Dritte Woche

Impulse zur Fastenzeit

Mitarbeitende der Geschäftsstelle sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen veröffentlichen hier wöchentlich Gedanken zur Fastenzeit - nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" der evangelischen Kirche 2021.

Woche 3: Das Spiel mit dem Nein (Exodus 1,15–20)

Zwei Hebammen widersetzen sich einem Befehl. Sie nutzen den kleinen Spielraum, den sie haben. Regeln zu hinterfragen, Grenzen auszuweiten, widerständig zu sein – wir sind auf der Suche nach der inneren Freiheit, wo die äußere fehlt.

Von Studienleiter Dr. Marcus Nicolini

Die Bibel kann grausam sein. Als die Kinder Israels im Exil in Ägypten waren, kommt der neue Pharao, weil die Ägypter Angst vor dem sich stetig vermehrenden Volk Israel hatten, auf eine furchbare Idee. Zwei israelische Hebammen sollen alle neugeborenen Jungen töten und nur die Mädchen am Leben lassen. Doch die Hebammen waren Gott gehorsam, weiß die Bibel, und ignorierten den Befehl. Als sie gefragt werden, warum sie den Befehl des Pharaos missachtet haben, liefern sie eine vorgeschobene Begründung: Die Frauen Israels seien „voller Lebenskraft“, deshalb hätten sie ihre Kinder schon selbst zur Welt gebracht, bevor die Hebammen hätten tätig werden können.

In unseren Breitengraden kommen solch unmenschliche Befehle zum Glück nicht vor. In unserer Demokratie gibt es keine gottgleichen Pharaos, deren Wille Gesetz ist. Selbst bei der Bundeswehr können Soldat*innen straffrei den Gehorsam verweigern, wenn ein Befehl die Menschenwürde verletzt oder durch das Befolgen des Befehls eine Straftat begangen würde. Ansonsten gilt die Gehorsamsverweigerung, die wir umgangssprachlich als „Befehlsverweigerung“ kennen, bei Soldat*innen nur dann als Straftat, wenn durch das Nichtbefolgen eines Befehls eine schwerwiegende Folge eintritt.

Im Alltag muss ich ständig kleine Befehle befolgen, wie an der roten Ampel. Hier könnte ich die Regel „Rotlicht = Anhalten“ nur hinterfragen, Nein sagen, Widerstand ausüben und die Grenze ausweiten, wenn ich weiterfahre – damit würde ich aber andere Verkehrsteilnehmende gefährden. Es macht also in der Regel Sinn, Regeln einzuhalten, wenn sie allen zugute kommen. Nicht um der Regeln willen, sondern wegen der Menschen, derentwegen die Regeln gemacht sind. Wenn Jesus am Sabbat heilt oder seine Jünger zum Abreißen von Ähren ermutigt, weiß er um das „Nein“, um den Verstoß gegen Regeln, die in einer konkreten Notlage nicht dem Leben und den Menschen dienen. Er nutzt gottesintuitiv seinen Interpretationsspielraum, weil es ihm um die Menschen geht. Wenn es um einen Verstoß gegen Regeln geht, muss das einen tieferen Sinn haben.

Im Berufsleben ist Gehorsamsverweigerung im allgemeinen auch kein Thema. Wer eine Entscheidung der Chefetage meint nicht mitmachen zu können, muss entweder nach Interpretationsvarianten suchen, im Rahmen der Möglichkeiten widersprechen oder sich die Frage stellen, ob man in diesem Betrieb noch richtig ist. Als früheres Betriebsratsmitglied musste ich meinem Chef in der Fachabteilung vor den Ohren des Personalchefs in einer von ihm geplanten Personalie widersprechen. Das hat er mir übelgenommen, und doch würde ich heute wieder so handeln. Betriebsräten hilft das Betriebsverfassungsgesetz, um ungerechtfertigt erscheinende Personalmaßnahmen zu hinterfragen.

In den vergangenen Monaten habe Corona-Skeptiker, flankiert von Populist*innen, immer wieder versucht, ihre Masken- und Abstandsregelverweigerung als Widerstand gegen eine „Corona-Dikatatur“ zu legitimieren, in der vermeintlichen Tradition der „Weißen Rose“ um Sophie Scholl. Nein, sie haben damit nicht recht, weil die Regeln, gegen die zu verstoßen sie meinen das Recht zu haben, eben keine diktatorisch erlassenen Verfügungen sind, so wie es auch der Befehl des ägyptischen Pharaos war, sondern durch vom Souverän gewählte Bundes- und Landes-Parlamente und -Regierungen legitimiert sind.

Ich wünsche uns, dass wir niemals wie die beiden Hebammen einen menschenfeindlichen Befehl ignorieren müssen, sondern immer kluge Gesetze und Verordnungen haben, Regeln auf rechtsstaatlichem Weg zu hinterfragen.

 

 



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