Zweite Woche

Impulse zur Fastenzeit

Mitarbeitende der Geschäftsstelle sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen veröffentlichen hier wöchentlich Gedanken zur Fastenzeit - nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" der evangelischen Kirche 2021.

Woche 2: Von der Rolle (Jer 1, 4-8)

Von Stipendiatin Nora Blume

Nun ja, was soll ich sagen? Im Grunde habe ich keine Zeit diesen Text zu schreiben. Denn anders als man das landläufig in allen möglichen Zeitschriften, Hygge-Blättern, Radiosendungen, Youtube-awareness-Kanälen lesen, hören und sehen kann, verbringe ich meine Zeit derzeit nicht mit endlosen Netflix-Serien und leider habe ich auch noch nicht so ausgemistet, dass wohltunender Minimalismus nun mein neuer Lifestyle geworden wäre  (obwohl ich umgezogen bin!). Nein, meine Tage scheinen extrem verkürzt zu sein.

Ich glaube, man kann übrigens auch darüber landauf landab lese, hören und sehen, nur mache ich das nicht. Zu lesen, was man alles tun könnte, wenn man Zeit hätte… wenn man weg fahren könnte… wenn man mit dem Studium schon fertig wäre… wenn man was anderes arbeiten würde… wen man besser organisiert wäre… ist auf seltsame Weise sehr befriedigend. In zweifacher Weise: Es kanalisiert Wut, weil man all das eben nicht kann (und man andere gefunden hat, denen man vorhalten kann, dass man selbst viel schlechter dran ist) oder aber es erzeugt Lust, weil man kurz mal träumen kann und eine andere wird.
Schwere Lebenssituationen, außerordentliche Umstände lassen uns auf uns zurückfallen, sodass wir meinen, uns das erste Mal überhaupt selbst zu begegnen. Und dann holen wir schnell den Stempel raus: schlecht organisiert, planlos, keine Zeit!
Jeremia glaubt auch, sich selbst zu erkennen, indem er meint, er sei zu jung. Er sieht die anderen und denkt, es würde besser für ihn laufen, wenn er älter wäre, wenn er besser reden könnte, wenn er ein anderer wäre.
Schwere Lebenssituationen, außerordentliche Umstände lassen uns aber auch aktionistisch träumen; davon, jemand anderes zu sein, eine andere Welt zu haben, etwas verändern zu können. Warum ich aktionistisch sage? Weil wir heute nicht anders können, als zu müssen.
Die Umstände scheinen nicht mehr zu mir zu passen. Hier kann ich mich nicht mehr wiederfinden; hier will ich mich mit meinem erdachten und abgestempelten Selbst nicht mehr wiederfinden.
Gott spricht: „Sag nicht: ich bin zu jung!“ „Sag nicht: Ich habe keine Zeit!“ „Sag nicht: Ich kann es nicht!“ Dieser Gott ist ein Gott, der uns wertschätzend mit dem „Du“ anspricht. Der uns alle als Veränderte und Begabte liebt und an uns glaubt – mehr als wir es können. Er stempelt nicht ab, sondern will, dass wir mit unserem sogenannten „Selbst“ spielen. Ein „Selbst“, das schon verändert ist, wenn es sich in diesem „Du“ angesprochen weiß.



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