Siebte Woche

»Augenblick mal! Sieben Wochen Ohne Sofort«
Ein Impuls von Martin Treichel

Auch im ICE gibt’s jetzt WLAN, ich bin auf dem Weg zu einer Tagung. Der Zug hat Verspätung, der Regen prasselt an die Scheiben, meine Stimmung ist angespannt. Das Smartphone macht »pling«. Die Nachricht eines Kollegen ist eingegangen. Ich lese.

Und mit jeder Zeile wächst mein Ärger. »Das darf doch wohl nicht wahr sein!«, denke ich. »Was nimmt der sich raus? Dem schreib ich sofort eine saftige Antwort!« Und schon fliegt mein Finger auf den »Antworten«-Button. Ich brauche nur wenige Minuten für einige drastische Sätze. »Der wird sich wundern«, murmle ich vor mich hin. »Das kann ich so nicht auf mir sitzen lassen.« Ich will schon auf »Senden« klicken, als meine Sitznachbarin, die im letzten Bahnhof zugestiegen ist und mit der ich bisher nur wenige Worte gewechselt habe, mir zuraunt: »Na, Ärger?« »Und wie!«, sage ich. »So ein Blödmann!« »Und darf ich fragen, warum?«, antwortet sie. Wir kommen ins Gespräch. Zwei Stationen später steigt sie aus und ich schaue wieder auf mein Smartphone und den Entwurf der Nachricht. Ich klicke nicht auf »Senden«, sondern auf »Verwerfen«. Am folgenden Tag schicke ich eine Mail in deutlich sachlicherem und ruhigerem Ton.

»Nicht sofort lospoltern«, lautet das Wochenthema der diesjährigen Fastenaktion. Sicherlich nicht nur für mich eine Herausforderung. Die digitale Kommunikation verführt zum sofortigen Lospoltern. Das Gerät ist immer am Mann (oder an der Frau), dem Ärger kann binnen Minuten Luft gemacht werden und das Absenden der Nachricht ist nur einen Klick entfernt. Vorbei die Zeiten, in denen man sich in Ruhe hinsetzte, einen Brief schrieb und auf dem Weg zum Postkasten auch noch dreimal überlegen konnte, ob man ihn wirklich abschicken will. Stattdessen laden whatsapp, Chats und Facebookposts geradezu zum sofortigen verbalen Schlagabtausch ein.

Gott ist da souveräner. Er lässt sich Zeit und überlegt sich Zeitpunkt und Art seines Auftretens genau. Zu Elija spricht er: »Geh heraus auf den Berg und ich werde an dir vorübergehen.« Und was dann passiert, erzählt das Erste Testament so: »Und es kam ein großer und starker Wind im Angesicht der Ewigen auf, der Berge abriss und Felsen zerschmetterte – doch im Wind war die Ewige nicht. Und dem Wind folgte ein Beben – doch im Beben war die Ewige nicht. Und dem Beben folgte Feuer – doch im Feuer war die Ewige nicht. Dem Feuer folgte das Geräusch eines leisen Wehens. Und als Elija dieses hörte, da verhüllte er mit seinem Mantel sein Gesicht, ging hinaus und stellte sich in den Eingang der Höhle.« (1. Könige 19, 11b-13a in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache)

Gott hält inne. Gott reagiert nicht sofort, sondern mit Bedacht. Und wenn Gott das tut – wie viel mehr sollten wir Menschen das nötig haben?

Martin Treichel, Landesmännerpfarrer, Leitung des Fachbereichs Männer, Familie, am Institut für Kirche und Gesellschaft der Ev. Kirche von Westfalen



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