich fallen, in dem er vor Gott seine Wut nicht versteckt, sondern sie ihm offen hinhält. Das bietet ihm die Möglichkeit, sie dort zu lassen und sich neu in Demut zu üben.

Vielleicht können wir uns von diesem Moment inspirieren lassen, wenn sich Diskrepanzen in unserem Leben auftun. Wenn wir Unmut, Enttäuschung, mitunter Wut gegenüber unserem Umfeld empfinden, ist das zunächst tief menschlich. Und zweitens gilt das Menschsein ja auch für unsere Mitmenschen, weshalb konkrete Vorwürfe oder Wut gegenüber ihnen unangebracht sind – insbesondere, weil sie im seltensten Fall Schlechtes im Sinn haben.

Daher kann die Meditation oder das Gebet beizeiten ein heilsamer Rückzug in Momenten der Verzweiflung und der Überforderung sein. Und wir dürfen neue Kraft schöpfen, uns der Diskrepanz, der unbequemen Realität zwischen unserem Innenleben und unserem Umfeld stellen. Aus diesen Momenten der inneren Einsicht kann demütiges und ehrhaftes Verhalten entstehen, allen voran Angebote zur ehrlichen Kommunikation miteinander. Weil auch das lehrt uns Davids Ausbruch: manches muss raus; Selbstkundgabe baut Brücken und gegenseitiges Zuhören schafft Beziehungen.

 

 



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