Vierte Woche

Impulse zur Fastenzeit

Mitarbeitende der Geschäftsstelle sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen veröffentlichen hier wöchentlich Gedanken zur Fastenzeit - nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" der evangelischen Kirche 2021.

Woche 4: Dir zuliebe? (1. Korinther 13, 4-7)

Von Stipendiat Jonathan Förderer

Die Liebe ist geduldig. Gütig ist sie, die Liebe. Die Liebe ereifert sich nicht. Sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf.

Sie hatten sich im Sommer kennengelernt und sehr gut verstanden. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber eine geteilte Sympathie und das Gefühl sich in der Gegenwart der anderen Person wohl und geborgen zu fühlen. Zwar wohnten sie nicht am gleichen Ort und sahen sich nur selten, aber immer wenn sie dann wieder zusammen waren, schien es, als sei für sie keine Zeit vergangen. Ihre Liebe geduldete sich und wartete auf den richtigen Moment.

Nie versuchten sie, sich oder ihre Gefühle in den Vordergrund zu rücken, sich damit zu brüsten oder damit zu prahlen. Ganz im Gegenteil: Ihre Liebe war einfach wie sie war. Eine Zärtlichkeit, ein liebevoller Kuss oder ein flüchtiges Lächeln, das mehr sagen konnte als tausend Worte. 

Sie ist nicht unverschämt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie ist nicht reizbar und trägt das Böse nicht nach.

Schnell zeigte sich, dass die beiden Liebenden mehr verband als nur eine gegenseitige Sympathie oder eine körperliche Anziehungskraft. Auch wenn es Außenstehenden schwerfiel, es in Worte zu fassen, war da mehr. Eine Verbindung, die nicht auf einen Vorteil aus war, sondern einfach nur das Gute in sich trug. Ihre Umgebung schmunzelte, wenn sie das Paar sahen und es verursachte beinahe unweigerlich ein Lächeln im Gesicht der Beobachtenden, wenn man die Liebenden sah. Nichts konnte sich zwischen die beiden stellen und auch ihr physischer Abstand tat all dem kein Abbruch. Einmal kommentierte ein Freund der beiden Liebenden: “Ich weiß nicht, was sie haben, aber es gibt mir den Glauben an das Gute im Menschen und den Glauben an die Liebe zurück.”

Sie freut sich nicht, wenn ein Unrecht geschieht. Sie freut sich aber, wenn die Wahrheit siegt.

Natürlich ist aber auch die hier beschriebene Liebe nicht makellos. Gelegentlich kommt es zu Streitigkeiten, Auseinandersetzungen oder kleineren Zerwürfnissen. Allerdings zeichnet sich die Beziehung durch eine Besonderheit aus: Durch Regeln und die offene Aussprache funktionierte das, was Außenstehende zu sehen bekamen. Zusätzlich zeichnete sich ihre Verbindung durch eine Offenheit aus, die dadurch gekennzeichnet war, dass sie sich vorbehaltlos die Wahrheit sagten. Ein weiterer Faktor war, dass Freiräume ein große Rolle spielten. Diese Freiräume trugen dazu bei, dass nur wenige böse Worte fielen und Streitigkeiten selten vorkamen. Vielleicht hatten die Liebenden diese Idee selbst, vielleicht haben sich sich aber auch von dem berühmten Paar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir inspirieren lassen. 

Es versteht sich von selbst, dass diese kurze Geschichte der echten Welt nicht Genüge tut, aber es reicht, um ein Bild der beschriebenen Liebe zu zeichnen. Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als handle es sich um den Abklatsch einer Geschichte aus Hollywood, entspricht dies nicht der Wahrheit. Nur durch viel Arbeit und Mühe konnte die Beziehung florieren und gedeihen. Nur durch Verzicht und Zurückhaltung gestaltete sich ihre gemeinsame Zeit umso schöner und erfüllender und kann das beschriebene Bild zeichnen. Die Geschichte der Liebenden geht weiter und rührt sogar manche Personen zu Tränen. Freiräume und Abstände werden durch die Liebe überbrückt und Regeln gestalteten die Beziehung so, dass die Liebe florieren kann und ihren Geist den Menschen nahebringt. Einmal riss die Beobachtung des Paares eine Person zu der folgenden Aussage hin: “Sie haben alle Formen der Liebe: Agape, Philia und Eros. Vielleicht ist ihre Beziehung deshalb so perfekt.” Abschließend bleibt nur zu sagen, dass auch wenn es keine Garantie gibt, dass die beschriebene Liebe bestehen bleibt, gedeihen und sich entwickeln wird, man doch mit den hoffnungsvollen Worten aus dem Hohelied der Liebe schließen kann: 

Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie hält allem stand.

Ich wünsche euch und Ihnen allen eine gesunde und schöne Fastenzeit. 

Viele Grüße aus Konstanz

Jonathan Förderer

 

 

 



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