Erste Woche

Impulse zur Fastenzeit

Mitarbeitende der Geschäftsstelle sowie aktuelle und ehemalige Stipendiat*innen veröffentlichen hier wöchentlich Gedanken zur Fastenzeit - nach den biblischen Wochentexten der Aktion „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden" der evangelischen Kirche 2021.

Woche 1: Alles auf Anfang (Sprüche 8,23.29–31)

Während Gott die Erde erschafft, ist die Weisheit auch dabei. Spielerisch erkundet sie, was da alles so entsteht. Offen, arglos und unvoreingenommen – waren wir nicht auch mal so? Und können wir das noch? Die Welt ist ein Spielraum. Treten wir ein.

Von der Stipendiatin Julia Friederike Pank

März 2020. Die Straßen sind leer. Eine befremdliche Stille hat sich auf den sonst so gewohnten Wegen ausgebreitet. Da ist nichts mehr, wie es war. Alles ist anders, alles ist weniger im Vergleich zu zuvor. Von einem Tag auf den anderen wandelt sich das Leben in einen ständigen Konjunktiv. Normalerweise würde ich jetzt – was wäre wohl passiert, wenn – ich hätte so gerne mein Leben wieder. Kein Anfang, ein plötzliches Ende. Unterbrochene Zeit, zerrissene Pläne, Abschied auf unbestimmte Dauer. So fühlt sich es sich also an, in der Luft zu hängen. Wer vorher den Fluss der Zeit nicht wahrgenommen hat, lernt jetzt, was es bedeutet, wenn er plötzlich nicht mehr fließt.

Alles auf Anfang. So dachten viele um mich herum in dieser Zeit, nachdem die erste Schockstarre gelöst war und sich die anfängliche Bewegungsunfähigkeit in ein vorsichtiges Tasten nach einem anderen Gefühl, nach kleinen Möglichkeiten, nach neuen Lebensweisen begann zu verwandeln. Plötzlich war die unterbrochene Zeit ein Fenster des Wandels, offen dafür, etwas zu verändern, Neues zu wagen, mit dem Leben zu experimentieren.

Ich konnte es nicht. Daher habe mich, später, oft gefragt: Was hat diese Zeitfür andereso offen gemacht? Einige sagten: Wir mussten uns nicht beweisen. Wir waren niemandem etwas schuldig. Es musste nichts auf Anhieb klappen. Man konnte die Dinge auch einfach wieder verwerfen. Ich glaube, es war gar keine neue Zeit. Es war, zunächst einmal, eine Zwischenzeit. Und genau das hat ihr die Schwere des Gelingenmüssens genommen und die Menschen in ihr so frei gemacht.

Und warum habe ich es nicht geschafft? Irgendwann beim Hesse-Lesen[1] im Sommer fiel bei mir der Groschen. Da war es, schwarz auf weiß: Anfangen heißt auch Abschied nehmen. Loslassen. Den Wandel akzeptieren und mitgehen. Ich wollte aber nicht loslassen. Ich wollte mein Leben wiederhaben.

Jetzt ist Februar 2021. Fast ein Jahr später. Die Straßen sind leer. Eine verheißungsvolle Stille hat sich auf den verschneiten Wegen ausgebreitet. Da ist nichts mehr, wie es war, und es stimmt mich neugierig. Darum packe ich mich warm ein und gehe nach draußen, in den Wind, das stürmische Treiben der Flocken. Wie viele Menschen im Park unterwegs sind. Sie rodeln, hüpfen in Schneehaufen, stehen träumend auf der Brücke, manche rutschen mutig auf dem Eis hin und her. Ich, mittendrin, verstehe endlich. Anfangen heißt für mich: erkennen, alles hat seine Zeit. Es werden sicher auch wieder andere Zeiten kommen. Aber jetzt ist jetzt, und jetzt ist so, wie es ist. Auf der Brücke fange ich neu an, ich spüre es richtig deutlich. Und ich muss ein bisschen lachen darüber, wie einfach es ist.

Was mir dieser Tag gezeigt hat: um anzufangen, müssen wir überhaupt nichts machen. Es reicht, den Blick schweifen zu lassen, der Weisheit beim Spielen im Schnee und auf dem Wasser zuzusehen. Es ist erstaunlich leicht, sie zu erkennen, wenn wir nur geöffnet bleiben und vielleicht jeden Tag ein bisschen mehr in der Zwischenzeit lernen zu leben – eine Zeit, die nun einmal so ist, wie sie ist, aber die jetzt ist und in der wir uns – allen Einschränkungen zum Trotz – getrost ab und zu von der spielerischen Weisheit mitreißen lassen dürfen.

[1]Hermann Hesse: Stufen (1941)



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